Jagd als Ausdruck des Ausbeutungssystems
Buchkritik Karl Heinz Loske: Von der Jagd und den Jägern
von Alex Fassbender
Nur drei Jahre nach dem hervorragenden neuen Anti-Jagd-Buch von Thomas Winter „Jagd Naturschutz oder Blutsport“, erschien im Jahr 2006 erneut ein Buch, dass sich kritisch mit dem Thema Jagd auseinandersetzt. Keinesfalls soll der Eindruck erweckt werden, dass die beiden Bücher sich so sehr ähneln, dass es reichen würde, nur eines von beiden gelesen zu haben. Allein die Ausgangslagen, aus denen sich die Autoren dem Thema nähern, könnten verschiedener nicht sein. Während Winter ein „Fachfremder“ ist, was für sein Buch kein Nachteil war, kann Dr. Karl-Heinz Loske aus der Position des Kronzeugen die Jagd ins Visier nehmen. Dass er selbst auf die Jagd gegangen ist und Jagd für ihn als Jugendlicher eine Selbstverständlichkeit war, bietet Loske viele Einsichten ins Innere der Jägerschaft, die er vortrefflich zu analysieren versteht.
Loske schreibt über seine Jugend, dass er in einem kleinen Dorf aufwuchs, „wo drei Dinge den Jahresverlauf bestimmten Landwirtschaft, Schützenfest und die Jagd“. Er selbst war begeistert von der Jagd und warf die Flinte erst ins Korn, als er die ersten Tiere schon erschossen hatte. Seither arbeitet Loske als Biologe in der Landschaftsökologie und im Artenschutz. Dieser Werdegang würde nahe legen, dass Loske die Jagd in erster Linie aus ökologischen Gründen ablehnt und argumentativ attackiert. Ein Großteil seines Buches jedoch betrachtet den Geist des Jägers, vor allem aus psychologischer Perspektive.
Zweifel an der Richtigkeit seines Handelns bekam der jugendliche Loske vor allem durch das Beobachten anderer Jäger, deren Verhalten ihn erschreckte und Abscheu auslöste. Alkoholgelage gehörten am Anfang ebenso dazu wie Verstöße gegen Tierschutzgesetze oder Jägerbräuche wie das „Streckelegen“ nach der Jagd. Dazu schreibt er: „Bei dieser seltsamen Art von Zapfenstreich fallen einem unweigerlich auch bestimmte, unselige Bilder aus der deutschen Vergangenheit ein, die an fest geschlossene Marschreihen, klingende Männerbünde und Herrenmenschen erinnern.“ Loske erkannte, dass sich der Jäger keineswegs selbst als Freund oder Helfer der Tiere und der Natur versteht, sondern sich vielmehr in der Rolle des Herrschers über Sklaven gefällt. „Jagd ist Ausdruck eines natur- und lebensverachtenden Ausbeutungssystems, das die Freizeitjagd als Symbol für menschliche Kontrolle und Herrschaft über die Natur versteht.“
Im ersten Teil des Buches beschreibt Loske die Grausamkeit der heutigen Jagdpraxis. Das gelingt glaubhaft, zumal der Autor wie gesagt alles selbst erlebt hat. Anschließend beschreibt er die pseudowissenschaftlichen Mythen, mit denen die Jagd gerechtfertigt werden soll, und widerlegt sie mit empirisch belegten Tatsachen. In Teil drei geht es dann darum, was den Jäger antreibt, was seine Motivation zum Töten ausmacht und welche Leidenschaften er dabei empfindet. Loske kommt zu dem Ergebnis, dass Jäger hochgradig gestört psychisch krank sind und Hilfe benötigen. Erst durch die Abkehr von der Jagd könnten sie ihre falschen Bilder von Heldentum, Gewalt, Unterwerfung, Schmerz und Blut hinter sich lassen und sich stattdessen auf Liebe, Geborgenheit, Neugier und wahres Interesse an der Natur einlassen. „Jäger müssen lernen, ihre männlich-destruktiven Emotionen nicht an Schwächeren abzureagieren.“
Mag sein, dass mancheR LeserIn nicht ganz glücklich über die manchmal aufkommende Spiritualität ist, etwa wenn der Autor von allen Lebewesen als „Geschwistern“ spricht oder die Lebens- und Denkweise einige Naturvölker anpreist. Jedoch macht das dieses Buch nicht weniger lesenswert, zumal man sich leicht auch auf jene Bereiche konzentrieren kann, die einem hilfreich sind, z.B. in Diskussionen mit Jägern oder Menschen, die den leider immer noch weit verbreiteten Jägermythen Glauben schenken.
Das Buch beinhaltet im Übrigen gleich am Anfang eine Aufforderung an die Tierrechtsbewegung, in der Karl-Heinz Loske seine tiefe pazifistische Einstellung erkennen lässt. Auf verbale und gefühlte Aggressionen sollte seiner Meinung nach in Antijagd-Kampagnen verzichtet werden. „Wer die Jagd abschaffen will, muss versöhnlich gestimmt sein und eine friedliche Ausstrahlung haben. Zwingen lässt sich kein Jäger und Feindseligkeit speist nur die Aggressionen auf beiden Seiten.“
Schön ist, dass Loske im Gegensatz zu manchen Jagdgegnern nicht andere Formen der viel alltäglicheren Tierausbeutung ignoriert. So spricht er sich deutlich gegen den Fleischkonsum aus. Wer kein Fleisch esse zeige damit, dass er den Tieren Gutes tun wolle, aber auch aufgrund der gesundheitlichen Vorteile - sich selbst. Ob er selbst vegan lebt, geht aus dem Buch nicht hervor, aber zumindest in seinem Hauptthema Jagd hat Loske eine klar abolitionistische Position. „Eine Abschaffung der Jagd wäre positiv für die Tiere, aber auch für die Jäger selbst.“