Das Kuhaltersheim
"Heute leben die Kühe hier, um einfach nur zu leben."

Früher war er Landwirt und sie nur Nummern, behandelt wie Maschinen, die reibungslos funktionieren mussten. Wirtschaftlichkeit und Gewinnmaximierung war das Maß aller Dinge. Heute sitzt er gerne einfach nur mal so da und beobachtet Trine oder Martin beim Wiederkäuen. Respekt im täglichen Umgang und größtmögliche Freiheit für die Tiere. Das ist, was für ihn zählt. Der ehemalige Tierausbeuter lebt heute vegan und führt ein Altersheim für Kühe. Jan Gerdes erzählt von früher, heute und davon, wie es einmal werden soll.

"Es war dann nicht mehr Nummer 77 oder Nummer 23, sondern die Marie oder Lotti"

Frage: Jan, du hast im Laufe deines Lebens eine extreme Entwicklung durchgemacht. Du bist ausgebildeter Landwirt und hast damals den konventionellen „Milchvieh“betrieb deines Vaters übernommen. Viele Jahre hast du den Hof so weitergeführt, die Kühe entsprechend ausgebeutet und auch schlachten lassen. Später hast du den Hof auf Demeterbetrieb umgestellt. Und heute führst du mit Karin Mück auf diesem Hof das Kuhaltersheim. Hier sollen die Tiere ein freies, friedliches und angstfreies Leben in der Gemeinschaft mit Menschen führen können. Was mich interessiert, ist, wie deine Entwicklung im Einzelnen ablief. Was hat dich damals geprägt und geleitet. Und wie bist du zu dem Menschen geworden, der du heute bist? Beginnen wir am Anfang. Wie bist dazu gekommen, die Ausbildung zum Landwirt zu machen?
Jan Gerdes: Ich bin hier auf dem Hof groß geworden. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Und als mein Vater gesundheitlich nicht mehr in der Lage war, den Hof zu bewirtschaften, kam die Frage auf, was mit diesem Hof passieren soll. Ich hatte beschlossen, Landwirt zu werden, damit der Hof nicht in fremde Hände geht oder aufgelöst wird. Für mich war damals nicht die Frage, willst du Bauer werden oder nicht, sondern für mich stellte sich die Frage, wie kann man diesen Ort hier erhalten, weil das einfach ein schönes Anwesen ist. Und da war für mich die einzige Möglichkeit, die Ausbildung zum konventionellen Landwirt zu machen, und diesen Hof weiter zu bewirtschaften, um dieses Anwesen für mich zu erhalten. Dabei ging es nicht um die Familie, sondern in erster Linie um mich.

Frage: Es ging also gar nicht um die Tiere und das Wirtschaften, sondern um dieses Anwesen?
Jan Gerdes: Ja, es ging um diesen Ort. Um meine Heimat. Ich hatte schon das Gefühl, dass ich die konventionelle Landwirtschaft auf Dauer nicht machen werde. Ich habe mit der konventionellen Landwirtschaft angefangen, weil es damals gar nicht anders ging. Ich habe es als Sprungbrett genutzt. Ich hatte viele Ideen. Nicht unbedingt nur rund um Tierschutz, sondern auch in Richtung soziale Projekte wie z.B. einen Ort für Drogentherapien oder für den Aufbau eines Altenzentrums. Diese Ideen ließen sich aber nur schwer realisieren. Hinzu kam, dass ich heiratete und wir schnell Kinder bekamen. Damals gab es einfach die wirtschaftliche Notwendigkeit, den Hof weiter zu führen, um die Familie zu ernähren. Aber klar war, konventionelle Landwirtschaft wollte ich auf keinen Fall machen. Und das erste, was ich machte, war, den Hof auf biologische Landwirtschaft umzustellen.

Frage: Wie viele Tiere wurden damals gehalten, als dein Vater noch den Hof führte; waren es damals auch hauptsächlich Kühe?
Jan Gerdes: Ja, das Hauptstandbein war die Haltung von Milchkühen; also die Kühe zu melken und die Milch an die Molkerei zu verkaufen. Es waren um die vierzig Kühe, die gemolken wurden. Dazu kamen die Kälber, die Rinder, die hier aufgezogen wurden. Die Kühe waren im Winter im Stall angebunden. Im Sommer hatten sie Weidegang.

Frage: Wie war damals deine Beziehung zu den Kühen?
Jan Gerdes: Einerseits sah ich die Kühe als Wirtschaftsfaktor. Andererseits bekam ich durch meine Arbeit immer mehr Nähe zu den Kühen, so dass ich dann anfing, den Kühen auch im Winter den Weidegang zu ermöglichen. Dafür hatte ich eine entsprechende Anbindehaltung konstruiert. So waren die Kühe im Winter nicht sechs Monate am Stück im Stall angebunden, sondern konnten einmal am Tag raus auf die Weide. Das war damals sehr mühsam mit dem alten Anbindestall, aber es hat funktioniert. Als mein Vater den Hof bewirtschaftete, hatten die Kühe einfach nur Nummern. Das war Nummer eins, Nummer zwei. Das ging dann immer bis Hundert hoch. Wenn die Hundert erreicht war, fing man dann wieder bei eins an. Wir fingen dann an, den Kühen Namen zu geben. Dadurch wurde der Umgang mit den Tieren auf einmal anders. Es war dann nicht mehr Nummer 77 oder Nummer 23, sondern die Marie oder Lotti.

Frage: Wie hat dein Vater darauf reagiert, dass die Kühe Namen bekamen und im Winter täglich rausgehen konnten.
Jan Gerdes: Mein Vater hat das toleriert. Er war aber nicht begeistert von dieser Entwicklung.

Frage: Warum nicht?
Jan Gerdes: Weil er meinte, der Junge macht hier jetzt Experimente und das wird irgendwann finanziell schief gehen. Das war seine Hauptsorge. Er hatte Angst, dass seine Rente, die er über den Hof bezog, nicht mehr gesichert war. Er war immer sehr skeptisch. Er war es nicht gewohnt, mit Neuerungen umzugehen, die nicht ortsüblich sind. Der ganze Bioquatsch, was soll denn so etwas, sagte er.

Frage: Wie hast du dich damals ernährt?
Jan Gerdes: Ganz normal. Aber ich habe schon darauf geachtet, dass ich mich von Biokost ernähre. Die Frage, ob man Tiere töten darf, kam erst auf durch verschiedene Praktikanten und Lehrlinge, die zu uns kamen. Sie fanden Biolandwirtschaft ganz toll und wollten sie kennen lernen. Sie fragten mich immer mal wieder, wie ich denn die Kuh jetzt zum Schlachter bringen kann. Und ich sagte, das ist eben so, das ist immer so gewesen. Anders geht es nicht, das muss halt so sein. Sie fragten, ob es denn nicht weh tut. Ja, sagte ich, irgendwie tut es schon weh, aber wenn man in dieser Region Landwirtschaft betreiben will, geht es nur durch die Haltung von Milchkühen. Hier wächst nur Gras. Und dieses Gras kann man eben nur wirtschaftlich nutzen durch Milchkühe. Alternativen wie Gemüse- oder Getreideanbau gibt es in dieser Region nicht. So hab ich damals dann immer die Diskussion abgebrochen, mit dem Hinweis, es geht eben nicht anders. Entweder, man akzeptiert es, so wie es ist, oder man lässt es ganz.

Frage: Also waren es damals immer mal wieder die jüngeren Leute, die dich Richtung Tierrecht gestoßen haben?
Jan Gerdes: Ja, es waren immer die Jüngeren von außerhalb. Es gab ein Erlebnis, das mich besonders beeindruckt hat. Damals hatte ich eine Freundin. Ich war der Patenonkel ihrer Tochter. Als ihre Tochter vier oder fünf Jahre alt war, holte sie mit mir im Sommer immer die Kühe von der Weide zum Melken. Damals hatte sich das Mädchen in eine Kuh, die sehr zahm war, verliebt. Ein Jahr später kam dieses Mädchen wieder zu Besuch, stieg aus dem Auto und fragte gleich: Wo ist Martha? Und ich sagte, Martha haben wir geschlachtet. Das Mädchen fing sofort an zu weinen und konnte die Welt nicht mehr verstehen. Sie hatte sich das ganze Jahr über gefreut, ihre Martha wieder zu sehen, und dann war sie auf einmal nicht mehr da.

"Für die Psyche ist die Trennung von der Mutter ein Schock."

Frage: Wie hast du dem Mädchen damals erklärt, dass Martha nicht mehr da ist?
Jan Gerdes: Ich habe gesagt, Martha musste geschlachtet werden, weil sie uns keine Milch mehr gegeben hat. Und deswegen konnten wir sie nicht mehr gebrauchen. Dieses Erlebnis ist bei mir hängen geblieben. Ich habe mich gefragt, was bist du für ein gemeiner Mensch. Und ich fragte mich, ist das alles richtig, was du machst. Ja, es ist richtig, ich muss ja Geld verdienen, dachte ich damals. Doch die Gewissensbisse blieben. Im Demeterbereich gab es oft auch die Diskussion, wie man Kühe schlachtet. Es gab einen Bauer, der vor seiner Ausbildung Theologie studiert hatte. Er brachte damals seine Kühe betend zum Schlachten und sagte, das ist die Lösung. Aber ich dachte, das kann es auch nicht sein. Es wurde argumentiert, Gott hat uns die Kühe gegeben, damit wir sie nutzen und schlachten können. Damit kam ich nicht klar. Meine Zweifel wurden immer größer, bis ich eines Tages dachte, ich will und kann kein Bauer mehr sein. Ich will keine Tiere mehr ausnutzen. Dann kam ich zu dem Punkt, dass ich die Landwirtschaft, wie ich sie betrieb, hinter mir lassen und ganz von vorne anfangen wollte.

Frage: Wie lange hast du den Hof damals auf konventionelle Art und Weise geführt?
Jan Gerdes: Ich machte drei Jahre die Ausbildung auf dem Hof. Dann musste mein Vater aus gesundheitlichen Gründen mit der Arbeit aufhören. Das war 1981. Damals hat er mir den Hof verpachtet. Dann habe ich sofort die ganze Landwirtschaft extensiviert. Das heißt, ich kaufte nicht mehr so viel Industriefutter dazu, ich wendete weniger synthetischen Dünger an und hatte das Ziel, den Betrieb nach drei bis vier Jahren biologisch zu bewirtschaften. Das war von Anfang an mein Plan. Ich wirtschaftete die ersten Jahre extensiv; 1984 hatte ich dann schon die Anerkennung als Demeterbetrieb.

Frage: Was hat sich für die Tiere durch die Anerkennung als Demeterbetrieb grundlegend geändert?
Jan Gerdes: Für die Tiere hat sich dadurch gar nichts geändert. Es gab keine Unterschiede zur konventionellen Haltung. Das ist ja immer der Irrglaube, dass die Menschen meinen, „Biotiere“ haben es besser. Es geht nicht darum, ob es ein konventioneller Betrieb oder ein Biobetrieb ist. Es geht um die Frage, wie der einzelne Bauer mit seinen Tieren umgeht. Wie auch in konventionell geführten Betrieben werden Kühe bereits im Kindesalter, so mit zehn Monaten, zwangsbesamt. Ihr Kalb wird ihnen dann wenige Stunden nach der Geburt weggenommen. Für beide ist dies ein traumatisches Erlebnis. Kuh und Kalb brüllen tagelang nacheinander. Das Kalb wächst ohne seine Mutter auf und wird mit Milchaustausch ernährt.
Unter diesen Umständen ist eine gesunde Entwicklung nicht möglich.

Frage: Gibt es für Demeter- oder Biobetriebe nicht auch Auflagen in Bezug auf die Haltung der Tiere?
Jan Gerdes: Diese Auflagen sind für die Tiere unwesentlich. Ob die Tiere nun ein paar Quadratmeter mehr oder weniger haben, spielt für sie keine Rolle. Der gravierendste Unterschied ist, dass ein „Bio“rind Biofutter bekommt. Da wird streng darauf geachtet. Zusätzlich werden Tiere auf Biohöfen bei Krankheiten wenn möglich homöopathisch behandelt. So werden zum Beispiel Wurmkuren auch nur dann verabreicht, wenn die Tiere tatsächlich Würmer haben.

Frage: Wie war das damals mit deinem sozialen Umfeld? Als du sagtest, du möchtest aus dem Hof einen Demeterbetrieb machen, gab es da Widerstände, musstest du dich rechtfertigen?
Jan Gerdes: Ich musste mich nicht rechtfertigen. Mein Vater war der einzige, der damals Einblick hatte. Und er hatte immer nur die Sorge, dass es finanziell schief geht. Wenn ich die Kontoauszüge zeigte, und er sah, dass es immer noch ein Guthaben gab, war er beruhigt.
Mit den anderen Bauern hatte ich immer wenig Kontakt. Doch wir bekamen schon mit, dass die uns damals nicht für voll nahmen. Das sind Spinner. Der macht das anders. Der wird schon auf den Bauch fallen. Das sagten sie damals.

"Irgendwann kam der Punkt, wo ich sagte, jetzt ist definitiv Schluss. "

Frage: Änderte sich durch die Umstellung auf Demeterbetrieb auch deine Ernährung?
Jan Gerdes: In dieser Phase aß ich nur Tiere, die ich selber großgezogen hatte. Von den anderen Bauern wollte ich kein Fleisch essen. Enten- und Hühnerfleisch aus den industrialisierten Anlagen kam für mich sowieso nicht in Frage. Dann kam irgendwann auch der Punkt, wo ich keine Tiere mehr gehalten habe und auch keine Tiere mehr gegessen habe. Das kam aber sehr viel später. Bis zum Jahr 2000 habe ich auf dem Hof den Demeterbetrieb geführt. Damals war ich auch verheiratet, hatte Familie, die ernährt werden musste. Das war auch eine finanzielle Frage.

Frage: Wie ist es mit deinem Vater heute? Hat er sich zurückgezogen?
Jan Gerdes: Mein Vater hat sich mit dem Kuhaltersheim arrangiert. Er kommt einmal die Woche vorbei.

Frage: Gab es damals, als du noch den Demeterbetrieb hattest, ein Schlüsselerlebnis, das dich dazu brachte, aus dem Hof ein Kuhaltersheim zu machen? Oder war das eher ein langer Prozess?
Jan Gerdes: Es war ein langer Prozess, bis ich wirklich gemerkt habe, ich will diese Landwirtschaft mit der Tierausbeutung nicht mehr machen. Irgendwann kam der Punkt, wo ich sagte, jetzt ist definitiv Schluss. Ich war dann wirklich fertig. Gesundheitlich konnte ich nicht mehr. Dieser Widerspruch, die Arbeit machen zu müssen und die Tiere zum Schlachter zu bringen, und auf der anderen Seite, das nicht mehr zu wollen, das hat mich dann auch krank gemacht. Damals war ich an einem Nullpunkt angekommen. Schließlich kam es auch zum Bruch in der Ehe. Dann lernte ich Karin kennen. Und Karin sagte, Mensch, lass uns doch etwas anderes machen. Und ich sagte, das geht doch gar nicht. Und sie sagte, natürlich geht das.

Frage: Würdest du sagen, der tägliche Umgang mit deinen Tieren hat dich dazu gebracht, die Ausbeutung der Tiere moralisch zu verurteilen und schließlich zu beenden?
Jan Gerdes: Ja. Vieles habe ich auch erst in den letzten Jahren gelernt und auch gefühlt und empfunden. Ich glaube, generell versucht man, dicht zu machen. Man hat die Haltung: Das ist so. Punkt. Darüber wird auch nicht nachgedacht. Dann macht man das halt. Und erst an dem Tag, an dem ich den letzten zehn Rindern versprochen habe, ihr dürft hier jetzt so lange leben, wie ich es finanzieren kann, ich bringe euch nicht zum Schlachter; erst da wurde mir vieles bewusst, was ich vorher jahrelang verdrängt habe.

Frage: Als du und Karin dann beschlossen hattet, aus dem Hof ein Altersheim für Kühe zu machen, wie lange dauerte es von der Idee bis zur Umsetzung? Welche Schwierigkeiten und Hindernisse musstet ihr überwinden?
Jan Gerdes: Zunächst fingen wir klein an. Wir machten das, was wir mit unseren Einkünften finanzieren konnten. Dann kam die Frage auf, wie sichern wir das Ganze ab. Versprechen können wir den Tieren ja viel. Aber was passiert dann, wenn wir älter werden, wenn wir die Arbeit nicht mehr alleine schaffen und Leute einstellen müssen oder wenn uns im schlimmsten Falle etwas passiert. Welche Sicherheiten haben dann die Tiere. Und der jeweilige Partner. Das war die Frage. Diese Sicherheit konnten wir nicht alleine schaffen. Dafür brauchten wir Leute und Geld, damit das langfristig funktionieren kann. Wir guckten uns an, wie andere das machen und besuchten Gnadenhöfe. Wir lernten viele Vereine kennen, und merkten, dass Vereine durch Streitigkeiten auch schnell wieder am Ende sind. Wir kamen zu dem Schluss, dass die Gründung eines gemeinnützigen Vereines nicht die Sicherheit bedeutet, die wir uns vorstellen. Eine andere Möglichkeit war eben die Gründung einer Stiftung. Wir informierten uns über Sinn und Zweck einer Stiftung und sagten, genau das ist es. Sie ist die einzige Form, die für eine gewisse Zeit Sicherheit für alle bietet. Die offizielle Gründung unserer Stiftung war im Dezember 2007. Die Hürde war, dass man zur Gründung einer Stiftung etwas stiften muss, da eine Stiftung aus den Erträgen den Stiftungszweck erfüllt. Wir gaben in die Stiftung eine bestimmte Summe an Geld und den Hof. Die Gründung der Stiftung war aufgrund vieler Vorgaben und Formalitäten ein langer Prozess; sie dauerte etwa anderthalb Jahre.

Frage: Gab es Widerstände gegen die Stiftungsgründung aus eurem sozialen Umfeld?
Jan Gerdes: Schon. Meine Exfrau und meine Kinder haben bis zum Schluss versucht, das zu verhindern. Danach haben sie den Kontakt zu mir abgebrochen.

Frage: Die zehn Kühe, denen du damals versprochen hattest, sie dürfen bis zu ihrem natürlichen Tod auf dem Hof bleiben, leben die noch hier?
Jan Gerdes: Ja, die sind dabei. Und dann sind noch einige andere Kühe dazugekommen. Ein paar von Animals’ Angels. Und drei Kühe von unserem Nachbarn. Geplant war, dass sie nur bei uns überwintern. Als er dann aber im Frühjahr gleich mit dem Schlachter hier auf dem Hof stand, um seine Kühe abzuholen, haben wir sie freigekauft.

Frage: Hast du die Namen der zehn Kühe parat, die schon zu Demeterzeiten hier waren?
Jan Gerdes: Mal überlegen. Das fängt an mit Willem, dann Heinrich, Martina, Christine, Frieda, Käthe, Alwine, Hilde, Magda und Isolde. Auf der Weide geboren sind später Martin und Trine. Das sollte eigentlich nicht sein, ist aber passiert, weil der Bulle vom Nachbarn einmal spazieren ging.

Frage: Ihr vermietet ja auch Wohnungen an Gäste. Was sind das so für Leute. Verändert sie der Urlaub auf dem Kuhaltersheim?
Jan Gerdes: Das ist ganz unterschiedlich, das ändert sich. Die ersten Gäste haben einfach nur einen Ort gesucht, wo sie Urlaub machen können. Damals gab es die Tierschutzstiftung noch gar nicht und es war noch nicht klar, dass es sich so entwickeln wird. Im Laufe der Zeit waren auch Leute da, die regelmäßig wiederkamen, weil sie es so schön hier fanden. Einige haben auch Patenschaften für die Tiere übernommen. Ganz wenige Gäste haben dann auch ihre Ernährungsweise umgestellt und sind Veganer_innen geworden.

Es kommen immer mehr Menschen zu uns, die Interesse an der Stiftung haben.

Frage: Was gab den Anstoß für die Veränderung bei den Gästen? Kam es durch einzelne Gespräche oder dadurch, dass die Gäste hier auf dem Hof Zeit verbrachten?
Jan Gerdes: In erster Linie war es das Erleben. Meistens nahmen sich die Leute so vier fünf Tage Zeit, um einfach nur zu gucken, und dann kamen sie ganz vorsichtig ins Gespräch und stellten Fragen. Wenn Karin das Gefühl hat, die Leute interessieren sich, dann macht sie mit ihnen auch einen Rundgang und erzählt mehr über die einzelnen Tiere. Es kommt aber auch vor, dass wir gar nichts mit den Gästen zu tun haben. Wir zeigen ihnen die Wohnung. Sie machen Urlaub. Und am Abreisetag wird bezahlt. Aber das wird weniger. Dadurch, dass wir bekannt geworden sind und die Tierschutzstiftung gegründet haben, aber auch dadurch, dass wir die Kühe von Animals` Angels haben, kommen auch immer mehr Menschen zu uns, die Interesse an der Stiftung und ihrer Umsetzung haben. Denen erzählen und zeigen wir auch sehr viel, wenn sie es gerne wollen.

Frage: Ist es denn auch so, dass ihr gerne nur Menschen hier haben wollt, die sich vegan ernähren und eure moralische Einstellung teilen? Oder wollt ihr euch da gar nicht abgrenzen?
Jan Gerdes: Im Grunde genommen sind wir soweit, dass wir es wollen. Andererseits sehen wir aber auch immer noch die Möglichkeit, den einen oder anderen umzupolen. Ursprünglich hatten wir die Ferienwohnungen auch nur, um Geld reinzubekommen und überleben zu können. Idee war nicht, dass die Leute hierher kommen, uns toll finden, und Patenschaften übernehmen. Wir hatten vor, die Ferienwohnungen ausschließlich Paten oder Veganern zur Verfügung zu stellen, wenn es gut läuft.

Frage: Wenn du jetzt mal das Leben der Kühe hier auf dem Alterheim vergleichst mit dem Leben der Kühe von anderen Höfen. Was sind deiner Meinung nach die gravierendsten Unterschiede?
Jan Gerdes: Da gibt es eigentlich wenig Unterschiede. Im Grunde genommen weiß die Kuh ja nicht, so denk ich es mir jedenfalls, dass sie morgen geschlachtet oder nicht geschlachtet wird. Wenn man sich jetzt die Kühe der anderen Bauern ansieht, sieht man zwar schon, dass sie intensiv genutzt werden. Sie haben zum Beispiel große Euter. Aber wenn sie friedlich über die Weide gehen, sich hinlegen und ihr Futter wiederkäuen, dann sehen sie auf den ersten Blick auch sehr zufrieden aus. Bei den Kühen kann man auch Freundschaften beobachten, dass sie sich gegenseitig belecken, dass sich immer wieder dieselben Kühe in Gruppen zusammen legen. Rein äußerlich ist der Unterschied glaube ich gar nicht so groß.

Frage: Wie alt kann eine Kuh werden? Habt ihr schon herausgefunden, welche Krankheiten im Alter bei Kühen typischerweise auftreten?
Jan Gerdes: Es gibt bestimmte Kühe, die sollen über vierzig Jahre alt werden. Aber ich denke, im Durchschnitt wird eine Kuh dreißig. Die Frage mit den Krankheiten ist schwer zu beantworten. Wir haben eine Kuh, die Lore, sie ist einundzwanzig. Wenn sie läuft, merkt man schon, dass es im Bewegungsapparat knackt. Wir haben einige Kühe untersuchen lassen. Anhand der Blutwerte sieht man, dass teilweise Leber und Nieren geschädigt sind. Das hängt natürlich mit der intensiven Nutzung zusammen. Kühe, die als „Nutz“tiere gehalten werden, werden ja nicht natürlich groß. Sie sind alle relativ schnell nach der Geburt von der Mutter getrennt und künstlich ernährt worden. Das ist schon der erste Punkt, der die natürliche Entwicklung stört. Für die Psyche stellt die Trennung von der Mutter auch einen Schock dar. Ob irreparable Schäden bleiben, weiß man nicht. Anders ist das natürlich bei Martin und Trine gelaufen, die hier im Kuhaltersheim geboren wurden. Trine trinkt mit ihren zweieinhalb Jahren immer noch bei ihrer Mutter. Sie haben ein sehr enges Verhältnis. Martin wurde von seiner Mutter sehr schnell abgestillt; warum, weiß ich nicht.

Frage: Zum Abschluss würde ich gern noch hören, was du dir in Zukunft für die Tierschutzstiftung wünschst. Wie soll es sich weiter entwickeln? Wollt ihr das Altersheim noch ausweiten, vielleicht auf andere Tierarten?
Jan Gerdes: Wir haben ja immer noch den alten Anbindestall, den wir provisorisch umgebaut haben. Die Anbindevorrichtungen sind weg. Die Tiere können sich zwar frei bewegen, aber ich wünsche mir, dass wir irgendwann auch einen richtig schönen Stall bauen können, wo die Tiere sich im Winter noch wohler fühlen können. Mit einem besseren Stall wäre es durchaus möglich, doppelt so viele Kühe zu halten. Das wäre nicht das Problem, sie würden es alle gut haben. Andere Tiere wie z.B. Schweine aus Massenhaltung wollten wir nicht zusätzlich aufnehmen, um uns nicht zu verzetteln, wobei ich das nicht ausschließen will. Wenn irgendwann einmal die entsprechenden Menschen dazukommen, die für die Schweine dann auch entsprechende Bereiche aufbauen, kann ich mir das schon vorstellen.

Frage: Du setzt durch das Kuhaltersheim den Tierrechtsgedanken so weit es eben geht praktisch um. Wie siehst du andere Formen der Tierrechtsarbeit?
Jan Gerdes: So viel kann ich da gar nicht zu sagen, weil ich da wenig von weiß. Aber ich finde, es ist absolut notwendig. Es muss eine Kombination geben. Auf der einen Seite Demonstrationen und Infostände. Andererseits muss es aber auch Höfe wie diesen geben, wo die Leute sich tatsächlich einmal angucken können, wie es ist, wenn eine Kuh einfach nur lebt und eben nicht als „Nutz“tier ausgebeutet wird.

Vielen Dank für das Interview!
Das Interview führte Clarissa Scherzer.




Stiftung Hof Butenland
Lebenshof für Tiere
www.stiftung-fuer-tierschutz.de

Das Kuhaltersheim „Hof Butenland“ ist auf der Nordseehalbinsel Butjadingen. Hier leben Rinder, Hühner, Enten, Pferde, Hunde, Katzen, Schweine und Menschen Seite an Seite. Hauptziel der Tierschutzstiftung ist es, eine neue Art der Begegnung von Tieren und Menschen zu ermöglichen – frei, friedlich und angstfrei. Darüber hinaus wird diese neue Begegnungsart nicht nur im Alltag gelebt, sondern dokumentiert und interessierten Forscher_innen zur Verfügung gestellt. Die gewonnenen Ergebnisse können wiederum Basis für den zukünftigen Umgang zwischen Mensch und Tier sein.