"Wild und fürsorglich"

Über Brian Lukes Vorschläge zu einer nichtpatriarchalen Tierbefreiungsethik von Susi Harringer

(Fortsetzung)

Der angerichtete Schaden wird verleugnet

Die Tierfabriken und die Tierversuchsindustrie sind stark bemüht, ihre Produktionsweise und das Leiden der Tiere vor den KonsumentInnen und der Öffentlichkeit zu verheimlichen. Labors werden möglichst nicht gezeigt, nichts soll herausdringen, sogar die Sprachregelung vermeidet „Schmerz“ und „Angst“ und „Leiden“. Luke berichtet von einem Fall, in dem die Pro-Tierversuchs-Lobby einen Beitrag in einer Fernsehsendung verhinderte, obwohl der Produzent die Notwendigkeit von Tierversuchen vorführen wollte. Schon die Erwähnung wäre zuviel gewesen.

Auch die Massentierhalter lügen über den Schaden, den sie verursachen. Sie behaupten allen Ernstes, dass die Tiere in ihren Gefängnissen ein sicheres, ruhiges Leben führen. Und in der Werbung sieht man nur glückliche Tiere auf kleinen Bauernhöfen, die sich geradezu darauf freuen, vom Menschen genutzt zu werden. Natürlich ist auch nie von „Umbringen“ und „Töten“ die Rede, in den USA ersetzt allmählich der Euphemismus „Fleischfabrik“ das Wort „Schlachthaus“.

Den Tieren wird kein Subjektcharakter zugestanden

Der Philosoph Descartes entwickelte im 17. Jahrhundert die Vorstellung, dass Tiere nur komplizierte Maschinen sind, also sind ihre Schmerzensschreie auch nur als ein Quietschen des Mechanismus zu deuten. Eine modernere, aber vergleichbare Version wird in den Labors und Tierfabriken praktiziert, die Tiere gelten als Teil der Ausstattung, Teil der Produktion, Teil des Inventars, als Ernte und Ertrag, aber auf keinen Fall als leidensfähige Lebewesen.

Die Sympathien für Tiere werden ausradiert

Manchmal, wenn die allgemeinen Verdrängungsmechanismen nicht greifen, wenn diejenigen, die den Tieren Schaden zufügen, zuviel gesehen haben oder Menschen, die neu in der Tierausbeutung sind, noch nicht die „richtige“ Denkweise internalisieren konnten, werden weitergehende Maßnahmen notwendig:

Im Labor hilft beispielsweise eine ganze Gruppe angetrunkener Angestellter, ein bestimmtes Tier zu töten. Oder Kinder werden gezwungen, Fleisch zu essen, obwohl ihnen davor graut. Für die Arbeit in Schlachthäusern und in der Verpackungsindustrie werden die ökonomisch schwächsten Arbeitskräfte am Markt eingesetzt. In den Versuchslabors müssen die Angestellten die erwünschten Versuche durchführen, wenn sie ihren Job behalten oder Karriere machen wollen. An den Universitäten müssen die StudentInnen ihre Sezierübungen absolvieren, wenn sie ihr Studium abschließen wollen.

Auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene wird den Menschen mit hohem Werbeaufwand eingeredet, dass das Leben und Wohlergehen ihrer Familien davon abhängt, dass sie Pharmaprodukte, Fleisch und Milch konsumieren.

Wild werden

Dass derartig viele verschiedene Mechanismen zur Vorbeugung und Verhinderung der Sympathie für Tiere entwickelt wurden, zeigt doch, dass die Tierausbeutungsindustrie den Widerstand der Menschen immer als eine potentielle Bedrohung betrachtet. Und wenn diese Industrien nicht davon ausgehen, dass die Tiere den Menschen gleichgültig sind, und viel Geld dafür ausgeben, die menschlichen Sympathien für Tiere an allen Ecken und Enden zu unterdrücken, warum sollen wir in der Bewegung das eigentlich glauben?

Brian Luke regt also an, dass wir uns nicht nur an Logik und konsequente Argumentationsketten halten, sondern auch an die gefühlsmäßige Bindung zu den Tieren erinnern und die künstlich aufgerichteten Hindernisse zu ihnen niederreißen. Das ist ein konkreter Prozess, zu dem Beziehungen zu unversehrten, freien Tieren gehören, und auch die direkte Wahrnehmung der Leiden der Tiere in den Tierfabriken und Versuchslabors.

Statt soziale Kontrolle auszuüben, wollen wir die persönliche Autonomie der Menschen vergrößern und verhindern, dass sie mit falschen Informationen zugeschüttet werden.

Wir lassen uns nicht länger zahm halten

Alle Menschen, sowohl VivisektorInnen wie auch VeganerInnen, waren diesen sympathiezerstörenden Mechanismen ausgesetzt. Wie lange und in welchem Ausmaß wir uns ihnen fügen, ist keine Frage der Vernunft. Es ist angesichts der gesellschaftlichen Erwartungen und Sanktionen durchaus rational, unsere Gefühle zu unterdrücken und die Tierausbeutung zu unterstützen, aber unsere Gefühle zu verteidigen und die Tierausbeutung zu kritisieren, ist auch rational, und wir leiden darunter, dass wir unsere natürliche Bindung an die Tiere verlieren. Also ist es nicht unsere Aufgabe, die Rationalität anderer Menschen zu beurteilen, sondern wir müssen ehrlich über die Einsamkeit und Isolation in der anthropozentrischen Gesellschaft sprechen, und welcher Schaden jeder Person zugefügt wird, die Tieren etwas antun soll. Wir müssen die Sympathie und Fürsorglichkeit der Menschen vor den Herrschaftszwängen und falschen Informationen beschützen.

Es geht in einer nichtpatriarchalen Tierbefreiungsethik also nicht darum zu zähmen, nicht uns selbst und auch nicht unsere angeblich „natürliche“ ausbeuterische Haltung gegenüber Tieren. Vielmehr geht es darum, sich nicht länger zur Unterstützung des Anthropozentrismus zähmen zu lassen.

Halbwild an den Grenzen der Zivilisation

Zum Abschluss ein Zitat des Autors: „In der westlichen Welt gehört es für die meisten von uns zur Tierbefreiung dazu, unsere frühere Domestizierung zum Fleischessen, zur Abhängigkeit von der modernen Medizin, zum menschlichen Chauvinismus etc. abzulehnen. Wenn wir unser offiziell eingeschränktes Mitgefühl für Tiere weiter behaupten und vergrößern, sind wir in der Position wilder Tiere, die früher domestiziert waren, aber nun halbwild an den Grenzen der hierarchischen Zivilisation leben.“

Ja, wenn das so ist, lasst uns doch wild werden!