Rezension zu "Tierphilosophie zur Einführung"

Mehr als nur eine exzellente Einführung: sie ist programmatisch

Intentionalität, Repräsentation, Externalismus... Angesichts der vielen Fachbegriffe mag man sich fragen: Kann ich das überhaupt verstehen? Und wenn ja: Was soll ich damit? Markus Wilds Buch ist eine außerordentlich verständliche Einführung in die Tierphilosophie, vor allem in die Philosophie des Geistes der Tiere. Es ist gleichermaßen für Philosophen und Nicht-Philosophen attraktiv und bereichernd. Die Fachbegriffe und Zusammenhänge werden sprachlich wie inhaltlich sehr gut erklärt und nicht als bekannt vorausgesetzt. Die Sprache des Buches ist wunderbar einfach und fesselnd.

Dem in Berlin lehrenden Philosophen Markus Wild gelingt es beachtlich gut, mit einer „Kombination von Wissensvermittlung und kritischer Analyse […] philosophisches Wissen allgemein zugänglich [zu] machen“ (S.5). Verständlich und kompetent führt uns Wild in die Tierphilosophie ein, eine Disziplin, der er mit einer klaren Definition und sechs Thesen seinen persönlichen Stempel aufdrückt. Ohnehin fragt sich, was nach so einem Werk, das nicht nur in das Thema einführt, sondern auch äußerst kompetent die Positionen fast abschließend diskutiert, noch folgen soll. Schließlich führt Wild seine „Einführung“ zu konkreten Ergebnissen, die mehr als nur Vorschläge sind, sie stehen programmatisch für die Tierphilosophie – und zwar extrem gut argumentiert. Der bescheidene Buchtitel „Tierphilosophie zur Einführung“ ist somit nur berechtigt, sofern er wörtlich genommen wird: Markus Wild hat bereits eine hervorragende, über 60-
seitige „Einführung“ vorgelegt.[1] Was Wilds neues Buch nun leistet, ist nun weniger eine Einführung, als die Entwicklung einer umfassenden Theorie: die der Tierphilosophie.
Doch irritieren und manche (vor allem Nicht-Philosophen) sicherlich auch stören mag, dass Wild uns kapitelweise zwar kompetent und sehr gut verständlich philosophisch voranbringt, uns jedoch hier und da bereits erlangte Ergebnisse und scheinbare Erkenntnisse als eben doch nicht ganz endgültig wieder abspenstig macht. Wild bringt immer weitere Ansätze ins Spiel und behandelt den Geist unter immer mehr Aspekten. Die (hermeneutischen) Spiralen um die „anthropologische Differenz“ oder die „mentalen Repräsentationen“ führen uns so hoch, dass wir nicht mehr so recht wissen, wie es denn nun eigentlich mit diesen Dingen steht. In einem vorbildlichen und fairen Diskurs werden kritische Ansätze berücksichtigt und eingebaut, sofern sie berechtigt sind. Wild könnte auch geradlinig vorpreschen, ohne andere (unter bestimmten Aspekten und historisch berechtigte) Ansätze zunächst stark zu machen. Doch seine „Philosophie“ läuft nicht auf einen billigen richtig/falsch-Gegensatz hinaus, außerdem soll sie ja eine Einführung sein. Die Leserschaft erhofft sich angesichts der exzellenten Argumentation und Darstellung ein wenig mehr an eindeutigem Wissensgewinn und wird in dieser Erwartung teilweise etwas enttäuscht. Ein zweites Lesen macht das Buch wesentlich (wissens)gewinnbringender.

Die Tierphilosophie ist keine neue philosophische Unterdisziplin (zum Beispiel eine der Moralphilosophie oder eine der Philosophie des Geistes), sondern eine eigene. Wild unterscheidet die „Tierphilosophie im weiten Sinne“ von der „im engen Sinne“. Die im weiten Sinne besteht aus den drei Problemfeldern „Geist der Tiere“ (Fragen nach den mentalen und sozialen Fähigkeiten von Tieren), „anthropologische Differenz“ (Fragen nach dem Unterschied von „Mensch“ und „Tier“) und „Tierethik“ (Fragen nach unserem moralischen Verhältnis zu Tieren). Die Fragen lauten dementsprechend: „Können wir Tieren Geist zuschreiben? Worin besteht der Unterschied zwischen Mensch und Tier? Wie sollen wir uns Tieren gegenüber moralisch verhalten?“ (S.20) Die Tierphilosophie im engen Sinne beschäftigt sich mit dem Tiersein des Menschen: „Die Tierphilosophie betrachtet den Menschen, soweit es geht, als Tier.“ (S.32)[2]

Wild macht deutlich, dass das Tier nicht nur über die (Tier-)Ethik in die Philosophie kommt und kommen muss. Die Tierethik ist ein Bereich, den Wild zwar als einen der drei Problemfelder der Tierphilosophie bezeichnet, in seinem Buch jedoch kaum behandelt.[3] Vielmehr konzentriert er sich auf die beiden anderen Felder, die eher dem Bereich der theoretischen Philosophie angehören. Ihm geht es in dem Buch vor allem um die Fragen, „ob Tiere ein Bewusstsein haben, was Tiere von Menschen unterscheidet, ob man ohne Sprache denken kann, oder wie und ob man etwas über das geistige Leben der Tiere in Erfahrung bringen kann“ (S.10).

Wild versteht die Tierphilosophie als Programm und formuliert folgende sechs Thesen, die sie einzuhalten hätte: Der Mensch ist vor allem ein Tier, Tiere haben einen Geist, schon als Tier hat der Mensch Geist, es ist naturalistisch zu verfahren, ebenso assimilationistisch, und es wird nicht auf die anthropologische Differenz verzichtet.

Mit Naturalismus ist einerseits gemeint, dass, um Geist haben zu können, nicht Sprache notwendig sei, sondern dass dem Geist „natürliche Vermögen und Fähigkeiten“ (S.34) zugrunde liegen. Andererseits aber auch, dass auf naturwissenschaftliche Methoden zurückgegriffen wird. Neben der theoretischen Untermauerung sind es die empirischen Befunde (bezogen auf Tiere: die der Verhaltensforschung und der Neurowissenschaften), die uns tierphilosophisch voranbringen.[4] Assimilationismus bedeutet, dass nicht „differentialistisch“ verfahren (also bei angenommenen Unterschieden von „Mensch“ und „Tier“ angesetzt) wird, sondern „assimilationistisch“, das heißt, bei den Gemeinsamkeiten von menschlichen und nicht-menschlichen Tieren angesetzt wird. Bei der Frage, „was Geist ist bzw. worauf der Geist aufbaut“ setzt Wild „sozusagen unten an“ (S.36). Das „plus X“ in der Aussage „Der Mensch ist das Tier plus X.“ (S.26) ist die „anthropologische Differenz“. Mit ihr ist der Unterschied zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Tieren gemeint, wie er sich im Verlauf der Untersuchungen ausmachen lässt (bei Wild also nicht von vornherein unterstellt, es wird nicht von ihm ausgegangen). Dazu zählt etwa die Fähigkeit von Menschen, „Gedanken auszubilden, die auf eigene Gedanken ausgerichtet sind“ (S.27).[5]

Andere Tierarten haben qualitative geistige Zustände (ein bewusstes Erleben), die sich anders anfühlen als für uns Menschen. Dasselbe gilt für die Inhaltsbestimmung der Gedanken von nicht-menschlichen Tieren. Folgt daraus, dass Wild sich skeptisch bedeckt hält wie viele seiner Kollegen? Nein. „Wir müssen uns davor hüten, die Schwierigkeit mit der Unmöglichkeit der Bestimmung von Gedankeninhalten zu verwechseln, und brauchen nicht davon auszugehen, dass die Sprache konstitutiv dafür ist, dass ein Lebewesen überhaupt Gedanken mit Inhalten hat“ (S.100). Wild spricht nicht-menschlichen ebenso wie menschlichen Tieren grundsätzlich Geist zu. Nämlich Bewusstsein (qualitative geistige Zustände), Intentionalität (mittels Als-Strukturen: „geistiges Erfassen von etwas als etwas“, S.22, „für den Geist grundlegend“, S.107), vor-sprachliches Denken und Gedanken mit Inhalten (mittels mentaler Repräsentationen: Strukturen im Gehirn mit der angeborenen oder erworbenen Funktion, „Informationen über etwas anderes zu tragen und dadurch das Verhalten eines Tieres zu lenken.“ S.119), nicht jedoch Begriffe und Metarepräsentationen (das heißt: Gedanken über die eigenen Gedanken haben zu können). Dem Lernen kommt eine Schlüsselrolle zu (siehe S.142f). Wilds Ansatz, Tieren aufgrund von erlernten oder angeborenen Repräsentationssystemen Gedanken zuzusprechen, „kann auf andere Merkmale wie Wissen, Emotionen, Handeln, Selbstbewusstsein, Personalität und Moralität ausgeweitet werden“ (S.143). Wer nicht-menschlichen Tieren diese (vermeintlich menschlichen) Eigenschaften nicht zusprechen möchte, muss andere, passendere Begriffe finden, die das (geistvolle) Verhalten von nicht-menschlichen Tieren erklären können.[6]

Das fünfte und letzte Kapitel untersucht nun die Frage, wie es mit der anthropologischen Differenz steht, also dem sich ergebenden Unterschied zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Tieren. Dazu bedient sich Wild ausgiebig der Philosophie Martin Heideggers, die er in einen evolutionstheoretischen Rahmen spannt. Es ist nicht leicht, Heideggers origineller Sprache gegenüber Distanz zu wahren. Dieses Kapitel ist meines Erachtens nach das anspruchsvollste, zudem geht es in weiten Teilen vor allem um das menschliche Tier, doch es lohnt sich. Mit Heidegger verabschiedet sich Wild vom Subjekt-Objekt-Modell, welches besagt, dass ein Subjekt der Welt der Dinge isoliert anstatt interagierend gegenüberstehen würde.[7] Vielmehr befinde sich ein Subjekt immer schon in (s)einer komplex strukturierten Welt und unterliege diversen externen Bedingungen. Der Mensch sei im Gegensatz zu nicht-menschlichen Tieren „weltbildend“, das heißt er hat eine Welt, der er Gestalt gibt, in die er Informationen hineinsteckt. Während der Mensch eine totale Nischenkonstruktion betreibe, sei „das Tier“ (im Vergleich zum Menschen) „weltarm“. Das heißt, es hätte zwar (s)eine Welt, doch diese macht lediglich die „arteigene ökologische Nische“ (S.153) aus, die es bewohnt.

Das Buch endet mit Jacques Derridas Dekonstruktion der abendländischen Metaphysik und seiner umfassenden Kritik an der strikten Unterscheidung von „Menschen“ und „Tieren“. Derrida analysiert „binäre hierarchische Oppositionen“ (BHO), die als traditionelle Überlieferungen und „mächtige Konstrukte [...] unser Denken beherrschen“ (S.198). Sie sind als Konstrukte offenzulegen und mit dem Zweck der Verringerung von Gewalt aufzuheben. Eine BHO besteht aus einer Entgegensetzung, zum Beispiel „Mensch“ vs. „Tier“, sowie der
hierarchischen Ordnung zwischen ihnen („des Menschen“ über „dem Tier“).[8] In der „Tier-Mensch-Unterscheidung“ (!), dem Inbegriff aller BHO, finden sich die anderen BHO wieder (S.198).

Fazit: Wer das Buch liest, weiß mehr über den Geist der Tiere (auch den der menschlichen) und die Unterschiede zu einer besonderen Tierart, dem Menschen. Dieses Wissen kann in einer ethischen Diskussion von Nutzen sein. Ingensieps und Baranzkes Buch „Das Tier“ kommt als Ergänzung zu Wilds Buch durchaus in Frage. Wer sich jedoch nur für ein Buch entscheiden möchte, sollte eher zu dem von Wild greifen. Meine konzentrierte und möglicherweise kompliziert anmutende Darstellung soll nicht darüber hinweg täuschen, dass das über 200 Seiten starke Buch Tierphilosophie zur Einführung auch für Nicht-Philosophen außerordentlich verständlich geschrieben und sicherlich interessant ist.

Emil Franzinelli


Fußnoten:

1: Gemeinsam mit Dominik Perler: „Der Geist der Tiere – eine Einführung“, in dem mit Dominik Perler herausgegebenen Sammelband Der Geist der Tiere (2005). Einen schnelleren Einstieg in die Philosophie des Geistes der Tiere bietet auch der knappe, gemeinsam mit Sarah Tietz verfasste Text „Denken Tiere?“ (2006). In seinem Essay „Begrifflicher und nichtbegrifflicher Gehalt der Wahrnehmung“ (2005) bezeichnet Wild nicht-menschliche Tiere als „begriffslose Lesewesen“. Nicht „Begriffe“ (wie der Philosoph Colin Allen meint), sondern „innere, geistige Stellvertreter“ (S.146) bzw. „mentale Repräsentationen“ (nach Fred Dretske) ermöglichen nicht-menschlichen Tieren, aber auch uns Menschen, den Geist. Die Texte finden sich als PDF-Dateien unter www.tinyurl.com/q7sjh3.

2: Dieser enge Sinn stellt einen radikal anderen Ansatz dar, als ihn Ingensiep und Baranzke in Das Tier (2008) propagieren. Wild geht es eben nicht (mehr) darum, herauszufinden, wer so ist wie wir (Menschen), oder wer so denken kann wie wir. „Seine“ Tierphilosophie setzt nicht mehr beim Mensch-sein an, sondern beim Tier-sein. Und zwar auch bezogen auf den Menschen. Denn wie sich bei Wild herausstellt: Der Mensch ist zunächst und weitgehend Tier. Auch als denkendes Wesen ist der Mensch noch Tier.

3: Das Verhältnis der Tierphilosophie zu den ethischen Fragen sieht Wild als „neutral und offen“ (S.211) an. Doch Wild selbst hebt den Geist der Tiere als relevant für die Tierethik hervor: Die Tierethik sei „von den Diskussionen um die anthropologische Differenz und den Geist der Tiere abhängig“, denn: „Je stärker seine moralischen Forderungen sind, desto mehr diesen Forderungen entsprechende Eigenschaften muss der Tierethiker den Tieren zugestehen.“ (37f) „Die gelieferten Argumente für Gleichbehandlung können nur dann Überzeugungskraft haben, wenn Tiere tatsächlich so sind, wie es diese Annahmen behaupten.“ (S.31). Dies mutet „ratiozentristisch“ an, denn wenn auch nicht der Verstand, so wird doch der Geist als wertvolle und moralisch relevante Eigenschaft angesehen. Tatsächlich skizziert Wilds Tierphilosophie relativ geistvolle Tiere, womit er zum Beispiel Tom Regan eine gute theoretisch-philosophische Grundlage für dessen Subjekt-Ansatz zu liefern vermag. Diese fehlt Regan bisher und wurde von ihm lediglich postuliert (Regan geht bei einjährigen Säugetieren unter anderem von einer anspruchsvollen „Präferenz-Autonomie“ aus). Der Ratiozentrismus deutet zunächst moralische Klassen oder Stufen an und scheint bedrohlich für eine Tierrechtsposition zu sein, die alle bewusstseinsfähigen (auch die weniger geistvollen) Tiere gleichermaßen mit Rechten geschützt sehen möchte. Doch Wild scheint diese Bedrohung am Ende des Buches zumindest abzuschwächen, nämlich wenn er den Philosophen Jacques Derrida in die Arena wirft.

4: „Eine Tierphilosophie kommt nicht ohne Tiere aus.“ (S.10) Extrem wichtig als Grundlage für Wilds Argumentation sind die Ergebnisse der Kognitiven Ethologie, also der modernen Verhaltensforschung, die Tieren den Geist dort zuspricht, wo er die plausibelste Erklärung für ihr Verhalten auszumachen scheint. Die Ansicht, dass Geist, also Denken und Bewusstsein, das Verhalten von Tieren lenkt, ist nicht selbstverständlich, denn nicht jedes Verhalten folgt bewussten individuellen Absichten, und der Analogieschluss (die Vergleichbarkeit mit dem menschlichen Geist) ist aufgrund der Andersartigkeit des Geistes bei nicht-menschlichen Tieren nicht gesichert. Wir dürfen daher nicht von unserem Denken und Begreifen ausgehen, wenn wir das Denken der Tiere erklären wollen.

5: Als radikale Gegenpositionen macht Wild den Differentialismus und den Assimilationismus aus. Eine „strikte anthropologische Differenz“, die „Mensch“ und „Tier“ also strikt voneinander trennt, vertreten z.B. Descartes und Donald Davidson. Sie sprechen „dem Tier“ mangels Sprache den Geist ab. Das Sprachargument, wie es Wild stellvertretend formuliert, lautet: „Um zu denken, muss ein Wesen Gedanken haben, Gedanken erfordern Begriffe, Begriffe stehen nur sprachfähigen Wesen zur Verfügung, folglich denken nur sprachfähige Wesen. Da Tiere nicht sprechen, denken sie nicht.“ (S.22f) Darwins überragende Kontinuitätsthese steht der anthropologischen Differenz entgegen, doch die darwinistische Evolutionstheorie steht nicht nur für eine Kontinuität, sondern auch für Diskontinuität. Die Kontinuität ist nach Darwin nicht linear und ansteigend, es bestehen „keine fließenden Übergänge zwischen Tierarten“, sondern eine eigene Entwicklung jeder Verästelung: „Kognitive Vermögen gehören zu einer Tierart und stellen Lösungen für besondere ökologische Probleme dar, die sich dieser Art in ihrer Entstehung und Entwicklung gestellt haben.“ (S.58) Dies bedeutet, dass es Unterschiede zwischen den Arten – auch bezüglich des Menschen – gibt oder geben kann: „Auch wenn Arten eng miteinander verwandt sein mögen, kann es doch beträchtliche und einschneidende Differenzen zwischen ihnen geben.“ (58f) Wild meint nicht, dass es nur eine einzige und strikte anthropologische Differenz gäbe, sondern zahlreiche kleinere (S.191), also „dass eine Gruppe von Unterschieden zwischen Mensch und Tier existiert“, jedoch auch, „dass diese Unterschiede nicht absolut sein müssen, sondern auch graduell sein können“ (S.178).

6: In seinem Beitrag zum Sammelband Tierrechte. Eine interdisziplinäre Herausforderung (2007, hrsg. von der IAT) spricht sich Wild noch etwas expliziter für einen „kritischen Anthropomorphismus“ aus, mittels dessen wir nicht-menschliche Tiere nicht nur so ansehen, „als ob“ sie Geist hätten, sondern den Sachverhalt anerkennen, dass sie analog zu uns Menschen Geist haben. Den naiven Anthropomorphismus lehnt Wild ab, weil dieser auf die erforderliche Erwägung alternativer Erklärungen verzichtet.

7: Mit der Kritik am bisher aufgebauten Subjekt-Objekt-Modell („innere, geistige Stellvertreter“-Theorie) scheint Wild nun anstelle von „mentale Repräsentationen“ „Vehikel“ (etwas Repräsentierendes im Gehirn) zu setzen, deren Inhalt (das Repräsentierte) außerhalb von uns ist und nicht mehr als Idee in uns. Über „subjektentkoppelte“ Repräsentierende, die nicht nur verhaltens- oder umweltentkoppelt sind (also Zeichen, Symbole, Sprache), verfügten nur Menschen. Sie liegen „nicht in der Welt herum, sie bilden die Welt“ (S.189).

8: „Die Metaphysik privilegiert nun stets eine Seite einer BHO und erklärt die andere Seite zum Dunklen, Derivaten, Kontingenten usw. Sie ist dadurch direkt mit einem Anspruch auf Vorrang und Herrschaft verbunden. Sie konstruiert Unterscheidungen, vergisst aber gleichsam diese Konstruktion und nimmt sie als naturgegebene Unterscheidungen.“ (197f) „Mit dem Singular das Tier ist eine begriffliche, metaphysische Einheit angesprochen, nämlich das Tier als solches . Es scheint aber kaum möglich, ein Kriterium anzugeben, das alle Tiere unter einen Begriff fasst, es sei denn in Opposition zum Menschen.“ (S.203) „Durch das Wort, so Derrida, berechtige sich die Philosophie dazu, den Menschen vom Tier abzusetzen, indem sie […] die Tiere unter dem Wort „das Tier“ vereint. Das hat Folgen, auch rechtliche und moralische Folgen. Denn im Wort „Tier“ sind alle jene Lebewesen abgetrennt und umhegt, die nicht sprechen, die keine Worte haben. Es sind alle Lebewesen, die nicht „zu uns“ gehören, die erforscht, gezüchtet, dressiert, gejagt, gefischt, gekauft, getötet, geschlachtet, geopfert und gegessen werden können.“ (S.204f)



Markus Wild:
Tierphilosophie zur Einführung

Junius-Verlag, Hamburg 2008. 232 S., 14,90 Euro