Initiative „Vegane Mensa“
Von Emil Franzinelli
Interview mit Simon Sadowski über eine überfällige und
erfolgversprechende Initiative an den deutschen Mensen
Frage: Hallo Simon, du hast diesen Februar die Initiative „Vegane Mensa“ gestartet. Kurz vorher war im vegan.de-Forum von einer Koblenzer Initiative zu lesen, die an ihrer Uni bereits einen Erfolg zu verweisen hat. Weißt du dazu Näheres?
Simon: Hallo Emil, von der Koblenzer Initiative haben wir erst im April erfahren, als wir dort auch eine Gruppe unserer Initiative gründen wollten. Dort gab es ähnlich wie an der Rostocker Uni eine völlig unproblematische Einführung eines veganen Gerichts. Ein Gespräch mit den Verantwortlichen in der Mensa genügte bereits, damit
diese sich der Umsetzung annahmen.
Frage: Wie beurteilst du das System in Koblenz? Auf der Speisekarte steht jetzt an mehreren Stellen (teils sogar groß geschrieben) „vegan“.
Simon: Noch bin ich skeptisch, da es nicht jeden Tag ein festes veganes Menü gibt. An den Tagen, an denen dies nicht der Fall ist, hat man die Möglichkeit, von acht bis zehn Uhr morgens einen Bon zu kaufen, so dass die Küche dann extra anhand der verkauften Bons veganes Essen zubereitet. Falls die Nachfrage dort zu gering ausfallen sollte, könnte dies für das Projekt durchaus nach einem Semester, welches auch als Testphase deklariert wurde, das Aus bedeuten. Auch wenn dies rational nur schwer nachvollziehbar wäre.
Wir halten es für sinnvoller, das vegetarische Menü zu veganisieren, somit würde sich der Kundenkreis de facto vergrößern: die Vegetarier könnten einfach weiter essen, Veganer und Menschen mit Laktose-intoleranz würden als neue Kunden hinzukommen.
Die Kennzeichnung des Menüs als VEGAN ist sicherlich ein Kernstück des Projekts. Aus meiner Sicht ist der große Unterschied zwischen einer großen Zahl Vegetarier bei mir selbst bis vor zwei Jahren und Veganern ein Mangel an Informationen und damit verbundenes Bewusstsein. Wenn du keinen Veganer kennst, ist es ein unglaublich langer Prozess, der mit vielen Zufällen verbunden ist, bis du an den Punkt kommst, Veganismus in unserer von Grund auf speziesistischen Gesellschaft wahrzunehmen und somit die Chance zu haben, sich dafür zu entscheiden.
Wir wollen mit unserer Initiative den Veganismus in den Alltag der Menschen transportieren, denn nur wenn ich etwas wahrnehme, kann ich mich doch auch dafür interessieren.
Frage: Und in Rostock, Berlin und Trier gibt es auch bereits Erfolge oder Gespräche?
Simon: In Rostock gibt es das vegane Gericht bereits seit August 2008. Wir sind sehr glücklich darüber, dass Herr Olaf Schäpe, der Leiter der Mensa Süd in Rostock, sich bereit erklärt hat, in unserem Projekt für die anderen Mensaleiter als Berater zur Verfügung zu stehen. Hierfür noch mal ein dickes Dankeschön nach Rostock.
In Berlin und Trier werden Gerichte oder Beilagen, die vegan sind, auch als solche gekennzeichnet. Es gibt aber noch kein tägliches veganes Gericht.
Frage: Was sind die Ziele, die ihr bei den Studentenwerken erreichen wollt? Welche Forderungen empfiehlst du den Studenten?
Simon: Zunächst wollen wir versuchen, an so vielen Hochschulen wie möglich täglich ein vollwertiges veganes Gericht in den Mensen einzuführen. Es kann einfach nicht sein, dass wir über den Semesterbeitrag zur Finanzierung der Mensa beitragen, jedoch keine Möglichkeit haben, uns unserer ethischen Überzeugung entsprechend zu verpflegen. Natürlich ist es aus unserer Sicht allgemein unangenehm, das ethisch nicht vertretbare Angebot finanziell zu unterstützen, jedoch ist es zum jetzigen Zeitpunkt leider noch unrealistisch, die Verantwortlichen von einem komplett veganen Angebot zu überzeugen.
Die Forderung sollte aus unserer Sicht nicht unter das täglich vegane Gericht fallen. Vorschläge, zunächst einmal nur eine Kennzeichnung der veganen Produkte zu erreichen, sind nicht weitgehend genug, dies könnte höchstens als Teilerfolg verbucht werden.
Wenn wir erst einmal den Fuß in der Tür haben, werden wir uns jedoch nicht zurück lehnen. Der nächste Schritt wird sein, die Menschen, die die Mensen nutzen, für das Thema zu sensibilisieren und so letztendlich die Mensen vom Tierleid zu befreien auch wenn die jetzigen Aktivisten dies in ihrer Studienzeit wohl nicht mehr erleben werden.
Frage: Weniger als zwei Monate nach dem Start scheint es bereits an sämtlichen Universitäten Hochschulgruppen eurer Initiative zu geben. Warum geht das so schnell?
Simon: Im Oktober 2008 hatte ich eine Anfrage an die Düsseldorfer Studentenwerke gerichtet, wie es um die Kennzeichnung der veganen Produkte in der Mensa bestellt sei eine Forderung, die wir mittlerweile als selbstverständlich voraussetzen. „Der Aufwand zur Kennzeichnung der veganen Gerichte und Beilagen steht in keinem Verhältnis zu dem zu erwartenden Gewinn.“ Das war die Antwort, da war ich erst einmal platt und hatte anstatt was zu essen eine kleine Portion Wut im Bauch.
Daraufhin kam mir die Idee, die großen Veganergruppen, wie „Vegan Leben“ oder „Vegane Fress- und Spieleabende“ usw. im studiVZ nach VeganerInnen der Düsseldorfer FH und Uni zu durchsuchen und in die von mir gegründete Gruppe „Vegane Mensa Düsseldorf“ einzuladen. Nach kurzer Zeit hatten wir 20 Studierende zusammen und einen Dozenten an der Uni, der das Projekt unterstützt. Dieses Prinzip haben wir einfach auf die anderen 57 Studentenwerke in Deutschland übertragen. Mittlerweile haben sich in den Gruppen über 1000 Studierende eingefunden.
Frage: Bilden sich die Gruppen ausschließlich über das Studentenportal „StudiVZ“?
Simon: Alle Gruppen wurden über das StudiVZ gegründet, insofern sie nicht zuvor schon bestanden, wie das bspw. in Bielefeld, Berlin oder Koblenz der Fall war, und dann kommt natürlich Mundpropaganda im Bekanntenkreis hinzu.
Die Bildung der Gruppen ist aber auch nur Schritt A. Viel entscheidender ist das Engagement jedes Einzelnen innerhalb der Gruppe. Leider haben wir das Problem, dass bisher erst 33% der Gruppen auch tatsächlich in Kontakt mit der Mensaleitung stehen oder diesen vorbereiten. Sprich, es gibt zu viele Karteileichen, die sich zwar in der Gruppe anmelden, dann aber zumindest bisher nicht weiter engagieren. An diesem Punkt wollen wir in den nächsten Wochen verstärkt ansetzen.
Frage: Auf der Homepage der Initiative finden sich eine aufwändige Infomappe und Baukästen. Empfiehlst du den Gruppen, eure Vorlagen zu verwenden, oder sich auch Eigenes einfallen zu lassen?
Simon: Die Grundidee war nach Abschluss der Gruppengründungsphase, sämtliches Material, welches wir in Düsseldorf erarbeitet hatten, den anderen zur Verfügung stellen zu können. Die Infomappe kann über ein Online-Formular kostenfrei, ebenso wie eine E-Mail-Adresse („stadt“@vegane-mensa.de), angefordert werden. Natürlich wird die Infomappe individualisiert versendet, indem wir die Logos, Städtenamen auf die jeweilige Gruppe anpassen, schließlich handelt es sich hier nicht um reinen Text, sondern um eine grafisch gestaltete Präsentationsmappe. Die Gruppen haben zusätzlich die Möglichkeit, ganze Textbausteine nach ihren Wünschen verändert anzufordern oder unseren Text auch einfach nur als Anstoß für eigene Texte zu verwenden. Wir wünschen uns natürlich, dass die Gruppen eigene Ideen einbringen, da nur sie die örtlichen Gegebenheiten kennen und somit berücksichtigen können. Die Gruppe Saarland nutzt z.B. unterstützend Fotos von veganen Gerichten, um der Mensaleitung das Ganze schmackhaft zu machen.
Bei allen eigenen Ideen halten wir es jedoch für sinnvoll, als Einheit aufzutreten, deshalb wäre es schön, wenn viele Gruppen das Layout der Infomappe verwenden, da darüber auch die Verbundenheit der Studenten über die eigene Hochschule hinaus deutlich wird und den Verantwortlichen eine breitere Basis gegenübersteht.
Frage: Hast du von der Initiative „Käfigfreie Mensa“ gehört? Ist sie mit eurer vergleichbar?
Simon: Wir haben sogar Kontakt zum Gründer der Initiative. Sicherlich gibt es rein organisatorisch gesehen einige Parallelen, inhaltlich sehe ich da allerdings weniger.
Wie schwierig das Thema ist, wissen wir sicherlich alle, deswegen kann ich hier auch nur für mich sprechen, da es auch in unserer HSG verschiedene Standpunkte dazu gibt.
Ich persönlich hätte die Käfigfrei-Initiative nicht unterstützt. Zumindest auf ihrer Website lässt sie an keiner Stelle erkennen, dass sie sich generell gegen die Haltung von Hühnern wendet, es ist ja auch „nur“ von Tierschutz die Rede damit kann ich mich nicht identifizieren.
Ich möchte dies aber auch nicht völlig abwerten. Die Ressentiments vereinzelter Veganer gegen Vegetarier und Tierschützer sind sozialpsychologisch eindeutig kontraproduktiv, und in dieser Position sehe ich mich nicht. Gerade diese bereits engagierten Menschen müssen umfassend informiert werden. Es ist, wie zuvor schon einmal erwähnt, bei einem großen Teil ein Defizit an Informationen, was dazu führt, sich bspw. nur für die „Verbesserung“ der Haltung, nicht aber deren Abschaffung einzusetzen.
Auf unsere Initiative bezogen wäre die einzig konsequente Forderung ja auch nicht täglich ein veganes Menü, sondern die Abschaffung aller nicht veganen Produkte in den Mensen. Wir stehen hier vor dem Dilemma, uns zwischen Utopia und der Realität entscheiden zu müssen.
Frage: Du selbst studierst an der FH Düsseldorf. Wie ist dort der aktuelle Stand?
Simon: Wir haben uns am 7. Mai erneut mit Herrn Vogelbruch, dem stellvertretenden Leiter der Gastronomie, getroffen, nachdem wir bereits Mitte Februar unsere Infomappe überreicht hatten. Wir können an dieser Stelle zumindest schon einmal einen Teilerfolg verkünden. Ab Mitte Juni werden zunächst in Düsseldorf, später auch in Krefeld und Mönchengladbach, die Gerichte, welche vegan sind, auch als solche gekennzeichnet. Derzeit prüft man noch alle Rezepte in der Datenbank auf vegan / nicht vegan. Sollten diese trotz der Kennzeichnung „vegan“ weiterhin guten Absatz finden, werden wir uns noch einmal zusammensetzen, um eine vegane Mahlzeit für jeden Tag durchzusetzen. Des Weiteren hat Herr Vogelbruch ein offenes Ohr für „vegane“ Umstellungen in den Caféterien signalisiert.
Vielen Dank für das Interview!
www.veganer-fortschritt.de
www.vegane-mensa.de
