Ende April 2009 veranstaltete „Rodeo America“ einige Rodeo-Shows in Darmstadt-Griesheim. Es folgen weitere - bei Karlsruhe, Stuttgart, Wiesbaden, Köln, Montabaur, Berlin, Hamburg und Riesa. Rodeo funktioniert nur mit Gewaltanwendung und Videoaufnahmen zeigen, wie brutal hinter den Kulissen mit den Tieren umgegangen wird.
Im Juni 2006 beschlossen die Tierschutzbeauftragten der Bundesländer, zumindest das Bullenreiten, das Wild Horse Race, den Flankengurt und die Sporen beim Bare Back Riding und beim Saddled Bronc Riding zu verbieten. Allerdings fehlt momentan eine eindeutige und bundesweit gültige rechtliche Regelung für Rodeo.
Deshalb wurde die Bundesverbraucherministerin per Videobotschaft von Mechthild Mench dazu aufgefordert, endlich Klarheit zu schaffen. Das Video „Ein nie geführtes Gespräch mit Ilse Aigner“ wurde bereits nach kurzer Zeit über 2.600 Mal auf Youtube aufgerufen
Ein Interview, das tatsächlich geführt wurde, findet ihr hier. Mechthild Mench lebt und arbeitet in ihrer Wahlheimat England in der Nähe von Liverpool und setzt sich insbesondere gegen Tierausbeutung in der Unterhaltungsindustrie ein. Seit vielen Jahren ist sie für Stierkampf- und Rodeo-Veranstalter Sand im Getriebe. Seit neun Jahren lebt sie vegan und engagiert sich unter anderem bei animal2ooo und FAACE (Fight against animal cruelty in Europe).
Frage: Hallo Mechthild! Vielen Dank, dass Du dir die Zeit nimmst, uns etwas über Rodeo zu erzählen. Du hast ja alle Hände voll zu tun - im Moment scheint es ja eher so, dass diese Form der Tierausbeutung eher zu- als abnimmt. Wie viele Rodeo-Veranstaltungen, und wo, gibt es denn jährlich in Deutschland?
Mechthild: Das ist schwer zu sagen. Das Problem besteht darin, dass der Begriff „Rodeo“ an sich nicht klar definiert ist. Dahinter kann sich alles Mögliche verbergen. Neben einem Unternehmen, das wie ein Zirkus quer durch Deutschland reist, gibt es noch Einzelveranstaltungen anlässlich von Hoffesten.
Diese werden oft nicht überregional bekannt gemacht und man kann oft nur im Nachhinein herausfinden, was da gelaufen ist. In vielen Fällen ist nicht einmal eine korrekte § 11 TierschG-Genehmigung vorhanden.
Grob geschätzt gehe ich mal von ca. 50 Veranstaltungen aus, bei denen mindestens eine Rodeodisziplin durchgeführt wird. Damit meine ich aber ausdrücklich nicht das Westernreiten und dessen Disziplinen. Da gibt es wieder eigene Veranstaltungen.
Frage: Ist es nicht so, dass es lediglich einen einzigen professionellen Rodeo-Veranstalter in Deutschland gibt - warum ist es so schwierig, ihm das Handwerk zu legen? Was hinter den Kulissen abgeht, ist ja nicht immer mit dem Tierschutzgesetz vereinbar.
Mechthild: Nein, es gibt nicht nur einen Veranstalter, auch wenn der es gerne so hätte. Manchmal finden zeitgleich Rodeos an zwei bis drei Orten statt, so dass wir Mühe haben, alle zu beobachten.
Das mit dem „Handwerk legen“ ist nicht so einfach, weil zu viele Schreibtischtäter beteiligt sind. Gerade im Bundesverbraucherministerium, das für eine Änderung des Tierschutzgesetzes zuständig ist, macht man nur Dienst nach Vorschrift und schickt standardisierte Antwortschreiben heraus, anstatt mal die Initiative zu ergreifen und ein Machtwort zu sprechen.
Da das Unternehmen umherzieht, hat man immer wieder mit anderen Veterinärämtern und Tierschutzbeauftragten der Länder zu tun. Vorfälle oder Verletzungen werden nicht an den nächsten Auftrittsort weitergemeldet.
Mancher Amtstierarzt kennt sich mit Rodeo überhaupt nicht aus oder ist aufgrund des kontinuierlichen Umgangs mit der Massentierhaltung und anderen Tierschutzproblemen nicht mehr genug sensibilisiert. Egos spielen auch eine Rolle, gerade wenn Gutachter von den Cowboys gegeneinander ausgespielt werden. Viele Journalisten schreiben Rodeo auch schön, weil sie mit Blindheit geschlagen sind.
Frage: Hört sich ähnlich an wie bei der Problematik mit Wanderzirkussen. Was sind denn besonders krasse Szenen beim Rodeo und welche Tiere sind davon betroffen?
Mechthild: Krasse Szenen sind eigentlich beim Rodeo erwünscht. Was ich als krass und abstoßend empfinde, wurde von den Möchtegern-Cowboys sogar provoziert, damit der Sensationseffekt gegeben ist. Ich muss betonen, dass ich hier von verschiedenen Veranstaltern, also von Rodeos in Deutschland allgemein spreche. Über die Jahre hinweg fand ich es immer sehr schlimm, wenn ein Pferd in der Startbox aufstieg und dann langsam zu Boden ging und hilflos da lag. Oder wenn beim Wild Horse Race die Pferde zusammenprallten und stürzten.
Wild Cow Milking erinnerte mich sehr an Vergewaltigung. Das Quieken der Ferkel, als eine Horde Kinder sich auf sie stürzte, ging mir durch und durch. Aber es gibt auch subtilere Dinge, z.B. wenn die Bullen Durchfall haben, der erst beginnt, wenn es zum Ritt geht. Oder dass sich einige an Rodeo gewöhnte Pferde in der Startbox hinsetzen, weil sie verängstigt sind und ihr Fluchtverhalten nicht ausüben können.
Ganz krass ging es beim diesjährigen Saisonauftakt in Griesheim zu, als beobachtet wurde, wie ein verstörter Bulle mit einer Art Spieß und einem Elektroschocker bearbeitet wurde, damit er flotter in die Startbox ging. Diese Dinge sind so inakzeptabel, dass ich sie bei den Behörden anzeigen musste.
Frage: Ein Rodeo-Veranstalter hat sich letzten Sommer in Hanau während eines Pressetermins gerne als Tierschützer dargestellt, weil er Pferde von Schlachtern abkauft. Er behauptet, dass es ihnen bei ihm besser ginge als in den meisten Reitställen. Wie kann man sich denn so ein Leben als Rodeo-Pferd oder -Bulle, -Kalb, oder -schwein vorstellen?
Mechthild: Ich denke, als Rodeo-Tier ist man während der Saison viel im Transporter unterwegs. An die neue Umgebung kann man sich nicht gewöhnen, weil man ja immer wieder weiterreist. Es ist auch nicht immer eine Weide da, auf die man gehen könnte (z.B. in Berlin beim Deutsch-Amerikanischen Volksfest). Dann wird man in die sandige Arena gescheucht und das wird als artgerechter Auslauf dargestellt.
Als Rind oder Pferd mag man natürlich keinen Sand fressen, aber was will man machen? Als Kalb bleibt man nur solange dabei, bis man zu groß wird, dann heißt es u.U. Abschied von den Freunden, mit denen man wochenlang zusammengelebt hat. Als neu angeschafftes Kälbchen muss man erstmal mit den harten Schlägen klarkommen, die einen auf Augen, Nase und Maul treffen, weil die Cowboys fast nie richtig mit dem Lasso treffen. Ich habe selbst mal einen Schlag mit dem Rodeo-Lasso abbekommen und das war sehr schmerzhaft, abgesehen vom Schreck den man kriegt, wenn das Lasso plötzlich von der Seite oder von hinten kommt.
Als Rodeo-Pferd oder Bulle kriegt man wahrscheinlich schon Angstzustände, wenn die dröhnende Musik wieder los geht. Dann weiß man, gleich geht es in die Boxen. Wenn man als Bulle nicht will, kommen die mit Stöcken und hauen und stechen auf einen ein. Dann kommt der Reiter und kickt einem seine hohen Absätze in den Bauch oder in den Schulter-/Nackenbereich. Auch wenn neuerdings keine Sporen mehr dran sind, tut der Aufprall weh.
Frage: Gab es denn aus Tierrechtssicht schon Erfolge in Bezug auf Rodeo bzw. dem Verbot von Rodeo oder einiger Disziplinen?
Mechthild: Ja, die gab es, auch wenn es einem natürlich nie schnell genug gehen kann. Nachdem die Experten der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz e.V. mit dem verheerenden Gutachten herauskamen, ließen sich die Tierschutzreferenten der Länder endlich überzeugen und gaben einen Erlass heraus.
Gerade bei einem Betrieb in Niedersachsen hatte das Folgen: Es gab kein Wildkuhmelken, Bullenreiten und Ferkelfangen mehr. Aber für das in Deutschland herumreisende Unternehmen gab es keine schnelle Lösung, da skrupellose Amtstierärzte eine bundesweit gültige Genehmigung erteilt hatten. Da kam es auf die Entscheidungen von Verwaltungsgerichten an, die das Verbot des Flankengurtes, der Sporen, des Wild Horse Race und des Bullenreitens je nach Sensibilität aushebelten.
Ausgerechnet Hessen war ein riesiges Problem, da konnte man sich bis vor kurzem noch alles erlauben. Aber seit April 2009 hat sich das glücklicherweise geändert.
Frage: Warum wird das überhaupt veranstaltet gibt es eine richtige Rodeo-Szene in Deutschland und kannst du einschätzen wie groß die ist? Oder ist das eher als Rahmenprogramm zu Truckerfesten und Country-Events zu sehen?
Mechthild: Nun wird es etwas peinlich. Die Sehnsucht nach dem in Westernfilmen und Karl May Romanen glorifiziertem Wilden Westen ist wohl so stark, dass sich erwachsene Frauen und Männer nicht nur im Fasching, sondern das ganze Jahr über als Cowgirl bzw. Cowboy verkleiden. Die Tatsache, dass die historisch belegten Vorkommnisse im Wilden Westen eben nicht gerade positiv belegt sind, wird wohl verdrängt. Vielleicht hat es auch etwas mit „Nicht-Erwachsen-werden-wollen“ zu tun. Ich habe als Kind ja auch mit meinen Freunden Cowboy und Indianer gespielt.
Meines Erachtens ist der Kreis der Rodeobegeisterten eher so klein, dass der Begriff „Szene“ nicht zutrifft. Früher gab es in der Tat ein paar Amerikaner bei hiesigen Rodeos, aber heute sind es fast alles Deutsche, die praktisch kein Englisch sprechen oder wenn, dann sehr reduziert und peinlich fehlerhaft.
Es gibt viele Trucker- und Country-Events, die ganz ohne Rodeo auskommen. Leute, die Country-Musik mögen, sind nicht automatisch Fans von Tierquälerei. Leider fallen immer wieder Veranstalter auf die Lügen herein und buchen Rodeos als Rahmenprogramm.
Frage: Was meinst Du muss geschehen, damit dieses Kapitel der Tierausbeutung geschlossen werden kann. Was tust du und was können einzelne Tierrechtler_innen tun, um Dich bei Deinem Einsatz gegen Rodeo zu unterstützen?
Mechthild: Der Begriff „Rodeo“ muss endlich klar definiert und ins Tierschutzgesetz aufgenommen werden. Wenn ganz klar ist, was erlaubt und was verboten ist, werden auch neue oder ausländische Veranstalter im Vorfeld abgeschreckt.
So, wie es bisher ist, hängt es oft vom einzelnen Amtstierarzt ab, ob und in welchem Maß sie oder er den Cowboys die rote Karte zeigt. Wir müssen uns an die Politiker wenden, damit die Druck auf das Bundesverbraucherministerium machen. Eine Gesetzesinitiative muss angeregt werden. Einen Brief schreiben kann jeder. Die Tiere sind den Zeitaufwand wert.
Auf unserer Webseite: www.anti-rodeo.org haben wir immer wieder Protestaufrufe mit Anschriften. Und jeder, der nicht zum Rodeo geht, leistet automatisch seinen Beitrag.