Buchbesprechung

„Ich habe immer das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen, schrecklich!“

Angela Grube: Vegane Lebensstile. Diskutiert im Rahmen einer qualitativen/quantitativen Studie vorgestellt von Tina Möller



„Ergebnisse einer vom Meinungsforschungsinstitut Emnid im Jahr 1985 durchgeführten Erhebung zeigten, dass ca. 20 Millionen (33 %) der Bundesbürger das Töten von Tieren zur Gewinnung von Lebensmitteln und Bekleidung ablehnen; unter den 14 bis 34-Jährigen sogar 40 %.“ Dass nur die wenigsten diese Ablehnung auch konsequent mit ihrer Lebensweise zum Ausdruck bringen, das wissen wir. Schätzungen des Vegetarier-Bund Deutschlands e.V. und der European Vegetarian Union zufolge lebten 1995 nur ca. 2,9 Millionen (3,62 %) vegetarisch, und von denen etwa 230.000 vegan.

Warum sind es nur so wenige? Dafür gibt es sicherlich sehr viele unterschiedliche Begründungen und multikausale Zusammenhänge. Auch Angela Grube kann diese Frage in ihrer Studie leider nicht beantworten. Dafür aber entwickelt sie umso mehr Antworten darauf, warum die wenigen Konsequenten (unter den Ablehnenden der Tierausbeutung) diese  Einstellung in ihrem Alltag umsetzen, indem sie vegan leben und damit die den Tieren gegenüber rücksichtsvollste und gewaltloseste Lebensform gewählt haben. Ebenso bietet Grube Erkenntnisse darüber, mit welchen Schwierigkeiten Veganer/innen in ihrem Alltag konfrontiert werden.

Angela Grube hat im Rahmen ihrer Diplomarbeit eine Interviewstudie und eine Fragebogenerhebung durchgeführt. Interviewt hat sie 14 Veganer/innen unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Berufen. Ihre vier Leitfragen lauteten dabei: „Wie wurdest du vegan?“, „Wie reagierte deine Umwelt darauf?“, „Welche Probleme hast du als Veganer?“ und „Wie kann man deine Situation verbessern?“.

Es zeigte sich in den Aussagen der befragten Personen, dass sich der vegane Lebensstil aus einer vorherigen vegetarischen Ernährungsweise entwickelte und zumeist ethisch-moralisch und gesundheitlich begründet war. Vegetarisch lebende Personen aus dem sozialen Umfeld, vor allem aus dem Freundeskreis, wurden dabei als Vorbilder empfunden. Eine wichtige Rolle nahmen auch die Massenmedien ein (wie z.B. Fernsehberichte), in denen die brutalen Haltungs- und Schlachtbedingungen von so genannten Nutztieren gezeigt wurden. Ebenso berichten die befragten Veganer/innen von Schlüsselerlebnissen, die zu der Entscheidung führten, von nun an fleischfrei zu essen. So berichtete Bella (Namen der Interviewten von der Autorin verändert): „Ich war in Italien und aß ein Salamibrot. Und hatte kurz vorher erfahren, dass in Salami Eselsfleisch ist. Und während ich das aß, ging ein Esel vorbei. Und da habe ich zum ersten Mal die Verbindung gemacht. Und wirklich, während ich das Brot in der Hand hatte, hab’ ich mich dazu entschlossen, kein Fleisch mehr zu essen.“

 Der Weg zum Veganismus gestaltete sich ähnlich. Hilfreich waren dabei Menschen, die bereits vegan lebten und als Vorbilder fungierten, ebenso wie Berichte über Tierqual in den Medien, Literatur oder auch Jugendkulturen wie z. B. die Hardcore- und Straight-Edge-Bewegung, die die befragten Personen bewogen hatten, von nun an vegan zu leben. In ihren Aussagen wird zudem deutlich, dass der Veganismus in ihrem Leben eine bedeutende Rolle einnimmt. Der befragte Veganer Michael beschreibt seinen Veganismus beispielsweise als eine Lebensphilosophie, die Achtung vor den Lebewesen sowie die Liebe zu den Tieren beinhaltet und ebenso eine politische Dimension hat, die sich gegen „die globale Ausbeutung der Tiere, der Natur, der Umwelt, der Menschen“ richtet. Gleichwohl stellt die Autorin dar, dass diese vegane Lebensphilosophie ein Gegenentwurf zu der Lebensweise darstellt, wie es die Sozialisationsbedingungen der Befragten eigentlich vorgegeben hatte: „Alle Untersuchungsteilnehmer stammen aus Familien, in denen bestimmte Tiere als ‚Nutztiere’ und andere als ‚Haustiere’ galten und das Schlachten von Tieren oder das Fleischessen zum alltäglichen Leben gehörte.“ Ihre Kindheit gestaltete sich demnach in einer Umgebung mit dem kollektiven Verständnis, nach dem Tiere als Nahrungsmittel vorgesehen sind. Waren die interviewten Personen selbst in einem Elternhaus groß geworden, in denen Hausschlachtungen vorgenommen wurden, so waren sie nicht immer direkt bei dem Tötungsvorgang anwesend, entwickelten aber trotzdem eine starke Abneigung gegen das Töten von Tieren. Diese Abscheu verfestigte sich später und wurde zu einem von mehreren Beweggründen, um mit dem gesellschaftlich akzeptierten Verzehr von getöteten Tieren zu brechen.


weiter lesen