Affenschande im Tierpark Straubing
Sebastian, Alfons und Lutz sind drei Schimpansen, die seit Jahren ein gänzlich
artwidriges Dasein zu fristen genötigt sind, eingesperrt hinter Betonwänden,
Eisengittern und Isolierglasscheiben in einem ostbayerischen Provinzzoo (siehe ausführlichen Bericht in TIERBEFREIUNG 63). Am 8. Juli 2009 berichtete der Bayerische Rundfunk (BR/ARD) in seinem Politmagazin Kontrovers über die Schimpansenhaltung. In zahllosen Telefonaten mit der Redaktion war es TR-Aktivisten gelungen, die Journalisten für das Thema zu interessieren. Entscheidender Punkt dabei war, dass dem BR mit Dr. Signe Preuschofft eine weltweit anerkannte Primatologin angeboten werden konnte, die eigens aus Wien anreisen und sich vor Ort zu den Haltungsbedingungen der drei Schimpansen äußern wollte.

Hinter den Kulissen
Schon vor Beginn der Dreharbeiten setzte sich Zoodirektor Wolfgang Peter lautstark in Szene. Vor allem der Tierrechtsaktivist Peter Druschba, der die Schimpansenhaltung im Straubinger Zoo seit Jahren kritisiert, wurde von ihm aufs Übelste beschimpft und beleidigt. Peter, ein massiger Mann und berüchtigt für seine cholerischen Anfälle, brüllte sich regelrecht in Rage, an Druschba gerichtete Schmähungen wie „asoziale Drecksau“ und „blöder Zipfel“ waren dabei noch die harmlosesten.
Unbeteiligte Zoobesucher waren entsetzt über das rüpelhafte Benehmen und die vulgäre Wortwahl; und noch entsetzter, als sie erfuhren, dass es sich um den Direktor des Zoos handelte. Es fehlte nicht viel, so hatte es den Anschein, und Peter wäre Druschba an den Kragen gegangen. Auch eine Vertreterin des Bundesvorstandes „Menschen für Tierrechte“, die dem Zoodirektor eine Frage zu stellen wagte, wurde in rüder Manier abgekanzelt.
Die miesen Tricks des Zoodirektors
Dem Fernsehteam des BR gegenüber hielt Peter sich wohlweislich in Zaum. Mit großer Geste führte er seine Schimpansenanlage vor, die ausweislich eigens neu angebrachter Hinweistafeln Anfang der 1990er „extra dazu errichtet wurde, missbrauchte und misshandelte Schimpansen aufzunehmen und in einer Gruppe wieder einzugliedern“. Tatsächlich bot der Betonkasten noch nie Platz für mehr als vier Schimpansen, nach den Richtlinien des bundesministeriellen Säugetiergutachtens von 1996 ist er selbst für die gegenwärtig dort eingesperrten drei Schimpansen zu klein.
Aber Peter hatte noch weiter vorgebaut: Um einen besseren Eindruck zu erwecken, hatte er kurz vor dem Drehtermin die tristen Innenräume der Schimpansenanlage hellgrün anstreichen und zudem ein paar bunte Blümchen an die Wand malen lassen. Auch ein paar neue Spielgeräte hatte man angeschafft und die Frontscheiben geputzt. Als Gipfel der Augenwischerei hatte er den beiden Schimpansen Alfons und Lutz ein an den Betonkasten angrenzendes Inselareal zugängig gemacht, auf dem sie bislang noch nie zu sehen gewesen waren. Der völlig intakte Pflanzenbewuchs dieser Insel belegte augenfällig, dass dort nie Schimpansen herumtoben, dass es vielmehr darum ging, den Fernsehleuten eine tolle Freianlage vorzugaukeln, die es als solche tatsächlich gar nicht gibt. Einer der anwesenden Tierrechtler wies darauf hin, dass vor Ankunft des TV-Teams Nüsse ins Gras geworfen und die Bäume mit Erdnussbutter bestrichen worden seien, um vor laufender Kamera entsprechend agile und aufgekratzte Tiere präsentieren zu können.Primatenexpertin Signe Preuschoft ließ sich freilich nicht hinters Licht führen: /„Ein derartiges Gehege“, so ihr eindeutiges Urteil, „insbesondere die Innenanlagen, werden den Bedürfnissen von Menschenaffen nicht gerecht. Es unterschreitet die Anforderungen des Säugetiergutachtens. Und das Säugetiergutachten fällt Meilen hinter das der Welt-Zoo-Organisation zurück.“
Um Ausreden nicht verlegen
Peter berief sich wortreich auf „Bestandsschutz“: das Gebäude sei 1992 errichtet worden, also vier Jahre vor Erlass der ersten Haltungsrichtlinien. Viel verändern könne man da nicht: „Da müsste man, glaub ich, relativ viel kaputt machen, erst einmal, weil das ein Betongebäude ist: Jeder, der weiß, was es bedeutet, so ein Betondach runterzunehmen, der weiß auch, was damit für Kosten verbunden sind.“ Eine Auflösung der Schimpansenhaltung sprich: ein Umzug von Sebastian, Alfons und Lutz an einen geeigneteren Ort -, komme überhaupt nicht in Frage. Im Übrigen, wie Amtstierarzt Franz Able eilfertig bestätigte, komme es auf die Gehegegröße gar nicht an, diese habe, wie er glaube, „keinen negativen Einfluss auf das Verhalten der Tiere“.
Dem renommierten Primatologen Prof. Volker Sommer, dem die Aufnahmen des BR zur Bewertung vorgespielt wurden, war deutlich anzusehen, wie sehr ihn die Bilder der Schimpansen im Straubinger Zoo berührten: „Man muss sich vorstellen, dass diese Tiere so wie wir als ‚Menschentiere’ eine Vorstellung von der Zukunft haben. Die erkennen die Ausweglosigkeit ihrer Situation. Die sind da für Jahrzehnte untergebracht. Und die werden da nie wieder rauskommen. Das ist das, was sich in deren Kopf vermutlich abspielt: Was wir als Menschen Verzweiflung nennen würden.“
Wenn nichts geschieht, so der Abspann der Sendung, werden die drei Schimpansen noch Jahre so zubringen müssen:. Sebastian ist 34 Jahre alt, Lutz und Alfons sind 17. Schimpansen aber können bis zu 70 Jahre alt werden.
Colin Goldner
Hintergrund: