"Operation Gegenfeuer" und "Grüne Hysterie"

Schuldsprüche im SHAC7-Prozess von Melanie Bujok

(Fortsetzung) Trotz aller symbolischer Aufgeladenheit, die Brutalisierung der Gesellschaft durch die kapitalistische Kontroll- und Ausbeutungspraxis kommt heute weitestgehend ohne große Versteckspiele und Verschleierungstaktiken aus. Dies macht sie gar noch erschreckender, verrät doch die Notwendigkeit, seine Ziele verdecken zu müssen, dass sie als nackte Wahrheit Zurückweisung – gar Widerstand vielleicht – befürchten müsste. In der Gegenwart wird das Ausbeutungssystem – global – einfach durchgesetzt und sieht gar nur noch am Rande die Notwendigkeit, Legitimation zu erheischen: Es wird offen aufgerufen, Kinder zu erzeugen, weil der Wirtschaft ansonsten zukünftiges Kapital fehlen würde. Erwerbslose müssen zahlreiche Ausgrenzungsstrategien und Sozialdisziplinierungen über sich ergehen lassen. Das Wissenschaftssystem ist nunmehr gänzlich an Zielvorgaben der Wirtschaft gebunden. Kriege und militärische Drohungen werden offensiv und unverblümt als Mittel zur Wahrung „nationaler Wirtschaftsinteressen“ eingesetzt. Kritische Kulturschaffende und Intellektuelle werden teils ausgehungert, eingeschüchtert und öffentlich diffamiert. Die nach großflächigen und dramatischen Gewalterfahrungen aufgestellten Tabus werden gebrochen, und alte Ausgrenzungsschemata und Mythen werden erneut aufgewärmt. Religionen treten gestärkt an Gläubigen, die dem kritischen Denken absagen, in allen Bereichen der Gesellschaft offensiv in Erscheinung. Die Bürokratie stempelt weiter „legal“ und „illegal“, Abschiebung, Ausgrenzung, Ausbeutung, Ermordung auf menschliche und tierliche Leiber. Die politische Rechte und ihr brauner Bodensatz stichelt und zündelt mal geistig rülpsend, mal schlägernd am Leben und den Freiheiten. Die Massen klatschen dumpfsinnig der verblödenden Unterhaltungsindustrie Applaus. Den Nachrichtensendungen werden die Börsenkurse vorgeschaltet und Hintergründe der Nachrichten im Schnelldurchlauf durch die Tageskatastrophen ausgeblendet. Die totale Überwachung ist Realität. Und die Ausbeutung von Tieren und Umwelt erhält eine neue Qualität, die die wenigen und erst vor Kurzem geschaffenen – ohnehin noch viel zu rückwärtsgewandten – ethischen und praktischen Grenzen oder zumindest Zweifel bereits wieder einreißt... – dies sind nur einige wenige Beispiele der Gleichzeitigkeit verschiedener anti-emanzipatorischer Einbrüche der Gegenwartsgesellschaft.

Zu der neuen Ungeschminktheit der Ausbeuter und ihrer Komplizen gehört – eben mit dem Wissen, mit ihrer offenen Brutalität widerstandslos durchzukommen –, dann zum Beispiel auch das Pamphlet der US-Behörde für Heimatschutz DHS (hier: Office of Intelligence and Analysis – Homeland Security) „Preventing Attacks by Animal Rights Extremists and Eco-Terrorists: Fundamentals of Corporate Security“ vom 13. April 2006. Das DHS stellt fest, dass Tierrechts- und Umweltschutzaktionen „kostspielig“ sind und „das Vertrauen in die Wirtschaft untergraben können“. Zu den „Terroraktionen“ zählen sie sodann folgende (Festhalten! Gut festhalten!): Umwelt- und TierrechtsaktivistInnen verwendeten „nicht-invasive Taktiken wie die Organisation von Protesten und das Verteilen von Flugblättern “. Sie betrieben „Vandalismus“ durch „Graffities“, schickten „unaufhörlich Faxe, die den Toner in Faxgeräten von Unternehmen verbrauchen sollen“, sendeten „Emails“, starteten „beständig Telefonanrufe“. Wow! Terror! Terrorismus und Extremismus seien auch „verbale Belästigungen“ – soso – und auch, wenn man „kritische Informationen über ein ausgewähltes Unternehmen erhält“, die dazu benutzt werden könnten, „Geschäftsgeheimnisse zu lüften“, „Partnerschaften zu trennen“, „die Unternehmensfinanzen zu gefährden“ und „Aktivitäten ans Licht zu bringen, die sich negativ auf das Unternehmen und ihre Angestellten auswirken könnten“ (!). Nur, falls die Bezugnahme Letzteres für manche nicht ganz klar ist: bei Huntingdon Life Sciences wurde mehrmals undercover, teils wie später bei Covance durch JournalistInnen – recherchiert. Die Undercoveraufnahmen und die gesammelten Daten wurden anschließend der Öffentlichkeit präsentiert, hierbei zum Beispiel Videoaufnahmen, die zeigten, wie Angestellte von HLS Beaglewelpen schlugen, schüttelten, einschüchterten, an ihren Venen herumstichelten. Diese ans Licht gebrachten Aktivitäten von HLS schadeten dem Unternehmen in der Öffentlichkeit. Die dokumentatorische Beweissicherung von Gewalt gegen Tiere wird in dem erörterten Schmierpapier der Behörde für Homeland Security somit dann unter Extremismus/Terrorismus gefasst und strafrechtlich verfolgt. Dieses Papier ist Teil einer Operation der US-Regierung und Wirtschaft gegen die Tierrechtsbewegung und Umweltschutzbewegung, die das FBI als „Operation Backfire“ betitelte. Hierzu gehört auch die, wenn auch sehr ungeschickt und peinlich gemachte Website und Werbeannonce der Tierversuchsindustrie www.NYSEhostage.com. Diese wurden online gesetzt, nach dem es SHAC gelungen war, den geplanten Börsengang von HLS in New York zu verhindern. Das „Gegenfeuer“ des politischen und ökonomischen Systems ist trotz aller Peinlichkeit, Belustigung und trotz aller Fehlschüsse eingebunden in die oben angeschnittenen, globalen und sehr ernst zu nehmenden repressiven Entwicklungen und bedürfen der Gegenwehr. Die kritischen Dissidenten in den USA brauchen Unterstützung, um diesen politischen und ökonomischen Angriff auf Individuen und ihre legitimen Freiheiten abzuwehren. Vom 9.-11. Juni 2006 wird es in den USA ein Wochenende des „Widerstandes gegen den ‚Green Scare“ geben.

Schreibt bitte den Angeklagten von SHAC7 (Adressen und Kurzbios siehe oben – bitte denkt daran, nichts zu schreiben, was Euch oder SHAC7 Probleme bereiten könnte). SHAC7 könnt Ihr (auch) mit einer Geldspende helfen; gegen die erstinstanzliche Gerichtsentscheidung wird natürlich Berufung eingelegt; um die Anwälte für das Berufungsverfahren bezahlen zu können, benötigen die SHAC7-Angeklagten dringend Geld (Infos auf www.shac7.com).

Anmerkungen:

Informationen zu SHAC7: www.shac7.com

Informationen zur SHAC-Kampagne: www.shac.net

Informationen zum „Green Scare“:
http://en.wikipedia.org/wiki/Green_Scare
http://frolympia.org/civlib/WIP/

Informationen zum COINTEL-PRO: http://indybay.org/imcenter/FaultLines_16.pdf

Office of Intelligence and Analysis – Homeland Security: „Preventing Attacks by Animal Rights Extremists and Eco-Terrorists: Fundamentals of Corporate Security“ (13. April 2006). Online: http://www.talkingpointsmemo.com/docs/dhs-extremists/