"Operation Gegenfeuer" und "Grüne Hysterie"
Schuldsprüche im SHAC7-Prozess von Melanie Bujok
Im SHAC7-Prozess (siehe Tierbefreiung 50, 2006) wurden alle sechs Angeklagten in allen Anklagepunkten von der Jury schuldig gesprochen: des Terrorismus gegen Huntingdon Life Sciences und ihre Geschäftspartner. Dies ist das nüchterne Ergebnis eines politischen Gerichtsverfahrens in den USA gegen sechs amerikanische AktivistInnen der SHAC Kampagne, das im Juni 2005 unter dem „Animal Enterprise Terrorism“-Gesetz begann und am 2.März dieses Jahres vorerst endete. Die Urteile werden am 7. Juni gesprochen.
Vielleicht sollte man die Berichterstattung dabei belassen und dieses Mal von einer „das ist ja empörend“-Kommentierung absehen. Denn der verbalen Empörung haftet stets Verlogenheit oder zumindest etwas Erbärmliches an, wenn keine Aussicht besteht, dass sie widerständige Praxis werden würde. Eine Praxiswerdung erscheint in Deutschland angesichts der politischen Kultur in diesem Land aussichtslos. Erinnert man sich daran, dass die Tierrechtsbewegung/Tierbefreiungsbewegung in diesem Land bereits vor Jahren die SHAC-Kampagne hat fallen lassen, beinhaltete eine Empörung über den Ausgang des SHAC-Prozesses zudem eine Selbsttäuschung.
Nun ist Befreiung von Tieren, Menschen, der übrigen Natur Praxis gewordenes Wissen von der Notwendigkeit, radikale Veränderung herbeizuführen; und diese setzt einen Bruch mit altem Wissen und Praxen voraus, weswegen wir um die Bereitstellung von (kommentierten) Informationen dann doch nicht herumkommen.
Weitere Fakten zuerst: Der SHAC7-Prozess selbst verlief wie erwartet: den Angeklagten und ihren Anwälten wurde verweigert, ihre eigenen Experten in den Zeugenstand zu berufen, während die US-Regierung ihre Computerexperten der Jury präsentierte sowie „Experten“, die aussagten, wie wichtig Tierversuche für den medizinischen Fortschritt seien. Zudem wurden Geschworene zugelassen, die selbst Beschäftigte der Geschäftspartner von HLS sind. HLS-Chef Brian Cass wurde von England eingeflogen und erzählte vor dem Gericht, wie schlimm man ihm in England durch die SHAC-Kampagne zugesetzt hätte, und Angestellte von Geschäftspartnern von HLS weinten sich vor der Jury darüber aus, dass ihre Familien in Angst und Schrecken lebten, seitdem ab und zu TierrechtlerInnen vor ihrem Haus demonstrierten oder sich telefonisch bei ihnen beschwerten. Großes Kino, bravo! Das kennen wir ansonsten von der (amerikanischen) Kulturindustrie; hier war es nun das Rechtssystem, das aus dem SHAC-Prozess eine Inszenierung von Desinformation, Rechtsbeugung, Aushebelung von Recht und Gesetz und Willkürpraxis machte.
Doch bei allem, was von den Zeugen der Anklage ausgesagt wurde, was haben diese Aussagen mit den Angeklagten zu tun? In keinem einzigen Fall wurde ihnen eine Täterschaft nachgewiesen und dies allein hätte die Grundlage einer Verurteilung sein können! Sicher, diese Rechtswillkür kann einen empören; noch mehr aber die unkritische, dumpfe, blinde Haltung der Jury-Mitglieder. Es waren die Geschworenen, die die SHAC-AktivistInnen schuldig gesprochen haben, nicht die US-Regierung. Gemach, gemach, mögen manche sagen. Im kapitalistischen System, in dem die Menschen nicht einmal merken, dass sie selbst zur Ausbeutungsware geworden sind, über die Kulturindustrie täglich ein Wissen bereit gestellt bekommen, das die Wahrheit verkennt, knebelt und besudelt, über ihre Alltagspraxis die gemachte Wirklichkeit reproduzieren und diese als „natürlich“ und alternativlos erfahren, gäbe es keine Verantwortlichkeit mehr, keine Täter, nur noch Opfer. Ja und Nein. Die Totalität der Ausbeutungsstrukturen macht es zweifelsohne schwierig, in Distanz zu ihnen zu treten, und zu sehen, was „dahinter“ steckt. Doch diese Schwierigkeit entbindet nicht von der Möglichkeit, m.E. von der Verpflichtung, die Wirklichkeit kritisch zu reflektieren. Noch weniger entschuldigt sie die von den Massen fälschlicherweise mit Freiheit verwechselte Egomanie, dumpf in der Sensibilität und unwissend im Geist bleiben zu wollen.
Die Geschworenen waren Verschworene der Tierausbeutung, die Anklagebank doppelseitig: ein Freispruch der SHAC-AktivistInnen wäre einem Schuldeingeständnis der Geschworenen gleichgekommen, selbst nichts gegen die Gewalt gegen Tiere zu tun und diese sogar zu unterstützen. Es war freilich zu erwarten, dass die Geschworenen im Freispruch der AktivistInnen vielmehr einen Machtverlust befürchten würden: ihrer eigenen Macht über tierliche Individuen, die mitnichten gegenwärtiges Bewusstsein ist, aber im kulturellen Wissen schlummert. Diese Ängste korrelieren mit den von der Wirtschaft und der Regierung geschürten Ängsten vor dem „Öko-Terrorismus“. In den USA haben UmweltaktivistInnen und TierrechtsaktivistInnen die Hatz auf die Umwelt- und Tierrechtsbewegung jüngst als „Green Scare“ bezeichnet, als die „Grüne Hysterie“, staatliche Panikmache vor TierrechtlerInnen und UmweltschützerInnen, angelehnt an die Verfolgung politischer Dissidenten durch die McCarthy-Ära in den 50er/60er Jahren als Kommunisten unter dem Label „Red Scare“. Auch werden Erinnerungen an das COINTEL-PRO (CounterIntelligence-Program) wachgerufen, ein zwischen den 50er und 70er Jahren geheimes Aktionsprogramm des FBI, das gegen die Friedensbewegung, gegen die Black Panther Partei, gegen die Bewegung amerikanischer Indianer und Puerto Ricaner und anderen damals gegen die Politik der USA gerichteten Freiheitsbestrebungen eingesetzt wurde, und von Infiltrierung, psychologischer Kriegsführung, rechtlicher Verfolgung bis hin zu außerhalb des legalen Rahmens stehender Maßnahmen wie die Ermordung politischer Gegner reichte.
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