Den Wald befreien

Antijagdarbeit ist mehr als Konsumverweigerung und Umweltschutz
von Franziska Brunn


Wenn von Tierbefreiung, Antispeziesismus und Beendigung der Tierausbeutung die Rede ist, wird an einer der ersten Stellen auch meist die Jagd als zu beseitigendes Übel genannt. Doch während die alltägliche Auseinandersetzung mit NichtveganerInnen die Argumentation um Tierhaltung und den Konsum tierischer Produkte gefestigt hat, sitzen schlagkräftige Argumente gegen die Jagd viel zu locker. „Jäger sind schlecht und die Jagd gehört verboten.“ Jagd als Randthema der verschiedenen antispeziesistischen Strömungen verdient es, genauer beleuchtet zu werden, tiefgründiger auf Lücken im System abgeklopft zu werden.

Auch wenn das Thema Jagd hierzulande mit etwa 5,5 Millionen offiziell getöteten „Wildtieren“, 400 – 500.000 „Haustieren“, durchschnittlich 3 - 8 menschlichen Todesopfern und 800 menschlichen Verletzten im Jahr1 im Vergleich mit der produktionsartigen Tierausbeutung der Fleisch- und Eierfabriken zahlenmäßig nicht mithalten kann, geht es vielen AntispeziesistInnen nah. Während viele sich als Kinder unbeschwert im Wald versteckt, Baumhäuser gebaut oder wild gecampt haben, ist diese unbeschwerte Sicht der Dinge denjenigen, die ein erschossenes Reh gesehen haben, denjenigen, die mitten im vertieften Gespräch den Schuss gehört haben oder denen, die entsetzt die Blutspur im Schnee bis zu den Abdrücken von Autoreifen verfolgt haben, abhanden gekommen.

Kein entspannter Spaziergang im Wald ist mehr möglich – selbst, wenn wir einmal nicht an Tierausbeutung denken wollten – fällt doch der Blick auf einmal alle 100 Meter auf einen Ansitz oder eine Jägerkanzel. Die Hunde, denen AntispeziesistInnen aus einem elenden Leben in ein lebenswerteres verholfen haben, können wir nicht ganz ohne die Furcht vor dem Abschuss durch das Unterholz toben lassen, seit der Hund einer Bekannten drei Meter vor ihr auf dem Weg erschossen wurde, weil er angeblich wilderte. Kaum noch erblicken wir eine Gruppe Rehe zwischen den Aufforstungen, denn sie flüchten vor Menschen, aus Angst, es könne ein Jäger sein. Insofern ist Jagd nicht nur ein Urakt des Speziesismus, sondern schränkt auch uns persönlich in unserer Bewegungsfreiheit ein, sie raubt uns ganze Areale zum Leben.

Jagd als Sonderform der Tierausbeutung


Das Thema Jagd grenzt sich insofern von anderen Formen der Tierausbeutung ab, als dass die nichtmenschlichen Tiere ihr Leben nicht in Produktionshallen verbringen müssen, sondern mehr oder weniger ein sich selbst überlassenes Leben führen, was AntispeziesistInnen als „besser“ deklarieren könnten. Jagd grenzt sich aber auch ab durch die Art und Weise der Tiertötung. Denn dieser ist kein routinierter, in seiner Gewaltförmigkeit nicht mehr bewusster Akt, wie es bei der produktionsgleichen Tötung von Hühnern etc. der Fall ist, sondern die Tötung erfolgt als aufregender Moment, einzigartig, abenteuerlich und brutal bewusst. Insofern setzt Jagd eine gewisse Brutalität der Ausführenden voraus oder manifestiert diese zumindest.

Während unser Augenmerk bei Pelztierhaltung, Fleischproduktion und Legebatterien darauf abzielt, der großen Masse von unbewussten KonsumentInnen klarzumachen, wie das „Produkt“ ihres Konsums entstand und dass es zu Lebzeiten Gefühle hatte, muss bei JägerInnen eine vollkommen andere Herangehensweise erfolgen. Die meisten Menschen dieser Gesellschaft lehnen Jagd ab oder würden diesen „Sport“ zumindest nie ausführen wollen. Jedoch folgen viele der jagdlichen Argumentation, Jagd als Regulativ des durch Menschen beeinflussten Ökosystems müsse sein. Hier besteht also zum einen die Aufgabe der Verstärkung des gesellschaftlichen Widerwillens gegen die Jagd durch schlüssige Argumentationen über die Plattheiten der JägerInnenschaft hinaus.

Zum anderen wäre theoretisch das Schüren von Zweifeln am Tun der JägerInnenschaft selbst wünschenswert, aber wahrscheinlich zunächst illusorisch. Daher bleibt als zweiter Handlungsstrang nur das Verhindern von Jagd selbst durch verschiedene Methoden.

Die Antijagdarbeit könnte insofern ein Schlüsselthema im Antispeziesismus sein, als dass hier sehr stark gewaltförmige, patriarchale Muster abgebildet werden. Tiertötung durch Jagd macht nur einen Bruchteil heutiger Tierausbeutung aus und kann dem massenhaften Konsum von Fleisch, Milch und Eiern kaum etwas entgegensetzen. Aber mit der Beendigung von Jagd hätten wir vielleicht endlich eine leidige Mensch-Natur-Verklärung überwunden und dies könnte Einstieg in Debatten um weitere Tierausbeutungen sein.

Zu Jagd im weitesten Sinne wären auch das Angeln, Walfang sowie die Stadtjagd auf Kleinsäuger und Vögel, als Teil der Schädlingsbekämpfung deklariert, zu nennen.

Teil 2 'Jagdkritik' weiter



Mehr zur Jagd

Jagd als Ausdruck des Ausbeutungssystems

Buchkritik – Karl Heinz Loske: Von der Jagd und den Jägern lesen


Durchlöcherte Jagdsaison

Ein Kampf um Bambi in Italien oder Wie in Italien ein Kampf gegen den Abschuß von 600 Rehen entbrannt ist von Sina Walden lesen


Honecker neuer Schutzpatron der Jäger?

Zahlreiche Demos gegen Hubertusmessen in ganz Deutschland lesen


„Die Kirche sollte sich distanzieren“

Widerstand gegen Hubertusmessen kommt auch aus der Kirche lesen


„Jagd ohne tote Füchse ist wie Sex mit Kondom“

Trotz Verbots terrorisieren die traditionellen Jäger mit ihren Hundemeuten wieder Wälder und Felder in England lesen


Es geht nur um die Trophäe

Der Markt für Jagdreisen lesen


Jagd auf dem eigenen Grundstück

Bundesverfassungsgericht deckt Jagd-Mafia lesen