Ursula Wolf (Hrsg.): "Texte zur Tierethik"
Gut lesbare und wertvolle Textsammlung zur aktuellen tierethischen Debatte
In einem ersten Teil sind die unterschiedlichen moralischen Ansätze vertreten, die von Anhängern und Gegnern kontrovers diskutiert werden. Diese sind: Utilitarismus, Theorien moralischer Rechte und Würde, Vertragstheorie, Mitleidsethik und Ethik der Fürsorge, Tugendethik, sowie multikriterielle Ansätze. In einem zweiten Teil beziehen sich Vertreter der unterschiedlichen Ansätze auf Anwendungsprobleme wie das Töten von nicht-menschlichen Tieren, Versuche mit Tieren und die Verwendung von Tieren zu Nahrungszwecken.
Bei der Auswahl der Texte konzentrierten sich Ursula Wolf und der beteiligte Alexander Zehmisch darauf, die jeweiligen Bereiche mit interessanten, aktuellen Stimmen abzudecken, die sich nicht wiederholen sollten, sofern sie das Spektrum der möglichen Positionen nicht maßgeblich erweitern. Das ist ihnen sehr gut gelungen. Um 27 Texte in einem einzelnen Sammelband unterbringen zu können, wurden Ausschnitte genommen und gelegentlich auch innerhalb der Texte Bereiche ausgeklammert. So kommt es zu einem Schnitt von elf Seiten pro Text. Bis auf der Text von der Herausgeberin selbst sind alle unter 20 Seiten, der kürzeste hat gerade mal dreieinhalb. Dazu kann man unterschiedlicher Meinung sein, ich persönlich finde es gut. Die Leserin bekommt das Wesentliche und Vielfältiges in großer Anzahl ausgewählt präsentiert und kann es direkt aufeinander beziehen. Ein weiterer Faktor für die Auswahl der Texte war anscheinend auch die Lesbarkeit. Wenn bei einer Theoretikerin die Wahl bestand zwischen einem lesbareren Text, zum Beispiel in Form eines Aufsatzes, oder einem Ausschnitt aus einem anspruchsvolleren Buch, wurde ersterem der Vorzug gegeben.
Ich empfehle, das gesamte Buch und zwar von vorne nach hinten zu lesen. Die Texte sind so angeordnet, dass sie gegebenenfalls aufeinander kritisch eingehen. Am Ende eröffnet sich ein komplexes Hintergrundwissen darüber, welche Ansätze und Probleme, aber auch, welche zentralen Aspekte es in der akademischen Tierethik gibt. Es reicht nicht, eine Idee oder Argumentation intuitiv plausibel, also überzeugend zu finden. Es gibt immer noch einen hellen Kopf, der einen gravierenden Einwand hat und damit nicht alleine steht. Wir Menschen sind als sogenannte „moralische Akteure“ verschieden. Wenn wir für unsere Gesellschaft ein neues Mensch-Tier-Verhältnis anstreben, reicht es nicht, einfach absolut gültige Naturrechte zu erklären, die eine totale Schranke gegen Eingriffe darstellen sollen, da es wenig Überzeugungskraft hätte. Wir müssen offensichtlich gegen weit verbreitete Intuitionen ankämpfen, die oft nur im extremen Fall des Speziesismus als unberechtigtes Vorurteil zu entlarven sind. Die akademisch-tierethische Debatte zeigt drei Dinge: Die „Frage nach dem Tier“ ist in jede Moraltheorie integrierbar. Sie ist eine Messlatte für die Plausibilität einer jeden Moraltheorie bzw. moralischen Position. Sie überzeugend zu beantworten ist nicht so einfach.
Eine wichtige übergreifende Schnittmenge der Texte ist die Frage nach den (moralischen) Rechten (1). Soll man von absoluten Rechten ausgehen? Oder von prima-facie-Rechten, das heißt: Rechten, die „auf den ersten Blick“ gelten, solange sich keine moralischen Konflikte einstellen, in denen ein grundlegendes Recht durch ein konkurrierendes Grundrecht aufgehoben wird? Oder gar nicht erst von Rechten, weil es auf die Interessen und Fähigkeiten von Lebewesen ankommt, die hinsichtlich der besten Konsequenzen, Handlungsfolgen abzuwägen wären? Wenn doch Rechte: Kommen nicht-menschlichen Tieren grundlegende Rechte von Natur aus zu? Oder lediglich durch Zuschreibung? Lassen sich „Naturrechte“ überzeugend begründen? Durch die unterschiedliche Verteilung der empirischen, faktischen Eigenschaften der Lebewesen könnte man annehmen, dass die verschiedenen Tierarten unterschiedlich starke, nicht jedoch gleiche Rechte hätten.
Neben den Rechten gibt es Auseinandersetzungen mit weiteren zentralen Begriffen wie dem Speziesismus (2) und Interessen (3). Es ist unter Moralphilosophen weit verbreitet, Interessen als Ausgangspunkt für die moralische Berücksichtigung von Lebewesen zu nehmen. Diese sind faktisch vorhanden und als solche direkt moralisch relevant, da ihre Erfüllung zu einem guten Leben dazugehören und es ausmachen, ihre Frustration jedoch einen Eingriff in das gute Leben eines Lebewesens bedeuten. Etwas, das meiner Ansicht nach von größter Bedeutung ist und durch eine Querschnittsbetrachtung der Texte als Themenkomplex erscheint, ist die Frage, ob das Leben von (auch menschlichen) empfindungsfähigen Tieren einen moralisch relevanten Wert darstellt (4). Neben dem Rechte- und dem Interessen-Ansatz erscheint mir vor allem der tugendethische Ansatz bedeutsam (5). Er ist als solcher nicht immer direkt zu erkennen. Ihn kennzeichnet häufig, seinem eigenen, tugendhaften Charakter und dessen Entwicklung verpflichtet zu sein und sich nicht von Prinzipien-Ansätzen wie dem Kantianismus, aber auch dem Utilitarismus, vorschreiben zu lassen, was moralisch richtig oder falsch sei. Als weiteren übergreifenden Begriff, der offensichtlich bedeutsam ist, mache ich die Intuitionen aus6. Eine Theorie oder ein Ansatz, die den real existierenden Intuitionen nicht gerecht werden oder diese mangels Überzeugungskraft nicht aufheben kann, sowie Einwänden nicht viel entgegensetzen kann, ist nicht viel wert. Unsere Intuitionen sind die Grundlage für unsere moralischen Ansichten, unsere Einwände heben fremde Ansätze auf. Diese müssen sich dagegen behaupten können. Außerdem beachtenswert ist die häufig unterschiedliche Vorstellung von vorkommenden Konflikten und wie mit ihnen umzugehen sei. Anders als Interessenkonflikte fallen moralische Konflikte, bei denen es um Leben und Tod geht, für mindestens eine Partei stark ins Gewicht. Sind sie die Ausnahme? Oder der Regelfall? Und soll selbst trotz postulierter Würde oder Rechte bei moralischen Konflikten zwischen Menschen der Kantianismus gelten, zwischen Menschen und Tieren jedoch der Utilitarismus?
Peter Singer spricht von Rechten eher im schwachen Sinne. Empfindungsfähige Wesen hätten das Recht bzw. den moralischen Anspruch auf gleiche Interessenberücksichtigung. Die Interessen könnten dann aber („gerecht“ je nach ihrem „Wert“) gegen andere, direkt konkurrierende Interessen abgewogen werden. Nicht die Wesen selbst, sondern ihre Interessen sind moralisch relevant. Kritik ist angebracht: Mangels Rechte hat ein Wesen keinen grundsätzlichen Schutz gegen Eingriffe in ihr Leben.
Tom Regan zufolge besteht eine „inhärente Gleichwertigkeit“ (und somit gleiche Grundrechte) aller Subjekte eines Lebens. Der Vorteil des Rechte-Ansatzes liegt auf der Hand: So besteht ein Schutz jedes Individuums der moralischen Gemeinschaft gegen Instrumentalisierung. Ihr „inhärenter Wert“ verlangt moralischen Akteuren Achtung ab. Für die metaphysische Begründung der Rechte mittels des Postulats eines gleichen inhärenten Wertes wird Regan allerdings von vielen Seiten kritisiert. Dieser Wert ist in der Natur der Dinge nicht ausmachbar, sondern kann lediglich behauptet werden. Regans überspitzte „Kritik“ an Singers Utilitarismus, die sich so auch in seinen aktuellen Texten findet, ist übrigens unberechtigt, da falsch darstellend.
Bernard Rollin erkennt Interessen und selbst nicht-bewusste Bedürfnisse als Grundlage der Moral an. Jede Tierart hat ihre eigene Natur, „bestimmte Handlungen, die [einer Vertreterin der Art] innewohnen und die evolutionär festgelegt und genetisch einprogrammiert sind“. Das Leben eines Tiers besteht „in dem Bemühen, genau diese Funktionen auszuüben, diese innere Natur zu verwirklichen, diese Bedürfnisse zu erfüllen, dieses Leben aufrechtzuerhalten“. Diesen Antriebs, dieser Anstrengung, „die eigene Integrität und Identität zu bewahren“, sind sich nicht-menschliche Tiere bewusst, die (Nicht)Erfüllung ihrer Bedürfnisse ist ihnen von Bedeutung. Rollin spricht Tieren absolute (Natur)Rechte zu und sieht sie als Zwecke an sich an, die wir „unabhängig von ihrer Nützlichkeit für uns, wertschätzen sollen“.
Für Carl Cohen haben nur Menschen, und zwar alle Menschen, Rechte. Cohen stützt sich ausgesprochen traditionell sehr stark auf Intuitionen („nahezu universelle Moralüberzeugungen“). Die Moralfähigkeit und die wechselseitige Anerkennung sieht er Kant folgend als moralisch relevant an. Die Argumentation kommt zu kurz.
Mit dem Text von Gotthard M. Teutsch tritt der Begriff „Würde“ auf. Gerade jene Menschen, denen die (zum Beispiel von Kant und Cohen) geforderten Eigenschaften fehlen, um ihnen direkt Würde zuzusprechen, sind schutzbedürftig gegenüber unwürdiger Behandlung. Die Würde sei ein normativer Begriff, der sowohl anerkannt, als auch zugesprochen würde. Würde und Eigenwert mit Selbstzweckcharakter komme jedem Wesen („um ihrer selbst willen“ und in ihrem Sosein) zu, das „Subjekt bzw. Zentrum eines Lebens ist, für das es ein Wohl oder Wehe gibt“.
Die Schweizer Ethiker Philipp Balzer, Klaus Peter Rippe und Peter Schaber entwerfen (in Abgrenzung zu einer Menschenwürde) für „Kreaturen“ wie Tiere und Pflanzen sehr funktional eine „hierarchische Konzeption der inhärenten Würde“, die der Formulierung, der Intuition und der Absicht der gegebenen Schweizer Verfassung entsprechen soll. Alle Lebewesen sollen unabhängig von Empfindungsfähigkeit ein „eigenes Gut“ und somit einen „inhärenten Wert“ (Würde) haben, zugleich aber für menschliche Zwecke genutzt werden dürfen. Sie wären somit moralisch zu berücksichtigen, hätten jedoch keine Rechte.
Steve F. Sapontzis spricht sich analog zu Rechten für menschliche „Grenzfälle“ für Tierrechte aus, da nur durch sie tierliche Interessen anerkannt, geschützt und fördert werden könnten.
Die beiden Vertragstheoretiker Peter Carruthers und Mark Rowlands beziehen sich auf Rawls‘ Theorie der Gerechtigkeit, in der moralische Akteure jegliches Wissen über ihre persönlichen Eigenschaften und ihren Status in der Gesellschaft ausklammern sollen, um vorurteilsfrei und nicht interessengeleitet eine gerechte Gesellschaft gestalten zu können. Dazu soll man versuchen, sich hinter einen fiktiven „Schleier des Nichtwissens“ zu stellen. Die Idee dahinter ist, dass man aus Eigeninteresse eine gerechte Gesellschaft wünschen würde, wenn man nicht weiß, an welchem Ende der Gesellschaft man schließlich stehen wird. Carruthers sieht für die Vertragstheorie nur einen indirekten Weg vor, dass Tiere direkt moralisch zu berücksichtigen wären: über die Verpflichtung moralischer Akteure zur Ausbildung eines tugendhaften Charakters. Anders Rowlands: Das Modell von Rawls sei auf „Wesen, die ein Wohl im Sinne einer Erlebnisfähigkeit haben“, erweiterbar. Die Kombination eines Gleichheitsprinzips und eines Verdienstprinzips mache die Begründung von Tierrechten plausibel.
Josephine Donovan stellt der „Doktrin natürlicher Rechte“ und dem Utilitarismus eine Theorie „aufmerksamer Liebe“, eine feministische Fürsorgeethik, entgegen. Dabei unterscheidet sie zwischen Empathie (Einfühlung) und Sympathie (Mitgefühl). Das Mitgefühl sei sowohl emotional, als auch (distanziert) intellektuell und somit nicht irrational. Es gehe einher „mit einer intensiven Aufmerksamkeit für die Realität eines Anderen“, und es sei universalisierbar. Ihr Tierschutz-Ansatz umfasst zusätzlich tugendethische und utilitaristische Aspekte.
Die moderne Tugendethikerin Rosalind Hursthouse lehnt starre Prinzipien wie beim Rechte- oder Interessen-Ansatz ab. Weder Rechte und der moralische Status eines Wesens (mit seinem ein-, aber auch ausschließenden Charakter), noch des Wesens Interessen und die zu erwartenden Konsequenzen wären ausschlaggebend für eine gute Handlung, sondern die Umstände, in denen sich eine moralische Akteurin befindet. Moralische Objekte, aber auch die Konfliktsituationen seien zu komplex und verschieden, um sie „pauschal“ zu behandeln.
Tugendethische Ansätze, bei denen es auf den Menschen und dessen Streben nach einem guten, tugendhaften Charakter ankommt, können sich auf Indirekte-Pflichten-Ansichten reduzieren. Cora Diamond vertritt diese Position sogar offensiv, wenn sie gegen Singers Interessen- und Regans Rechte-Ansatz wettert. Anders als die Eigenschaften von Lebewesen seien unsere Beziehungen zu ihnen relevant. Für uns Menschen sind andere Menschen, aber auch unsere Haustiere Mitglieder unserer Gemeinschaften, die Namen tragen, unsere Gefährten und somit „nicht etwas zu essen“ sind, auch dann nicht, wenn sie natürlich oder durch einen Unfall gestorben sind. Anständig behandelt könne man „Mitgeschöpfe“, die keine Gefährten sind, zu denen keine sonderliche Beziehung besteht, jedoch essen, so die Vegetarierin in ihrem verwirrenden Text am Ende des Sammelbandes.
Der Tugendethiker Lawrence C. Becker argumentiert, dass die „soziale Distanz“ uns dazu berechtigen würde, die Wesen je nach emotionaler Entfernung unterschiedlich zu berücksichtigen und zu behandeln. Starke und wechselseitige Beziehungen verpflichteten uns zu Begünstigungen gegenüber schwächeren. So hätten menschliche Interessen für uns Menschen grundsätzlich Vorrang vor nicht-menschlichen (sofern diese nicht signifikant sind).
Ähnlich wie Hursthouse hebt auch Mary Midgley die vielen feinen Unterschiede zwischen den einzelnen Lebewesen und unseren Verhältnissen zu ihnen hervor und lehnt zugunsten von Differenzierungsvermögen und kreativen Lösungen das Gleichheitsdenken ab. Die Nähe sei kein moralisches Argument, obwohl wichtiger psychologischer Faktor. Das Prinzip der Nähe behindere oft die Nächstenliebe. Die Mitleidsressourcen erschöpften sich nicht durch Einbindung von nicht-menschlichen Tieren, im Gegenteil.
Für Roger Scruton ist (wie für Kant und Cohen) die Moralfähigkeit moralisch relevant: Wo keine Pflichten, da auch keine Rechte. Und ebenso wie bei Cohen ist die Zugehörigkeit zu unserer Spezies qualifizierend („unter normalen Bedingungen“...). Scruton geht von absolut gültigen Rechten aus, die keine aufhebbaren Ansprüche darstellen. Doch multikriteriell vertritt er keinen reinen Rechte-Ansatz. Mitgefühl, unsere Einstellung zu Tugend und Laster, sowie Ehrfurcht (eine säkularisierte „Pietät“) sind weitere Motive und Quellen unseres Moralempfindens. Wie auch schon bei Midgley würden sich aus unseren Beziehungen zu Tieren spezielle Verantwortlichkeiten und Fürsorgepflichten ergeben.
Der Text von Ursula Wolf schließt den moraltheoretischen Teil damit ab, viele der angeführten Positionen zu ordnen, zu diskutieren und zu einem multikriteriellen Ansatz zu verarbeiten. Um strukturelle Klarheit bemüht unterscheidet Wolf drei Aspekte der Moral: Form, Motivation und Inhalt. Zur Form: Sie geht nicht von absoluten Naturrechten aus, sondern von zugeschriebenen Rechten mit der Funktion, (auch nicht-menschliche) Individuen („die nach ihrem Guten streben“) vor Eingriffen zu schützen. Moralische Motivation wird erst durch ein tugendhaftes Wohlwollen möglich. Durch Form und Motivation ergibt sich der Inhalt der Moral. Je nach Mensch-Tier-Beziehung (Wolf unterscheidet fünf verschiedene) leitet sie unterschiedliche Pflichten gegen Tiere ab: negative wie Rücksicht auf Tierrechte, sowie positive wie Fürsorge, spezielle Verpflichtungen oder die Schaffung von Minimalbedingungen, „unter denen ein gutes Leben möglich ist“. Individuen seien „Grenzen der Kalkulation“. Doch bei gleichem moralischen Status könnten sich „aus der Verschiedenheit der Fähigkeiten, der Lebensbedingungen und der Beziehungen der Individuen“ für unsere Handlungen Unterschiede ergeben.
Edward Johnsons zentrale Frage ist, warum menschliches (reflexives) Leben wertvoller sein sollte als (bewusstes) nicht-menschliches. Aus der Sicht eines Schweins oder einer Maus ist ihr Leben absolut lebenswert und potentiell „reich“. Warum sollten sie daher ethisch konsequent nicht Selbstzwecke sein? Man könne „ein indirektes oder abgeleitetes Interesse am Leben haben, das von den anderen Interessen, die man hat, lebt“. Eine Kuh hätte „ein Interesse am Weiterleben“, da sie dadurch Gelegenheiten hätte, ihre Wünsche zu befriedigen. Wenn ich nur einen Text hervorheben dürfte, dann wäre es der Text von Johnson.
Nimmt man keine metaphysischen Annahmen zu Hilfe, die ein tierliches Leben per se heiligten, diesem also an sich einen inhärenten Wert zukommen lassen, dann könnte man argumentieren: Mangels abstraktem Wissen um ihr Selbst und ihre Zukunft haben Tiere kein Lebensrecht. Dieter Birnbacher geht der Frage nach, welche Ansätze das (schmerzlose) Töten universalisierbar zu verwerfen vermögen. Schweitzers „mystischen Vitalismus“, Nelsons Interessen- und Zweck-an-sich-Argumentationen, Regans Würde-Ansatz und „Grenzfälle“-Argument, Jean-Claude Wolfs „Beraubungs-Argument“ und auch sein eigenes „quantitätsethische“ Argument weist Birnbacher in der Hinsicht zurück. Ähnlich wie Johnson und J.-C. Wolf meint Birnbacher, dass ein subjektiv wertvolles Leben ein Gut sei, allerdings auch, dass bei nicht-menschlichen Tieren kein Interesse am Weiterleben (und somit Lebensrecht) bestünde und ihr Leben in Gefangenschaft, inklusive ihrer Tötung im Schlachthof, in der Regel leichter sei als das in freier Wildbahn. Übrig blieben indirekte Gründe gegen das Töten, wie gewisse Begleitumstände, die schwerwiegend und nicht vermeidbar seien, sowie Verrohungs- und Abstumpfungseffekte.
Raymond Frey vertritt eine „Position der Qualität des Lebens“. Je „reichhaltiger“ ein Leben, desto wertvoller sei es.
Auch Günther Patzig schematisiert und kritisiert verschiedene Begründungsansätze für ein „humanes“ Mensch-Tier-Verhältnis. Wie Birnbacher und andere kritisiert er religiöse und weitere metaphysische Postulate und Ansätze (wie Schweitzers „Begriff eines absoluten Werts des Lebens“) dafür, dass sie Nichtgläubige nicht überzeugen könnten, also nicht universalisierbar seien. Er richtet sich gegen prinzipiell rationale, aber anthropozentrische Ansätze, die „nachträglich durch eher schwache Argumente“ versuchten, alle und nur Menschen ins Boot zu holen. Tatsächlich verhält es sich bei ihm nicht viel anders. Er lehnt Kants Postulat des Vernunft besitzes beim Menschen ab, unterstellt allerdings selbst, dass jeder Mensch das Interesse hätte, „in seiner Integrität und Gesundheit nicht beeinträchtigt […] und zum bloßen Mittel […] gemacht zu werden“, sowie über Selbst- und biografisches Bewusstsein verfügen würde. Der Mensch habe eine „besondere Existenzform“, die eine „qualitative Differenz“ ausmache. Obwohl Patzig in seinem Text von 1986 mit seinem „Vernunftprinzip“ (welches stark Singers Prinzip der gleichen Interessenberücksichtigung ähnelt) eine einheitliche Ethik für Menschen und Tiere vertritt, offenbart sich auch bei ihm letztendlich die typische Doppelmoral: Kantianismus für Menschen, Utilitarismus für Tiere. Eine schmerzlose Tötung zu Ernährungszwecken oder die Aufhebung des Schonungsgebots „bei Vorliegen hinreichend starker Gegengründe“ sei bei Tieren legitim. Manche Menschen (ohne „jene spezifisch menschlichen Eigenschaften“) könnten zwar ebenfalls „nicht in gleicher Weise wie ‚normale‘ Menschen einen besonderen Schutz beanspruchen“, doch hier gelte das Schiefe-Ebene-Argument, die Gefahr des Abrutschens in politische Barbarei.
Wie zuvor die Tugendethikerinnen und vor allem Becker lehnt auch Baruch A. Brody auf beachtenswerte Weise die gleich starke Berücksichtigung von Interessen ab, obwohl er diese als moralisch relevant anerkennt. Tierliche Interessen oder die Fremder seien schwächer zu gewichten, „wenn sie mit unseren Interessen, unsere Ziele zu erreichen, konkurrieren“. „Spezielle Verpflichtungen“ erforderten den Vorrang menschlicher, nicht jedoch eine Diskriminierung tierlicher Interessen.
Xenotransplantationen (Organverpflanzungen von Tieren zu Menschen) könnten in Abwägungsfragen bedeutsamer sein als andere Tierversuchsformen, da grundsätzlich ein direkter Nutzen feststellbar wäre. Gary L. Francione lehnt auch hinsichtlich einer unterstellten „Notwendigkeit“ eben jene Nutzenabwägung ab und vertritt als „moralische Alternative zum Abwägungsansatz“ einen Tierrechte-Ansatz. Kritik übt er dabei am modernen Tierschutz im Gewand von Tierrechten, an der bisherigen Tierrechtsbewegung als einer „Bewegung zum Schutz des ‚Wohlergehens‘ der Tiere“. (Viele Autorinnen im Sammelband sehen die Tierausbeutung an sich als im Grunde legitim an.) Nur Rechte taugten als schützende Schranke zwischen einem Individuum und anderen. In seinem (älteren) Text von 1990 argumentiert Francione nahe angelegt an Regan.
Bart Gruzalski begründet klassisch-utilitaristisch also anders als Singer nicht präferenzutilitaristisch , warum es falsch sei, Tiere zu essen, die zur Nahrungsgewinnung gezüchtet und getötet wurden. Die positiven Folgen würden das verursachte Leid nicht überwiegen, und es gäbe mit der pflanzlichen Ernährungsweise eine alternative Handlungsweise mit wesentlich besserer „Lust-Schmerz-Bilanz“. Konträr zu Birnbacher meint Gruzalski, dass „das Erlebnis der Schlachtung“ für sogenannte Nutztiere „in keiner Weise besser [sei], als es die schlimmsten in freier Wildbahn erlebten Todesarten sind“.
Evelyn B. Pluhar scheint von Naturrechten mit prima-facie-Geltung auszugehen, die sich aus der Empfindungsfähigkeit ergeben. Regans Ansatz findet sie nicht stichhaltig. Zu ihrem Rechte-Ansatz gelangt sie durch die Ausweitung von Alan Gewirths Argumentation: „jedes Wesen, das fähig ist, zu handeln, um Ziele zu erreichen“, d.h. jeder Akteur, habe Rechte, da grundlegende Interessen, die nicht durchkreuzt werden sollten. Nicht-Akteuren müssten ebenfalls Rechte (wenn auch nicht auf „Nichteinmischung“, sondern auf Hilfe) zugesprochen werden, da sie „Wünsche und Bedürfnisse haben, die sie befriedigt haben wollen“. Sie teilt auch J.-C. Wolfs Beraubungs-Argument: „Selbst dann, wenn wir unwissentlich und schmerzlos im Schlaf getötet werden, haben wir das verloren, was das Leben für uns bereitgehalten hätte.“
Ein „universelles Verbot“, Fleisch zu essen, lehnt Mary Anne Warren ab, da es mit moralischen Rechten von Menschen kollidiere. Bei einzelnen Menschen oder Naturvölkern könnte es „gewichtige ernährungsbedingte, kulturelle oder religiöse Interessen am Fleischessen“ etc. geben. Abgesehen von den Ausnahmen könnte es allerdings die moralische Verpflichtung zum Verzicht geben, sofern pflanzliche Nahrungsmittel verfügbar sind.
Der günstige Sammelband ist fast durchweg gut zu lesen und interessant. Er ermöglicht einen sehr guten Einblick in die heutigen akademisch-tierethischen Debatten und bietet Ansätze dazu, die eigene Position reifen zu lassen. 27 Texte bedeuten 27 Meinungen und Vorstellungen zu texteübergreifenden Themenkomplexen wie zum Beispiel Rechte, Interessen, Abwägung, Speziesismus, Leidensfähigkeit, Wert des Lebens, Tugenden, Intuitionen, Geist der Tiere, menschliche „Grenzfälle“, Beziehungen, Nähe, Gleichheit und Gleichberücksichtigung, Selbstzweck und Instrumentalisierung, moralischer Status, Pflichten, (moralische) Konflikte etc. Ein diesbezüglich aufmerksamer Abgleich der Texte miteinander lohnt sich.
Emil Franzinelli
Fußnoten:
1: Stellungnahmen zu und Bezüge auf moralische Rechte finden sich auf den Seiten 27, 35, 46ff, 52, 64f, 73ff, 79f, 86, 101, 105, 125, 129, 138, 164ff, 170ff, 201, 218, 227ff, 235, 278f, 283, 285ff, 301ff, 319.
2: Stellungnahmen zum Speziesismus finden sich auf den Seiten 32, 37, 96f, 124f, 143ff, 148, 161ff, 165, 175, 200, 207f, 212, 220f, 228, 235, 238f, 242, 265, 270f, 272, 274, 276, 284, 305f, 318.
3: Bezüge auf Interessen finden sich auf den Seiten 25ff, 33, 40, 42f, 44ff, 49, 73ff, 79, 102, 129, 132, 143ff, 166, 180, 203ff, 212, 215f, 222, 252, 256f, 258, 263, 267, 269ff, 281, 283f, 301, 303, 307, 315, 322.
4: Bezüge auf einen Wert des Leben finden sich auf den Seiten 41f, 58, 71f, 127, 129, 147, 195f, 199, 200f, 207f, 209, 213, 215f, 222, 223f, 238, 239, 241f, 242ff, 251f, 259f, 262f, 305, 319.
5: Bezüge auf einen tugendhaften Charakter finden sich auf den Seiten 117f, 128f, 137ff, 167, 174, 183f.
6: Bezüge auf Intuitionen finden sich auf den Seiten 52, 57, 63, 65, 67, 70, 71, 79f, 80f, 86, 88, 90, 130, 132, 135, 172, 173, 196, 206, 212, 219f, 241, 243, 260, 263, 283, 285, 313, 323, 328.