Unveränderter und ursprünglicher EMMA-Artikel zu Tierbefreierinnen / Tierrechtlerinnen und zum Stand der Tierrechtsbewegung
Der nachfolgende Artikel zum Stand der Tierrechtsbewegung und die Portraits über drei Tierrechtsaktivistinnen sind die ursprünglich von der EMMA-Redaktion angeforderten und dort eingereichten Texte zum Dossier "Tierrechte" für die EMMA Jan./Feb. 2006. Leider wurden die Texte von der EMMA-Redaktion in einem Ausmaß gekürzt und inhaltlich wie stilistisch verändert, so dass in dem in der aktuellen EMMA abgedruckten Text Aussagen entfielen oder aber verwischt wurden und die Autorin eine Zeichnung des Artikels mit ihrem Namen schließlich verneinte. Da uns die Aussagen der Originalbeiträge jedoch wichtig sind, werden diese hier nun - unverändert - veröffentlicht.
Käfige öffnen sich nicht von selbst
Die Idee von Tierrechten und Tierbefreiung und die Aktionen ihrer sozialen Bewegung von Melanie Bujok
Das grelle Neonlicht, das sonst in den Hallen brennt, war dieses Mal ausgeschaltet. Leises Klappern war zu hören, dazwischen immer wieder Laute. Denise schaltete ihre Kopfleuchte ein. Der Lichtkegel fiel auf Reihen von Metallstäben. Dahinter saßen zerrupfte Leiber. „Am schlimmsten ist der Moment, in dem man in eine Legebatterie geht. Man kann dies gar nicht verarbeiten, dass dort so viele Lebewesen eingesperrt sind; all die vielen kleinen Augen, die einen ansehen.“ Die 21-jährige Lehramtsstudentin Denise Kästner und andere AktivistInnen vom Projekt "Befreite Tiere" öffneten an diesem Tag im August mehrere Käfige und nahmen 30 Hennen heraus. Für 30 Hennen hatten sie Plätze gefunden, bei Menschen, die diese Tiere aufnehmen, weil sie die Würde der Tiere erkennen, und diese nicht in ihrem Nutzen für menschliche Zwecke bewerten. In den Legebatterien sind die tierlichen Körper Eierproduktionsmaschinen mit einem Marktwert. Hunderttausende Hennen sind hier Sklavinnen der Eierindustrie. Hunderttausende Hennen muss Denise bei solchen Befreiungsaktionen zurücklassen. „Man könnte anfangen zu schreien und nicht mehr aufhören, wenn man sich dies ständig bewusst machen würde. Für die Hennen, die zurückbleiben, wird sich ohne Öffentlichkeitsarbeit nichts ändern. Aber für die, die befreit werden, bedeutet die Aktion alles ihr Leben.“ Tausenden tierlichen Individuen konnte das Projekt "Befreite Tiere" seit 2002 ein Leben außerhalb von Stall und Schlachthof ermöglichen: so genannten Legehennen, Masthühnern, Mastkaninchen, Enten, Puten, Gänsen, Schweinen - allesamt Tiere, die in unserer Gesellschaft als Lebensmittel, nicht als Lebewesen gesehen und behandelt werden. Die Befreiungsaktionen werden mit der Kamera dokumentiert auch, um der Öffentlichkeit, die die Frage nach dem Unrecht an Tieren irgendwie als erledigt abgelegt hat, zu zeigen, dass sich für die Tiere nichts geändert hat. Die Tierrechtsbewegung scheint zwanzig Jahre nach ihrer Konstituierung kaum einen Schritt weiter, es bleibt bei der Ambivalenz der Mensch-Tier-Beziehungen: der tiefen Freundschaft mit Tieren auf der einen Seite und der so rücksichtslosen Instrumentalisierung von Tieren auf der anderen. Hennen tauchen in den Statistiken der Agrarindustrie nicht einmal mehr als Einzelwesen auf. Ihre Zählung erfolgt per Kilogramm.
Das Projekt "Befreite Tiere" führt die Befreiungen wie andere Befreiungsgruppen dieser Art offen durch, die BefreierInnen wie Denise zeigen ihre Gesichter. Tierbefreiungen sollen als selbstverständlich angesehen werden und zeigen, dass die BefreierInnen Menschen sind wie Du und Ich. Dies ist freilich auch deshalb möglich, weil eine Strafverfolgung sehr unwahrscheinlich ist; dem Betreiber einer solchen industriellen Tierhaltung fällt das Fehlen einzelner Tiere gar nicht auf.
Anders sieht dies mit Befreiungen von Tieren aus Tierversuchslaboren aus, wie sie der Tierrechtsbewegung in Deutschland 2003 und 2004 gelungen ist: 25 Hunde konnten aus der Versuchstierzucht von Harlan in Paderborn, 30 von der Zucht von BASF in Ludwigshafen befreit werden. Hier sind die tierlichen Opfer in Hochsicherheitstrakts eingesperrt. Hier haben die Tiere einen höheren monetären Wert. Hier bleiben die AktivistInnen anonym.
Seit Bestehen der Tierrechtsbewegung gehören direkte Tierbefreiungen zum Selbstverständnis dieser sozialen Bewegung. Den Vorwurf eines Eigentumsdelikts weisen TierbefreierInnen von sich: Tiere gehören nur sich selbst, sind nicht Eigentum eines Menschen. Ihre Befreiung ist somit Fluchthilfe, die moderne Underground Railroad. Die Käfige, Ketten, Zäune, Zellen, Bändigungsapparate, Fallen sind nicht bloße Metaphern, sondern gegenständliche Begrenzungen, Disziplinierungen, Kontrollinstrumente aller Lebensäußerungen tierlicher Gewaltopfer; und somit ist auch die Befreiung von Tieren nicht allein metaphorisch zu verstehen, sondern oftmals ganz direkt, aus Versuchslaboren, aus Pelztierfarmen, aus landwirtschaftlichen Betrieben, wo auch immer Gitterstäbe und ähnliche Schranken Tieren den Weg in die Freiheit versperren. Im Angesicht der Hektatomben von eingesperrten Tieren und der unzähligen Gewaltakte gegen Tiere haben Tierbefreiungen jedoch immer auch Symbolcharakter. Sie trotzen gewissermaßen der täglichen Verdinglichung von Tieren, geben dem Tier sein Ich zurück.
Das Individuum Tier wird vor allem durch die Wirtschaft bedroht. Gewalt gegen Tiere ist in der Wirtschaft keine Ausnahme, kein Ausrutscher auch nicht bei den Tierhaltungsbetrieben und Schlachthäusern, die mit dem Label „artgerechte Tierhaltung“ und „humane Schlachtung“ den KonsumentInnen einzureden versuchen, Gefangenschaft und Mord sei in irgendeiner Weise gerecht und human durchführbar.
Die gewaltsame Manipulation tierlicher Körper und Körperteile ist in der Gesellschaft fest institutionalisiert, folgt gewissen Routinen und Wirtschaftsprogrammen. Der Speziesismus: die in allen gesellschaftlichen Bereichen tiefenkulturell verankerte und sich alltäglich reproduzierende systematische Entrechtlichung und Zerstörung von Individuen anderer Spezies wird im ökonomischen Teilsystem der Gesellschaft am deutlichsten. Um der Logik des Missbrauchs und Tötens von Tieren Widerstand zu leisten, um die Rationalisierung der Vernichtung tierlicher Individuen und Gruppen zu behindern, zu sabotieren, führt die Tierrechtsbewegung auch Aktionen der Wirtschaftssabotage durch. Zwischen dem Tier und dem Fleisch, Joghurt, Pinsel, Klebstoff, Schuh und der Körperlotion liegen verschiedene Techniken, Prozesse, Werkzeuge und Räume, mittels derer und in denen das tierliche Subjekt in verschiedene Objekte menschlicher Interessensbefriedigung zerteilt wird. Seit den 80er Jahren bis heute hat die Tierrechtsbewegung in Deutschland oftmals unter dem Namen ALF (Animal Liberation Front) oder Phantasienamen wie die „Zornigen Bambis“ zahlreiche Tier- und Fleischtransporter zerstört, Käfige zerschnitten, Jagdfallen unbrauchbar gemacht und Hochsitze umgesägt, Schlachtmaschinen außer Funktion gesetzt, Pelzläden mit Buttersäure zu stinkenden Geschäften gemacht, Tierversuchslabore mit roter Farbe übergossen und leere Legebatterien in Brand gesetzt. Der Grund liegt auf der Hand: um die Ausbeutung von Tieren herum hat sich eine mächtige Industrie aufgebaut. Wenn man Geld damit verdienen kann, Tieren Angst und Leiden zuzufügen, wenn das Leben von Tieren als Wirtschaftsgut in Gewinn- und Verlustrechnungen, Wirtschaftsstatistiken und Aktienkursen auftaucht, mit Tieren auf nationalen wie globalen Märkten gehandelt wird, dann stellt die Tierrechtsbewegung die Sollseite der Gewinnkalkulation dar und treibt die Kosten der Tierausbeutungsindustrie in die Höhe.
Die Reaktion von Wirtschaft und Politik war für die Tierrechtsbewegung abzusehen. Vielleicht nicht in dieser Härte. In den USA wie in England können heute alle Tierrechtsaktionen, die wirtschaftlichen Schaden anrichten, unter neu geschaffenen „Anti-Terror-Gesetzen“ verfolgt werden. In anderen Staaten sind ähnliche Gesetze ebenfalls denkbar. Dies ist der rechtspolitische Rahmen, in dem sich die Tierrechtsbewegung in Zukunft wird bewegen müssen. Dabei ist es in den USA zum Beispiel unerheblich, wie der wirtschaftliche Schaden zustande kam, ob mit einem Hammer oder mit Flugblättern. Sieben US-AktivistInnen der SHAC-Kampagne gegen das neben Covance weltweit größte Tierversuchsauftragslabor Huntingdon Life Sciences zum Beispiel, unter ihnen Lauren Gazzola, erwarten 23 Jahre Haft für das Verbreiten von Informationen über das Tierversuchsauftragslabor über eine Website und den Aufruf, den Geschäftspartnern von Huntingdon Life Sciences schwarze Faxe zu schicken, um deren Toner zu verbrauchen.
Huntingdon Life Sciences (HLS) ist ein Tierversuchsauftragslabor. Nationale wie internationale Unternehmen aus der Pharma-, chemischen und Kosmetikindustrie lassen dort ihre neuen Produkte an Tieren testen, so zum Beispiel Bayer, Novartis und GlaxoSmithKline. Nachdem eine britische Tierrechtlerin in diesem Versuchslabor in England Monate lang undercover arbeitete und mit Videomaterial herauskam, auf dem zu sehen ist, wie Mitarbeiter von HLS Hundewelpen schlagen, wenn diese nicht bei Versuchen ruhig hielten, schrie die britische Öffentlichkeit auf. Der Schrei war bis in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu hören. Dort beteiligen sich seit dem Jahre 2000 TierrechtlerInnen ebenfalls an der SHAC-Kampagne; zum Beispiel Silvia Ayoub vom Verein „Tierversuchsgegner München“. Seit 22 Jahren informiert und protestiert die 40-jährige Verwaltungsangestellte eines Krankenhauses gegen das Unrecht an Tieren. Wenn sie für die SHAC-Kampagne einen Informationsstand aufbaut oder bei einer Demonstration vor den Büroräumen von GlaxoSmithKline oder Sankyo ihre Transparente ausrollt, so ist dies Tierrechtsarbeit, die sie seit Jahren macht. Was sich mit der Aktionsform des Campaigning in der Tierrechtsbewegung geändert hat, ist die globale Vernetzung von Kampagnen, die Zusammenführung verschiedener Aktionsformen in einer Kampagne und die Ausweitung des Protests auf die Geschäftspartner eines Tierausbeutungsunternehmens und die Verantwortlichen. Damit wird der Anonymisierung der TäterInnen und der Fragmentierung von Verantwortlichkeit entgegengewirkt. Als SHAC-AktivistInnen weltweit in die Büroräume der Banken, des Versicherungsmaklers und der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft von HLS mit Plakaten und Sirenen rannten, Emails an die New Yorker Börse schrieben und Home Demos bei den Aktienhaltern von HLS abhielten, war es mit der Anonymität dahin. „Tierausbeutung passiert nicht einfach sie wird gemacht. Und sie wird ermöglicht von verschiedensten Unternehmen, die am Tierleid mitverdienen wollen“, sagt Silvia Ayoub. „Wir haben Jahrzehnte lang die Öffentlichkeit über die verschiedenen Formen der Tierausbeutung aufgeklärt, jetzt ist es Zeit, dass sie beendet wird“.
Die Hoffnung ist indes getrübt. Zum Beispiel beim Thema Pelz: Silvia kann die Aktionen gar nicht alle aufzählen, die die deutsch-österreichische Kooperationskampagne „Offensive gegen die Pelzindustrie“, der derzeit aktivsten Tierrechtskampagne in Deutschland, in ihrem fünfjährigen Bestehen durchgeführt hat. Über tausend Demonstrationen, Informationsstände, Unterschriftenaktionen, Protestkartenaktionen, Kundgebungen, Mahnwachen, Run-Ins, Sit-Ins, Kunstblutaktionen, Dachbesetzungen und dergleichen wurden bisher allein gegen den Pelzverkauf beim Bekleidungskonzern Peek & Cloppenburg durchgeführt. Die Kampagne erreichte zuvor bereits, dass C&A, KarstadtQuelle, der Otto-Versand und Zara aus dem Pelzverkauf ausstiegen. Und doch: Wenn Silvia in jedem Sommer im Zeitschriftenladen die Modezeitschriften durchblättert und sieht, dass erneut an fast jedem Mantel, Stiefel und Schal der Herbst/Winter-Kollektion ein Stück Tier hängt, so seufzt sie: „Dies ist noch ein langer, ein so unendlich langer Weg, die Menschen aus ihrer Bewusstlosigkeit aufzuwecken“. Zu persistent scheint die Gleichgültigkeit gegenüber den tierlichen Individuen. Richtig, Tierschutz ist seit 2002 als Staatsziel im bundesdeutschen Grundgesetz verankert, für einige Tierarten wurden Richtlinien zu Mindestanforderungen an Fläche und Beschaffenheit ihrer Käfige, Buchten, Boxen, Transporthänger erstellt (wenngleich die Unionsparteien zum Beispiel das 2001 beschlossene Verbot der Käfighaltung von „Legehennen“ bereits wieder aufheben möchten). Dies alles sind jedoch Tierschutzmaßnahmen. Rechte für Tiere oder gar ihre Befreiung ist jedoch weiterhin eine Leerstelle auf den politischen Agenden und im Gerechtigkeitsempfinden der gesamten Gesellschaft.
Aber wie kann man die Menschen aus den bis heute fast unhinterfragten Überzeugungen reißen, dass, wenn sie in den Bauch eines Schweins beißen, die Muttermilch von Kühen trinken oder sich die beharrte oder unbeharrte Haut von Tieren überziehen, dies keine Naturgewalt ist, auch keine göttliche Vorsehung,, sondern ihre Gewalt? „Viele Aktionen sind dadurch entstanden, dass wir die Ignoranz gegenüber dem Tierleid durchbrechen wollten, wir jedoch zu wenige waren, um Massendemonstrationen zustande zu bringen heute weniger denn je“, so Silvia. „Zum Beispiel protestierten wir gegen die Ignoranz im Zirkus. Warum klatschen die Leute, wenn ein Elefant auf einem Bein steht oder ein Tiger durch einen Reifen springt? Ich habe mir gedacht, man müsste in der Vorstellung aufstehen und laut rufen. Daraus ist dann die Idee entstanden, während zwei Zirkusnummern beim Zirkus Krone in die Manage zu rennen und Transparente zu entrollen“.
Nicht nur die größeren Tierversuchsgegnerverbände oder Tierrechtsorganisationen wie „die tierbefreier“ bedienen sich der Aktionsform des zivilen Ungehorsams, sondern auch die vielen kleineren Tierrechtsgruppen wie „Berta“ in Berlin oder die „Tierrechts-Aktion-Nord“ in Hamburg. Was bleibt einem auch anderes, wenn man direkte Tierbefreiungen oder Wirtschaftssabotage nicht durchführen möchte und Informationsstände und Demonstrationen alleine keinen Wandel herbeiführen können, als die Performance des eigenen Körpers, der punktuelle Ungehorsam gegen die legalisierte Gewalt gegen Tiere, um dieses Gerechtigkeitsdefizit unserer heutigen Gesellschaft aufzuzeigen? Der eigene Körper in Ketten, mit roter Farbe übergossen, in nachgebaute Käfige gesetzt, in luftiger Höhe schwebend, als Blockade von Eingängen und Zufahrten eingesetzt, in Hungerstreik getreten, in Kostümen gesteckt, oder einfach nackt die Tierrechtsarbeit ist mehr als nur den Tieren, die weder selbst gegen ihre Ausbeutung Widerspruch noch Widerstand entgegensetzen können, die eigene Stimme zu leihen. Der eigene Körper fungiert gleichsam als Schutzschild vor aktuellen Angriffen auf Tiere.
Keine Aktionsform macht dies so deutlich wie die Jagdsabotage. Tina Möller vom Verein „die tierbefreier“ hat mehrmals ihren eigenen Körper eingesetzt, um das Leben von Tieren vor den Schrotkugeln von Jägern zu schützen, so auf einer Treibjagd vor vier Jahren. Es ging bergauf und bergab durch den Wald. Tina rannte mit den anderen JagdgegnerInnen so schnell sie konnte. Die Schüsse waren bereits zu hören jede Sekunde zählte. Jetzt galt es, den Jägern nicht aus Versehen die Tiere vor die Gewehre zu treiben, sondern einen Bogen und von hinten in das Schussfeld zu laufen. Es war Treibjagd. Tina schaffte es mit den anderen AktivistInnen zu einer Gruppe von Jägern. Sie hatte einen Regenschirm dabei, um den Jägern die Sicht zu versperren, stellte sich vor den Gewehrkolben eines Jägers und spannte ihren mitgebrachten Regenschirm auf. Ihr Körper war das einzige, was sie zwischen die Schusswaffe und den flüchtenden Tieren setzen konnte. Erfolgreich. „Hinter dem Rücken des Jägers sah ich einen todesängstlichen Hirsch, der ihm direkt vor die Flinte gelaufen wäre, wenn wir nicht da gewesen wären.“ Auf Jagdsabotagen geht Tina heute nicht mehr. Die Bilder der Tiere, die sie nicht retten konnte, ließen sie nicht mehr los, auch nachts nicht. Jetzt versucht die 35-jährige ehemalige Beamtin und heutige Studentin der Erziehungswissenschaften, die „Bilder zu verschriftlichen“, arbeitet wissenschaftlich und in der Redaktion des Tierrechtsmagazins „Tierbefreiung“. „Dieses Magazin ist Teil der Zeitgeschichte. Ich kann hierbei mithelfen, dass irgendwo dokumentiert wird, was TierrechtlerInnen gegen die Tierausbeutung unternehmen und was sie denken. Vielleicht wird ja eines Tages endlich allgemein erkannt, dass sie unabwendbar kommen muss: die Befreiung der Tiere.“
Aus „Tiermutterln“ wurden Freiheitskämpferinnen
Silvia Ayoub über den klassischen Tierschutz, Tierrechte und Tierbefreiung
Als die Münchnerin Silvia Ayoub vor 26 Jahren für Tiere aktiv wurde, gab es noch keine Tierrechtsbewegung. Es war die Zeit, in der das Engagement für Tiere pejorativ den „Tiermutterln“ oder „Tierfreunden“ zugeschrieben wurde und die Engagierten klassischen Tierschutz betrieben: es ging um den Schutz von Tieren vor „besonders grausamer Tierquälerei“ und um die Vermittlung von so genannten Haustieren. Auch Silvia fing anfangs mit praktischer Tierschutzarbeit an. Sie kam mit ihrer Schwester in eine Gärtnerei, dort war ein Papagei, die Gärtnerei sagte, der müsse weg und bis sich Silvia und ihre Schwester versahen, waren sie bekannte Vermittlerinnen ausgestoßener Tiere in ihrer Nachbarschaft geworden.
Anknüpfend an die Anti-Vivisektionsproteste des 19. Jahrhunderts wurde Anfang der 80er Jahre dann das Thema Tierversuche politisch wiederentdeckt die Proteste kamen zurück auf die Straße, damals mit Tausenden von Menschen, die schockiert waren über die Enthüllungen über die Tierversuchsindustrie und sich in Bürgerinitiativen organisierten; zum Beispiel den „Tierversuchsgegnern München“. Silvia hatte irgendwann ein Informationsblatt dieser Gruppe in der Hand. „Dort waren einzelne Tierversuche beschrieben. Ich las das Flugblatt wieder und wieder durch, konnte gar nicht glauben, was dort stand und wollte genau wissen, was sie mit den Tieren in den Versuchen machen.“ Ihr Entschluss stand fest, sich gegen Tierversuche einzusetzen.
Fast jedes Wochenende, Jahr um Jahr, stand Silvia in der Münchner Fußgängerzone, informierte, verteilte Flugblätter und sammelte Unterschriften. Damals brabbelten Vorbeigehende vor sich hin „Du hast wohl keinen Mann abbekommen“, heute wird sie bei ihrer Informationsarbeit in der Öffentlichkeit oder bei Demonstrationen als „fanatisch“ oder „militant“ beschimpft. Die Beschimpfungen haben sich dem Geist der Zeit angepasst, die Absicht blieb die gleiche.
2004 hat die Münchnerin den Informationsstand von der Straße ins Radio verlegt; einen „Audio-Infostand“ nennt sie ihre Beiträge in der Rubrik „Tierpolitik“ bei Radio Lora München und hofft, über das Radio diejenige Gruppe von Personen zu erreichen, die an einem Informationsstand in der Straße vorbeigehen würden.
Aber nicht nur technisch hat sich ihre Arbeit geändert, sondern auch inhaltlich. Silvia war eine derjenigen AktivistInnen, die den Tierschutz zur Idee der Tierrechte und Tierbefreiung weiterentwickelten: aus dem paternalistischen Gedanken der TierbeschützerInnen wurden FreiheitskämpferInnen für die Rechte und die Befreiung der Tiere. „Tiere haben ein Recht auf Leben, auf körperliche Unversehrtheit, auf Freiheit und auf ein selbstbestimmtes Leben. Und sie müssen aus den Ausbeutungsstrukturen befreit werden.“ Mittels verschiedenster Aktionsformen versuchte Silvia seitdem, dass die Menschen ihr wie sie es nennt „Aha-Erlebnis“ haben, das Leiden der Tiere wahrnehmen. Sie ist im Verein „Tierversuchsgegner München“ und den Kampagnen „SHAC“, der „Offensive gegen die Pelzindustrie“ und der 2005 gestarteten globalen Kampagne gegen den Primatenhandel „AAP“ aktiv.
Die praktische Hilfe für Tiere hat Silvia jedoch nie ganz eingestellt. Sie pflegt zwei Pferde, die sie vorm Schlachter gerettet hat und drei Hunde unter ihnen Benny, dem als Welpe mit einem Tritt die Wirbelsäule gebrochen wurde, seitdem immobil und inkontinent ist. Regelmäßig steht Silvia nachts auf und wechselt seine Unterlage, früh geht es für die 40-jährige Verwaltungsangestellte raus, Schlaf hat sie wenig. Trotzdem hat sie nie ans Aufhören gedacht. „Wenn man mit dem Wissen, das ich vom Leiden der Tiere habe, aufhört, wäre dies unterlassene Hilfeleistung. Solange ich in der Situation bin, den Mund aufmachen und handeln zu können, muss ich dies einfach tun.“
Tierbefreiung, virtuell und leibhaftig.
Denise Kästner über Momente des Glücklichseins in einer tierfeindlichen Gesellschaft
Denise Kästner (21) wuchs in einer Tierschutzfamilie in Nordrhein-Westfalen auf, die zeitweise Pflegestelle des Tierschutzvereins „Stimme der Tiere“ für Katzen war. Ihr Wunsch, Vegetarierin zu werden, bestand schon lange bevor sie mit 14 diesen Schritt ging. Als sie mit 16 verkündete, von nun an vegan also vollkommen „tierproduktsfrei“ leben zu wollen, fand ihre Familie dies jedoch übertrieben. Denise Kästner klickte sich daraufhin ins Internet, um Menschen kennen zu lernen, die ebenfalls „Tiere als 'jemand' und nicht als 'etwas' betrachten“ und sie mit Respekt behandeln; nämlich als Wesen, die um ihrer selbst willen leben, nicht für menschliche Zwecke. Ihre Zwillingsschwester zog sie noch damit auf, dass es nie und nimmer eine Website zum Thema Veganismus gäbe. Doch die Tierrechtsbewegung war längst online. Die Cyberwelt war voll von Websites, Chatrooms, Foren zu Veganismus, Tierrechte und Tierbefreiung. Heute leben auch ihre Zwillingsschwester, ihr Bruder und ihre Mutter vegan.
Denise ist in der Zwischenzeit in eine vegane WG nach Münster umgezogen, studiert an der Universität Deutsch und Biologie auf Lehramt. Eine Realität ohne Tierausbeutung ist in ihrer Wohngemeinschaft Normalität. Um so mehr bedrückt Denise die Normalität der täglichen Verdinglichung von Tieren. „Wenn mir eine Kommilitonin gegenübersitzt und genüsslich in ein Salamibrot beißt, stelle ich mir automatisch den Tötungs- und Verarbeitungsprozess des von ihr verspeisten Tieres vor. Ich kann dann nicht so tun, als ob alles 'in Ordnung' wäre.“
Die Einstellungen und Werte der jungen wie auch der älteren Menschen heute findet Denise teilweise erschreckend, ihr Verhalten emotionslos und ignorant. Soll man trotzdem die Hoffnung auf die Jugend setzen? Denise ist skeptisch. Betrachtet man die Reaktionen der Jugendlichen auf soziale Proteste hin, so tue sich eine Schere auf: es gäbe immer mehr junge Menschen, die kritisch über die Mensch-Tier-Beziehungen und andere gesellschaftliche Themen nachdenken, aber auch sehr viele Jugendliche, an denen das Projekt Aufklärung gescheitert sei. Die Lehramtsstudentin erfährt diese gegenläufige Entwicklung immer wieder, wenn sie die Öffentlichkeit auf der Straße oder im Internet mit alten und „neuen“ emanzipatorischen Themen konfrontiert. Sie arbeitet u.a. im Projekt „Befreite Tiere“, in der „Münsteraner Initiative für Tierrechte“, in der Kampagne gegen das Tierversuchslabor Covance und im veganen Kollektiv „Roots of Compassion“ mit. Das Kollektiv versucht, „den veganen Gedanken im Kontext anderer emanzipatorischer Ideen zu fördern“; durch ihre Website, Demonstrationen, Informationsstände auf Konzerten und Messen und einem Onlineversand.
Ob Denise auch lieber unbekümmert und unwissend durch's Leben gehen wolle? „Ich wünschte, ich könnte glücklicher sein, ich kann die Realität nicht aus dem Kopf löschen. Aber mir ist es wichtig, unfaire Gegebenheiten wahrnehmen zu können, damit ich sie ändern kann, sonst würde ich mich stumpf fühlen. Nein, tauschen möchte ich nicht.“
Wenn andere junge Menschen in ihrem Alter nachts im Bett liegen, überquert Denise oftmals mit anderen AktivistInnen des Projekts „Befreite Tiere“ Felder, verschwindet in Hennenhaltungsbetrieben, holt Hennen aus Käfigen und aus den Kotgruben der Anlagen, in denen sich immer wieder einzelne Hennen befinden. Denise hebt die Hennen in die Transportboxen. Dann geht es zurück über die Felder in die Nacht. Was Denise mit diesen Befreiungsaktionen für die Tiere erreicht hat, wird ihr meist erst bewusst, wenn sie später auf der Videodokumentation sieht, wie die Tiere bei ihren Pflegeplätzen angekommen zum ersten Mal in ihrem Leben mit ihrem Körper Stroh und Sand anstatt eines Käfigs berühren, zum ersten Mal frei von Gewalt sind, zum ersten Mal wirklich sein dürfen. In diesen Momenten ist auch Denise glücklich.
Das Gefühl und das Wissen, dass hier Unrecht geschieht
Tina Möller über die soziale Katastrophe der Tierausbeutung
Manchmal ist es erst so ein Gefühl, ein Gefühl, dass etwas grundlegend falsch ist. Als Christina (Tina) Möller als Kind mit ihren Eltern in jedem Jahr Urlaub auf einem Bauernhof machte und dort zu Ehren der Gäste stets ein Schwein geschlachtet wurde, hat sie sich im Wald versteckt und versucht, an etwas Schönes zu denken. „Ich habe die Gewalt an mir selbst gespürt und nicht verstanden, warum diese sein muss. Meine Eltern haben gesagt: Das ist halt so.“ Aufgrund des Gefühls, beim Biss in Fleisch Unrecht zu tun, ist die heute 35-jährige Dortmunderin mit 21 Vegetarierin geworden, kurz darauf vegan. Die starre Gewohnheit, Tiere und tierliche Produkte zu konsumieren, ist ihr noch in Erinnerung. Wer damals Vegetarierin oder Veganerin wurde, habe jedoch außer Grünkernbratlingen kaum ein Fertigprodukt in den Lebensmittelgeschäften gefunden, das nicht aus „Tier“ bestand. Heute ist dies anders: Es gibt tierfreies Gyros, vegane Nuggets, Sojakäse und Sojajoghurt.
Doch das Problem der Gewalt gegen Tiere in unserer Gesellschaft ist ohnehin nicht ernsthaft ein Problem des Kochlöffels, sondern ein Problem der Ethik. Diesen Gedanken griff die Tierrechtsgruppe „Vegane Offensive Ruhrgebiet (VOR)“ auf, der sich Tina Anfang der 90er Jahre anschloss. Veganismus ist die praktische Umsetzung einer auf die Mensch-Tier-Beziehungen angewandten Gesellschaftkritik, keine Diät und kein Spleen, wie Tinas Eltern ihre kulturelle Neuorientierung anfangs bezeichneten. Kopfschütteln erntete Tina wahrscheinlich genau aus diesem Grund, als sie mit der VOR begann, vor Metzgereien, Fischimbissständen, Lederwarengeschäften und Bettengeschäften (Daunen) zu protestieren; eine Diät würde akzeptiert, ein Spleen ignoriert werden, die Infragestellung der moralischen Grenzziehung zwischen „dem Menschen“ und „dem Tier“ jedoch regt auf. Schließlich ist sie eine Absage an die letztverbliebene Gewissheit, widerspruchslos aus einem biologischen Unterschied eine soziale Katastrophe machen zu können.
Tierrechtsarbeit ist somit hauptsächlich Katastrophenmanagement, das den „einen Lösungsweg“ jedoch nicht kenne. Aus diesem Grund hat sich Tina bis heute an verschiedenen Tätigkeitsbereichen und Tierrechtsgruppen beteiligt: der „VOR“, dem „Dortmunder Aktionsforum für Tiere“, der „Offensive gegen die Pelzindustrie“ und dem Verein „die tierbefreier“ und dort Flugblätter und Unterschriftenlisten erstellt, Transparente gemalt, an Demonstrationen und Jagdsabotagen teilgenommen, Tiere befreit, Informationsstände durchgeführt. Tina ist vor allem die Aufklärungsarbeit wichtig. „Solange Menschen Tiere als Ware betrachten, wird sich nichts großartig ändern.“ Zu dieser Aufklärungsarbeit könne auch die Wissenschaft beitragen. Mit 30 hat Tina ihre Beamtenlaufbahn beendet, über den zweiten Bildungsweg das Abitur nachgeholt und ein Studium der Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Frauen- und Geschlechterforschung begonnen. Ihr Studium habe Tina geholfen, Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Unterdrückungsformen und -strukturen besser zu verstehen und ein Wissen für das zu erwerben, was sie früher bereits aus dem Gefühl heraus als falsch wahrgenommen hat, weil es Unrecht ist.
Melanie Bujok
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