Sprache - Unterdrückung - Tiere
Theoretische Annäherungen an abwertende Sprachgebräuche

Satzbau und Abstraktion

Im Satzbau ist ein viel subtilerer, aber um nichts weniger wichtiger Mechanismus versteckt, der der Abwertung von konkreten Individuen oder ganzen Gruppen dienen kann. Vor allem bei detaillierten Beschreibungen von Tierversuchen ist klar erkennbar, wie durch einen bestimmten Satzbau, abstrahierten Darstellungen und scheinbar unpersönlichen Beschreibungen die Struktur der Unterdrückung vernebelt oder sogar zur Gänze unsichtbar gemacht wird.

Beispielhaft will ich einen Auszug aus einer Versuchsbeschreibung des bekannten Tierversuchskonzerns Huntingdon Life Sciences zitieren. Es handelt es sich um einen Versuch, der neben anderen Tieren auch an 32 Beagle-Hunden durchgeführt wurde. Dabei wurde ihnen in unterschiedlichen Mengen und über verschieden große Zeiträume das Unkrautvertilgungsmittel Pyrimidifen ins Essen gemischt. Dadurch sollte die Giftigkeit der Chemikalie ermittelt werden. Die Folgen für die betroffenen Hunde waren Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und schließlich der Tod: „...Bei mindestens 0.75 mg/kg/Tag wurde bei männlichen wie weiblichen klinische Zeichen von flüssigem Stuhl, Erbrechen und Speichelfluss während des Behandlungszeitraums festgestellt. Bei 0.15 mg/kg/Tag war das Vorkommen von flüssigem Stuhl etwas größer, aber das individuelle Auftreten war fast das gleiche wie bei der Kontrollgruppe. Es gab keine Unterschiede zwischen der behandelten Gruppe und der Kontrollgruppe in anderen Untersuchungen....“.7

Einerseits gelingt es durch einen bestimmten Satzbau (z.B. Nominalisierung) die TäterInnen, also die VivisektorInnen, auszuklammern - die ‘Eingabe’ erfolgte offenbar ohne das Zutun von Menschen. Andererseits wird durch die abstrakte Darstellung auch das Leid der Hunde relativiert und lässt beinahe vergessen, dass ‘klinische Anzeichen von flüssigem Stuhl, Erbrechen und Speichelfluss’ von Individuen am eigenen Leib erfahren werden mussten.

Ähnlichkeiten bestehen hier zu Darstellungen von rassistischen oder sexistischen Übergriffen im innerhumanen Bereich wie sie oft in Popularmedien zu finden sind, wenn durch die abstrakte Art der Beschreibung die TäterInnen und die Folgen für die Betroffenen ausgeblendet werden.

'Tier’- Metaphern

Wenn nicht-menschliche Tiere abgewertet sind und als das Negative schlechthin gelten, ist es nur logisch, dass es auch mindestens als verwerflich gilt, verwandt mit ihnen oder sogar selbst ‘ein Tier’ zu sein. Darauf basiert die wohl extremste Art der Unterdrückung von Tieren durch die Sprache, die Bezeichnungen für Tiere als Schimpfwörter zu missbrauchen. ‘Schlange’, ‘blöde Kuh’, ‘dreckiges Schwein’, ‘dumme Gans’, ‘faule Sau’, ‘sturer Bock’, ‘Affe’, ‘Schaf’, ‘Spatzenhirn’, all diese Bezeichnungen deuten darauf hin, dass der so benannte Mensch besonders dumm, hässlich, schmutzig oder ähnliches, schlicht wie ‘ein Tier’, sein muss. Dabei muss wohl nicht erwähnt werden, dass es sich dabei keineswegs um reale Beschreibungen von Tieren handelt, sondern sind die den Beschimpfungen mitschwingenden Eigenschaften stets stereotype Darstellungen von Tieren, die meist nur wenig mit der Realität gemein haben. Diese Fülle an verwendeten abwertenden Metaphern sagt wohl einiges über den Status von nicht-menschlichen Tieren in unserer Gesellschaft aus. Tiere gelten nicht nur als nieder, eklig, instinktgesteuert und nicht individuell, sondern es ist offenbar auch gefährlich, ihnen (scheinbar) ähnlich zu sein. Schon 1969 stellte der deutsche Soziologe Theodor W. Adorno fest: „Die stets wieder begegnende Aussage Wilde, Schwarze, Japaner glichen Tieren, etwa Affen, enthält bereits den Schlüssel zum Pogrom.“8 Und auch heute noch, sind im rassistischen oder antisemitischen Sprachgebrauch sog. Tier-Metaphern äußerst weit verbreitet. Im extremsten Fall, so in der Sprache der neonazistischen Medien, dienen sie sogar dazu „Ekel hervorzurufen und die Vernichtungshemmungen zu senken“9. Doch auch in der Alltagssprache ist zu erkennen, dass als ‘Ratten’ oder ‘Asseln’ bezeichnete Menschen, in mancher Hinsicht schon grundlegende Menschenrechte abgesprochen werden.

Die verhältnismäßig geringe Zahl der positiven ‘Tier’-Metaphern, wie etwa ‘bärenstark’ oder ‘fleißig wie eine Biene’, dienen zwar nicht der Abwertung, sie vermitteln aber ein um nichts weniger verzerrtes und stereotypes Bild von Tier-Individuen. Menschliche Eigenschaften werden mit allen damit in Verbindung gebrachten Motivationsgründen etc. 1:1 auf Tiere übertragen, die allerdings gemäß der Umstände eine völlig andere Lebensrealität erfahren.

Metaphern wie „...sie behandelten uns wie Tiere“ oder das „menschliche Versuchskaninchen“, sind ebenso wie vorangegangene Beispiele immer nur in einem Kontext verständlich, in dem Tieren alle möglichen Gewalttaten angetan werden. So prangern diese Aussagen zwar die nicht Menschen-gerechte Behandlung der ‘menschlichen Versuchskaninchen’ an. Allerdings wird in keinem Wort erwähnt, dass die Tiere, welche zum Vergleich herangezogen werden, genauso unter den Misshandlungen zu leiden haben. Tierliche Bedürfnisse und Interessen werden also einmal mehr den menschlichen untergeordnet bzw. völlig ignoriert.

Die Macht zur Veränderung

Zwar mag es mit Sicherheit eine Menge weiterer sprachlicher Mechanismen geben, durch die es ermöglicht wird, Tiere, aber wie wir gesehen haben, oft auch Menschen, zu diskriminieren. Doch ist, gerade im deutschen Sprachraum, diese Thematik erst so wenig behandelt worden, dass Analysen wie diese hier nur ein Anfang sein können.

Hoffentlich ist es gelungen, zumindest ansatzweise zu vermitteln, wie gewaltig und umfassend die Wirkung der Sprache in Unterdrückungsverhältnissen ist, dass durch sie Macht und damit Gewalt ausgeübt werden kann. Doch in dieser Macht stecken auch viele Möglichkeiten.

Die direkte Benennung von Ungerechtigkeiten kann ein guter Weg der Konfrontation und Anregung von Diskussionen sein. Eine ungewohnte Art der Verwendung der Sprache kann verwirren, aber auch zum Denken anregen. Zwar ist die Sprache keineswegs der Hebel, der alleine alle Ungleichheiten ins Wanken bringen wird. Sprache entsteht und verändert sich u.a. in Interaktion mit unseren sozialen Beziehungen, die sich wiederum ständig umstrukturieren. Und gerade deswegen darf Sprache auch nicht als eine nach außen abgeschlossene Einheit verstanden werden. Weil sie ohnehin einem ständigen Wandel durch verschiedenste Einflüsse unterzogen ist, liegt gerade darin ihr Potential der positiven Veränderung.

Nun liegt es an uns, uns dieses Potential zu Nutze zu machen und den weiteren Wandel der Sprache in eine Richtung zu lenken, die der Individualität und der Lebensrealität der nicht-menschlichen Tiere, und natürlich auch aller Menschen, gerecht wird.

1 http://www.duden.de/index2.html?deut-sche_sprache/zumthema/gleichstellung.html

2 Ein wichtiger Unterschied zwischen der TR/TB-Bewegung und den ‘herkömmlichen’ sozialen Bewegungen ist der, dass die ‚herkömmlichen’ sozialen Bewegungen die Fähigkeit zur Formulierung einer Selbstdefinition und damit die Aneignung der Macht über ihre Definition durch unterdrückte Menschen innehaben. Dies stellt/e in der Vergangenheit und Gegenwart einen wichtigen Aspekt verschiedenster Befreiungskämpfe dar.

3 Angemerkt werden muss allerdings, dass schon die Bezeichnung ‘Kampfhund’ Hunde ihrer Zweckmäßigkeit nach kategorisiert. Außerdem muss meiner Meinung nach ein Ereignis einem bestimmten Muster folgen, um als ‘Angriff’ bezeichnet werden zu können, was bei erwähntem Beispiel mit Sicherheit nicht immer der Fall ist.

4 Dunayer, Joan: Animal Equality. Language and Liberation. Maryland 2001: S. 171

5 Siehe z.B. im nationalsozialistischen Propagandafilm „Der ewige Jude“ von Fritz Hipplers 1940

5 Siehe dazu auch das Konzept der ‘Abwesenden Referentin’ bei Carol J. Adams: „Niemand isst Fleisch, ohne dass ein Tier stirbt. Lebendige Tiere sind also im Konzept des Fleisches der abwesende Referent. Der abwesende Referent erlaubt uns, das Tier als selbstständiges Lebewesen zu vergessen. Er versetzt uns auch in die Lage, den Anstrengungen zu widerstehen, Tiere wieder öffentlich präsent werden zu lassen.“ aus Adams, Carol: Zum Verzehr bestimmt. Eine feministisch-vegetarische Theorie. Wien 2001: S. 43

7 Huntingdon Life Sciences „Chronic Toxicity Study on Dogs“ 1993, in Sankyo Company Limited, Ube Industries Limited (Hg.) „Summary of Toxicity Studies on Pyrimidifen“ 1999 (meine Übersetzung)

8 Zit. n. Mütherich, Birgit: Die soziale Konstruktion des Anderen - zur soziologischen Frage nach dem Tier. 2002 (basierend auf einem Vortrag, gehalten auf der XII. Tagung für angewandte Soziologie des Berufsverbandes Deutscher Soziologinnen und Soziologen)

9 Pörksen, Bernhard: Die Konstruktion von Feindbildern. Zum Sprachgebrauch in neonazistischen Medien. 2000: S. 187