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(Fortsetzung)
Das Individuum Tier wird vor allem durch die Wirtschaft bedroht. Gewalt gegen Tiere ist in der Wirtschaft keine Ausnahme, kein Ausrutscher auch nicht bei den Tierhaltungsbetrieben und Schlachthäusern, die mit dem Label „artgerechte Tierhaltung“ und „humane Schlachtung“ den KonsumentInnen einzureden versuchen, Gefangenschaft und Mord sei in irgendeiner Weise gerecht und human durchführbar.
Die gewaltsame Manipulation tierlicher Körper und Körperteile ist in der Gesellschaft fest institutionalisiert, folgt gewissen Routinen und Wirtschaftsprogrammen. Der Speziesismus: die in allen gesellschaftlichen Bereichen tiefenkulturell verankerte und sich alltäglich reproduzierende systematische Entrechtlichung und Zerstörung von Individuen anderer Spezies wird im ökonomischen Teilsystem der Gesellschaft am deutlichsten. Um der Logik des Missbrauchs und Tötens von Tieren Widerstand zu leisten, um die Rationalisierung der Vernichtung tierlicher Individuen und Gruppen zu behindern, zu sabotieren, führt die Tierrechtsbewegung auch Aktionen der Wirtschaftssabotage durch. Zwischen dem Tier und dem Fleisch, Joghurt, Pinsel, Klebstoff, Schuh und der Körperlotion liegen verschiedene Techniken, Prozesse, Werkzeuge und Räume, mittels derer und in denen das tierliche Subjekt in verschiedene Objekte menschlicher Interessensbefriedigung zerteilt wird. Seit den 80er Jahren bis heute hat die Tierrechtsbewegung in Deutschland oftmals unter dem Namen ALF (Animal Liberation Front) oder Phantasienamen wie die „Zornigen Bambis“ zahlreiche Tier- und Fleischtransporter zerstört, Käfige zerschnitten, Jagdfallen unbrauchbar gemacht und Hochsitze umgesägt, Schlachtmaschinen außer Funktion gesetzt, Pelzläden mit Buttersäure zu stinkenden Geschäften gemacht, Tierversuchslabore mit roter Farbe übergossen und leere Legebatterien in Brand gesetzt. Der Grund liegt auf der Hand: um die Ausbeutung von Tieren herum hat sich eine mächtige Industrie aufgebaut. Wenn man Geld damit verdienen kann, Tieren Angst und Leiden zuzufügen, wenn das Leben von Tieren als Wirtschaftsgut in Gewinn- und Verlustrechnungen, Wirtschaftsstatistiken und Aktienkursen auftaucht, mit Tieren auf nationalen wie globalen Märkten gehandelt wird, dann stellt die Tierrechtsbewegung die Sollseite der Gewinnkalkulation dar und treibt die Kosten der Tierausbeutungsindustrie in die Höhe.
Die Reaktion von Wirtschaft und Politik war für die Tierrechtsbewegung abzusehen. Vielleicht nicht in dieser Härte. In den USA wie in England können heute alle Tierrechtsaktionen, die wirtschaftlichen Schaden anrichten, unter neu geschaffenen „Anti-Terror-Gesetzen“ verfolgt werden. In anderen Staaten sind ähnliche Gesetze ebenfalls denkbar. Dies ist der rechtspolitische Rahmen, in dem sich die Tierrechtsbewegung in Zukunft wird bewegen müssen. Dabei ist es in den USA zum Beispiel unerheblich, wie der wirtschaftliche Schaden zustande kam, ob mit einem Hammer oder mit Flugblättern. Sieben US-AktivistInnen der SHAC-Kampagne gegen das neben Covance weltweit größte Tierversuchsauftragslabor Huntingdon Life Sciences zum Beispiel, unter ihnen Lauren Gazzola, erwarten 23 Jahre Haft für das Verbreiten von Informationen über das Tierversuchsauftragslabor über eine Website und den Aufruf, den Geschäftspartnern von Huntingdon Life Sciences schwarze Faxe zu schicken, um deren Toner zu verbrauchen.
Huntingdon Life Sciences (HLS) ist ein Tierversuchsauftragslabor. Nationale wie internationale Unternehmen aus der Pharma-, chemischen und Kosmetikindustrie lassen dort ihre neuen Produkte an Tieren testen, so zum Beispiel Bayer, Novartis und GlaxoSmithKline. Nachdem eine britische Tierrechtlerin in diesem Versuchslabor in England Monate lang undercover arbeitete und mit Videomaterial herauskam, auf dem zu sehen ist, wie Mitarbeiter von HLS Hundewelpen schlagen, wenn diese nicht bei Versuchen ruhig hielten, schrie die britische Öffentlichkeit auf. Der Schrei war bis in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu hören. Dort beteiligen sich seit dem Jahre 2000 TierrechtlerInnen ebenfalls an der SHAC-Kampagne; zum Beispiel Silvia Ayoub vom Verein „Tierversuchsgegner München“. Seit 22 Jahren informiert und protestiert die 40-jährige Verwaltungsangestellte eines Krankenhauses gegen das Unrecht an Tieren. Wenn sie für die SHAC-Kampagne einen Informationsstand aufbaut oder bei einer Demonstration vor den Büroräumen von GlaxoSmithKline oder Sankyo ihre Transparente ausrollt, so ist dies Tierrechtsarbeit, die sie seit Jahren macht. Was sich mit der Aktionsform des Campaigning in der Tierrechtsbewegung geändert hat, ist die globale Vernetzung von Kampagnen, die Zusammenführung verschiedener Aktionsformen in einer Kampagne und die Ausweitung des Protests auf die Geschäftspartner eines Tierausbeutungsunternehmens und die Verantwortlichen. Damit wird der Anonymisierung der TäterInnen und der Fragmentierung von Verantwortlichkeit entgegengewirkt. Als SHAC-AktivistInnen weltweit in die Büroräume der Banken, des Versicherungsmaklers und der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft von HLS mit Plakaten und Sirenen rannten, Emails an die New Yorker Börse schrieben und Home Demos bei den Aktienhaltern von HLS abhielten, war es mit der Anonymität dahin. „Tierausbeutung passiert nicht einfach sie wird gemacht. Und sie wird ermöglicht von verschiedensten Unternehmen, die am Tierleid mitverdienen wollen“, sagt Silvia Ayoub. „Wir haben Jahrzehnte lang die Öffentlichkeit über die verschiedenen Formen der Tierausbeutung aufgeklärt, jetzt ist es Zeit, dass sie beendet wird“.
Die Hoffnung ist indes getrübt. Zum Beispiel beim Thema Pelz: Silvia kann die Aktionen gar nicht alle aufzählen, die die deutsch-österreichische Kooperationskampagne „Offensive gegen die Pelzindustrie“, der derzeit aktivsten Tierrechtskampagne in Deutschland, in ihrem fünfjährigen Bestehen durchgeführt hat. Über tausend Demonstrationen, Informationsstände, Unterschriftenaktionen, Protestkartenaktionen, Kundgebungen, Mahnwachen, Run-Ins, Sit-Ins, Kunstblutaktionen, Dachbesetzungen und dergleichen wurden bisher allein gegen den Pelzverkauf beim Bekleidungskonzern Peek & Cloppenburg durchgeführt. Die Kampagne erreichte zuvor bereits, dass C&A, KarstadtQuelle, der Otto-Versand und Zara aus dem Pelzverkauf ausstiegen. Und doch: Wenn Silvia in jedem Sommer im Zeitschriftenladen die Modezeitschriften durchblättert und sieht, dass erneut an fast jedem Mantel, Stiefel und Schal der Herbst/Winter-Kollektion ein Stück Tier hängt, so seufzt sie: „Dies ist noch ein langer, ein so unendlich langer Weg, die Menschen aus ihrer Bewusstlosigkeit aufzuwecken“. Zu persistent scheint die Gleichgültigkeit gegenüber den tierlichen Individuen. Richtig, Tierschutz ist seit 2002 als Staatsziel im bundesdeutschen Grundgesetz verankert, für einige Tierarten wurden Richtlinien zu Mindestanforderungen an Fläche und Beschaffenheit ihrer Käfige, Buchten, Boxen, Transporthänger erstellt (wenngleich die Unionsparteien zum Beispiel das 2001 beschlossene Verbot der Käfighaltung von „Legehennen“ bereits wieder aufheben möchten). Dies alles sind jedoch Tierschutzmaßnahmen. Rechte für Tiere oder gar ihre Befreiung ist jedoch weiterhin eine Leerstelle auf den politischen Agenden und im Gerechtigkeitsempfinden der gesamten Gesellschaft.
Aber wie kann man die Menschen aus den bis heute fast unhinterfragten Überzeugungen reißen, dass, wenn sie in den Bauch eines Schweins beißen, die Muttermilch von Kühen trinken oder sich die beharrte oder unbeharrte Haut von Tieren überziehen, dies keine Naturgewalt ist, auch keine göttliche Vorsehung,, sondern ihre Gewalt? „Viele Aktionen sind dadurch entstanden, dass wir die Ignoranz gegenüber dem Tierleid durchbrechen wollten, wir jedoch zu wenige waren, um Massendemonstrationen zustande zu bringen heute weniger denn je“, so Silvia. „Zum Beispiel protestierten wir gegen die Ignoranz im Zirkus. Warum klatschen die Leute, wenn ein Elefant auf einem Bein steht oder ein Tiger durch einen Reifen springt? Ich habe mir gedacht, man müsste in der Vorstellung aufstehen und laut rufen. Daraus ist dann die Idee entstanden, während zwei Zirkusnummern beim Zirkus Krone in die Manage zu rennen und Transparente zu entrollen“.
Nicht nur die größeren Tierversuchsgegnerverbände oder Tierrechtsorganisationen wie „die tierbefreier“ bedienen sich der Aktionsform des zivilen Ungehorsams, sondern auch die vielen kleineren Tierrechtsgruppen wie „Berta“ in Berlin oder die „Tierrechts-Aktion-Nord“ in Hamburg. Was bleibt einem auch anderes, wenn man direkte Tierbefreiungen oder Wirtschaftssabotage nicht durchführen möchte und Informationsstände und Demonstrationen alleine keinen Wandel herbeiführen können, als die Performance des eigenen Körpers, der punktuelle Ungehorsam gegen die legalisierte Gewalt gegen Tiere, um dieses Gerechtigkeitsdefizit unserer heutigen Gesellschaft aufzuzeigen? Der eigene Körper in Ketten, mit roter Farbe übergossen, in nachgebaute Käfige gesetzt, in luftiger Höhe schwebend, als Blockade von Eingängen und Zufahrten eingesetzt, in Hungerstreik getreten, in Kostümen gesteckt, oder einfach nackt die Tierrechtsarbeit ist mehr als nur den Tieren, die weder selbst gegen ihre Ausbeutung Widerspruch noch Widerstand entgegensetzen können, die eigene Stimme zu leihen. Der eigene Körper fungiert gleichsam als Schutzschild vor aktuellen Angriffen auf Tiere.
Keine Aktionsform macht dies so deutlich wie die Jagdsabotage. Tina Möller vom Verein „die tierbefreier“ hat mehrmals ihren eigenen Körper eingesetzt, um das Leben von Tieren vor den Schrotkugeln von Jägern zu schützen, so auf einer Treibjagd vor vier Jahren. Es ging bergauf und bergab durch den Wald. Tina rannte mit den anderen JagdgegnerInnen so schnell sie konnte. Die Schüsse waren bereits zu hören jede Sekunde zählte. Jetzt galt es, den Jägern nicht aus Versehen die Tiere vor die Gewehre zu treiben, sondern einen Bogen und von hinten in das Schussfeld zu laufen. Es war Treibjagd. Tina schaffte es mit den anderen AktivistInnen zu einer Gruppe von Jägern. Sie hatte einen Regenschirm dabei, um den Jägern die Sicht zu versperren, stellte sich vor den Gewehrkolben eines Jägers und spannte ihren mitgebrachten Regenschirm auf. Ihr Körper war das einzige, was sie zwischen die Schusswaffe und den flüchtenden Tieren setzen konnte. Erfolgreich. „Hinter dem Rücken des Jägers sah ich einen todesängstlichen Hirsch, der ihm direkt vor die Flinte gelaufen wäre, wenn wir nicht da gewesen wären.“ Auf Jagdsabotagen geht Tina heute nicht mehr. Die Bilder der Tiere, die sie nicht retten konnte, ließen sie nicht mehr los, auch nachts nicht. Jetzt versucht die 35-jährige ehemalige Beamtin und heutige Studentin der Erziehungswissenschaften, die „Bilder zu verschriftlichen“, arbeitet wissenschaftlich und in der Redaktion des Tierrechtsmagazins „Tierbefreiung“. „Dieses Magazin ist Teil der Zeitgeschichte. Ich kann hierbei mithelfen, dass irgendwo dokumentiert wird, was TierrechtlerInnen gegen die Tierausbeutung unternehmen und was sie denken. Vielleicht wird ja eines Tages endlich allgemein erkannt, dass sie unabwendbar kommen muss: die Befreiung der Tiere.“
Aus „Tiermutterln“ wurden Freiheitskämpferinnen - Silvia Ayoub über den klassischen Tierschutz, Tierrechte und Tierbefreiung lesen
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