Buchrezension

Rainer E. Wiedenmann: Tiere, Moral und Gesellschaft
Soziologische Studie zur Thematik des Mensch-Tier-Verhältnisses

Der an der katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt lehrende Autor Rainer E. Wiedenmann ist derzeit neben (den einigen LeserInnen sicherlich bekannten) Birgit Mütherich und Melanie Bujok einer der wenigen SoziologInnen, die zum Feld der Mensch-Tier-Beziehung arbeiten. Das Mensch-Tier-Verhältnis spielt derzeit im deutschsprachigen soziologischen Diskurs praktisch leider kaum eine Rolle, anders als im englischsprachigen Bereich: Hier hat sich in den letzten Jahren, vor allen in den USA, das interdisziplinäre Feld der Human-Animal-Studies herausgebildet für welches auch die dortige soziologische Wissenschaft Impulse liefert.
Umso erfreulicher ist es, dass mit „Tiere, Moral und Gesellschaft“ von Rainer Wiedenmann nun die bisher umfangreichste deutschsprachige soziologische Studie zur Thematik des Mensch-Tier-Verhältnisses erscheint. Sie stellt die überarbeite Fassung seiner Habilitationsschrift dar und schließt an die in seinem zuvor erschienenen Buch „Die Tiere der Gesellschaft“ gemachten Überlegungen an.

Eindeutig plädiert Wiedenmann für den Einbezug von Tieren in das Forschungsfeld der Soziologie. Als ein der Natur zugeordneter, passiver Gegenpart zur gesellschaftlichen Sphäre würden Tiere bisher jedoch aus der Sozialwelt ausgeschlossen. Wiedenmann setzt hier eine Perspektive entgegen, in der Tiere als soziale Akteure berücksichtigt werden, welche an gesellschaftlichen Kommunikations- und Interaktionsprozessen teilhaben. Als neuen Begriff derjenigen sozialen Beziehungen, welche sowohl aus tierlichen wie menschlichen Akteuren zusammengesetzt sind, wählt Wiedenmann den Begriff der „humanimalischen Sozialverhältnisse“ (S. 15).
Zu Beginn seines Buches liefert Wiedenmann einen Überblick der gegenwärtigen Behandlung des Mensch-Tier-Verhältnis in der (deutschsprachigen) Soziologie. Das Ergebnis fällt ernüchternd aus: „Fasst man das Gesagte zusammen, so bestätigt sich das Gesamtbild eines im Großen und Ganzen (noch) immer ‚gestörten‘ Verhältnisses der Soziologie – und inbes. der soziologischen Theorie – zum Forschungsgebiet der Mensch-Tier-Studien.“ (S. 33). Dies sei umso mehr verwunderlich, da das öffentliche Interesse an der Thematik in den letzten Jahren zugenommen habe. Ein Einbezug von Tieren in das soziologische Forschungsfeld könnte auch zu neuen Erkenntnissen im Bereich soziologischer Kernthemen führen: Aus akteurstheoretischer Sicht nehmen Tiere als Interaktionspartner von Menschen quantitativ wie qualitativ einen entscheidenden Stellenwert ein. Diese Beziehungen würden immer auch etwas über Beziehungen im zwischenmenschlichen Bereich aussagen, so Wiedenmann.
Mit Hilfe eines systemtheoretischen Zuganges [1] versucht Wiedenmann nun, Entstehungsbedingungen, Typen und Wandlungsprozesse verschiedener Mensch-Tier-Sozialverhältnisse zu analysieren. Dies geschieht zudem an Hand einer Mehrebenenanalyse [2], welche es ermöglicht, verschiedene soziologische Perspektiven zusammenzuführen. Diese analytisch zu unterscheidenden Bezugsebenen erlauben es, einschränkende Betrachtungsweisen zu vermeiden, und soziale Phänomene wie das Mensch-Tier-Verhältnis in ihrer ganzen Komplexität und systematisch zu untersuchen.
Wiedenmann ist dabei geleitet von der Frage, von welchen Faktoren die Herausbildung „tiermoralischer“, insbesondere „tierfreundlicher“ (S. 57) Verhaltensmuster und -orientierungen abhängig sind. Ziel seiner Untersuchungen ist dabei ein Entwurf eines „sozialtheoretische[n] Instrumentarium[s]“ (S. 119), mit dem sich die verschiedenen Mensch-Tier-Beziehungen in beschreibender und typologisierender Weise erfassen lassen. Wiedenmann geht dabei von einem soziologischen Moralbegriff aus, welcher deskriptiv und nicht normativ [3] operiert, und bei welchem die soziokulturellen Konstruktionsprozesse und Konstitutionsbedingungen von Moral im Vordergrund stehen.
Um seine zuvor gemachten theoretischen Überlegungen exemplarisch darzustellen, wendet Wiedenmann diese schließlich in zwei historisch-vergleichenden Fallstudien an: Die Herausbildung spezifischer Tiermoralkonzepte in den frühneuzeitlichen Milieus der höfischen Gesellschaft sowie des protestantischen Bürgertums dienen ihm hier als Anwendungsfelder, mit denen die Praxistauglichkeit seines theoretischen Entwurfs überprüft werden kann.
Da der im Hauptteil von Wiedenmanns Studie aufgestellte theoretische Rahmen sowie die daran anknüpfenden Ergebnisse von komplexer Natur sind, würde es mir nicht gelingen, diese hier in aller Kürze und verständlicher Form zusammenzufassen. Stattdessen werde ich im Folgenden kurz auf diejenigen Elemente seines Buches eingehen, die für die LeserInnen der TIERBEFREIUNG von besonderem Interesse sind.
Die Tierrechtsbewegung bleibt in Wiedenmanns Studie nicht unberücksichtigt, findet jedoch leider nur einige Male Erwähnung. In den letzten Jahren hätten sich, so Wiedenmann, neue soziale Bewegungen, welche Tiere in das Zentrum ihres politischen Handels stellen würden, entwickelt. Dabei sei insbesondere die „neue Tierrechtsbewegung“ (S. 23) in der Lage, erhebliche finanzielle und personelle Ressourcen zu mobilisieren, was von Wiedenmann am Beispiel von PETA verdeutlicht wird. Diese These Wiedenmanns scheint jedoch auf weite Teile der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung, welche eher einen schwachen Institutionalisierungsgrad aufweist und in der Organisationsformen wie Grassroots-Gruppierungen und –Netzwerke vorherrschend sind, nicht zuzutreffen.
Wiedenmann macht für westliche Gegenwartsgesellschaften einen Wandel in zentralen Aspekten der Mensch-Tier-Sozialverhältnisse und eine Renaissance des Tierschutzgedankens aus. Charakteristisch für moderne Tierschutzbestrebungen seien hier Konzepte, welche die Subjektivität von Tieren fokussieren. Vor allem für „Tierrechts-initiativen“ (S. 25) sei dies kennzeichnend, auch würden die ethischen und rechtlichen Implikationen eines solchen Ansatzes von diesen entscheidender herausgestellt als „von herkömmlichen Tierschutzorganisationen der ‚Animal-Welfare-Richtung‘.“ (ebd.). Ansonsten bleibt die begriffliche Kontrastierung der Konzepte Tierschutz und Tierrechte (der Begriff „Tierbefreiung“ wird hingegen gar nicht erwähnt) grundsätzlich eher unscharf. Der abolitionistische [4] Charakter des Konzeptes der Tierrechte/Tierbefreiung und die grundsätzliche auf Aufhebung des herrschaftsförmigen Mensch-Tier-Verhältnisses zielende Kritik der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung bleiben unerwähnt. Ähnliches gilt für den von Wiedenmann beschriebenen Fakt einer Veränderung der Essgewohnheiten in den westlichen Industrienationen, so sei hier eine wachsende Popularität der vegetarischen Ernährungsweise zu verzeichnen. An dieser Stelle wäre es sinnvoll gewesen, Veganismus als eine sich mit Tieren solidarisierende kulturelle Praxis und in den letzten Jahren ebenfalls erstarkende Lebensweise zu erwähnen.
In Wiedenmanns entworfener Typologie tiermoralischer Orientierungsmuster, welche u.a. durch die sozialstrukturellen Variablen „Gruppendruck“ und „Rollenmuster“ gekennzeichnet ist, sticht besonders der Typus des „Autonomen Individualismus“ (S. 312) (niedriger Gruppendruck, offenes Rollenmuster) hervor: Dieser sei von einer Aufbrechung der Mensch-Tier-Dichotomie, und einem subjekt-
orientierten Interaktionsverhalten zu Tieren geprägt, die Empathie mit dem tierlichen Anderen stehe im Vordergrund. Erscheinungsformen, die diesem Typus nahekommen, seien unter anderem „soziale Bewegungen“ mit „utopischer Ausrichtung“ (S. 313) wie z.B. Teile der neuen Tierrechtsbewegung.
In seinem Fazit verweist Wiedenmann noch ein weiteres Mal auf die Tierrechtsbewegung und die von ihr möglicherweise ausgehenden soziokulturellen Wandlungsprozesse: Für die sich in dieser Bewegung artikulierende „‘Protestmoral‘“ sei kennzeichnend, „dass sie die institutionalisierten Bereichsethiken der gesellschaftlichen Teilsysteme (z.B. Wissenschaft, Wirtschaft) mit einer ‚vorgelagerten‘, einer materiell-substanziellen […] Moral konfrontiert, um so Änderungen in-stitutioneller Wertemuster zu bewirken. In welchem Umfang die Tierrechtsbewegung künftig diesbezügliche Veränderungen humanimalischer Sozialverhältnisse bewirken kann, bleibt abzuwarten. Unstrittig ist aber wohl, das solche Proteste geeignet sein können, das gesellschaftliche ‚Immunsystem‘ (Luhmann 1984: 548) für Fehlentwicklungen zu sensibilisieren.“ (S. 406f.).

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass in Wiedenmanns Studie die Untersuchung des Mensch-Tier-Verhältnis als Herrschafts- und Gewaltverhältnis, welches in unterschiedlichen sozialen Kontexten und Ebenen sowie verschiedenen Erscheinungsformen präsent ist, nicht im Vordergrund steht. Hier stellt sich die Frage, ob dies auf ein mögliches Defizit eines systemtheoretischen Zuganges zurückzuführen ist, mit dem Problematiken wie Ausgrenzungs- und Unterdrückungsstrukturen eventuell nur unzureichend erfasst werden können. So ist es auch bezeichnend, dass der Begriff des Speziesismus in Wiedenmanns Untersuchung nur an einer Stelle kurz auftaucht; auch eine eigene an soziologischen Kriterien ausgerichtete Definition dieses Terminus bleibt aus. Auch wird von Wiedenmann nicht hervorgehoben, dass die meisten aller Mensch-Tier-Beziehungen zumindest strukturell von einem Machtverhältnis geprägt sind. Hingegen scheint er ein vermeintliches Paradox festzustellen, in dem von ihm soziale Beziehungen im Bereich der sog. Haustierhaltung der Ausbeutung von Tieren in der ‚Nutztierhaltung‘ gegenübergestellt werden, anstatt beides als Erscheinungsformen eines übergreifenden Herrschaftszusammenhanges zu betrachten.
Potenziell interessierten LeserInnen sei nahegelegt, dass es sich bei Wiedenmanns Studie sicherlich nicht um ein Einführungsbuch handelt. Es ist zumeist durchzogen von einer komplex-theoretischen Sprache und vielen Fremdwörtern, und insbesondere für an soziologische und systemtheoretische Terminologie nicht gewöhnte LeserInnen dürfte der Zugang schwierig sein. Streckenweise tritt auch das eigentliche Thema der Untersuchung recht weit in den Hintergrund, da die Erläuterung und Entwicklung des theoretischen Bezugsrahmens recht viel Raum einnimmt.
Positiv fällt Wiedenmanns interdisziplinärer Zugang zur Thematik auf: So greift er neben der Soziologie u.a. auch auf Erkenntnisse der Ethnologie sowie der Kultur- und Geschichtswissenschaft zurück. Es bleibt zu hoffen, dass mit „Tiere, Moral und Gesellschaft“ ein Anstoß für weitere Forschungen und theoretische Überlegungen zum Mensch-Tier-Verhältnis innerhalb der Soziologie gegeben werden könnte. Hierbei wäre von besonderem Interesse, ob sich das von Wiedenmann entwickelte theoretische Instrumentarium auch für eine kritische, den Herrschafts- und Gewaltaspekt des Mensch-Tier-Verhältnis fokussierende, Analyse eignet.
Kerstin Schaffner


1 Die Systemtheorie ist ein theoretischer Ansatz der Soziologie, zu deren bedeutendsten Vertretern Niklas Luhmann und Talcott Parsons gehören. Sie geht von der Idee aus, dass jegliche gesellschaftliche Phänomene unter dem Aspekt von Systemen betrachtet und diese auf ihre innere Organisation hin und ihre Beziehungen zur Umwelt analysiert werden können. Luhmann identifiziert Kommunikationsprozesse als den wesentlichen Faktor, über den sich Systeme konstituieren.

2 Analyse die sowohl gesellschaftliche Strukturen (Makro-Ebene), Individuen, ihre Handlungen sowie inter-personelle Beziehungen (Mikro-Ebene) und vermittelnde Ebenen (Meso-Ebene) einbezieht.

3 Ein normativer Moralbegriff würde an dieser Stelle von bestimmten Sätzen geleitet sein, welche beinhalten, was als moralisch gut bzw. angemessen betrachtet werden soll und wie demnach individuelle wie gesellschaftliche Handlungen bewertet werden können.

4 Auf Beendung/Abschaffung der Tierausbeutung angelegt




Wiedenmann, Rainer E.:
Tiere, Moral und Gesellschaft
Elemente und Ebenen humanimalischer
Sozialität

VS Verlag für Sozialwissenschaft
Wiesbaden 2009
462 S. Broschiert
ISBN 978-3-8100-2527-2
EUR 49,90 

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Kurzbeschreibung:
Die Studie entwickelt Grundlinien eines systemtheoretischen Ansatzes, der es erlaubt, die Konstitutionsbedingungen, Typen und Verlaufsformen von Mensch-Tier-Verhältnissen in ihren mikro-, meso- und makrosozialen Bezügen zu erfassen. Historisch vergleichende Fallstudien zu den Tiermoralen zweier frühneuzeitlicher Milieus (höfische Gesellschaft, protestantisches Bürgertum) veranschaulichen die Anwendungsmöglichkeiten und wandlungstheoretischen Implikationen des Mehrebenenansatzes

Zielgruppe:
SoziologInnen