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Tierbefreiung, virtuell und leibhaftig.
Denise Kästner über Momente des Glücklichseins in einer tierfeindlichen Gesellschaft
Denise Kästner (21) wuchs in einer Tierschutzfamilie in Nordrhein-Westfalen auf, die zeitweise Pflegestelle des Tierschutzvereins „Stimme der Tiere“ für Katzen war. Ihr Wunsch, Vegetarierin zu werden, bestand schon lange bevor sie mit 14 diesen Schritt ging. Als sie mit 16 verkündete, von nun an vegan also vollkommen „tierproduktsfrei“ leben zu wollen, fand ihre Familie dies jedoch übertrieben. Denise Kästner klickte sich daraufhin ins Internet, um Menschen kennen zu lernen, die ebenfalls „Tiere als 'jemand' und nicht als 'etwas' betrachten“ und sie mit Respekt behandeln; nämlich als Wesen, die um ihrer selbst willen leben, nicht für menschliche Zwecke. Ihre Zwillingsschwester zog sie noch damit auf, dass es nie und nimmer eine Website zum Thema Veganismus gäbe. Doch die Tierrechtsbewegung war längst online. Die Cyberwelt war voll von Websites, Chatrooms, Foren zu Veganismus, Tierrechte und Tierbefreiung. Heute leben auch ihre Zwillingsschwester, ihr Bruder und ihre Mutter vegan.
Denise ist in der Zwischenzeit in eine vegane WG nach Münster umgezogen, studiert an der Universität Deutsch und Biologie auf Lehramt. Eine Realität ohne Tierausbeutung ist in ihrer Wohngemeinschaft Normalität. Um so mehr bedrückt Denise die Normalität der täglichen Verdinglichung von Tieren. „Wenn mir eine Kommilitonin gegenübersitzt und genüsslich in ein Salamibrot beißt, stelle ich mir automatisch den Tötungs- und Verarbeitungsprozess des von ihr verspeisten Tieres vor. Ich kann dann nicht so tun, als ob alles 'in Ordnung' wäre.“
Die Einstellungen und Werte der jungen wie auch der älteren Menschen heute findet Denise teilweise erschreckend, ihr Verhalten emotionslos und ignorant. Soll man trotzdem die Hoffnung auf die Jugend setzen? Denise ist skeptisch. Betrachtet man die Reaktionen der Jugendlichen auf soziale Proteste hin, so tue sich eine Schere auf: es gäbe immer mehr junge Menschen, die kritisch über die Mensch-Tier-Beziehungen und andere gesellschaftliche Themen nachdenken, aber auch sehr viele Jugendliche, an denen das Projekt Aufklärung gescheitert sei. Die Lehramtsstudentin erfährt diese gegenläufige Entwicklung immer wieder, wenn sie die Öffentlichkeit auf der Straße oder im Internet mit alten und „neuen“ emanzipatorischen Themen konfrontiert. Sie arbeitet u.a. im Projekt „Befreite Tiere“, in der „Münsteraner Initiative für Tierrechte“, in der Kampagne gegen das Tierversuchslabor Covance und im veganen Kollektiv „Roots of Compassion“ mit. Das Kollektiv versucht, „den veganen Gedanken im Kontext anderer emanzipatorischer Ideen zu fördern“; durch ihre Website, Demonstrationen, Informationsstände auf Konzerten und Messen und einem Onlineversand.
Ob Denise auch lieber unbekümmert und unwissend durch's Leben gehen wolle? „Ich wünschte, ich könnte glücklicher sein, ich kann die Realität nicht aus dem Kopf löschen. Aber mir ist es wichtig, unfaire Gegebenheiten wahrnehmen zu können, damit ich sie ändern kann, sonst würde ich mich stumpf fühlen. Nein, tauschen möchte ich nicht.“
Wenn andere junge Menschen in ihrem Alter nachts im Bett liegen, überquert Denise oftmals mit anderen AktivistInnen des Projekts „Befreite Tiere“ Felder, verschwindet in Hennenhaltungsbetrieben, holt Hennen aus Käfigen und aus den Kotgruben der Anlagen, in denen sich immer wieder einzelne Hennen befinden. Denise hebt die Hennen in die Transportboxen. Dann geht es zurück über die Felder in die Nacht. Was Denise mit diesen Befreiungsaktionen für die Tiere erreicht hat, wird ihr meist erst bewusst, wenn sie später auf der Videodokumentation sieht, wie die Tiere bei ihren Pflegeplätzen angekommen zum ersten Mal in ihrem Leben mit ihrem Körper Stroh und Sand anstatt eines Käfigs berühren, zum ersten Mal frei von Gewalt sind, zum ersten Mal wirklich sein dürfen. In diesen Momenten ist auch Denise glücklich.
(Melanie Bujok)
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