Mit 87 noch an der Front für die Tiere
Besuch bei Joan Court, die auch im hohen Alter vor spektakulären Aktionen nicht zurückschreckt von Charis Bredin
„Ja, ich schätze, es sieht so aus, als wäre ich lange Jahre eine Pionierin in den verschiedensten Bereichen gewesen“, sagt Joan Court, während sie starken Tee in meinen Becher schüttet. „Deshalb stört es mich schon, wenn Leute mich einfach als Vorreiterin für Tierrechte abstempeln, schließlich habe ich mein ganzes Leben lang immer auch Menschen geholfen.“ Ihr kleines Haus ist vollgestopft mit Büchern, Bildern und Erinnerungen an ein Leben voller Abenteuer und Aufregung.
Eine große Siamkatze streckt sich auf dem hölzernen Küchentisch aus, an dem wir sitzen. Auf dem Stuhl neben mir schnurrt eine andere laut vor sich her und eine dritte schleicht über die Arbeitsplatte. Eigentlich scheint es hier vor Katzen nur so zu wimmeln.
Nach einer traumatischen und oft auch missbräuchlichen Kindheit, verließ Joan die Schule im Alter von 14. So bald wie möglich verließ sie England in Richtung Indien und half beim Aufbau einer Geburtsklinik in Kalkutta. Später arbeitete sie für die UN in Kentucky and Lahore (Pakistan). Auch heute noch ist sie aktiv und schneidig trotz ihrer 87 Jahre. „Mein einziges Problem ist, dass ich ein wenig alt werde. Meine Augen sind nicht mehr so gut, genau wie meine Ohren und Beine aber abgesehen davon, geht’s mir prächtig.“
„Es ist sehr wichtig, für eine gute Sache zu kämpfen“, lächelt Joan und tatsächlich sorgt sie regelmäßig für Neuigkeiten mit ihrer Arbeit gegen Tierquälerei. Kürzlich protestierte sie mit einem 72-stündigen Hungerstreik gegen ein neues Tierversuchslabor in Oxford. Im „Heffers“-Buchladen in Cambridge hat sie Hausverbot, weil sie während einer Signierstunde für ein Pro-Fuchsjagdbuch eine Stinkbombe geworfen hatte.
„Die Menschen sind in der Konsumgesellschaft gefangen“
Sie erzählt mir von ihrer Arbeit mit der Organisation „Quaker Concern for Animals“, davon, wie sie einen weltmännischen Anwalt dazu brachte sich für eine Demo als Affe zu verkleiden und wie sie viermal verhaftet wurde („Verhaftet zu werden ist allerdings ein wenig Zeitverschwendung“, gesteht sie). 2005 segelte sie mit „Sea Sheperd“ nach Nova Scotia an der Ostküste Kanadas, um das Abschlachten der Robben zu verhindern und anschließend zum Wal- und Schildkrötenschutz nach Brasilien. „Egal, ob es um die menschliche Rasse geht oder um den Planeten oder um Bäume, du solltest immer versuchen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Die Menschen sind zu sehr gefangen in der Konsumgesellschaft. Sie kümmern sich darum, die Karriereleiter zu erklimmen, dann werden sie 40, sind verheiratet und dann geschieden mit zwei Kindern und müssen ihr Haus abzahlen. Und dann schauen sie zurück und fragen sich: ´Ist es jetzt das, was das Leben ausmacht?`“
Joans Leben ist wie ein Zeugnis ihrer Prinzipien. Sie hätte fast alles erreichen können, doch sie entschied sich, eine Krankenschwester zu werden und in die ärmsten Gegenden der Welt zu reisen, auf der Suche nach Abenteuern und mit dem Willen „anderen fühlenden Lebewesen zu helfen“. „Die Schule und die Gesellschaft drillen uns zu sehr auf die Idee des Erfolgs: Das Streben nach Abschlüssen, dem richtigen Arbeitsplatz und dem bestmöglichen Gehalt.“ Joans Heim bestätigt ihren Glauben: Es gibt hier nichts Pompöses oder Hochtrabendes. An den Wänden hängen Zertifikate über gesponserte Tiere und Tierrechts-Flugblätter liegen überall herum. Die Atmosphäre vermittelt Joans starke Hingabe für eine würdige Sache. Auf der Fensterbank steht eine Auszeichnung der Jain, „für eine lebenslange Gefolgschaft der Prinzipien Gandhis“.
„Gandhi war wie ein K.o.-Schlag“
Das bringt mich auf den Punkt des Gesprächs, den ich besonders erwartet hatte: Joans Zeit mit Mahatma Gandhi in Indien. Ich muss sie einfach nach ihren Erfahrungen mit Gandhi fragen. „Nun, er war wie ein absoluter K.o.-Schlag!“, sagt sie bestimmend. „Ich hatte mich immer mit ihm beschäftigt, aber er war mehr als ich je geträumt hatte enorm beeindruckend.“ Ich frage, ob sie ein paar Anekdoten über ihn erzählen kann, irgendetwas, was andere Menschen nicht wissen. Joan denkt kurz nach. „Er war immer sehr besorgt, seine Füße sauber zu halten und ob er dafür Lux-Seife benutzen solle oder nicht.“ Sie beschreibt, wie die Hindu-Frauen sich beschwerten, weil sie viel härter arbeiten mussten, wenn Gandhi zu Besuch kam: „Er ist ein Ärgernis“, hätten sie gesagt, oder „Es ist nicht leicht, für einen Heiligen zu sorgen“. Erneut schlägt Joan den Bogen zurück zu Tierausbeutung: „Er war zutiefst beunruhigt über die fehlende Bildung für Frauen und den Missbrauch von Kühen in Indien. Es schien, dass er sich ganz besonders auf Frauen und Tiere konzentrierte.“
Ich bin zugleich ermüdet und aufgeregt durch meine Zeit mit Joan. Sie ist so aufgeschlossen und enthusiastisch, dass sich mein kleines Interview zu einem Fünf-Stunden-Besuch ausdehnte, inklusive eines veganen Currys zum Mittagessen. Wie kein anderer mir bekannter Mensch kümmert sie sich um den Kampf für die Tiere. Sie unterstützt immer die Idee der „Direkten Aktionen“ und sagt mit einem Lächeln: „Manchmal langweilen mich Veganer. Wenn Du zwei oder drei zusammen hast, reden sie nur noch über Rezepte. Ich denke mehr über Aktionen nach.“ Und gleich versichert sie mir: „Ich genieße es, das Establishment zu bekämpfen. Aber wer das nicht machen möchte, dessen Leben ist deshalb natürlich nicht weniger wertvoll.“ Joan liebt das Abenteuer und erwartet ehrgeizig das nächste, allerdings denkt sie praktisch darüber: „Ich fühle, dass ich ein neues Abenteuer brauche, aber es ist nicht ganz leicht zu wissen, wofür ich noch dienlich sein kann.“
Dass Joan Court eine Revolutionärin im wahrsten Sinne des Wortes ist und ein unglaubliches Leben gelebt hat, steht außer Zweifel. „Ich habe so viel Glück“, sagt sie lächelnd. „Ich muss einen Schutzengel haben, denn alles, was ich mir gewünscht habe, ist in Erfüllung gegangen.“
Dieser Artikel erschien erstmalig in Englischer Sprache im Magazin der „Vegan Society“