Unveränderter und ursprünglicher EMMA-Artikel zu Tierbefreierinnen / Tierrechtlerinnen und zum Stand der Tierrechtsbewegung
Der nachfolgende Artikel zum Stand der Tierrechtsbewegung und die Portraits über drei Tierrechtsaktivistinnen sind die ursprünglich von der EMMA-Redaktion angeforderten und dort eingereichten Texte zum Dossier "Tierrechte" für die EMMA Jan./Feb. 2006. Leider wurden die Texte von der EMMA-Redaktion in einem Ausmaß gekürzt und inhaltlich wie stilistisch verändert, so dass in dem in der aktuellen EMMA abgedruckten Text Aussagen entfielen oder aber verwischt wurden und die Autorin eine Zeichnung des Artikels mit ihrem Namen schließlich verneinte. Da uns die Aussagen der Originalbeiträge jedoch wichtig sind, werden diese hier nun - unverändert - veröffentlicht.
Käfige öffnen sich nicht von selbst
Die Idee von Tierrechten und Tierbefreiung und die Aktionen ihrer sozialen Bewegung von Melanie Bujok
Das grelle Neonlicht, das sonst in den Hallen brennt, war dieses Mal ausgeschaltet. Leises Klappern war zu hören, dazwischen immer wieder Laute. Denise schaltete ihre Kopfleuchte ein. Der Lichtkegel fiel auf Reihen von Metallstäben. Dahinter saßen zerrupfte Leiber. „Am schlimmsten ist der Moment, in dem man in eine Legebatterie geht. Man kann dies gar nicht verarbeiten, dass dort so viele Lebewesen eingesperrt sind; all die vielen kleinen Augen, die einen ansehen.“ Die 21-jährige Lehramtsstudentin Denise Kästner und andere AktivistInnen vom Projekt "Befreite Tiere" öffneten an diesem Tag im August mehrere Käfige und nahmen 30 Hennen heraus. Für 30 Hennen hatten sie Plätze gefunden, bei Menschen, die diese Tiere aufnehmen, weil sie die Würde der Tiere erkennen, und diese nicht in ihrem Nutzen für menschliche Zwecke bewerten. In den Legebatterien sind die tierlichen Körper Eierproduktionsmaschinen mit einem Marktwert. Hunderttausende Hennen sind hier Sklavinnen der Eierindustrie. Hunderttausende Hennen muss Denise bei solchen Befreiungsaktionen zurücklassen. „Man könnte anfangen zu schreien und nicht mehr aufhören, wenn man sich dies ständig bewusst machen würde. Für die Hennen, die zurückbleiben, wird sich ohne Öffentlichkeitsarbeit nichts ändern. Aber für die, die befreit werden, bedeutet die Aktion alles ihr Leben.“ Tausenden tierlichen Individuen konnte das Projekt "Befreite Tiere" seit 2002 ein Leben außerhalb von Stall und Schlachthof ermöglichen: so genannten Legehennen, Masthühnern, Mastkaninchen, Enten, Puten, Gänsen, Schweinen - allesamt Tiere, die in unserer Gesellschaft als Lebensmittel, nicht als Lebewesen gesehen und behandelt werden. Die Befreiungsaktionen werden mit der Kamera dokumentiert auch, um der Öffentlichkeit, die die Frage nach dem Unrecht an Tieren irgendwie als erledigt abgelegt hat, zu zeigen, dass sich für die Tiere nichts geändert hat. Die Tierrechtsbewegung scheint zwanzig Jahre nach ihrer Konstituierung kaum einen Schritt weiter, es bleibt bei der Ambivalenz der Mensch-Tier-Beziehungen: der tiefen Freundschaft mit Tieren auf der einen Seite und der so rücksichtslosen Instrumentalisierung von Tieren auf der anderen. Hennen tauchen in den Statistiken der Agrarindustrie nicht einmal mehr als Einzelwesen auf. Ihre Zählung erfolgt per Kilogramm.
Das Projekt "Befreite Tiere" führt die Befreiungen wie andere Befreiungsgruppen dieser Art offen durch, die BefreierInnen wie Denise zeigen ihre Gesichter. Tierbefreiungen sollen als selbstverständlich angesehen werden und zeigen, dass die BefreierInnen Menschen sind wie Du und Ich. Dies ist freilich auch deshalb möglich, weil eine Strafverfolgung sehr unwahrscheinlich ist; dem Betreiber einer solchen industriellen Tierhaltung fällt das Fehlen einzelner Tiere gar nicht auf.
Anders sieht dies mit Befreiungen von Tieren aus Tierversuchslaboren aus, wie sie der Tierrechtsbewegung in Deutschland 2003 und 2004 gelungen ist: 25 Hunde konnten aus der Versuchstierzucht von Harlan in Paderborn, 30 von der Zucht von BASF in Ludwigshafen befreit werden. Hier sind die tierlichen Opfer in Hochsicherheitstrakts eingesperrt. Hier haben die Tiere einen höheren monetären Wert. Hier bleiben die AktivistInnen anonym.
Seit Bestehen der Tierrechtsbewegung gehören direkte Tierbefreiungen zum Selbstverständnis dieser sozialen Bewegung. Den Vorwurf eines Eigentumsdelikts weisen TierbefreierInnen von sich: Tiere gehören nur sich selbst, sind nicht Eigentum eines Menschen. Ihre Befreiung ist somit Fluchthilfe, die moderne Underground Railroad. Die Käfige, Ketten, Zäune, Zellen, Bändigungsapparate, Fallen sind nicht bloße Metaphern, sondern gegenständliche Begrenzungen, Disziplinierungen, Kontrollinstrumente aller Lebensäußerungen tierlicher Gewaltopfer; und somit ist auch die Befreiung von Tieren nicht allein metaphorisch zu verstehen, sondern oftmals ganz direkt, aus Versuchslaboren, aus Pelztierfarmen, aus landwirtschaftlichen Betrieben, wo auch immer Gitterstäbe und ähnliche Schranken Tieren den Weg in die Freiheit versperren. Im Angesicht der Hektatomben von eingesperrten Tieren und der unzähligen Gewaltakte gegen Tiere haben Tierbefreiungen jedoch immer auch Symbolcharakter. Sie trotzen gewissermaßen der täglichen Verdinglichung von Tieren, geben dem Tier sein Ich zurück.
weiter lesen
nach oben 
|