Buchbesprechung
„Ich habe immer das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen, schrecklich!“
Angela Grube: Vegane Lebensstile. Diskutiert im Rahmen einer qualitativen/quantitativen Studie vorgestellt von Tina Möller
(Fortsetzung) Ein sehr denkwürdiges Ergebnis der Studie ist die von vielen Befragten wahrgenommene Feindseligkeit seitens des sozialen Umfeldes als Reaktion auf ihre vegane Lebensweise. Von den vegan lebenden Vorbildern abgesehen begegnen ihnen Personen, für die das Fleischessen und die Nutzung von Tierprodukten entsprechend der gesellschaftlichen Norm selbstverständlich erscheinen, aggressiv und ablehnend. Bella beschreibt es so: „Ich habe gemerkt, dass einige Leute aggressiv darauf reagieren, wenn ich sage ‚Ich bin Veganerin’, und erkläre, was das beinhaltet. Das mache ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr, ich bin keine Missionarin. Das habe ich am Anfang, als ich Vegetarierin war, gemacht. Hat auch nur Aggressivität erzeugt. [...] Ich sage einfach: ‚Ich bin Veganerin’, erklär es und die Leute werden aggressiv! Ich weiß nicht, warum, aber die fangen echt an, fiese Sachen dann irgendwie hervorzuholen.“
Veganer/innen scheinen durch ihre alternative und altruistische Lebensweise starke Vorbehalte, Aggressionen und Widerstände bei denjenigen hervorzurufen, die sich als ‚normal’ empfinden. Verganer/innen zeigen mit ihrer unblutigen Ernährung und ihrer Einstellung, dass es durchaus möglich ist, der alltäglichen Tiermordindustrie einen gewaltlosen Lebensentwurf gegenüberzustellen. Vor allem die vorwiegend altruistischen ethisch-moralischen Beweggründe bewirken im Gegenüber scheinbar ein Unwohlsein, das sicherlich vor allem psychologisch erklärt werden könnte. Aber auch die Soziologie hat Theorien, mit denen dieses Phänomen der ablehnenden Haltung erklärt werden könnte. Der Sozialkonstruktivismus (von Berger und Luckmann) versucht beispielsweise zu ergründen, „wie es dazu kommen kann, dass die selbstproduzierte Sozialordnung von den Teilnehmern gleichzeitig als ‚objektive’, ‚äußerliche’ und quasi ‚naturgegebene’ erfahren wird. [1]“ Hierbei werden drei Dimensionen zugrunde gelegt: Die Institutionalisierung beschreibt das Phänomen der Habitualisierung und Typisierung von Verhalten in gesellschaftlichen Prozessen, wobei mit der Habitualisierung gleichzeitig eine Entscheidungsbefreiung verbunden ist, was im konkreten Fall bedeutet: Menschen werden im sozialen Alltag so sozialisiert, dass das Fleischessen und die Nutzung von Tierprodukten zum Alltag gehört wie das tägliche Zähneputzen. In diesem Sinne wird keine Entscheidung von ihnen (ab)verlangt, ob sie Fleisch essen bzw. Tierprodukte nutzen oder ob sie dieses nicht tun, weil es zur Normalität gehört, dieses zu tun. Sie entscheiden sich nicht konkret für das Fleischessen, sondern sie übernehmen eine gesellschaftlich vorgelebte Gewohnheit. Als zweite Dimension wird mit der Objektivierung dieses alltägliche Verhalten in der Sprache repräsentiert. Hierfür eignen sich Begriffe wie die Einteilung in ‚Nutz’- oder ‚Versuchstiere’, die bereits sprachlich deutlich machen, dass diese Tiere „benutzt“ werden können, man mit ihnen Versuche machen kann. Als Legitimationsprozesse werden solche Prozesse verstanden, die das habitualisierte Verhalten (hier: das Essen von Tieren und Tierprodukten) erklären und rechtfertigen. Die Aggressionen, Widerstände und Ablehnung bei Konfrontation mit Veganer/innen erscheinen demzufolge nur allzu verständlich, weil die Tierausbeutung und Tiertötung institutionalisiert, d. h. objektiviert und somit ‚natürlich’ ist, und der Gegenentwurf zu dieser kulturell konstruierten Normalität befremdet und Skepsis hervorruft. Darüber hinaus werden sicherlich eigene verdrängte Zweifel angesprochen (nämlich die sich selbst gestellte Frage, ob es wirklich legitim ist, dass Tiere aus Gründen egoistischer (Gaumen-)Gelüste getötet werden), die auch den einen oder anderen Fleischesser manchmal beschleichen und die im Alltag doch eher weggeschoben werden angesichts des überwältigenden Ernährungsangebotes einer übersättigten Gesellschaft, die kaum noch Tabus kennt. Es handelt sich dabei meistens um Unsicherheiten, die lieber verdrängt werden wollen, weil sie Konsequenzen und eine Änderung der habitualisierten Verhaltensformen erforderten. Vermutlich kommt bei Nicht-VegetarierInnen bzw. Nicht-VeganerInnen durch die Konfrontation mit einem vegan lebenden Menschen auch ein expliziter oder impliziter Vorwurf an, der erst einmal abgewehrt werden muss (z. B. mit Aggression und/oder Ablehnung des Gegenübers), verstärkt durch den Glauben, sich nicht bewusst für das Fleischessen entschieden zu haben, sondern es zu tun, weil es zum allgemeinen Verständnis der Gesellschaft kongruent ist und deshalb nichts Unrechtes sein kann. Der interviewte Andy fasst das Dilemma eines veganen Lebensstils bzw. die Schwierigkeiten, die dieser Lebensstil in einer tiermordenden Gesellschaft mit sich bringt, folgendermaßen zusammen: „Das Grundproblem ist, dass dieses Bewusstsein halt leider völlig unterentwickelt ist in unserer Gesellschaft. Völlig! Also, der Gedanke, dass es verwerflich sein könnte, Tiere als Rohstofflieferanten zu benutzen, der ist fast überhaupt nicht vorhanden.“ Und die Veganerin Anna sieht sich der Situation ausgesetzt, „immer das Gefühl [zu haben], mich rechtfertigen zu müssen, schrecklich!“
Als Antwort auf diese nun erstmals empirisch bewiesenen sozialen Ausgrenzungsprozesse in unserer Gesellschaft entwickelt die Pädagogin Angela Grube überzeugende, an die Erziehungswissenschaft adressierte Forderungen: „Begreift man die Ausbildung einer individuellen Identität als eine wichtige Aufgabe pädagogischen Handelns und untrennbar mit der Herausbildung eines Lebensstils verbunden, dann muss die Pädagogik auf das Phänomen ‚Veganismus als Lebensstil’ mit Aufklärung und Bildung reagieren. Der pädagogische Umgang mit Kindern und Jugendlichen erfordert dabei ein äußerst vorsichtiges und differenzierteres Eingehen auf diese neue Situation.“ Vor allem die Vermittlung eines „echten Abbildes der Gesellschaft (inklusive dem Umgang mit Tieren) in der westlichen Welt“ in Kinderbüchern und Schulen erklärt sie für unumgänglich, wenn gewährleistet werden soll, dass Kinder und Jugendliche einen Lebensstil erwerben können, von dem sie überzeugt sind und durch den sie keine Ausgrenzung, sondern Anerkennung durch die Gesellschaft erfahren. Die unrealistische Darstellung des Umgangs mit Tieren, wie sie beispielsweise in Kinderbüchern (Bauernhofidylle etc.) Gang und Gäbe sind, bezeichnet Angela Grube als Verwehrung des Rechts auf Aufklärung und „somit auf die Bildung eigener Wertvorstellungen“. Damit reagiert sie auch auf die Aussage von Hans, der im Interview die fehlende Bereitschaft von Lehrer/innen kritisiert, auf vegan lebende Schüler Rücksicht zu nehmen, und der die die verzerrende Darstellung vom Mensch-Tier-Verhältnis durch die Medien kritisiert: „Die [Kinder] kriegen ja gerade in der Werbung so viel Scheiße vorgesetzt, dass die Kühe froh sind, wenn sie gegessen werden oder so ungefähr. [...] Das wird dann alles verharmlost: die glücklichen Tiere in der Landwirtschaft. Und auch auf den Produkten, da wird das immer so viel mehr... die Werbung hat das auch schon erkannt, wie man es macht. Und genau so müssten wir es im Grunde genommen auch machen. Dass man das den Kindern richtig verkauft, aber im Positiven, nicht, um sie zu indoktrinieren, sondern einfach aufzuklären. Entscheiden müssen sie es letzten Endes selbst. Aber sie müssen erst mal die Möglichkeit haben, sich zu entscheiden. Und das haben sie ja nicht. Sie werden von der Werbung verdummt. Und von den Eltern meistens auch noch.“
[1] Knorr-Cetina, Karin 1989: Spielarten des Konstruktivismus. In: Soziale Welt 1+2/1989, S. 87
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