Sexueller Missbrauch von Tieren - das letzte Tabu?
(Fortsetzung)
Tierpornographische Hardcore-Videos
Nicht „nur“ die Tiere, sondern auch Frauen sind Opfer der Macht und Gewalt des Mannes. Vor allem bei der Produktion tierpornographischer Hardcore-Videos, die Ergebnis männlicher Phantasien sind. Hierbei werden Frauen und Tiere von Männern zu sexuel-len Handlungen gezwungen. Trauriges Beispiel sind die Aufzeichnungen von Linda Lovelace über den doppelten Missbrauch. Sie wurde vor laufender Kamera zum Geschlechtsverkehr mit einem Hund genötigt. Für sie und den Hund ein einschneidendes Erlebnis. „Ich bin in der Lage, fast alles zu verkraften, was das Leben mir bringt selbst die Gang im Holiday Inn , aber jenen Tag habe ich noch immer nicht verwunden. Ein Hund. Ein Tier. Ich bin zwar von Männern vergewaltigt worden, die schlimmer waren als Tiere, aber diesmal war es ein echtes Tier, und dieses Tier zog eine dicke Trennungslinie durch mein Dasein, mein sogenanntes Leben.“27 Wie schon erwähnt, wird der Handel mit tierpornographischem Material in Deutschland strafrechtlich verfolgt. Fragt man in einschlägigen Pornoschuppen nach, wird man freundlich ans liberale Ausland verwiesen. Und wem das Ausland zu weit weg ist, der besorgt sich tierpornographisches Material eben unter der Hand. Sexueller Missbrauch von Tieren in der Kunst
Auch in Bezug auf sexuellen Missbrauch von Tieren in der Kunst entsprechen ihre Produkte Männerphantasien. Dabei identifiziert sich der Mann mit dem aktiven Part: mit dem Tier. „Er ist der Hengst, der Rüde, der Stier, das geile Monster, das mit seinem Glied Größe XXL die unersättlichsten Frauen mit seinem Samen voll pumpt.“28 Beispielhaft dafür ist der Klassiker „King Kong“, der damals wie heute die Neuverfilmung läuft in diesen Tagen in allen großen Kinos - ein Kassenerfolg ist. Zwar wurden eindeutig erotische Szenen zwischen dem Affen und der Frau aus den meisten Versionen des Films gestrichen29 , dennoch wird die Verletzung des Tabus deutlich. Der Film ist voller Symbole und Anspielungen, so dass die subtil angedeutete erotische Beziehung zwischen dem Affen und der Frau in der Phantasie der ZuschauerInnen vollzogen wird. Jahre später nahm Peter Høeg („Fräulein Smillas Gespür für Schnee“, 1994) das Motiv der „Liebe“ zwischen einer Frau und einem Affen auf und veröffentlichte 1997 die bisher radikalste Version der „Affenliebe“. In seinem Buch „Die Frau und der Affe“ verliebt sich Madelene, eine von der Ehe frustrierte und alkoholabhängige Frau, in das Forschungsobjekt ihres Mannes, den Affen Erasmus. Erasmus unterscheidet sich, wenn auch nicht rein äußerlich, so doch genetisch, von King Kong; er kann sprechen und wird einer Reihe von Untersuchungen unterzogen. Immer häufiger sucht Madelene die Nähe zu Erasmus und meint, sich selbst in ihm wiederzuerkennen. Wie er ist auch sie eingesperrt. Gefangen in der trostlosen Ehe, im Alkohol und im Frust. Sie will ihn und sich befreien und flieht schließlich mit ihm. Ziel ist der Londoner St. Francis Forest. Noch während der Flucht verlieben sie sich. Bei Høeg passiert das über den Blick. „Er richtete sich auf, und sie sahen einander in die Augen, wie sich sonst keine Lebewesen ansehen.“30 Ungestört von anderen Menschen verbringen sie mehrere Wochen in ihrem privaten Paradies; sie schlafen, essen, reden, und sie haben Sex. Durch die erotische und streckenweise pornographische Beschreibung des Geschlechtsverkehrs zwischen der Frau und dem Affen bricht Høeg mit dem gesellschaftlichen Tabu. Gleichzeitig ist sein Buch ein doppelter Tabubruch; musste King Kong noch sterben, weil er eine Frau begehrte31 , lässt Høeg den Affen Erasmus am Leben. Mehr noch, denn bei Høeg scheint eine gemeinsame Zukunft für den Affen und die Frau möglich, denn am Ende des Buches kehrt der Affe mit der jetzt schwangeren Madelene auf die Insel zurück, von der er gekommen ist. Auch wenn Høeg durch die Veröffentlichung seines Buches ein erstrebenswertes Ziel verfolgt der gesamte erzielte Erlös aus dem Verkauf geht an einen Fond, der Frauen und Kinder in der sogenannten Dritten Welt unterstützt -, ist es, wenn auch bloße Fiktion, aus ethisch-moralischer Sicht abzulehnen, denn es idealisiert ein sexuelles Verhältnis zwischen einem Menschen und einem Tier; ein solches Verhältnis erscheint als perfekter Ausweg aus unbefriedigenden und frustrierenden Beziehung zu Menschen und beinhaltet neben der Befriedigung sexueller Bedürfnisse auch die Möglichkeit der Liebe. Die gleiche Botschaft vermittelt das Theaterstück „Die Ziege oder Wer ist Sylvia“ von Edward Albee. Bei ihm ist es der erfolgreiche Architekt Martin, der nach 22 Jahren Ehe sein Glück bei einer Ziege sucht. Wie auch Høeg inszeniert Albee das Verhältnis zwischen Mensch und Tier als Beziehung, die nicht nur Sexualität, sondern auch Liebe ermöglicht. Als Beweis für die Existenz der vermeintlichen Liebe beschreibt Martin seiner Frau Stevie den Blickkontakt zwischen ihm und der Ziege: „I knelt there, eye level, and there was a ... a what!? ... an understanding so intense, so natural ... an understanding so ... an understanding so natural, so intense that I will never forget it, as intense as the night you and I finally came at the same time.“32 Ehefrau, Freund und Sohn reagieren verständnislos, doch der Mann verteidigt den Tabubruch und beharrt darauf, es sei alles ganz natür-lich. Das Stück endet mit einem Mord. Die Frau tötet die Ziege und definiert sie dadurch als Rivalin. Obwohl der Tabubruch durch die Ermordung des Tieres (des Opfers und nicht des Täters ) bestraft wird, und dadurch die Normalität wieder hergestellt zu sein scheint, verurteilt das Stück den sexuellen Missbrauch von Tieren nicht. Denn der Mann, der eigentliche Täter, wird als Opfer der tödlichen Eifersucht seiner Frau dargestellt; er bleibt verzweifelt und trauernd zurück.
Stevie: „I went where Ross told me I would find ... your friend. I found her. I killed her. I brought her here to you. No?”
Martin: „ANNNNNNH!”
Stevie: „Why are you surprised? What did you expect me to do?”
Martin (crying): „What did she do!? What did she ever do!? I ask you: what did she ever do!?”
Stevie: „She loved you … you say. As much as I do.”
(Aus: Edward Albee. The Goat or Who is Sylvia.)
„The Goat or Who is Sylvia“ wurde 2002 mit dem Tony Award als bester dramatischer Text des Jahres (!) ausgezeichnet und international aufgeführt. Auch ohne Theaterkritiken gelesen zu haben (es ist die Rede vom letzten großen Tabu mit ziemlicher Schreck-Kraft), ist klar, worum es bei der literarischen Bearbeitung dieses Themas geht: was zählt, ist Erregung von Furore, damit Mann wahrgenommen wird, im Gespräch bleibt; aber vor allem, damit abkassiert werden kann. Das alles auf Kosten der Tiere. Die oben genannten Beispiele können durch zahlreiche andere ergänzt werden.
Sie tragen dazu bei, dass sich innerhalb der Gesellschaft ein negativer Wandel hinsichtlich der moralischen Beurteilung von Sodomie vollzieht. Sex mit Tieren? Da ist doch nichts dabei. Ganz im Sinne des deutschen Sexualstrafrechts und des Tierschutzgesetzes!
Was sagen die Täter?
„Ich will Sex, eine Frau. Eine Frau mit großartigem Körper. Jawoll. Ich will, dass sie den Mund hält, es sei denn ich sage ihr, sie soll ihn aufmachen. Ich will eine Frau ... mit einem tollen Körper... und reich ... die eine Apotheke hat... und mich lieben wird, was immer ich tue... ich SCHWACHSINN! [...] Ich will Sex. Ich will keine Männer, ich will keine Frauen. Scheiße, Ich weiß, was ich wirklich will.“33
Was er wirklich will, ist Sex mit Tieren. Das weiß Mark alias James, der „Pferde-Mann“, seit seinem 17. Lebensjahr. Damals machte er seine erste sexuelle Erfahrung mit einer Stute. Später versuchte er es mit Frauen, doch seine Beziehungen scheiterten. Schließlich nimmt er sich das, was er von und mit Frauen nicht bekam: unkomplizierten, kom-promisslosen Sex. Er kauft sich eine Stute, richtet sie auf seine sexuellen Bedürfnisse ab und missbraucht sie bis zu ihrem Tod. Danach holt er sich eine neue Stute. Matthews Buch „Der Pferde-Mann“ basiert zum größten Teil auf Tatsachen. Bei der Beschreibung des sexuellen Missbrauchs der Stute stellt sich Matthews als behutsamen Liebhaber dar, der nicht nur seine, sondern auch die vermeintlich auf ihn gerichteten sexuellen Bedürfnisse des Tieres zärtlich befriedigt. Er schreibt der Stute menschliche Attribute zu; sie wird zu seiner „Geliebten“34 , die fortwährend leise kollert und sich durch seine Penetrati-on „auf ihren Füßen in seliger Harmonie“35 wiegt. Dadurch suggeriert Matthews wie auch Høeg und Albee , dass eine sexuelle und gleichzeitig liebevolle Beziehung zu einem Tier möglich ist.
Die von den Tätern genannten Motive für sexuellen Missbrauch von Tieren sind vielfältig. Dennoch lässt sich ein Hauptmotiv feststellen. Wie bereits oben exemplarisch aus Matthews „Pferde-Mann“ zitiert, wollen Männer Sex, der Spaß macht. Und dafür besorgen sie sich ein Tier. Denn es ist jederzeit verfügbar, kontrollierbar, es stellt keine Bedingungen, diskutiert, manipuliert und kritisiert nicht. Das zeigen auch die Ergebnisse der Studie von Williams und Weinberg.36 44 % der befragten Männer gaben an, dass sie hauptsächlich an Tieren sexuell interessiert sind, da der Sex mit ihnen Spaß macht. Tiere urteilen nicht. Ein Tier liebt bedingungslos und gibt bedingungslose Liebe. Menschen hingegen, so die Auffassung der Befragten, setzen Sex ein, um zu manipulieren und zu kontrollieren. Menschen würden einander nur selten so akzeptieren, wie sie sind und ständig versuchen, einander zu ändern. „Animals do not judge you [;] they just love you and enjoy the pleasures of sex without all the politics.” 37
Was sagen die PsychologInnen?
Die wissenschaftliche Terminologie hat sich in den letzten Jahren deutlich geändert. Wurde sexueller Missbrauch von Tieren früher noch als Perversion oder als Form sexueller Deviation (Abweichung) eingestuft, klassifiziert die WHO Sodomie innerhalb des ICD-10-Systems38 lediglich unter dem weniger wertenden Begriff der „Störung der Sexualpräferenz“, bei der über einen längeren Zeitraum „ungewöhnliche sexuell erregende Phantasien, sexuell dranghafte Bedürfnisse oder Verhaltensweisen“ auftreten, die sich „auf ungewöhnliche nichtmenschliche Objekte“ beziehen, „die nicht einwilligungsfähig oder -willig sind.“ Der sexuelle Missbrauch von Tieren wird heute tendenziell lediglich als „eine Variante im breiten und bunten Spektrum menschlicher Sexualität“ betrachtet, „die keiner speziellen Behandlung bedarf, wenn sie nicht ins Extrem abgleitet.“39 So konzentriert sich auch das klinische und wissenschaftliche Interesse laut Dittert, Seidl und Soyka fast ausschließlich auf sadomasochistische Formen des sexuellen Missbrauchs von Tieren. Diese verharmlosende Tendenz, die innerhalb der Psychologie festzustellen ist, wird durch die Selbsteinschätzung der Täter bezüglich ihrer sexuellen Neigungen ins Absurde verkehrt. Sie selbst betrachten sich nicht als gestört oder krank, sondern erleben ihre Lust, Tiere sexuell zu missbrauchen, als integralen Teil ihrer Persönlichkeit, der nicht behandlungsbedürftig ist.40 In Abgrenzung zu den sogenannten Zoosadisten bzw. Bestialisten, die Tiere brutal und ausschließlich zu ihrer eigenen, sexuellen Befriedigung missbrauchen, zählen sie sich zu den „Guten“ (wie auch Matthews in seinem Buch). Sie betonen, wie wichtig es ihnen ist, dass es dem Tier dabei gut geht, dass es auch Spaß und Lust erlebt.41 Sie sprechen von gegenseitigem sexuellen Interesse, von Liebe, Fürsorge und Freiwilligkeit, nicht von Gewalt, Macht und Missbrauch. So legitimieren sie vor sich und anderen ihr perverses Verhalten.
Die fatale Rolle des Internets
Wie vieles im Leben hat auch das Internet seine Schattenseiten, denn es begünstigt die Verbreitung und Förderung des sexuellen Missbrauchs von Tieren. Ein Klick genügt, und schon ist alles für alle zugänglich: Tierpornographie und Tauschbörsen, detaillierte Anleitungen und Praktiken zum sexuellen Missbrauch von Tieren, Tipps, Anregungen und Kontaktadressen. In Chat-Rooms findet man „Freunde“, kann Fragen stellen und Antworten bekommen. Der Kontakt mit Gleichgesinnten hat so Dittert, Seidl und Soyka eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für die psychische Stabilisierung von Menschen, die Tiere sexuell missbrauchen. Heute verstecken sie sich nicht mehr, sondern nutzen stattdessen die ständig vorhandene Kommunikationsmöglichkeit, die ihnen das Internet bietet. Williams und Weinberg stellen fest, dass die Hälfte der Befragungsteilnehmer erst durch die Nutzung des Internets ihr „Identitätslabel“ gefunden hat. Im Web entdeckten sie, dass sie nicht alleine sind, dass es Menschen gibt, die Tiere „lieben“, und solche, die Tiere missbrauchen.42 Das hat fatale Folgen: Die Täter erleben und definieren sich selbst nicht mehr als das, was sie tatsächlich sind Menschen, die Tiere durch Ausübung von Gewalt sexuell ausbeuten und missbrauchen und sehen somit keinen Anlass, ihr Verhalten zu ändern. Für die Tiere bedeutet das dauerhaft psychisches sowie physisches Leid.
Zusammenfassung und Ausblick
Wie ausführlich dargestellt, bröckelt das Tabu des sexuellen Missbrauchs von Tieren nach und nach. Jeder kann jederzeit jedes Tier missbrauchen, es ist die Rede von Liebe, Spaß und Freiwilligkeit, von Störung der sexuellen Präferenz, die nur behandlungsbedürftig ist, wenn sie in extremer Form auftritt. Im Theater bekommt der sexuelle Missbrauch Applaus, und das Internet sorgt für eine wachsende Zahl sexuell missbrauchter Tiere. Verschwiegen und vergessen wird dabei das Offensichtliche: Der sexuelle Missbrauch reiht sich nahtlos ein in all die anderen grausamen und oft todbringenden Formen der Ausbeutung von Tieren. Tiere werden vergewaltigt, gefoltert, dressiert, geklont, gedopt, gemästet, verstümmelt, ermordet, gefressen, verstrahlt, mit Medikamenten vollgepumpt, eingesperrt, ausgestellt, gejagt und erschossen ... . Hält man sich diese lückenlose Ausbeutung der Tiere durch den Menschen vor Augen, drängt sich zwangsläufig die Frage auf: Warum glaubt er, das Recht dazu zu haben? Weil er vermeintlich die „Krone der Schöpfung“ ist? Vernunftbegabt und mit Sprache ausgestattet? Wie auch immer die Antwort lauten mag; Tatsache ist, dass das Recht der Tiere in unserer Gesellschaft erst da beginnt, wo das Recht des Menschen aufhört. Aus ethisch-moralischer Sicht ist das unhaltbar, denn er schließt ein uneingeschränktes Lebensrecht und das Recht auf körperliche sowie psychische Unversehrtheit für Tiere kategorisch aus. Ein unerträglicher Zustand, der eine radikale Forderung provoziert: „Die radikalste und einzige aufrichtige Form der Tierliebe bestünde im freiwilligen Verschwinden des Menschen von der Erde. Denn wieso sollen überhaupt Menschen in der Welt sein, wenn ihr Dasein nur dazu führt, dass es anderes Dasein unmöglich macht?“43 Will Mensch bleiben, sollte er seinen Umgang mit den Tieren nicht nur grundlegend überdenken, sondern auch radikal ändern.
Für die Anerkennung und Wahrung der Rechte der Tiere!