Liberation Days in Wien

Anlässlich des Jahrestages der massiven Hausdurchsuchungen und zehn Verhaftungen in Österreich veranstaltete die Basisgruppe Tierrechte (BaT) von Donnerstag, 21. Mai, bis Sonntag, 24. Mai 2009, in Wien ein verlängertes Wochenende gegen Käfige und Knäste. Dabei wurden in Vorträgen und Podiumsdiskussionen Aspekte der Tierbefreiungstheorie ebenso diskutiert wie praktische Tierrechtsarbeit.

Die Repression ist noch immer präsent für die AktivistInnen der BaT: Viele aus der Gruppe hatten Hausdurchsuchungen, einige waren im Knast und der Vorwurf, Mitglieder einer kriminellen Organisation zu sein, bleibt weiter bestehen. Überwachung und Ermittlung haben also kein Ende. Folglich bildete die Auseinandersetzung mit Repression gegen soziale Bewegungen und politische AktivistInnen und allgemeine Knastkritik den Schwerpunkt der vier Tage.

Eröffnet wurden die Liberation Days mit einem sehr anregenden Vortrag von der Sozialhistorikerin Mieke Roscher. Vor allem anhand eines sehr bekannten Fotos einer Hundebefreiung aus den 80er Jahren zeigte sie auf, wie die Tierbefreiungsbewegung sich selbst inszeniert und welches Tierbild sie präsentiert. In ihrer Analyse hat sie den historischen Hintergrund der Bilder, die Bildkomposition und auch die Rolle des Tieres in dem Bild betrachtet und erstaunlich viel herauslesen können.

Am Freitag stand das Thema Repression im Mittelpunkt. Diese wurde aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, erläutert und diskutiert. Die Beiträge konnten sich gut ergänzen:
Die BaT ist selbst stark von Repression getroffen und hat den Anspruch, ihre Erfahrungen an die Bewegung weiterzugeben, damit an-dere von ihren Erfahrungen lernen können.
Eine Vertreterin der Antirep2008-Gruppe eröffnete den Tag, indem sie erklärte: „What the fuck is 278a?“ Ein Referat, das sich hauptsächlich an Leute, die sich noch nicht viel mit dem Thema beschäftigt haben, richtete, um somit eine Basis für eine etwas gleichgestelltere Diskussion zu schaffen.

In einem sehr persönlichen Vortrag sprach Jan von der BaT, der selbst über 3 Monate in Untersuchungshaft verbringen musste, von seinen Erfahrungen im Knast. Ihm war es wichtig zu betonen, dass Gefängnisse Mittel zur sozialen Kontrolle sind und vielmehr die herrschende Ordnung durchsetzen sollen, als Schutz vor Verbrechen bieten. Er sprach vom Alltag und auch über die Gefühle von Unsicherheit und Vereinsamung, die im Knast aufkamen. Doch er fügte hinzu, dass er nie total verzweifeln musste.

Jan hielt seine Rede kurz, mochte lieber Fragen aus dem Publikum beantworten und eine Diskussion anregen. Aus den vielen Fragen, die aufkamen, war deutlich herauszulesen, dass viele Leute sich vor dem Knast fürchten. Bekommt mensch veganes Essen? Kosmetika? Wie waren die Häftlinge untereinander? Wie wurden sie von den Gefängniswärter-
Innen behandelt? Ich glaube, Jan konnte einige Fragen beantworten und hoffentlich auch Ängste vor dem Knast nehmen. Zur Diskussion kam auch die Frage, wie mensch sich im Knast wehren könne. Was kann mensch der ständigen Kontrolle der eigenen Person entgegensetzen? Die Möglichkeiten im Knast sind sehr begrenzt, dennoch verstoßen Häftlinge oft gegen Regeln und kommunizieren von Fenster zu Fenster, Drogen kommen rein, Sachen können weitergegeben werden, aber sonst findet wenig gemeinsames Handeln statt.

Während der gesamten Veranstaltung gab es auch die Möglichkeit, gemeinsam oder einzeln Briefe an internationale Tierbefreiungsgefangene zu verfassen.

Eine Aktivistin der BaT erzählte von ihren Erfahrungen auf der anderen Seite der Gefängnismauer. Wie ist es, in einer Tierrechtsgruppe zu sein, die so hart mit Repression konfrontiert wird? Die gute Kommunikationsstruktur der Gruppe hat bereits am ersten Tag geholfen, dass alle per SMS- oder Telefonketten zügig von den Hausdurchsuchungen informiert werden konnten und auch, dass keine Gerüchteküche entstanden ist. Aber es gab sehr viel Unsicherheit, weil niemand wirklich wusste, was los war und wie es weitergehen würde. Dazu waren sie im Schockzustand: FreundInnen sind plötzlich weggesperrt, viele der Übriggebliebenen hatten auch gewalttätige Hausdurchsuchungen erlebt, waren sehr unsicher und besorgt. Somit war Kommunikation enorm wichtig, um einen Informationsaustausch zu ermöglichen und um persönliche Befindlichkeiten zu verstehen.

Ihre Erfahrungen zeigen, wie wichtig es ist, dass Verantwortung in der Gruppe geteilt und Wissen weitergegeben wird, damit möglichst alle alles können, damit sie auch funktionieren kann, wenn auf einmal eineR nicht da ist. Denn neben der normalen Tierrechtsarbeit (die vorerst auf das Minimum runtergeschraubt werden musste) kamen so viele zusätzliche Verantwortungen: Gefängnisbesuche, Treffen, Tiere betreuen, Informationsversorgung für Familien, sich um die Wohnungen und Arbeitsstellen der Gefangenen kümmern ...
Ihr Fazit: „Denkt über gute soziale Strukturen und Arbeitsstrukturen nach. Denkt an Repression und den Umgang damit. Achtet auf euch und achtet auf eure Gruppen.“

Auch Beiträge von einer Mitarbeiterin der Antirep2008-Gruppe und eine Trauma-
Support-Gruppe haben nützliche Information angeboten, wie mit den verschiedenen Auswirkungen von Repression umzugehen war, ist und sein wird.

Sicherlich haben nicht nur die Betroffenen selbst sich gefragt, warum die Repression in Österreich kam, warum jetzt und warum in dieser Form. Die Ereignisse in Österreich lassen sich nur im historischen und internationalen Kontext verstehen. Durch eine Podiumsdiskussion sollte dieser erkundet werden.

Mieke Roscher stellte erst einmal die Situation in den USA vor. Durch den Gewaltdiskurs in den Medien werden die Grenzen legitimen Protests gesetzt. Unterschiedlichste Aktionsformen, Ideologien usw. werden unter einem Hut zusammengefasst und als Terrorismus bezeichnet. Die Benennung als Terrorismus degradiert und entpolitisiert Proteste. Das delegitimiert sie. Je mehr der Begriff benutzt wird, auch um nur kleine Straftaten, wie Fensterscheiben einwerfen, zu beschreiben, desto mehr werden die Grenzen verwischt zwischen Gruppierungen wie ALF und Al Quaida.
Mit der wachsenden Angst vor Terrorismus seit „9/11“ wurden neue Gesetze entworfen, wie der Patriot Act, dessen Definition von Terrorismus auch die ALF erfüllen könnte. Neuerdings wurden Gesetze entworfen, besonders um Tierrechtsproteste zu unterbinden, wie das Animal Enterprise Terrorism Act. So können Sachbeschädigungen Haftstrafen von bis zu 20 Jahren mit sich bringen. Historisch liegt ein Grund für verstärkte Repression an sozialen Krisen. Mensch sucht Schuldige dort, wo es eine Krise gibt. So ist nicht die Wirtschaft oder Industrie schuld am Klimawandel, sondern die AktivistInnen, die dagegen protestieren.
Ein langjähriger Grassroots-Aktivist aus London, Brendan, sieht vor allem ökonomische Einflüsse an dem Ausmaß der Repression beteiligt, mit der die sozialen Bewegungen konfrontiert werden. Sobald Proteste zu erfolgreich werden, besonders wenn sie ganze Industriezweige bedrohen, wie Anti-Tierversuchskampagnen in Großbritannien, werden sie von Staatsseite bekämpft. So gab es schon in den 1980er Jahren die ersten „Schauprozesse“ gegen TierbefreiungsaktivistInnen und bald danach auch die ersten Gesetzesänderungen, die darauf zielten, vor allem Tierrechtsdemonstrationen zu behindern.

Kevin, ein Aktivist der BaT und der tierbefreier e.V., sieht auch diese ökonomischen Zusammenhänge und den Einfluss von Tierausbeutungsindustrien auf die Politik, aber vor allem eine internationalen Entwicklung hin zu repressiven Überwachungsstaaten, die eine Gefahr für alle sozialen Bewegungen darstellen.
Natürlich ist Aufhören gar keine Option, da waren die beiden Aktivisten sich einig, aber angesichts der wachsenden Repression muss mensch sich sowohl mit Repression als auch mit dem eigenen Tun, den eigenen Aktionen auseinandersetzen. Brendan fügte noch hinzu, dass eine Antwort auf Repression auch sein sollte, die bestehenden Kampagnen stärker zu machen.

Ein Highlight der Tage war die Demonstration unter dem Motto „Gegen Käfige und Knäste“. Diese war bis zum Ende lauter und kraftvoller als manch eine Demo mit drei Mal so vielen TeilnehmerInnen. Es wurde u.a. bei Kleider Bauer, Hämmerle und Escada angehalten und deren Eingänge zeitweise blockiert. Redebeiträge zu den Themen Pelz, Fleisch, Fisch, Repression, Rassismus und
§ 278a wurden gehalten.

Der Demo folgte ein Vortrag von Günther Rogausch, in dem ausschnittsweise aufgezeigt wurde, wie sich speziesistische Ideologie auf unsere Wahrnehmung der Realität auswirkt und die Unterdrückung nichtmenschlicher Tiere rechtfertigt. Dabei wurde sowohl darauf eingegangen, was die Ideologie des Speziesismus kennzeichnet, als auch ein Blick auf die speziesistische Praxis mit einem Fokus auf die Schlachtung bzw. den Konsum von „Fleisch“ geworfen. Dabei waren durchaus auch kritische Zwischentöne hinsichtlich des Selbstverständnisses und der Praxis der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung herauszuhören.

Wer nach einem Tag voller Aktion und Theorie noch konnte, machte letzten Endes Party. Eine bewegende Einlage war ein Kurzfilm von der ersten Solidemo, die am Tag der Verhaftungen vor dem Knast stattfand. Benefiz ging an Antirep2008, die noch immer auf Gelder angewiesen sind. (siehe TIERBEFREIUNG 52)

Seit ca. 2000 sind auch im deutschsprachigen Raum Kampagnen mit einem bestimmen Nahziel einer der Hauptbestandteile der Tierrechtsarbeit geworden. Diese Strategie hat die Arbeitsweise von Basisgruppen sehr verändert. Eine Abschlussdiskussion haben zwei Tierrechtler von der Basisgruppe Vor- und Nachteile dieser Arbeitsweise zur Debatte vorgestellt. Einerseits konnten durch diese strategischen Vorgehen einige Erfolge erzielt werden, die früher nicht vorstellbar waren, so sind fast alle große Kaufhausketten inzwischen pelzfrei. Weil verschiedene Aktionsformen sich gegenseitig ergänzen, können sich auch unterschiedliche Leute je nach Vorliebe und Möglichkeiten einbringen und die Bewegung ist durch die notwendige Zusammenarbeit gut vernetzt. Doch Menschen müssen auch die Grenzen der Kampagnenarbeit bewusst sein. Sie haben ihre Stärken, aber sind nicht Mittel zur Tierbefreiung. Es geht nicht einfach, viele erfolgreiche Kampagnen zu machen, bis es Tierausbeutung nicht mehr gibt. Und was ist der Unterschied zwischen Tierschutz- und Tierbefreiungskampagnen? Nicht nur die Forderung, Ausbeutung abzuschaffen oder zu reformieren, sondern auch die Argumentationsweise ist wichtig. Beispiel: Soll mensch gegen „Pelz“ sein, weil Pelz nicht artgerecht produziert wird oder weil Tiere nicht dazu da sind? Könnte Kampagnenarbeit für die Burnouts von AktivistInnen mitverantwortlich sein? Ist sie bei zunehmender Repression noch praktikabel? Welche Möglichkeiten zur effektiven Tierrechtsarbeit haben wir noch?
Es ist wichtig, die eigene Tierrechtsarbeit zu reflektieren, damit diese nicht zur Frustration oder Burnout führt und sie möglichst dahingehend zu gestalten, dass sie den Weg zeigt zu einer anderen Gesellschaft, in der Menschen und andere Tiere frei leben können. Die Diskussion soll auf alle Fälle weitergeführt werden und es ist geplant, beim im August stattfindenden Tierbefreiungskongress Raum dafür einzuräumen.

Der Abschlussrunde zufolge waren sowohl VeranstalterInnen als auch BesucherInnen grundsätzlich begeistert von den Tagen in Wien. Die Organisation war super und fast alles hat reibungslos geklappt; die Atmosphäre war gut, die Themenwahl interessant und passend, ReferentInnen waren in ihren Themen bewandert und konnten diese auch gut vermitteln.

Einige Kritiken gab es dennoch, zum Beispiel an der Diskussionskultur, welche, obwohl allgemein als respektvoll und offen empfunden, doch sehr von männlichen Teilnehmern dominiert wurde. ReferentInnen haben meist darauf geachtet, männliche und weibliche Formen zu verwenden, doch in den darauffolgenden Diskussionen wurde sehr oft nur von Aktivisten und Demonstranten gesprochen und das blendet die Frauen aus, die in der Bewegung aktiv sind. Auch haben viel mehr Männer als Frauen Wortmeldungen gemacht, ein Problem, das immer wieder thematisiert wird bei Treffen und politischen Veranstaltungen und trotzdem stets aufkommt. Es wäre begrüßungswert, dies schon bei der Planung von Veranstaltungen (zum Beispiel dem Tierbefreiungskongress im August) zu berücksichtigen und sich Strategien zu überlegen, dem entgegenzuwirken. Die Wünsche nach weniger Frontalvorträgen, mehr Diskussionen und auch mehr praktischen Workshops wurden geäußert.

Dieser Artikel kann leider nur einen kurzen Überblick verschaffen, von dem, was bei den Liberation Days los war. Besonders die theoretischen Beiträge sind hier nur sehr verkürzt dargestellt. Es ist aber geplant, einen Reader zur Veranstaltung herauszugeben, der sicher sehr lesenswert sein wird.

Für weitere Informationen, siehe
www.basisgruppe-tierrechte.org

Claudia Knefel-Kamp