Tierbefreiung und Fiktion
Beispiele für Kritisches zum Mensch- Tier-Verhältnis in der Romanliteratur
Viel diskutiert wird, was Philosoph_innen und Soziolog_innen über den Umgang der menschlichen mit den nicht-menschlichen Tieren äußern. Vergessen wird häufig, dass auch die Kunst einen Teil des normativen Diskurses bildet. Auch Kunst kann „Politik mit anderen Mitteln“ sein. Sie kann wenig vorurteilsbehaftet und auf unaufdringliche Weise Gesellschaftskritik transportieren. Einige Beispiele für kritische Beleuchtungen des Mensch-Tier-Verhältnisses in der erzählenden Literatur werden im Folgenden vorgestellt.
Romane machen keine direkten beschreibenden oder wertenden Aussagen. In ihren Erzählungen werden nur mögliche (oder auch unmögliche) Geschehnisse und Gedanken ohne Wahrheitsanspruch dargelegt. Wie die Leser_innen das Fiktionale in Bezug zu ihrer eigenen Lebenswirklichkeit setzen, bleibt ihnen selbst überlassen.
„Im literarischen Bildgewebe entdecke ich das identifikatorische »tua res agitur«. Mit ihren eigentümlichen Mitteln leistet Literatur somit einen unverwechselbaren Beitrag im Kampf um die Rechte der Tiere“[1] schlussfolgert Manuela Linnemann, die sich ausführlich mit dem Motiv des Schlachtens in der Literatur auseinandergesetzt hat.
„Schriftsteller lehren uns mehr, als ihnen bewusst ist.“ [1], lässt der vegetarische Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee seine Protagonistin, die ihreszeichens Schriftstellerin ist, in dem Roman „Das Leben der Tiere“ ausführen. Das mag in Bezug auf den Umgang mit nichtmenschlichen Tieren auf viele Autor_innen zutreffen. Coetzee selbst scheint in „Das Leben der Tiere“ den Leser_innen sehr bewusst etwas näher bringen zu wollen. Der kompakte Roman behandelt die Reflektion über das Verhältnis der Menschen zu anderen Tieren als zentralen Punkt, indem er es zum wichtigsten Anliegen seiner Protagonistin macht: Eine schon etwas betagte Schriftstellerin hält einen Gastvortrag an der Universität, an der ihr Sohn als Dozent tätig ist. Zum Unbehagen des Sohnes und dessen Ehefrau, rankt sich das Vorgetragene der vegetarischen Mutter in teilweiser provokanter Art und Weise (inklusive Holocaustvergleich) um den Umgang der Menschen mit den übrigen Tieren. Am Ende des Romans fragt der Dozent seine resolute Mutter, warum sie die Tierfrage so wichtig nähme. In ihrer Antwort berichtet sie ihm von ihren Schwierigkeiten mit omnivoren Mitmenschen: „Ist es denn möglich, frage ich mich, dass sie alle an einem Verbrechen unvorstellbaren Ausmaßes teilhaben? Phantasiere ich mir das alles zusammen? Ich muss wohl verrückt sein! Aber tagtäglich sehe ich die Beweise. Eben die Leute, die ich verdächtige liefern den Beweis, stellen ihn zur Schau, bieten ihn mir an. Leichen. Leichenteile, die sie mit Geld gekauft haben.“ [1]
Auch dort, wo mensch es vielleicht am wenigsten vermuten würde, finden sich kurze kritische Passagen, in denen Aspekte des Umgangs mit nichtmenschlichen Tieren thematisiert werden. So schildert Charles Bukowski, den es selbst bei seinen Gelegenheitsjobs mehrmals in den Schlachthof verschlug, in der Kurzgeschichte „Kid Stardust im Schlachthof“ einen kurzen Einblick in den dortigen Alltag: „Sie brachten mich in einen anderen Raum. In der Luft hängend, kommt durch die große Öffnung hoch oben in der hinteren Wand ein halber Mastochse oder vielleicht ist es ein ganzer gewesen, ja, es waren ganze Ochsen, ich weiß es jetzt, alle vier Beine waren noch dran, und einer kam an einem Haken aus dem Loch, eben war er ermordet worden, und direkt über mir blieb der Ochse stehen, hing da direkt über mir an diesem Haken.
Sie haben ihn gerade umgebracht, dachte ich, sie haben das verdammte Ding umgebracht. Wie können sie einen Mann von einem Ochsen unterscheiden? Wie wollen sie wissen, daß ich kein Ochse bin?“ [2]
Auch Alfred Döblin beschreibt in „Berlin Alexanderplatz“ Schlachthofroutine. An einer Stelle stellt er sie als Kontrast dem Leben der Menschen in der näheren Umgebung gegenüber: „An den langen Hallen sind Türen, schwarze Öffnungen zum Eintrieb der Tiere, Zahlen dran, 26, 27, 28. Die Rinderhalle, die Schweinehalle, die Schlachträume: Totengerichte für die Tiere, schwingende Beile, du kommst mir nicht lebend raus. Friedliche Straßen grenzen an, Straßmannstraße, Liebigstraße, Proskauer, Gartenanlagen, in denen Leute spazieren. Sie wohnen warm beieinander, wenn einer erkrankt und Halsschmerzen hat, kommt der Arzt gelaufen.“ [3]
Der Marquis de Sade, dem meist nicht gerade der Ruf des Sanftmutes vorauseilt, schreibt in einer egalitär-freiheitlichen Utopie den Bewohner_innen der Insel Tamoé den Vegetarismus zu. Er lässt Zamé, das Staatsoberhaupt Tamoés erläutern: „Nicht um eines religiösen Prinzips willen enthalten wir uns fleischlicher Nahrung; es geschieht aus Gründen der Diät, es geschieht aus Humanität. Warum sollten wir unsere Brüder opfern, wenn die Natur uns andere Dinge gibt? Kann man wirklich annehmen, daß es gesund sein sollte, das faulende Fleisch und Blut von tausenderlei Tieren in seine Eingeweide hineinzuschlingen?“ [4}
In Margaret Atwoods dystopischen Roman „Der Report der Magd“ sieht sich ein Ehepaar gezwungen, ihre Katze zu töten, damit ihre Flucht unbemerkt bleiben kann. Die Erzählerin schildert die Szene, in der diese Entscheidung getroffen wird: „Ich werde mich darum kümmern, sagte Luke. Und weil er darum sagte statt um sie, wußte ich, daß er meinte: Ich werde sie töten. Genau das mußt du tun, bevor du tötest, dachte ich: Du mußt ein es erschaffen, wo es vorher keines gegeben hat. Das tust du zuerst, im Kopf, und führst du es aus.“ [5]
Milan Kundera kratzt in seinem bekanntesten Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ gleich mehrmals am traditionellen Rollenbild des Menschen gegenüber der übrigen Tierwelt. Der Erzähler schreibt einer der Hauptfiguren die Vorstellung zu, der Mensch lebe als Parasit: “Nichts ist rührender als Kühe, die zusammen spielen. Teresa schaut ihnen voller Sympathie zu und sagt sich (dieser Gedanke kehrt schon seit zwei Jahren immer wieder), daß die Menschheit genauso von der Kuh schmarotzt, wie der Bandwurm vom Menschen: sie hat sich wie ein Blutegel an ihrem Euter festgesaugt. Der Mensch ist der Parasit der Kuh, so etwa würde der Nicht-Mensch in seiner Tierkunde den Menschen definieren.“ [6]
Mit einer Erzählung über den späten Nietzsche stellt Kundera an anderer Stelle den Herrschaftsanspruch der Menschen gegenüber der übrigen Natur in Frage:“Nietzsche verläßt sein Hotel in Turin. Er sieht vor sich ein Pferd und einen Kutscher, der das Tier auspeitscht. Nietzsche geht auf das Pferd zu, schlingt ihm vor den Augen des Kutschers die Arme um den Hals und weint.
[…]. Nietzsche war gekommen, um bei dem Pferd für Descartes Abbitte zu leisten. Sein Wahn (sein Bruch mit der Menschheit also) beginnt in dem Moment, als er um ein Pferd weint.
Und das ist der Nietzsche, den ich mag, genauso wie ich Teresa mag, auf deren Knien der Kopf des todkranken Hundes ruht. Ich sehe die beiden nebeneinander: beide weichen von der Straße ab, auf der die Menschheit als „Herr und Besitzer der Natur“ vorwärtsmarschiert.“ [6]
Schließlich bezieht sich Kundera auch auf den moralischen Aspekt des Umgangs der Menschen mit den anderen Tieren. „Die wahre moralische Prüfung der Menschheit, die elementarste Prüfung (die so tief im Innern verankert ist, daß sie sich unserem Blick entzieht) äußert sich in der Beziehung der Menschen zu denen, die ihnen ausgeliefert sind: zu den Tieren. Und gerade hier ist es zum grundlegenden Versagen des Menschen gekommen, zu einem so grundlegenden Versagen, daß sich alle anderen aus ihm ableiten lassen.“ [7]
Ähnliche Beispiele lassen sich vor allem in der zeitgenössischen Romanliteratur sicher noch einige mehr finden. Vielleicht steht die Wirkung eines gern gelesenen Romans manchmal gar nicht hinter aufklärender Berichterstattung über Massentierhaltung, Robbenschlachten oder „Bio-Puten“ zurück und kreatives Schreiben wird als politischer Akt, auch als Teil der Tierbefreiung, unterschätzt.
Andrea Heubach
Fußnoten:
1: Bukowski, Charles: Kid Stardust im Schlachthof.
In: Fuck Machine. Neuauflage. Frankfurt am Main 2003.
S. 7-14. S.11.
2: Döblin, Alfred: Berlin Alexanderplatz. Zitiert nach. Linnemann, Manuela (Hrsg.): Der Weg allen Fleisches. Das Motiv des Schlachtens in der Literatur. Erlangen 2006. S. 74.
3: Marquis de Sade, Donatien-Alphonse-François : Die utopische Insel Tamoé. (Veröffentlicht im Roman „Aline et Valcour“ ). Zitiert nach : Lind, Georg Rudolf : Marquis de Sade. Schriften aus der Revolutionszeit. Die utopische Insel Tamoé. S. 23- 143. Frankfurt am Main 1989. S. 30.
4: Atwood, Margaret: Der Report der Magd. Frankfurt am Main 1989. S. 253.
5: Kundera, Milan : Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins.
32. Auflage. Frankfurt am Main 2000. S. 275.
6: Ebenda S. 278.
7: Ebenda S. 277.