„Die Kirche sollte sich distanzieren“

Widerstand gegen Hubertusmessen kommt auch aus der Kirche


Zum Hubertustag am 3. November erschien in einer kirchlichen Zeitung ein jagdkritisches Interview. Redakteurin Christine Reuther sprach mit Pfarrer Ulrich Seidel aus Brandis/Sachsen.

Frage: Waren Sie schon bei einer Hubertusmesse?

Seidel: Im Fernsehen – wenn das zählt. Aber ich war dabei, wie sie einen Hirsch erschossen haben. Jäger sagen zwar nicht »erschossen«, sondern »erlegt«, es fließt auch kein Blut, sondern »Schweiß«. Man denkt gar nicht, dass wir uns in Reichweite des 5. Gebotes befinden! Ich war öfter in »Jagdstuben«: Umgeben von Geweihen, Zähnen und Tiermumien habe ich mich gefragt, was das mit Freude an der Natur zu tun hat. Jagdzimmer sind Mausoleen, Stätten des Todes, die tief in die Jägerseele blicken lassen.

Frage: Ist die Jagd überhaupt ein Anlass, einen Gottesdienst zu feiern?

Seidel: Ein klares Nein! Die Jagd ist ein höchst umstrittenes Hobby. Soll dieser Waffengang, der Angst und Schrecken in Wald und Flur verbreitet, Anlass sein, Gott ins Spiel zu bringen? Was ist Großes dabei, auf Tiere zu schießen, die völlig wehrlos sind? Hier brechen tief liegende männliche Leidenschaften aus Urzeiten durch. Ein Gottesdienst dazu erscheint mir blasphemisch.

Frage: Warum feiern evangelische Gemeinden eine Messe für einen Heiligen?

Seidel: Der Heilige ist nur ein Feigenblatt. Oft jedoch wird die Hubertuslegende in der Messe ohne Pointe gelesen – wie absichtsvoll. Der Heilige hat jedoch, nachdem Christus ihm als weißer Hirsch erschien, der Jagd und dem Töten völlig abgeschworen. Wenn es so wäre, dass nach der Hubertusmesse einige der versammelten Jäger ihrer blutigen Passion entsagten, hätte die Messe auch diesen Namen verdient.

Frage: Hubertusmessen werden auch als „Erntedank der Jäger“ gesehen. Was sagen Sie dazu?

Seidel: Das ist Sprachvernebelung. Gehen Sie auf eine Jagdmesse und sehen sich die Masse von Trophäen an. Da sind die Gründe für die Jagd! Die deutsche Liste der jagdbaren Arten ist eine der längsten in Europa. Inzwischen sind auch Tiere dabei, die auf der Roten Liste stehen, so der Feldhase. Aber es werden pro Jahr über 400 000 Mümmelmänner abgeknallt. Wie viele Tiere werden nur angeschossen und verrecken irgendwo? Schöner Erntedank! Gegen die Ansiedlung der Wölfe kommt der härteste Widerstand von den Jägern, warum wohl? Ja, das unvergleichliche »Jägervergnügen« … Die Kirche sollte sich offiziell von solchen Veranstaltungen distanzieren. Aber ich fürchte, dazu fehlt ihr der Mut.


Mit freundlicher Genehmigung von: „SONNTAG, die Wochenzeitung für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens“


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