Ich mal mir eine neue Welt
Einige Gedanken über vegane Utopien, Schnittmengen mit anderen Bewegungen und Elemente einer grundlegenden Konsumkritik
Der Fokus der Tierbefreiungsbewegung ist auf die Veränderung des Status’ nichtmenschlicher Tiere in unserer Gesellschaft gerichtet. Das ist an sich gut und wichtig. Problematisch wird es allerdings, wenn dieser Schwerpunkt nicht als vernetzt mit anderen Bewegungen gedacht wird, sondern aus- und abschließend für sich allein steht. Ein zentrales Beispiel aus der Bewegung der „Veganismus“ (1) zeigt die Probleme einer solchen eingeschränkten Sichtweise auf.
In vielen Zusammenhängen funktioniert Veganismus als fixe Identität und damit binär. Ich teile Lebensmittel im Laden, das Handeln von Menschen oder sogar sie selbst in „vegan“ und „nicht-vegan“ ein und wähne mich auf der guten Seite. Mit jeder Bestätigung des „ich bin vegan“ suggeriere ich einmal mehr, ich sei bereits angekommen, ich handle gut und richtig. Dieses Denken enthält wie jede Identität einige bedenkliche Vorannahmen. Zunächst einmal ist diese identitäre Form von Veganismus eine zweifelhafte Vereindeutigung von an sich hochkomplexen Zusammenhängen wie den kapitalistischen Warenflüssen der Gegenwart mit ihren vielen Zwischenstationen von der Erzeugung bis zum Konsum. Es mag beinahe so erscheinen, als ob ein Produkt moralisch nicht verwerflich und politisch einwandfrei ist, sobald keine Tierprodukte enthalten sind. Dabei werden andere Ebenen der Betrachtung wie ökologische Auswirkungen oder Auswirkungen für alle an der Produktion und dem Handel beteiligten Firmen wie Menschen (teilweise) sehr schnell ausgeblendet. In Abwägungsfragen wird das „Vegan“-sein eines Produktes jedenfalls höher bewertet als beispielsweise die Arbeitsbedingungen für die Erzeuger_innen der einzelnen Bestandteile des Produkts (auch wenn „gute“ Arbeitsbedingungen und Tierproduktfreiheit für einige Hersteller_innen keine Gegensätze sind).
Außerdem werden andere Menschen, die sich auch für Tierbefreiung interessieren, sich aber in ihrer Konsumweise (noch) nicht so weit von der Restgesellschaft abgrenzen können oder wollen mit diesem starren „Vegan“-Dogma ausgeschlossen. Genauso wie Menschen, die aufgrund einer ähnlichen Utopie zu anderen Schlüssen kommen und z. B. „freegan“ (2) leben.
Um die Kritikpunkte an der „veganen“ Identität und die Abgrenzung zu einem Verständnis von Veganismus als Prozess hin zu einer Utopie besser aufzeigen zu können, werde ich mich zuerst einmal auf die vorgeblich individuelle Ebene begeben.
Vermutlich stehe ich nicht allein da, wenn ich meine, dass „Vegan-werden“ in meinem Leben einen wirklich großen Schritt bedeutete, der mir sehr viel gab und gibt. Dieser symbolische Bruch mit der alten Ordnung durch die Abkehr von allen Tierausbeutungsprodukten riss mich für eine Weile kurz aus der Bewusstlosigkeit des alltäglichen Konsums. Zahllose Nahrungsmittel wurden auf ihre Inhaltsstoffe hin überprüft, was den neuen Standards gerade noch genügt und was nicht inklusive kontroverser Diskussionen um Fruchtsaftklärung, E-Stoffe und so weiter.
Relativ bald folgte nach der Annahme dieser veganen Identität jedoch wieder der alte Trott. Eine Reihe von Grundlebensmitteln aus verschiedenen Discountern wanderte in den Vorratsschrank, manchmal kam etwas Neues dazu und etwas Altes ging ab und zu auch mal eine Großbestellung bei einem Veganversand für Luxusnahrungsprodukte, identitäre Aufnäher, Tshirts oder Schuhe.
Tiefergehende Hinterfragungen meines eigenen Lebensstils fanden daraufhin eine Weile lang nicht mehr statt. Um das deutlich zu machen: die Absicht vegan also nicht auf Kosten anderer tierlicher Lebewesen und ohne Ausbeutung selbiger - leben zu wollen, halte ich für einen sehr wichtigen Schritt auf dem Weg in Richtung Utopie. Allerdings sagt diese Absicht wenig über die oftmals sogar globalen - Auswirkungen unseres Handelns aus. Genauso wenig wie die Utopie etwas über ihre möglichen Umsetzungen aussagt. Vielleicht braucht es das „Vegan-Werden“, um überhaupt die Verflochtenheit des eigenen Handelns mit den vielfältigen Formen von Tierausbeutung und Tierleid ernsthaft in den Blick zu nehmen. Damit Veganismus als wirkmächtige politische Intervention funktionieren kann, muss eine grundlegende Kritik an kapitalistischen Verhältnissen erfolgen. Anderenfalls wird ein vegan-identitäres Aufbegehren bereits durch Discounter und Bioladenketten geschluckt. Denn die Konsumpalette kapitalistischer Warenwirtschaft hält mittlerweile auch für Veganer_innen genügend Produkte für den täglichen Bedarf bereit. Stellt sich die Frage, ob das Ausschöpfen dieser „konventionellen“ Palette wirklich die Absicht hinter den Bemühungen um Veganismus sein kann.
Grundlegend wird mit dieser individuellen, rein auf Vermeidung bestimmter Produkte angelegten, Konsumweise jedenfalls noch kein Kapitalverhältnis aus den Angeln gehoben auch wenn sich vielleicht immer neue, schönere Ersatzprodukte finden und einige Hersteller_innen aus Profitlogik heraus sogar schon darauf hinweisen, dass ihr Produkt „vegan“ ist. Andererseits steckt selbst in dieser identitären und erst recht in einer vegan-utopischen Konsumkritik einiges an kapitalismuskritischem Potenzial, das nur darauf wartet befreit zu werden. Dann kann sich die Konsum-Utopie selbstverständlich nicht im derzeitigen Rahmen von Discounter- und gelegentlichen Bioladeneinkäufen bewegen und muss über unser derzeitiges Verhältnis zur Produktion hinausweisen.
Um dies zu erreichen, sollte der Blick zuerst einmal auf die Auswirkungen von Konsumprozessen gerichtet werden. Und davon sind nicht nur nichtmenschliche Tiere betroffen. Selbstverständlich ist der konventionelle Massenanbau ebenfalls schädlich für Menschen und die umgebenden Ökosysteme. Genannt seien stellvertretend für viele andere Probleme allein Pestizide, Hungerlöhne, Zwang zur Kinderarbeit und maßlose Ressourcenverschwendung. Der Zusammenhang zwischen einer kapitalistischen, nicht bedürfnisorientierten (Land-)Wirtschaft ist untrennbar mit den verheerenden Folgen für Menschen und nichtmenschliche Tiere verbunden.
Darum greift auch der Ansatz, innerhalb dieses Systems möglichst schuldfrei leben zu wollen, entschieden zu kurz. Oder im Klartext: Nur weil ich mir selbst noch mehr aufbürden will, um persönlich „perfekter“ oder „freier von Tierausbeutung“ zu werden, wird sich im Großen nichts ändern. Individueller Verzicht ist und bleibt keine Lösung. So ist notwendigerweise ein gesunder Pragmatismus geboten, denn es gibt zwar bessere und schlechtere Konsumweisen, aber keinen goldenen Weg, um sich komplett aus den Kapitalverhältnissen herauszuziehen. Dennoch ist individuelles Handeln auch nicht komplett bedeutungslos. Gezielter Konsum kann z. B. einen Teil dazu beitragen alternative Strukturen aufzubauen. Eine Analyse, wer genau von welchem Konsum profitiert oder darunter leidet, ist dann allerdings unabdingbar. Ohnehin ist auch individueller Veganismus stets mehr als nur ein Mittel um gegenüber skeptischen Mehrheitsgesellschaftsmeinungen als konsequent zu gelten. Das utopische Bauchgefühl kann den Alltag politisieren und über das identitäre Experiment mit Konsumgewohnheiten Anstöße für grundlegenderen Wandel bieten. Zumal es ja auch jetzt schon relativ unutopische, dafür aber sehr effektive Wege gibt dem System individuell ein Schnippchen zu schlagen.
In Maßen können auch Konzepte wie „Fair Trade“ oder einige ökologischere Anbauformen (bzw. deren Unterstützung) erste Schritte sein, das Jetzt zu verbessern. Wobei natürlich Skepsis gegenüber „Bio“ angebracht ist ein Label allein macht noch keine grundsätzlich positiveres Verhältnis zur Umwelt aus (und bringt manchmal auch sehr kritikwürdige Konzepte wie z.B. die Anthroposophie mit sich). Genauso funktioniert auch „Fair Trade“ natürlich bestens innerhalb des Systems, doch sind dies bei allen Defiziten zumindest Ansatzpunkte für ein Weiterdenken. So klingen sowohl ein Lebensmittelanbau, der versucht auf ökologische Folgen Rücksicht zu nehmen (z.B. die Rolle von Dünger, „Schädlings“bekämpfung, Wasserverbrauch, Einfluss auf Tiere/Ökosysteme usw.) als auch ein Handel auf der Grundlage von Solidarität mit den Produzent_innen „unserer“ Produkte zumindest in der Theorie schon sehr utopisch. Nicht, dass es weiterführende Ideen wie den bio-veganen Landbau nicht schon gäbe. Dass die Umsetzung gelingt, liegt dann allerdings wiederum auch an uns selbst und unserer Unterstützung.
Nicht nur tierbefreierische Positionen, können durch ökologische Überlegungen bereichert werden. Umgekehrt funktionieren auch ökologische Positionen nicht ohne Kritik an der (Massen-) Tierhaltung. Als Beispiel mag ein der Propaganda unverdächtiger Internetrechner des österreichischen Landwirtschaftsministeriums (3) gelten, der den individuellen ökologischen Fußabdruck4 errechnet. In der Berechnung macht die Ernährung ein Drittel unseres Fußabdrucks aus und dieses Drittel wird wiederum durch 70-80% von Eiern, Milch und „Fleisch“ dominiert.
Wird dies nun verknüpft zur Utopie einer solidarischen Gegenwirtschaft, die sich nicht über die Ausbeutung von Menschen und nichtmenschlichen Tieren definiert, ist eine vegane Utopie als wichtiger Teil davon, ganz und gar nicht abwegig. Die derzeitige Intensiv-Landwirtschaft könnte deutlich ökologischer werden und, ganz lapidar gesagt, würden trotzdem alle satt. Der Futtermittelanbau fiele weg und wenn Anbau und Verteilung nach Bedürfnissen funktionieren würde, wären zusätzliche Ressourcen frei. Menschen müssten nicht wie jetzt, trotz enormen Produktionsüberschüssen hungern.
Und hier kommt die Bewegungsebene ins Spiel. Wenn auf diese Utopie hingewirkt werden soll, muss die Tierbefreiungsproblematik in größere Kontexte eingebettet werden, um auch dort Wirkung zu entfalten. Anschlussfähig ist sie allemal, wenn sie nicht rein identitär gedacht wird. Auf der anderen Seite besteht auch die inhaltliche Anschlussfähigkeit an die Umweltbewegung, welche bereits viele Gedanken zu einem besseren Umgang mit der Umwelt gedacht und eigene Strukturen aufgebaut hat.
Seien dies nun Kämpfe gegen die Massentierhaltung oder das was ich mit „Gegenwirtschaft“ ausdrücken wollte. Auf vielen Gebieten sind uns andere in Lösungsansätzen und Ideen bereits voraus. Wir sollten von ihnen lernen und unser spezielles Anliegen mitbringen (auch wenn dieses partiell sowieso schon das gleiche ist: herrschaftskritisch und selbstbestimmt wirtschaften und leben). Dass die inhaltliche Identität der Tierbefreiungsbewegung trotzdem wichtig ist, zeigen Kampagnen wie jene von Greenpeace, welche gegen Massentierhaltung in Regenwaldgebieten kämpft aber nicht, weil (Massen)-Tierhaltung oder gar Tierausbeutung an sich schlecht wäre sondern nur aus dem Grunde des zu verhindernden Klimawandels.(4)
Das alte Lied vom Verknüpfen verschiedener Kämpfe, kann also wieder einmal angestimmt werden.
Gemeinsam Kapitalprozesse zu analysieren, diese öffentlich zu machen und in Netzwerken nach Alternativen zu suchen, klingt zumindest theoretisch schon einmal vielversprechend. Nur weil die Utopie nicht von heute auf morgen kommen kann, sollte sie nicht vergessen werden.
Dies ist auch wichtig im Hinblick auf das Problem der kurzen Verweildauer von Menschen in der Tierbefreiungsbewegung. Wenn der politische Blick über identitäre Grenzen hinaus geweitet werden kann, wird unter Umständen eine Politisierung des Alltags über bloßes „andere Produkte konsumieren“ möglich. Vielleicht können sich Menschen auch längerfristiger mit Tierbefreiungsgedanken identifizieren, wenn Projekt und Individuum stärker zusammenfließen und (Selbst-)Kontrolle und Kodizes durch praktisches Losgehen abgeschwächt werden. Erprobungsräume für einen bewussteren kollektiven Konsum können z. B. Voküs, Kongresse, Polit-Camps oder Vortragsreihen sein, deren Verpflegung gut durchdacht und nach strengen Kriterien organisiert wird. Die organisierende Gruppe muss dann entscheiden, wie diese Kriterien aussehen. Zu wünschen wäre jedenfalls eine Orientierung, die mehr als nur möglichst geringe Kosten (und damit auch wichtige Solierträge) im Blick hat. Darüber hinaus können bei solchen Gelegenheiten auch gleich Kontakte zu möglichen Produzent_innen aufgebaut werden. Und wenn viele Menschen auf einmal verpflegt werden hat das, sowohl auf das Denken der Beteiligten als auch wirtschaftlich als Unterstützung von bestimmten Erzeuger_innen Auswirkungen. Auf diesem Wege werden selbige auch gleich noch einmal multipliziert - diesmal allerdings bewusst. Und so geht es Schritt für Schritt weiter in Richtung Bewusstwerdung, verantwortlicher Selbstbestimmung und Veganismus.
Markus Kurth
1) Um die Trennung zwischen einem auf Auswirkungen bedachten Veganismus und einem eher identitären, auf Absicht setzenden „Veganismus“ deutlich zu machen, setze ich letzteren in Anführungszeichen
2) Freegans holen sich, was andere wegwerfen.“ - sehr ausführlich und informativ mehr dazu auf: http://www.freegan.at/
3) http://www.mein-fussabdruck.at/
http://www.mein-fussabdruck.at/article/articleview/61210/ernaehrung/?REF=popup
4)http://www.greenpeace.de/themen/waelder/nachrichten/artikel/...