Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen
Linke Kritik des Antispeziesismus
Bericht vom Seminar der Junge Linke zum politischen Veganismus
an einem Juniwochenende bei Berlin
Kritische Auseinandersetzungen mit Antispeziesismus scheinen sich innerhalb linker politischer Strömungen zunehmenden Interesses zu erfreuen. So wurde der Antispekongress 2008 in Hannover mit (ziemlich platter) Kritik bedacht, die Jungle World widmete dem Thema gar eine ganze Diskussion (auch wenn das Niveau der auf der Jungle World-Homepage veröffentlichten Kommentare jenes der eigentlichen Beiträge oftmals überwog), die Junge Linke veranstaltete ein Wochenendseminar zum politischen Veganismus in Hannover, welches dann Mitte Juni wegen des großen Interesses bei Berlin wiederholt wurde. Im August fand das Seminar dann auch beim Antifacamp in Oberhausen statt
Wir (Markus und Georgine) haben es uns also nicht nehmen lassen, beim Berliner Seminar im Juni einen Blick hinter die Kulissen der Produktion von Kritik am Antispeziesismus werfen zu können. Wir sollten nicht enttäuscht werden. Und das in zweifacher Hinsicht.
Zahlreiche Befürchtungen, die Veranstaltung könnte aufgrund moralisierender Streitereien fernab jeglicher sachlicher Diskussionen ins Chaos abgleiten, bewahrheiteten sich nicht. Die Atmosphäre war stattdessen von einem äußerst freundlichen Umgang bestimmt. In Diskussionen wurde genügend Raum gegeben, eigene Positionen verdeutlichen zu können, die auch bei Missfallen nicht bloß abgewertet, sondern argumentativ hinterfragt wurden. Sicherlich fiel die Diskussion oftmals schwer, waren doch Menschen mit vielfältigen Ansätzen und Motivlagen bezüglich des Themas politischer Veganismus anwesend. Das Spektrum reichte dabei von esoterischen, ökologischen und naturwissenschaftlichen bis hin zu kritisch theoretischen und poststrukturalistischen Hintergründen. Oft standen akademisch-theoretische Ansätze eher praktischen Positionen gegenüber. Eine sicherlich nicht einfache Basis um ins Gespräch zu finden, die aber gleichzeitig die Möglichkeit bot, eigene Argumente auszuprobieren.
Mit der Veranstaltung sollten drei bzw. vier zentrale Argumentationsstränge linker antispeziesistischer Politik aufgegriffen und diskutiert werden. Zunächst wurde mit einer Kritik der politischen Ökonomie der eigene Standpunkt der Teamer_innen verdeutlicht, der gleichzeitig zu einer Infragestellung des „Unity of Oppression“-Ansatzes führen sollte. Anschließend ging es um eine Auseinandersetzung mit dem Rechtekonzept wie es bspw. durch Tom Regan vorgelegt wurde. Hiernach galt es Birgit Mütherichs Konzept grundlegender dualer Gesellschaftsstrukturen zu hinterfragen. Am Sonntag sollte versucht werden, den kritisch theoretischen Ansatz - hier am Beispiel Marco Maurizis - zu überprüfen. Selbstverständlich kann an dieser Stelle nicht auf alle diskutierten Fragen eingegangen werden, deshalb konzentrieren wir uns zunächst auf den Standpunkt der Teamer_innen. Der befasst sich zwar nicht mit dem eigentlichen Thema „Antispe“, lässt aber verständlich werden, warum ihre Kritik so und nicht anders ausfällt.
Die Teamer_innen vertraten eine primär ökonomische Position, wonach gesellschaftliche Verhältnisse wesentlich durch die Organisation der Wirtschaft strukturiert werden. Rechtsauffassungen, Nutzungen von Wäldern, Erziehung, Bildung etc. wären demnach vorrangig aus der Perspektive der realen Produktionsverhältnisse her zu bestimmen. Auch wenn Nebenwidersprüche wie Sexismus oder Rassismus nicht mit dem Ende des Kapitalismus verschwinden würden, so seien sie doch immer durch ihn im Sinne eines aktualisierten Hauptwiderspruchs - geprägt.
Auf dieser Grundlage wurde versucht den Ansatz einer „Unity of Oppression“, wie er bspw. in dem Schwerpunkt der zweiten Ausgabe der antarktika zu Verknüpfungen von Herrschaftsverhältnissen (also Sexismus, Rassismus und eben auch Speziesismus etc.) dargelegt wird, zurückzuweisen. Teilweise Begründung fand diese Ablehnung auch in der - aus unserer Sicht - fälschlichen Übersetzung von „unity“. Hier ist nicht von „Einheit“ die Rede, die tatsächlich dazu verleiten kann, alle Herrschaftsverhältnisse in einen Topf zu werfen, um dann nach dem Umrühren feststellen zu müssen, dass nur Brei dabei herauskommt. Vielmehr ist eine Übersetzung passend, die auf die schon erwähnten Verknüpfungen oder auch Verwobenheiten sowie Zusammenhänge abzielt. Ganz im Sinne einer Intersektionalitätstheorie - die nicht nur auf eine Mehrfachdiskriminierung verweist - geht es beim „Unity of Oppression“-Ansatz um Verbindungen zwischen Herrschaftsverhältnissen, mithin um die Aufgabe der Vorstellung es gäbe einen Haupt- und mehrere Nebenwidersprüche.
Leider beließen es die Teamer_innen mit ihrer Kritik dabei, obwohl es sich doch offensichtlich um eine missverständliche Übersetzung handelte. Dem entgegen lag die grundlegende Intention des antarktika-Schwerpunktes darin, die beiden verbindenden Elemente ‚Natur‘ und ‚Dualismus‘ in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken, ohne damit freilich Aussagen zur Gewichtung von Strukturierendem oder Strukturiertem zu machen. Interessant sind eben gerade die wechselseitigen Bedingungen von Herrschaftsverhältnissen.
Vor dem Hintergrund eines vorrangig auf das Ökonomische gerichteten Gesellschaftsverständnisses erscheint diese Kritik nicht verwunderlich. Für andere strukturbildende Momente gesellschaftlicher Organisation bleibt dann eben wenig Raum. Dabei haben die Teamer_innen in ihrer Vorstellung der Gesellschaftsanalyse selbst darauf hingewiesen, dass zur Legitimation von Kapitalismus auf ‚Natürlichkeiten‘ rekurriert wird. So wurde auf die vermeintlich gegebene Konkurrenz zwischen Individuen ganz im Sinne Thomas Hobbes („Krieg aller gegen alle“) verwiesen und damit auf die scheinbare Existenz allgemeiner Naturgesetze. Einen universalen Kapitalismusbegriff halten wir allerdings für kritikwürdig, weil dadurch vergangene wie gegenwärtige Entwicklungs- und Anpassungsprozesse unberücksichtigt bleiben. Und selbstverständlich verstehen wir Kapitalismus nicht als Naturgegebenheit. Gleichwohl ist die Naturalisierung von Herrschaftsverhältnissen ein gängiges Schema der Begründung eben dieser und damit eine - aus unserer Sicht unbedingt zu bedenkende - Verbindungslinie. Mit diesem Verweis auf Legitimationsstrategien haben die beiden Teamer_innen selbst genau das aufgezeigt, was den „Unity of Oppression“-Ansatz auszeichnet: das Vorhandensein von Verknüpfungen (hier am Beispiel von Naturalisierungen) zwischen Herrschaftsverhältnissen.
Mit einem gesellschaftstheoretischen Ansatz, der vorrangig ökonomische Zusammenhänge betont, können weder Rassismus noch Sexismus und auch nicht Speziesismus ausreichend begriffen werden. Gerade für letzteren ist es kennzeichnend, Legitimation aus der ‚natürlichen‘ Minderwertigkeit von nichtmenschlichen Tieren und dem vermeintlich faktischen Vorhandensein einer Nahrungskette, die Menschen an das Ende setzt, zu erhalten. Keinesfalls soll damit angedeutet werden, dass wirtschaftliche Bedingungen bedeutungslos sind. Im Gegenteil wird die Ausbeutung von nichtmenschlichen Tieren durch den hervorgerufenen Warencharakter ebenfalls erzeugt und radikalisiert. Nicht zuletzt werden die Sicherung von Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen als gewichtige Gründe für eine Beibehaltung der ‚Tierhaltung‘ angeführt. Aber: Begründungsversuche für den Konsum nichtmenschlicher Tiere laufen nicht ausschließlich über ökonomische Kriterien, sondern vorrangig über das Argument einer ‚Natürlichkeit‘ ihrer Nutzung. Es gilt also ebenfalls Fragen nach gesellschaftlichen Naturverhältnissen zu stellen.
Kritk am „Unity of Oppression“-Ansatz als ein gegenwärtig heiß diskutierter Aspekt linken Veganismus‘ gab es daher eigentlich nicht und die Begründung für eine Betonung ökonomischer Bedingungen ist den Teamer_innen nicht gelungen.
Allerdings konnten die Ausführungen zu Verquickungen von Produktionsverhältnissen und Rechten deutlich machen, dass die Forderung nach Tierrechten, wie sie bspw. durch Regan stark gemacht werden, äußerst problematisch sind im Hinblick auf die Erlangung von Freiheit für nichtmenschliche Tiere und Menschen.
Erstens kann die Gewährung von gesetzlich verankerten Rechten nicht ausschließlich (wenn überhaupt) im Sinne einer Sicherung von Freiheit der Individuen verstanden werden, sondern auch (wenn nicht muss) im Sinne einer Aufrechterhaltung eines Zwangs zum Mitmachen. Zweitens ist die Durchsetzung von Rechten an Sanktionsinstanzen gebunden. Nun dürfte sich herumgesprochen haben, dass staatliche Institutionen vor allem der Absicherung vorherrschender Strukturen dienen. Mit einer Forderung nach Rechten würden demnach Einrichtungen gestärkt, die dem eigentlich emanzipativen Anspruch nach Herrschaftsfreiheit eines linken politischen Veganismus’ zuwiderlaufen.
Im Anschluss daran wurde über den viel rezipierten Text Mütherichs „Die soziale Konstruktion des Anderen“ gesprochen. Aus der (ökonomisch orientierten) Perspektive der Teamer_innen konnte vom Konzept der gesellschaftliche Strukturen durchziehenden Dualisierungen wie sie von Mütherich in sexistischen, rassistischen und eben auch speziesistischen Denkpraxen herausgearbeitet wurden, nur auf wenig Anklang stoßen. Ihr geht es darum zu zeigen, dass Menschen Geist, Vernunft und Rationalität zugeschrieben werden, während nichtmenschliche Tiere als instinkt-, triebhaft und passiv gelten. Allerdings birgt ihr Text tatsächlich die Gefahr duale Strukturierungen zum neuen Hauptwiderspruch zu machen. Und es stellte sich auch die Frage, ob das Mensch-Tier-Verhältnis ausschließlich über eine Dualisierung von Mensch und ‚Tier‘ zu erfassen ist. Ist bspw. davon die Rede, dass sogenannte Hauskatzen und -kater ihre Schlafstellen so „einrichten“ (!), „wie sie es für sich am angenehmsten finden“, ist mit einer strikten dichotomen Trennung von Geist/ Körper oder Aktivität/ Passivität kaum zu arbeiten, da etwas scheinbar durch Abwägung von Ist- und Sollzustand hergestellt und nicht bloß genutzt wird.
Viel eher müsste von Mensch-Tier-Verhältnissein der Mehrzahl gesprochen werden. Zu unterscheiden sind demnach erstens die Bezugnahmen auf nichtmenschliche Tiere. Je nach dem, ob es sich um sogenannte Nutztiere (wie Schweine oder Rinder), Haustiere (wie Hunde oder Katzen) oder Wildtiere (Füchse oder Sperlinge) handelt, sind auch verschiedene Merkmale dieser Verhältnisse zu analysieren, ohne dabei freilich Gemeinsamkeiten zu unterschlagen. Zweitens lassen sich Mensch-Tier-Verhältnisse danach unterscheiden, auf welchen Prämissen sie beruhen (religiös, ökologisch, kritisch-theoretisch etc.). So gehen unterschiedliche Motivationen sich mit Tierbefreiung zu beschäftigen, mit differenten Problematisierungen und Lösungsvorschlägen einher.
Statt auf das Konzept Mütherichs näher einzugehen, wurde jedoch eher die Frage nach einer Analogie von Speziesismus und anderen Herrschaftsverhältnissen diskutiert und auch, ob es sich bei Speziesismus überhaupt um ein Herrschaftsverhältnis handelt. Beides wurde seitens der Teamer_innen verneint. Denn ihr Ansatz - der als essentialisierend bezeichnet werden muss - verstand nichtmenschliche Tiere als a priori oder ‚von Natur aus‘ vernunftunbegabt. So wird dann auch nachvollziehbar, warum das Verhältnis zwischen nichtmenschlichen Tieren und Menschen so (gut) ist, wie es ist und eben auch nicht anders zu sein braucht. Leider blieb damit der Ansatz Mütherichs, der das Verhältnis von nichtmenschlichen Tieren und Menschen als Konstruktionsprozess ausweist, unberücksichtigt. Doch genau um dessen Verständnis sollte es doch eigentlich gehen und nicht um die Reproduktion vermeintlicher Tatsachen.
Die Diskussion konnte jedoch deutlich machen, dass die Analogisierung von Speziesismus und anderen Herrschaftsstrukturen nicht sinnvoll erscheint. Das ist aber nicht gleichbedeutend mit der Ablehnung bei Speziesismus von einem Herrschaftsverhältnis zu sprechen. Auch hier werden die Strukturen des Umgangs von Menschen und nichtmenschlichen Tieren fixiert, verstetigt und hierarchisiert. Gegen eine Analogisierung sprechen zwei Annahmen (und als solche sollten sie auch verstanden werden).
Erstens ist im Falle von Rassismus oder Sexismus davon auszugehen, dass auch die Involvierten ihr Interesse an einer Beendigung der Verhältnisse konkret artikulieren und vor allem daran mitwirken könnten. Rassismus und Sexismus ließen sich demnach real überwinden.
Daran anschließend und zweitens scheinen sich zu einem strukturellen Speziesismus keine Alternativen zu bieten - wie weitreichend jene auch praktiziert werden, da menschliche Interessen immer auch diejenigen nichtmenschlicher Tiere beeinflussen (Landwirtschaft, Wohnen).
Im letzten Block sollte der Text Maurizis aus dem Sammelband „Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen“ als Beispiel für die kritisch theoretische Perspektive der Tierbefreiungsbewegung besprochen werden. Wahrscheinlich aber waren die meisten nach einem langen und anstrengenden Samstag einfach schon zu geschlaucht, als dass unseren Köpfen noch gehaltvolle Äußerungen zum Zusammenhang Kritischer Theorie und Tierbefreiungsbewegung zu entlocken wären. So blieb es bei Allgemeinplätzchen zu Fragen nach Naturbegriffen und Naturverhältnissen, was angesichts ihrer enormen Relevanz eigentlich eher an den Beginn des Wochenendes gehört hätte.
Abschließend lässt sich festhalten, dass die Teamer_innen erstens primär ökonomisch argumentierten und zweitens auf Mensch-Tier-Verhältnisse bezogen essentialistische Vorannahmen vertraten; also von etwas an-sich-Seiendem ausgingen, das ohne menschliche Einflüsse existiert. Drittens wurde immer wieder der Anspruch erhoben, Gesellschaft verstehen zu müssen. Sowohl der Kürze der Darstellung ihrer theoretischen Grundlagen als auch den grundlegenden Vorannahmen und Schlussfolgerungen geschuldet, zeigen sich aus unserer Sicht noch viele Leerstellen in dem vorgetragenen Verständnis. Letzteres aber bildet den Kern politischer Auseinandersetzungen. Je nach Art des Zugangs zu Gesellschaftskritik fallen so auch Problematisierungen und daran anschließend geforderte Veränderungen aus.
Auch wenn das Seminar bezüglich kritischer Aspekte an den hier besprochenen Ansätzen des Antispeziesismus inhaltlich teilweise weit hinter den Erwartungen zurückblieb, ist doch festzuhalten, dass sich die Atmosphäre der Veranstaltung nur positiv auf weitere Diskussionen auswirken kann. Wir sind also in zweifacher Hinsicht nicht vom Wochenendseminar zum politischen Veganismus der Jungen Linke enttäuscht. Die Kritik war nicht so schlagend, als dass wir uns nun nach neuen Theorien umsehen oder unser Gesellschaftsverständnis komplett überarbeiten müssten und gleichzeitig zeigten die Diskussionen, dass durchaus die Bereitschaft zu einer weiteren Auseinandersetzung besteht. Wir würden uns freuen.
Georgine Heisler und Markus Kurth