Zirkusdemos in Kiel und Neumünster
„Überfall“ auf Zirkus Knie durch Jugendliche
Am Freitag, den 28.3.2008, fand in der Kieler Innenstadt eine Demonstration gegen den Zirkus Charles Knie mit rund 220 TeilnehmerInnen statt. Aufgerufen dazu hatte die AG Tierrecht der Jugendgruppe Courage.
Die Demo begann gegen 17 Uhr mit einer Auftaktkundgebung am Bahnhofsvorplatz und wurde durch einen Redebeitrag der Tierbefreiungsinitiative Kiel eingeleitet. Darin wurde die Verbindung zwischen Tierausbeutung und kapitalistischem Normalzustand thematisiert, sowie betont, dass es bei dieser Aktion um Tierausbeutung und nicht um die Zirkuskultur als solche ginge. Lautstark ging es in Richtung Kieler City, und über eine weite Entfernung waren Parolen wie „Stoppt die Tierausbeutung Schließt Zirkus Knie!“ oder „Wer vom Tierleid profitiert, dem sei die Pleite garantiert!“ zu hören. Trotz der Belagerung durch die Polizei konnte der Ablauf am Zirkus zwar nicht gestoppt, aber zumindest gestört werden. Permanent wurden Parolen gerufen, Megaphone machten Lärm, gleichzeitig verteilten AktivistInnen Flyer und schafften es zum Teil, in den Dialog mit PassantInnen und BesucherInnen des Zirkusses zu treten. Nach über einer halben Stunde vor dem Zirkus ging es nun relativ zügig weiter, zum Abschlusskundgebungsort auf den Europaplatz, wo die Demo anschließend gegen 19.15 Uhr aufgelöst wurde. So viel zur Demo gegen Zirkus Knie in Kiel.
Am Wochenende zuvor, am Ostersonntag, kam es während der Nachmittagsvorstellung des Zirkus Knie auf dem Jugendspielplatz in Neumünster dagegen zu folgendem Vorfall: Gegen 16.30 Uhr stürmten 13 - 15 Jugendliche die Manege, unterbrachen die Aufführung, warfen Infoflyer um sich und suchten daraufhin das Weite, um der ungezügelten Gewalt durch die Zirkusleute zu entgehen. Im Presse-/Polizeibericht (Polizeidirektion Neumünster), der die Behauptungen der Zirkusleute ohne weiteres einfach übernahm, heißt es jedoch: „Beim Reinlaufen wurden zwei Frauen (24 und 15 Jahre alt) durch Boxhiebe in den Bauch umgeworfen. Anschließend warfen die Tierschützer Flugblätter in die Luft. Zu diesem Zeitpunkt lief gerade eine Pferdevorstellung mit 2 Reitern und einer Hebefigur. Die beiden Reiter fielen vom aufgeschreckten Pferd, ein Artist verletzte sich dabei leicht am Knie. Eine der beiden Frauen wurde vorsorglich mit dem RTW in das Friedrich-Ebert-Krankenhaus gebracht. Sie konnte aber nach ambulanter Behandlung wieder entlassen werden. Nach dem Werfen der Flugblätter flüchteten die Tierschützer Richtung Sedanstraße. Noch vor Ort konnten Artisten einen der Tierschützer festhalten. Die übrigen Tierschützer hatten sich in die Sedanstraße 17a zurückgezogen. Sie kamen nach Durchsuchungsmaßnahmen durch Polizeikräfte freiwillig heraus und konnten gegen 17.00 Uhr vorläufig festgenommen werden. Es handelte sich um Jugendliche und Heranwachsende, die dem linken Spektrum zuzurechnen sind. Sie wurden nach den polizeilichen Maßnahmen an ihre Eltern übergeben. An dem polizeilichen Einsatz mit 15 Funkstreifenwagen waren Kräfte aus Rendsburg, Kiel und von der Bundespolizei eingesetzt. Die Vorstellung im Zirkus ging nach dem Ereignis weiter. Die Tierschützer gehören zu einer Organisation, die sich die TierrechtlerInnen Neumünster nennen. Der Zirkus war in den vergangen Tagen im Internet bereits Ziel der sogenannten Tierbefreiungsfront (dt. für Animal Liberation Front). Inwieweit die TierrechtlerInnen dieser Organisation zuzurechnen sind, kann zurzeit nicht gesagt werden. In ihrem Flugblatt demonstrieren sie gegen Tiere in der Manege.“
Grund genug, dass die Staatsanwaltschaft in diesem doch so offensichtlich gewalttätigen Fall die Ermittlungen „wegen des Verdachts der Körperverletzung und des Hausfriedensbruchs, letzteres in besonders schwerem Fall“ eröffnet. Die Zirkusleute sind schließlich glaubwürdig, scheinbar so glaubwürdig, dass deren Zeugenaussagen direkt als Tatsachenwiderspiegelung im Polizeibericht erscheinen. Und schließlich versicherte ja auch die Neumünsteraner Amtstierärztin, dass der Zirkus sich bezüglich der Tierhaltung „mustergültig“ an die Gesetze halte, das Futter frisch gewesen sei und die Tiere nicht angekettet. Der Zirkus Knie scheint offensichtlich ein Vorzeigezirkus zu sein!
Doch es gibt auch andere Sichtweisen. Ein Tierrechtler aus Neumünster berichtete der Redaktion zunächst aufgebracht, dass der Zirkus-Go-in nicht von TierschützerInnen oder TierrechtlerInnen initiiert wurde, sondern von jugendlichen Punks, die damit etwas chaotisch und unbeholfen gegen das weltweit herrschende Tierausbeutungssystem rebellieren wollten. Anfangs glaubte unser Informant noch dem Polizeibericht. Doch auch die Punks, die vielleicht nicht hinter der Gewalt ablehnenden Selbstverpflichtung der Animal Liberation Front stehen und keine Erfahrungen mit direkten Aktionen der ALF haben, sind nicht, wie behauptet, gewalttätig vorgegangen, so ein beteiligter und befragter 17-jähriger Aktivist. Dieser versichert, dass bei der Aktion keine Gewalt gegen die Zirkusmitarbeiter bzw. Zuschauer ausgeübt wurde. Im Gegenteil wäre er sehr erschrocken darüber gewesen, wie aggressiv und gewalttätig die Zirkusmitarbeiter mit den teils minderjährigen Punks und Sympathisanten der Tierrechtsszene umsprangen. Während es im Polizeibericht heißt: „Noch vor Ort konnten Artisten einen der Tierschützer festhalten“, war es vielmehr so, dass sich dieser Festgehaltene (ein 16-jähriger Aktivist) zwar nicht mehr wie die anderen „retten“ konnte, doch er wurde nicht einfach nur „festgehalten“. Vielmehr musste er von der Polizei aus einem Transporter der Knie-Mitarbeiter befreit werden, die trotz Anwesenheit der Polizei noch (freiheitsberaubend) mit ihm wegfahren wollten. Damit bewahrte die Polizei den 16-jährigen wahrscheinlich vor körperlicher Misshandlung durch die ach so vorzeigbaren Zirkusleute. Den Polizeibeamten ist durch das Anhalten des Transporters zu danken, dass Schlimmeres nicht zustande kam. Klar ist, dass es wegen dieser versuchten Freiheitsberaubung und der sich abzeichnenden Absicht der Körpermisshandlung eines Minderjährigen keine Anklageerhebung gegen Knie geben wird. Denn die Täter stehen ja fest, es sind natürlich jene, die zu der Zeit an dem Ort nichts zu suchen hatten. Es sind jene, die das Hausrecht verletzen und die Überfallenen ins Krankenhaus schlagen.
Der Besucher Volker S. kommentierte einen Zeitungsartikel zu diesem „brutalen Überfall“, bei dem Frauen „niedergeschlagen“ und durch den „viele Kinder“ erschreckt wurden, folgendermaßen:
„Meiner Meinung nach wird viel zu viel Wind um die ganze Sache mit dem Zirkusüberfall gemacht. Ich selbst habe am Ostersonntag mit meinen Kindern die Nachmittagsvorstellung des Zirkusses besucht und so auch den Zwischenfall mit den Tierschützern miterlebt. Auch wenn die ganze Situation zwar sehr hektisch war, wirkten die Tierschützer dennoch friedlich. Viel erschrockener war ich über das unprofessionelle Vorgehen der Zirkusleute mit diesem Vorfall, die sehr wüst und aggressiv auf den Vorfall reagierten. Über das Vorgehen der Tierschützer lässt sich streiten; was sie gemacht haben, ist sicherlich nicht richtig. Jedoch kamen sie mir eher wie frustrierte Jugendliche vor, die mit einem besonders eindrucksvollen Auftreten Aufmerksamkeit erlangen wollten. Und das sollten sie auch bleiben. Jugendliche, auch wenn sie nicht ganz richtig gehandelt haben, sollten Jugendliche bleiben und nicht als „organisierte Verbrecher“ deklariert werden.“
Dieser Zeugenbericht wird den Vorfall wahrheitsgetreuer widerspiegeln als der Zeugenbericht der Zirkusleute, auf den sich der Polizeibericht stützt, welcher wiederum den Medien „die Wahrheit“ widerspiegelt. Der Zirkus Knie betätigte sich vor 8 Jahren bereits als Schlägertruppe. So bekannte sich der Zirkus Knie indirekt zu einem Überfall auf vier friedlich demonstrierende Tierrechtler im österreichischen Tulln im März 2000. Unter der Führung der beiden Zirkusdirektoren Louis Knie junior & senior überfielen damals etwa 30 Zirkusangestellte die Demonstrierenden, zwei von diesen wurden verletzt vom Rettungsdienst ins Krankenhaus gebracht. Der Zirkus überwies damals noch vor der Gerichtsverhandlung ein Schmerzensgeld und Schadensersatzzahlungen in Höhe von umgerechnet über 7.000 Euro. Zirkusse verkaufen Illusionen. Der Zirkus Knie tut dies sogar „mustergültig“. (zr)
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