Rezension zu "Das Tier"

Teils eine gelungene Einführung, teils eine Theologen-Polemik

Die beiden Autoren des Buches Das Tier, Hans Werner Ingensiep und Heike Baranzke, untersuchen in ihrer Tierphilosophie, was „das Tier“ ist, ob und wie das Tier denkt, wie wir uns dem Tier gegenüber verhalten sollen, und – in einem sehr kurzen Epilog – was das Tier erwarten könnte. Mit diesen vier Bereichen decken sie die auf „das Tier“ umgemünzten Schlüsselfragen des Philosophen Immanuel Kant ab. Die Autoren erkennen zwar die Unterschiede zwischen den Arten an, die eine Vereinheitlichung „des Tiers“ eigentlich untersagen. Doch ebenso wie der Buchtitel steht auch das Autorenpaar für eine klare Trennung ein, von Menschen einerseits und Tieren andererseits.

Die Autoren möchten die Leser in erster Linie mit den klassischen Grundpositionen und Argumentationen bekannt machen. So konzentriert sich der Biologe und Philosoph Ingensiep in den ersten beiden Teilen des Buches, die ihm zugeschrieben werden können, stark auf die Darstellung und Diskussion bestehender Theorien. Dies macht er vortrefflich, und es steht außer Frage, dass er gerade hinsichtlich des ersten Kapitels, was das Tier sei, über hervorragende (vor allem biologische und anthropologische) Kenntnisse verfügt. Erfrischend ist auch Ingensieps Fähigkeit, alles Wesentliche auf den wenigen, zur Verfügung stehenden (lediglich 150) Seiten verständlich auszudrücken. Seine persönlichen Ansichten hält er zurück und überlässt dem Leser die eigene Meinungsbildung.[1]

Was ist das Tier? Ein Automat, ein Sinnenwesen, ein Instinktwesen oder ein Subjekt? Der einflussreiche Biologe von Uexküll meinte, jede Tierart habe ihre je eigene Umwelt und Innenwelt. „Epistemischer Pluralismus“ bedeutet in dem Zusammenhang, dass es nicht nur einen Weg oder eine Art gäbe, die Welt zu erkennen bzw. zu erfahren. „Tierphilosophisch stellt sich die Frage, wie es ist, ein Tier zu sein, das eine ganz andere Organisationsform hat als der Mensch, also über andere Sinnesorgane verfügt oder über eine andere neuronale Basis.“ (S.49) Als „problematische Leitfrage“ gilt Ingensiep und Baranzke jedoch: „Wer ist so wie wir?“ (S.74) Es geht darum, „ob nichtmenschliche Wesen wie Tiere [...] Gedanken und Intentionen in Analogie zu Menschen haben können“ (S.53).

Auch die zweite Hälfte, also der dritte und vierte Teil des Buches, die wohl eher der Theologin Baranzke zugeschrieben werden können, ist wohl noch empfehlenswert, wenn auch meiner Meinung nach mit deutlichen Abstrichen und nicht mehr uneingeschränkt. Viele der Darstellungen von Baranzke sind interessant und sachlich, zum Beispiel ihre Ausführungen zu Kants Tierschutzethik. So soll bei Kant das Verrohungsargument (man solle Tiere deswegen nicht quälen, um selbst nicht zu verrohen), anders als weithin angenommen lediglich von untergeordnetem Rang sein. Das Verbot der Tierquälerei sei vielmehr eine vollkommene und damit streng zu beachtende Pflicht (gegen sich selbst), die keinen Interpretationsspielraum offen lässt und auch nicht mehr (wie beim Verrohungsargument) einen Charakterbonus darstellt. Damit fügt sich Kants Tierschutzethik wunderbar in die biblische Verantwortungsethik (mit ausschließlich „Fürsorgeaspekten“ Tieren gegenüber, vgl. S.108), die Baranzke (aber auch Ingensiep: „expandierende Humanität“ und „Menschlichkeit“, S.131) zu vertreten scheint. Diese protestantische Ethik, die „hierarchisch strukturierte Verantwortungsgemeinschaft“ (S.98) schließt bedürftige Lebewesen unabhängig von der Vernunft- und Vertragsfähigkeit ein. Doch in dieser „moralischen Gemeinschaft“ (S.97) mit ihrer „Barmherzigkeits- und Verantwortungsverpflichtung gegenüber Tieren“ (S.98) ist die Ausbeutung und das Töten von Tieren erlaubt. „Achtung“ (Respekt) und „Rechte“ – kantische Moralbegriffe – bleiben den Tieren hier vorenthalten.

Sachlich betrachtet vollkommen überflüssig sind meiner Ansicht nach die Polemiken der Theologin gegen die beiden religionskritischen Philosophen Arthur Schopenhauer[2] und Peter Singer. Im Gegensatz zur protestantischen Ethik und anstelle einer Barmherzigkeit klagen diese gegenüber den Tieren „Gerechtigkeit“ ein.[3] Schopenhauer bezichtigt die drei monotheistischen Religionen (mit dem Judentum als Ursprung der beiden anderen) der „fanatischen Gräuel“ und der Unmenschlichkeit gegen Anders- und Nichtgläubige. Als Quelle der Rechtlosigkeit der Tiere macht er die jüdische und christliche Religion aus (§174).[4]

Recht polemisch muten auch einige Formulierungen und Bemerkungen Baranzkes bezüglich Peter Singer an. So dürften angeblich – ginge es nach Singers Ethik – (bloß) empfindungsfähige Wesen, zu denen auch menschliche Säuglinge gehören, „jederzeit schmerzlos getötet werden“ (S.118). Und menschliche Embryonen sowieso, da sie mangels Empfindungsfähigkeit „moralisch irrelevant“ wären. Das ist beides falsch. Solch „ethischer Sprengstoff“, wie er häufig von christlichen Gegenspielern konstruiert und dann Singer unterstellt wird, verpufft meist schnell, wenn man Singer mal selbst im Kontext liest. Auf die Feststellung, dass Singer den Status der Menschen nicht senken möchte, lässt Baranzke ein „Andererseits“ mit einem unpassenden und (zumal ohne Kontext) eher unschönen Zitat folgen.

Als geradezu unverschämt empfinde ich Baranzkes unsachliche Zurückweisung von Singers Kritik am christlichen Begriff der „Heiligkeit des [menschlichen] Lebens“. Es ist überdeutlich, dass hier eine zünftige Theologin gegen einen erfolgreichen Religionskritiker und Tabubrecher hetzt (wie auch schon bei Schopenhauer). Bei ethischen Fragen geht es Theologen auch schon mal um die letzte Vorherrschaft, die den christlichen Kirchen in unserem Kulturkreis noch gegen den Rationalismus verblieb. Tabus und christliche Dogmen stützen sich gegenseitig und müssen gegen Aufklärer geschützt werden. Leider nutzt Baranzke den zur Verfügung stehenden Platz nicht für eine angemessenere, sinnvollere und konstruktivere Kritik an Singers Position und bringt interessierte Leser diesbezüglich kaum weiter. Immerhin führt sie noch recht gut manche Probleme an, die sich bei Singers Interessenansatz ergeben und deren Behandlung er vernachlässigte. Wenngleich sie den Hinweis versäumt, dass manche von ihnen nicht unlösbar sind. Die spärliche und häufig implizit wertende Darstellung von Singers (sowie Tooleys) Position führt leider zu eher unklaren Vorstellungen.

Jedenfalls wird deutlich, dass Baranzke gegen Singer den traditionell wertbeladenen Begriff „Mensch“ (in Abgrenzung zum weniger wertbeladenen Begriff „Tier“), sowie die moralische Sonderstellung des Menschen aufgrund seiner menschlichen Eigenschaften (man beachte die Spitzfindigkeit: nicht aufgrund seiner Artzugehörigkeit) beibehalten möchte (siehe S.124ff). Und dies, ohne sich selbst als Speziesistin ansehen zu wollen.[5]

Der Ansicht, dass der Mensch zunächst ebenfalls ein Tier sei, begegnen die Autoren im letzten Teil des Buches äußerst skurril, indem sie die (in moraltheoretischer Hinsicht von niemand Bedeutendem ernsthaft gestellte) Gleichheitsfrage etwas zu wörtlich nehmen: „Der Mensch“ solle sich nun als moralische Person identifizieren, „das heißt als Verantwortungssubjekt und nicht bloß als ein weiteres Tier unter Tieren“ (S.130). Denn „wenn der Mensch nichts weiter als ein Tier unter Tieren sein will, verleugnet er die Besonderheit seiner moralischen Subjektivität“. Doch „wer sollte nach der naturalistischen Nivellierung des Menschen zum Tier noch in die ethische Verantwortung genommen werden können?“ (S.131) Im Umkehrschluss heißt dies aber auch: Wer nicht so ist wie wir Menschen (also „die Tiere“), braucht auch nicht so behandelt zu werden wie Menschen. Menschlichkeit, Barmherzigkeit, Fürsorge reichen.

Sprachlich ist das Buch aufgrund mancher vermeidbarer Fremdwörter, die als bekannt vorausgesetzt werden, manchmal etwas anspruchsvoller als nötig. Auch die Schlüsselbegriffe, die am Ende des Buches erklärt werden, umfassen nicht alle philosophischen Fachbegriffe. Als Fazit ergibt sich trotz des Leugnens des Menschen als zum Tierreich zugehörig und trotz der speziesistischen Verantwortungsethik (sowie der übrigen christlichen Prägung), dass sich der Kauf des Buches zum Preis von 9,90 Euro vor allem angesichts der eher neutralen ersten Hälfte lohnt.

Emil Franzinelli



Fußnoten:

1: Damit entspricht das Buch vielleicht eher einer Einführung in die Tierphilosophie als das Buch Tierphilosophie zur Einführung von Markus Wild, da Wild sehr viel tiefer in die Materie einsteigt und programmatischer vorgeht. Das Tier schließt auch die Tierethik mit ein, der Bereich, den Wild in seinem Buch lediglich anschneidet.

2: Den 1860 verstorbenen Schopenhauer bezichtigt Baranzke in einem früheren Buch ahistorisch des Antisemitismus, hier mäßigt sie sich noch („antijudaistische Polemik“, S.149). Inwiefern Schopenhauer die protestantisch-bürgerliche Tierschutzbewegung judenfeindlicher beeinflusste als Martin Luther und der „lutherische Impuls“ (S.103)? Martin Luther äußert sich in Von den Juden und ihren Lügen programmatisch und unmissverständlich judenfeindlich und fordert von den protestantischen Fürsten: „Erstlich, das man jre Synagoga oder Schule mit feur anstecke und, was nicht verbrennen will, mit erden überheufe und beschütte [...] – Zum anderen, das man auch jre Heuser des gleichen zerbreche und zerstöre, Denn sie treiben eben dasselbige drinnen, das sie in jren Schülen treiben Dafur mag man sie etwa unter ein Dach oder Stall thun, wie die Zigeuner, auff das sie wissen, sie seien nicht Herren in unserem Lande.“ Neben dem Niederbrennen der Synagogen und Häuser fordert Luther weiterhin: Bücherverbote, Religionsverbot (bei Todesstrafe), Reiseverbot, Berufseinschränkungen, Enteignung und Zwangsarbeit. In seiner letzten Sonntagspredigt noch, drei Tage vor seinem Tod, bezeichnete Luther die Juden als „der Christen öffentliche Feinde“.

3: Im §177 des Kapitels „Ueber Religion“ in Parerga und Paralipomena II meint Schopenhauer: „Ein anderer, bei dieser Gelegenheit zu erwähnender, aber nicht weg zu erklärender Grundfehler des Christenthums ist, daß es widernatürlicherweise den Menschen losgerissen hat von der THIERWELT, welcher er doch wesentlich angehört [...]. Der besagte Grundfehler nun aber ist eine Folge der Schöpfung aus nichts, nach welcher der Schöpfer, Kapitel 1 und 9 der Genesis, sämmtliche Thiere, ganz wie Sachen [...] dem Menschen übergiebt, damit er über sie HERRSCHE, also mit ihnen thue was ihm beliebt; worauf er ihn, im zweiten Kapitel, noch dazu zum ersten Professor der Zoologie bestellt, durch den Auftrag, ihnen Namen zu geben, die sie fortan führen sollen; welches eben wieder nur ein Symbol ihrer gänzlichen Abhängigkeit von ihm, d.h. ihrer Rechtlosigkeit ist. - Heilige Ganga! Mutter unsers Geschlechts! dergleichen Historien wirken auf mich, wie Judenpech und foetor Judaicus! Aber leider machen die Folgen davon sich bis auf den heutigen Tag fühlbar; weil sie auf das Christenthum übergegangen sind, welchem nachzurühmen, daß seine Moral die allervollkommenste sei, man eben deshalb ein Mal aufhören sollte. Sie hat wahrlich eine große und wesentliche Unvollkommenheit darin, daß sie ihre Vorschriften auf den Menschen beschränkt und die gesammte Thierwelt rechtlos läßt. Daher nun, in Beschützung derselben gegen den rohen und gefühllosen, oft mehr als bestialischen Haufen, die Polizei die Stelle der Religion vertreten muß und, weil das nicht ausreicht, heut zu Tage Gesellschaften zum Schutze der Thiere, überall in Europa und Amerika, sich bilden, welche hingegen im ganzen UNBESCHNITTENEN Asien die überflüssigste Sache von der Welt seyn würden [...]. Dagegen sehe man die himmelschreiende Ruchlosigkeit, mit welcher unser Pöbel gegen die Thiere verfährt, sie völlig zwecklos und lachend tödtet, oder verstümmelt, oder martert [...]. Das sind die Folgen jener Installations-Scene im Garten des Paradieses. [...] Jedoch, was soll man vom Pöbel erwarten, wenn es Gelehrte und sogar Zoologen giebt, welche, statt die ihnen so intim bekannte Identität des Wesentlichen in Mensch und Thier anzuerkennen, vielmehr bigott und bornirt genug sind, gegen redliche und vernünftige Kollegen, welche den Menschen in die betreffende Thierklasse einreihen, oder die große Aehnlichkeit des Schimpansees und Orangutans mit ihm nachweisen, zu polemisiren und zelotisiren.“

4: In diesem Zusammenhang verwendet Schopenhauer – für seine Zeit nicht ungewöhnlich, dennoch zu verurteilen – den lateinischen Begriff für „Judengestank“. Er wendet sich damit jedoch nicht gegen jüdische Menschen, sondern im Rahmen einer generellen Kritik gegen den alttestamentlichen Schöpfungsbericht bzw. das religiöse Vermächtnis des Alten Testaments auf seinen (und unseren) abendländischen Kulturkreis. Seine Herrschaftskritik und Analyse setzt an derselben Stelle an wie die von Jacques Derrida: bei der abendländischen Metaphysik.

5: Johann S. Ach unterscheidet in Warum man Lassie nicht quälen darf (1999) den sogenannten „unqualifizierten“ vom „qualifizierten Speziesismus“: „Der unqualifizierte Speziesismus hält die pure Mitgliedschaft in der biologischen Gattung Homo sapiens ohne jedes weitere Argument für moralisch relevant. Diese Version ist wenig plausibel und wird auch von kaum jemandem ernsthaft vertreten. Ganz im Gegenteil die qualifizierte Version: Der qualifizierte Speziesismus nämlich hält die Zugehörigkeit zur menschlichen Gattung nicht per se für moralisch relevant, sondern aufgrund bestimmter Eigenschaften, die mit der Zugehörigkeit verknüpft seien.“ (S.117)



Hans Werner Ingensiep,
Heike Baranzke:

Das Tier
Reclam-Verlag, Stuttgart 2008.
149 S., 9,90 Euro