Eine Staatsmacht wehrt sich gegen die
Wahrheit – doch die Wahrheit ist unverwundbar!

In Solidarität mit den 10 verhafteten Tierrechtsaktivist/innen und als eine Reaktion auf den offenen Brief von Kevin und Christof vom Juli 2008

Unbetrübte, unbeirrte, unverrückte Signale
ertönen aus den Kerkern heutiger „Rechtsstaatlichkeit“.
Man konnte einbrechen in ihr Heim,
sie mit gezückter Waffe zu Tode erschrecken,
sie ihrer Freiheit berauben,
mit haarsträubenden Vorwürfen überschütten,
den Knüppel schwingend, den Knüppel der Macht,
der Gewalt und des Staates – doch vergeblich!
Die Wahrheit lässt sich nicht einsperren!

„Nein, ich werde nicht schweigen“ heißt es in einem offenen Brief,
der den Weg aus der Parallelgesellschaft Knast in die
‚normale’ Welt gefunden hat.
Nicht schweigen, sondern aussprechen, die unerträgliche Wahrheit.
Das unerträgliche Wissen über ein unerträgliches Verbrechen!
Verbrechen, an denen fast die gesamte Menschheit tagtäglich
beteiligt ist – und trotzdem nichts davon wissen will!
Verbrechen an Hilflosen, Rechtlosen, Schutzlosen,
Verbrechen, die im Sinne von Staat und kollektivem Gewissennoch
nicht einmal Verbrechen sind.
Doch die Wahrheit lässt sich nicht einsperren!

Sie sollen nun bluten, jammern, zittern, flehen,
diejenigen, die den Finger in die Wunde legen und sagen:
‚Hier, seht her! Schaut hin, was mit Tieren passiert! Was ihr Tieren antut!’
Schweigen sollen sie, schweigen und sich einreihen in die Reihe der Ahnungslosen, Ignoranten, Profiteure und Sadisten,
derjenigen, die Tiere zur Ware machen und sie vernichten.
Tiere symbolisieren heute das, was damals die „Neger“, die Juden, die Hexen,
die Nichtgleichen, die Anderen, die Wilden, Unbezähmbaren,
Angst einflößenden Fremden waren,
die den Ausgrenzenden den ‚Makel’ der eigenen Unvollkommenheit, der Begrenztheit,
der Verletzlichkeit und der Endlichkeit spiegeln,
all jenes, was sie eigentlich verbindet und was sie bei sich selbst nicht wahrhaben wollen.
Tiere zeigen es ihnen allein angesichts ihrer Würde,
die ihnen trotz aller Schmach und Verfolgung,
mit denen man ihnen begegnet, nicht zu nehmen ist.
Die Wahrheit lässt sich nicht einsperren!

Wie schwach ist doch das System der Macht, der Gewalt und des Staates,
wenn es nichts anderes kann als die ‚Aufrührer’ und Aufklärer
aus dem Verkehr zu ziehen.
Wie schwach, wie armselig und wie feige,
denjenigen eins auszuwischen zu wollen,
die nicht konform gehen, nicht wegsehen und nicht schweigen.
Und doch ist es ein hilfloses Mittel jenseits der Zeit,
Menschen, die die gewalttätige Normalität des Bestehenden nicht hinnehmen wollen,
vermeintlich ‚unschädlich’ zu machen,
indem man sie einsperrt und ihrer Eigenständigkeit beraubt,
um schlussendlich ihren Willen zu brechen versuchen.
Doch die Wahrheit lässt sich nicht einsperren!
Wahrheit tut weh, sie schmeichelt nicht, ist unbequem, erschüttert,
vor allem erfordert sie Konsequenzen!
Doch wer sich ihr verschließt und sich ihr nicht stellt, bleibt Gefangener.
Gefangener einer Welt, in der vor allem das Gesetz des Stärkeren gilt,
des Obenstehenden, des Machthabenden, der mit Füßen nach unten tritt.
Einer Welt, die unbarmherzig ist gegen Schwächere, Ohnmächtige, Andere,
die nicht konform und gleichförmig sind.
Gefangen in einem Strom voller Verfolgung und Niedertracht, Projektion und Willkür,
in der menschliche Züge wie Respekt, Empathie und Mitleid als Schwäche abgetan
und mit Spott erstickt werden sollen.

Die Tierausbeutung zeigt dieses System bis ins perfideste Detail:
Mit einem Gesetz zu ihrem Schutze rhetorisch bewaffnet,
führt es gleichzeitig und mit ihm Krieg gegen die Tiere,
einen Krieg, der ungleicher nicht sein kann.
Seine Kriegswaffen sind Industrien, Schlachthöfe, Massenwerbung, Kultur,
gleichzeitig doch auch Sprache, Erziehung, Zivilisation, Tradition
und sogar Bildung und Aufklärung sind Kriegsmittel,
Errungenschaften, dessen Dialektik die Doppelmoral menschlicher Züge entlarvt:
Die Entrechtlichung, Versklavung und das Abschlachten der ahnungslosen Tiere,
ihre kindesgleiche Schutzlosigkeit und Gutmütigkeit schamlos ausnutzend,
offenbart das Allmachtsstreben des Menschen,
der mit seinem Intellekt die Barbarei allzeit mit sprachlichen Mitteln,
mit ‚rational’ klingenden Argumenten zu rechtfertigen weiß,
sogar von Notwendigkeit faselt, um die Schwere des Verbrechens von sich zu weisen
und damit auch die eigene Verantwortung.
Es entlarvt die Schamlosigkeit des zum Normalitätssystem
abstrahierten Verbrechens gegen Tiere.
Und die weit reichende Verinnerlichung und erlernte Überzeugung,
dass man mit Tieren, mit den Anderen, dies alles ungestraft tun kann, sogar soll.

Die Verwundbarkeit menschlicher wie tierlicher Körper verbindet sie unabänderlich,
genauso wie die Verwundbarkeit ihrer Seelen.
Die Wahrheit jedoch ist unverwundbar,
die Wahrheit, die die heute Eingesperrten in sich tragen,
den Finger, den sie in die Wunde der Menschen legen,
die nicht um dieses Verbrechen heutiger Normalität wissen wollen,
aber insgeheim doch ahnen und kollektiv verdrängen,
wird kein Staat, keine Macht und kein System der Welt einsperren können,
„auch mit massivster Repression nicht, niemals!“


Tina Möller, Dortmund, 24. Juli 2008