Mach Dir ein Bild vom ‚Tier‘
Ein Bericht zur fotografischen Ausstellung „nützlich süß museal. Das fotografierte Tier“ von Melanie Bujok
Vielleicht ist die Fotografie die einzige glaubhafte Zeugin vergangener Mensch-Tier-Beziehungen. Freilich, auch sie ist ein menschliches Produkt, wendet den Blick des Betrachters dorthin, wohin der Fotograf ihn lenkte. Was nicht in den Blick genommen, nicht im Bild ist, kann später auch nicht betrachtet werden, nicht informieren, nicht bezeugen. Doch im Gegensatz zu der Zeit vor der Erfindung des fotografischen Verfahrens steht seit 1839 ein Medium zur Verfügung, das anders als schriftliche Zeugnisse dem Problem der Objektivation der sozialen Wirklichkeit mittels einer speziesistischen Sprache entgeht. Hinterlassen Tiere in der Geschichte selbst keine Spuren über eine schriftliche Dokumentation ihrer jeweiligen Bedingtheit in einer bestimmten menschlichen Gesellschaft, bleibt allein die subjektive Schilderung durch dieselbe menschliche Gesellschaft. Anders als die fotografische Objektivation müssen Schriftstücke jedoch die Mensch-Tier-Beziehung bewusst und gewollt beschreiben; und um so detaillierter, um so einfacher ist es für diejenigen, die diese Erfahrung nicht selbst gemacht haben, sich „ein eigenes Bild“ zu machen. Eine Fotografie hingegen kann Tiere auch nur zufällig ablichten. Während der Fotograf zum Beispiel das bäuerliche Leben in Süddeutschland um 1920 abbilden wollte, so kann das Bild auch die Geschichte der agrarischen Tierhaltung um diese Zeit erzählen. Indem die Fotografie einen Wirklichkeitsausschnitt konserviert, diesen immer wieder beschaubar macht, einen Augenblick festhält, um ihn für andere Augenblicke bereit zu halten, schafft sie es anders als die Sprache, die bereits eine Verschlüsselung einer sozialen Wirklichkeit ist , ein Objekt zu sein, auf dem stets Neues gefunden werden kann. Und zudem kann man mit John Berger feststellen, dass die „Intelligenz der visuellen Wahrnehmung (...) sich zwar durch Worte ein- und umkreisen [lässt], in ihrer Eigenschaft und Vielfalt aber nicht wirklich treffen, geschweige denn erschöpfend darstellen“ (1). Stimmt man mit George Bernhard Shaw überein, dass die Kamera „keine Auffassung“ habe, sondern „nur eine Linse und einen Verschluss“ (2) und mit Wolfgang Hagen, dass mittels des fotografischen Verfahrens sich die Natur „selbst aufschreiben kann“ (3), lässt sich obige Vermutung als Gewissheit bestätigen, dass die Fotografie ein Beweisstück vergangener wie aktueller Mensch-Tier-Beziehungen sein kann.
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Quellen / Anmerkungen