Einheit der Unterdrückung und (Über-)Kreuzungen

Theoriegeschichtliche Aspekte des Unity Of Oppression-Ansatzes und forschungsprogrammatische Überlegungen der aktuellen Diskussion um Intersektionalität

In der letzten Ausgabe der TIERBEFREIUNG wurden im Artikel "Linke Kritik am Antispeziesismus" die Konzepte Unity Of Oppression und Intersektionalität erwähnt. Das Unity Of Oppression-Konzept ist eine Erweiterung der Dreifachunterdrückungsthese des Black Feminism durch die Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung. Die Diskussion um das Konzept begann und endete in den 90ern und ist heute fast nur noch von bewegungshistorischem Interesse. Die aktuelle wissenschaftliche Diskussion um Intersektionalität (forciert von der Frauen- und Geschlechterforschung) bietet jedoch Anschlussmöglichkeiten an die Diskurse der 90er. In diesem Beitrag – ein ausgekoppeltes Kapitel aus meiner im Erscheinen befindlichen Einführung in die Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung „In sozialer Bewegung für die Befreiung der Tiere: Theorie, Praxis, Diskurse“ – zeichne ich die Entwicklung und die Kerngedanken beider Ansätze nach. Während sich dieser Aufsatz mit den theoriegeschichtlichen Aspekten der Unity Of Oppression-Theorie und den forschungsprogrammatischen Aspekten der Intersektionalität befasst, möchte ich in der nächste Ausgabe inhaltlich-theoretische Überlegungen anstellen, welche beide Konzepte verknüpfen.

Triple Oppression

Ende der 70er Jahre wurde in den USA vom Black Feminism (namentlich u.a. dem Combahee River Collective) eine neue Diskussion innerhalb der Frauenbewegung angestoßen, die dann auch auf andere Forschungsfelder und politische Bereiche überging. Dabei stand die Kritik an der Homogenisierung (Gleichmachung) von Frauen im Vordergrund (vgl. The Combahee River Collective). Die feministischen Ansätze jener Zeit versuchten mehrheitlich, ein gemeinsames „Wir“ der Genus-Gruppe „Frau“ zu konstruieren. Männer haben immer die Kultur und andere gesellschaftliche Bereiche geprägt und die Geschichte geschrieben. Durch den Feminismus sind auch die Frauen zum Subjekt der Geschichte geworden und können aktiv gestalten. Ein gemeinsames „Wir“, also eine gleichartige Gruppe „Frau“ als Subjekt, erschien notwendig, um den hegemonialen Androzentrismus (vorherrschende männliche Sicht und Weltanschauung) zurückdrängen zu können (so z.B. Schrader-Klebert). Das Combahee River Collective kritisierte diese Homogenisierung, denn sie geht mit der Ausblendung der Unterschiede unter Frauen einher. So arbeiteten die kritisierten feministischen Ansätze mit einem Frauenbild, was nur auf „weiße“ Mittelschichtsfrauen zutrifft. Farbige Frauen (oft gleichbedeutend mit Zugehörigkeit zur Unterschicht) konnten sich mit dem Mainstream-Feminismus nicht identifizieren, weil dieser nicht ihre Problemlagen widerspiegelte. Deutlich wird dies, wenn man fragt, was die „weiße“ Mittelschichtsfrau mit ihrer farbigen Haushälterin zu tun hat. Es kam der Begriff „Triple Oppression“ (Mehrfach-, Dreichfachunterdrückung) auf, um die Überlagerungsmöglichkeit der Benachteiligungen durch Klasse, „race“/Ethnie und Geschlecht zu thematisieren. Die „farbige Frau“, die meist aus der Unterschicht kommt, ist durch alle drei Formen benachteiligt, die Frau aus der Mittelschicht hingegen nur durch ihr Geschlecht.

In Deutschland wurde Triple Oppression mit unterschiedlicher Ausrichtung diskutiert. Gleich blieb jedoch der Hintergrund, dass in Konzepten zu Klasse, „race“/Ethnie oder Geschlecht meistens die anderen Kategorien übersehen werden. Meulenbelt (1988) zeigt in ihrem Buch „Scheidelinien. Über Sexismus, Rassismus und Klassismus“, welche Rassismen und klassenspezifischen Ausblendungen und Benachteiligungen in der Frauenbewegung existier(t)en. Der Feminismus berücksichtigte zu wenig die Kategorie Klasse und der Marxismus, sowie die Ungleichheitsforschung berücksichtigen Geschlecht nur marginal (vgl. Gottschall: 15). Während die feministische Rezeption der Debatte zunächst an der Kritik der Homogenisierung anschloss, wurde in linksradikalen Kreisen daraus eine Kritik am Konzept „Haupt-/Nebenwidersprüche“. Orthodoxe MarxistInnen bezeichnen den Klassengegensatz als Hauptwiderspruch. Rassismus und Sexismus werden dem hingegen als Nebenwidersprüche klassifiziert. Oft geht damit der Glaube einher, dass die Nebenwidersprüche automatisch aufgehoben werden, sobald der Klassengegensatz überwunden wurde. Das heißt, so die vorherrschende Meinung im orthodox interpretierten Marxismus, dass Sexismus und Rassismus in sozialistischen und kommunistischen Systemen nicht existieren können. Für diese These gibt es jedoch keinerlei Belege. Die Arbeiterbewegung und der real existierende Sozialismus/Kommunismus haben, trotz einiger progressiver Entwicklungen, eher das Gegenteil gezeigt. Auf der politischen Ebene wird durch die Einteilung in Hauptwiderspruch und daraus resultierender Nebenwidersprüche eine Gewichtung der Arrangements bestärkt und rationalisiert. Wer daran glaubt, dass nur der Klassengegensatz aufgehoben werden muss, um alle anderen Übel zu lösen, wird sicher nicht mit gleichem Einsatz gegen Rassismus und Sexismus vorgehen, wie gegen Kapitalismus und Klassismus1. Erst Ende der 1980er wehrten sich linksradikale Frauen, aber auch Männer, vermehrt gegen diesen dogmatischen Dualismus. Innerhalb dieses Diskurses wurde Triple Oppression zum Schlagwort für die gleichwertige Anerkennung und Thematisierung von Rassismus, Sexismus und Kapitalismus/Klassismus. Der Aufsatz „Drei zu Eins. Klassenwiderspruch, Rassismus und Sexismus“ von Viehmann und GenossInnen (1990) wurde zum zentralen Plädoyer für das Triple Oppression Konzept in der linken Diskussion. Seit den 1990ern ist die Gleichberechtigung der drei Achsen mehr oder weniger vorherrschend im Gedankengut in diesen Kreisen.

Unity Of Oppression

Möglicherweise war es die Band Consolidated, die 1991 auf ihrem Album „Friendly Fascism“ den Begriff „Unity Of Oppression“ prägte. Ihre Interpretation des Begriffes, das zeigt der Songtext, zielte auf die Vereinigung der Emanzipationsbemühungen verschiedener Minderheiten, die Seite an Seite kämpfen sollten. In Anlehnung an Consolidated führte die Vegane Offensive Ruhrgebiet (VOR) ihn im selben Jahr in die deutsche Diskussion
(in linksradikalen und tierrechtlerischen Kreisen) ein, um darüber – ebenso wie beim Triple Oppression-Konzept – eine Kritik an der Trennung Haupt-/Nebenwidersprüche zu transportieren. Anders als Consolidated interpretierte die VOR die „unity“ nicht im Sinne, dass Minderheiten ihre Kämpfe verbinden sollten, sondern in dem Sinne, dass es nicht darum geht einzelne Formen von Herrschaft abzulehnen, sondern Unterdrückung und Herrschaft als Ganzes (unity) zu betrachten und zu bekämpfen. Die Trennung in Hauptwiderspruch und Nebenwidersprüche führt mit dazu, dass Speziesismus von vielen Linken nicht anerkannt wird. Diese Verkennung äußert sich in Kommentaren wie z.B. „Ich find das ja nicht schlecht mit den Tieren. Aber erst einmal muss man doch etwas an den menschlichen Problemen verändern“. 1995 erschien ein Vorbereitungspapier der Gruppe Radikale Antipatriarchale TierrechtlerInnen (RAT), welches als Diskussionsgrundlage für eine Arbeitsgruppe auf dem Autonomie-Kongress2 1995 diente. Hier wird die Kritik expliziert: „Während die Theorie [der Triple Oppression] durchaus die Komplexität von Unterdrückung darstellt und eine Ausweitung immerhin möglich macht, wird in der Praxis oft alles auf diese drei Unterdrückungsverhältnisse reduziert. Damit wird letztendlich ein neuer ‚Hauptwiderspruch‘ geschaffen“ (RAT). Nicht nur der Speziesismus bleibt unbeachtet, auch andere menschenbezogene Unterdrückungs- und Benachteiligungsformen wie „ageism“ (aufgrund von Alter), „lookism“ (aufgrund des Aussehens) oder „ableism/bodyism“ (aufgrund von Nicht-/Fähigkeiten) werden nicht integriert (ebd.). Ebenso wie der VOR (aber auch der TAN) ging es den RAT nicht um eine Verlagerung der Grenzen zwischen Haupt- und Nebenwidersprüchen, sondern um die Auflösung dieser Einteilung3. Anstatt die politische Brisanz im Patriarchat, Rassismus oder Kapitalismus zu suchen, sollte das Augenmerk allgemein auf Unterdrückung gelegt werden. „Deshalb ist es notwendig, jede Form von Unterdrückung einzeln zu benennen und sie nicht unter Oberbegriffe zu subsumieren. Wenn ein Oberbegriff für Unterdrückungsverhältnisse überhaupt gebraucht werden sollte, dann kann er nicht Triple Oppression, sondern müßte Unity of Oppression heißen.“ (ebd.) Ich möchte noch einmal anmerken, dass TAN, RAT und VOR ihre Forderungen nach Abschaffung des Haupt-/Nebenwidersprüche-Dualismus an die Anerkennung des Speziesismus als Form der Unterdrückung knüpfen.
Für die TAN hatte der Unity Of Oppression-Begriff mehrere Quellen bzw. Vorüberlegungen. Sie sahen ein, dass Speziesismus nicht unbedingt mit der Überwindung des Kapitalismus aufhört und daher eines eigenständigen Befreiungskampfes bedarf. Die zweite Quelle ist der Triple Oppression Ansatz (nach Viehmann und GenossInnen), der die Verwobenheit von Unterdrückungsmechanismen und Befreiungen analytisch aufzuzeigen versucht. Und zuletzt war ihnen wichtig, auch „neue“ menschenbezogene Benachteiligungen und Herrschaftsmechanismen zu berücksichtigen. (vgl. V-Gruppe: 71)
Quasi als Fazit der drei genannten Punkte formulierte eine Gruppe der TAN:
„Der ‚unity-of-oppression‘-Ansatz versucht aufzuzeigen, welche verschiedenen Interessengruppen und Unterdrückungsformen es gibt und ist so formuliert, daß es sowohl die Eigenständigkeit, als auch Verwobenheit, Überschneidungen und Abhängigkeiten aufzeigt. Aus anarchistischer Sicht heißt dies in Kurzform ‚keine Herrschaft‘ auszuüben, das heißt diese zu bekämpfen. Der Ansatz ‚unity-of-oppression‘ ist somit ein Äquivalent zum (um z.B. Tierrechte) erweiterten anarchistischen Ansatz [sic!], mit dem Unterschied, daß es sich mehr auf Analyse und Beschreibung konzentriert.“ (ebd.)

Sie erachteten den Ansatz für wichtig, weil er zwei Wege öffnet. Einerseits können Personen, die sich bisher nur mit Tierrechten befasst haben, durch Unity Of Oppression auch für andere Benachteiligungen sensibilisiert werden. Andererseits sollte mit dem Konzept versucht werden, die Idee der Tierrechte an Linksradikale zu vermitteln. (ebd.: 71f)

Intersektionalität

2002 stellten Lejeune und Lindenbaum fest, dass der Ansatz nach seiner frühen Ausformulierung nicht weiter ausgebaut und gefestigt wurde und dass er scheinbar nicht als Aufruf zu Forschungstätigkeiten verstanden wurde. Außerdem bliebe die Frage offen, ob eine Auflistung möglichst vieler verschiedener Unterdrückungs- und Benachteiligungsformen perspektivisch und politisch Sinn macht. Nötig sei eine Rückbesinnung auf den Gedanken „einer Herrschaftskritik, welche auf der Einsicht in die strukturelle Äquivalenz aller Unterdrückungsformen gründet.“ (81).
Korrekt ist, dass es unter dem Label Unity Of Oppression keine tiefgreifenden Ausformulierungen oder Analysen gibt. Dennoch gibt es Arbeiten, etwa von Carol J. Adams oder Birgit Mütherich, die in das Bild einer Forschung der Unity Of Oppression passen, unabhängig davon, ob die ForscherInnen selber diesen Namen verwenden. Die vermisste Forschungstätigkeit findet unter einem anderen Label statt, Intersektionalitätsforschung. In diesem Ansatz wird auch die Frage verhandelt, welchen Nutzen die Aneinanderreihung verschiedener Benachteiligungsformen hat. Leider fehlt hier jedoch die Betonung der politischen Forderung der Unity Of Oppression. Im deutschen Intersektionalitäts-Diskurs wird selten darauf verwiesen, dass alle Formen von Unterdrückung und Benachteiligung gleichwertig thematisiert und tabuisiert werden müssen. Diese Forderung wird jedoch im politischen Bereich von einigen Gruppen gestellt.

Bisher habe ich nur versucht die politische Dimension zu rekonstruieren, die mit Triple Oppression und Unity Of Oppression assoziiert wird. Nun soll noch eine forschungspragmatische Dimension dargestellt werden. Diese manifestiert sich vorwiegend in akademischen Diskursen und Theorien, wird jedoch auch im besagten politischen Aufsatz von Viehmann deutlich. Dabei geht es um die Analyse der gegenseitigen Beeinflussung verschiedener Formen der Benachteiligung und Ungleichheit. Auch in die US-amerikanische Forschung hielt Triple Oppression Einzug. Hier wurde auf der Ebene des Individuums breit untersucht, wie sich die Überlappung mehrerer Benachteiligungen in den Erfahrungen und Biographien von Einzelpersonen niederschlägt. Neben der Triade „Race“, Class, Gender wurden teilweise Ethnicity und Sexuality (Objektwahl, Sexualorientierung) als weitere Kategorien hinzugezogen.
1987 prägte die Juristin Kimberlé Crenshaw die Begriffe „intersectionality“ und „intersectionality analysis“ und verband damit das Bild einer Kreuzung, an der sich verschiedene Achsen (Benachteiligungen und Ungleichheiten) treffen (vgl. Klinger/Knapp: 34). Dieser Begriff ist inzwischen in NGOs, der UN und auch der EU institutionalisiert und verweist im politischen Kontext, ebenso wie das Triple Oppression-Konzept im ursprünglichen Kontext in den USA, auf multiple Diskriminierung (ebd.). „Wissenschaftsprogrammatisch [steht es] für das umfassende Programm einer integralen Analyse von Achsen strukturierter Ungleichheit und kultureller Differenz“ (ebd.: 35). Unter integraler Analyse soll eine gleichwertige Betrachtung der verschiedenen Achsen verstanden werden. Konzepte und damit arbeitende Forschungen, die eine Kategorie hervorheben und andere nur marginal betrachten, werden hingegen als „additiv erweitert“ bezeichnet. Hier stehen weitere Kategorien nicht mit im Mittelpunkt und werden nur als kleiner Zusatz beachtet (etwa: „Die sozialen Lagen der Berufsgruppen X, Y, Z sind so und so, Frauen und MigrantInnen haben es noch einmal etwas schlechter.“). Worin unterscheidet sich strukturierte Ungleichheit von kultureller Differenz? Kulturelle Differenz verweist auf Unterschiede zwischen Menschen, die keine Ungleichheit und Benachteiligung darstellen, aber meist dazu führen. Es geht also um Benachteiligung aufgrund von Gruppenzugehörigkeit. Hierunter lassen sich z.B. Diskriminierungen von Behinderten, MigrantInnen und Nicht-Heterosexuellen fassen. Außerdem verweist der Begriff kulturelle Differenz auf eine gleichwertige Anerkennung unterschiedlicher Lebensstile und Identitäten. Helma Lutz findet in einer empirischen Studie allein 14 menschenbezogene bipolare Differenzierungslinien wie Kultur, Religion und Behinderung (vgl. ihren Artikel von 2001). Strukturierte Ungleichheit verweist hingegen auf die Tatsache, dass Mechanismen auf gesamtgesellschaftlicher Ebene (teilweise durch Gesetze u.a. institutionalisiert) eine quantitativ messbare Benachteiligung entlang gewisser Achsen verursachen. Ein Indikator dafür ist oft das Einkommen. Die Tatsache, dass Frauen in Deutschland im Gesamtdurchschnitt 23% weniger verdienen als Männer, ist z.B. eine Frage strukturierter Ungleichheit und nicht der kulturellen Differenz. Werden Frauen hingegen auf der sprachlichen Ebene herabgewürdigt, handelt es sich um eine Diskriminierung aufgrund kultureller Differenz und nicht um strukturierte Ungleichheit.
Die Ungleichheitsforscherin4 Leslie McCall unterscheidet drei intersektionelle Zugangsweisen (vgl. Klinger/Knapp 2007: 36f): Anti-kategoriale Zugangsweisen richten sich gegen die (absolute) Gültigkeit der Kategorien. Hierunter fallen z.B. der Sozialkonstruktivismus und der Dekonstruktivismus, die zur Entnaturalisierung von „race“ und Geschlecht beigetragen haben. Intra-kategoriale Zugangsweisen betrachten die Differenzen und Ungleichheiten innerhalb einer Kategorie. Damit sind die frühen Diskussionen gemeint, die auch unter dem Label Triple Oppression und Homogenitäts-Frage geführt wurden. Und zuletzt versuchen inter-kategoriale Zugänge die Verhältnisse und Wechselwirkungen zwischen den Kategorien zu bestimmen. Die IntersektionalitätsforscherInnen Cornelia Klinger und Gudrun-Axeli Knapp (2007) plädieren für eine Programmatik, die alle Zugangsweisen beachtet, also sowohl die Differenzen innerhalb einer Gruppe, als auch deren Konstruktionscharakter, als auch den Versuch einer Bestimmung der Zusammenhänge (zwischen den verschiedenen „Achsen strukturierter Ungleichheit und kultureller Differenz“). An dieser Programmatik können diverse Forschungsfelder andocken. So gibt es z.B. den Versuch Behinderung, Sexualität und Geschlecht intersektionell zu betrachten, also eine gemeinsame theoretische Perspektive von Disability Studies5 und Queer Studies6 (Raab). Ebenso können auch die Human-Animal Studies anknüpfen, wenn auch mit einer Reihe von Einschränkungen. Vor allem Konzepte auf der Ebene der Anerkennungs- und Differenzpolitik7 oder das Konzept des „doing difference“8 (Fenstermaker/West) können auch auf Tiere übertragen werden. Schwerer wird es, wenn es um die Ebene strukturierter Ungleichheit geht. Da Intersektionalität mit einem anthropozentrischen Gesellschafts-Begriff arbeitet, dessen Subjekt „der Mensch“ ist, wird Spezieszugehörigkeit nicht als strukturierendes Merkmal aufgefasst. Speziesismus betrifft „nur“ nichtmenschliche Tiere, welche keine Gesellschaftsmitglieder seien (obwohl sie zwangsvergesellschaftet9 wurden) und somit hat er keine Auswirkungen auf die „wirkliche“ anthropozentrische Gesellschaft. Ich persönlich kann mir auch nicht vorstellen, wie Spezies als Strukturkategorie zu denken sein könnte. Die Überlegung wäre vielleicht etwas für die TheoretikerInnen der bzw. aus dem Umfeld der TAN. Auch wenn die speziesistische Wissenschaft keine Anknüpfungspunkte auf der Struktur-Ebene für die Human-Animal Studies vorsieht, so können die HAS ihrerseits doch auf Zusammenhänge von Speziesismus und anderen Formen der Benachteiligung oder Herrschaft verweisen. Intersectionality kann ein Paradigma werden, innerhalb dessen sich ein Teil der neuen soziologischen, sozialpsychochologischen, kulturanthropologischen, etc. Human-Animal Studies verorten kann. So würde ich folgende Fragen antispeziesistisch-intersektionell bezeichnen: Wie wirkt sich das ökonomische Ordnungsprinzip Kapitalismus auf das Herrschaftsverhältnis und die Diskriminierungsform Speziesismus aus? Stabilisiert Speziesismus menschenbezogene Chauvinismen? Welche symbolischen, psychologischen und kulturellen Gemeinsamkeiten und Eigenarten weisen Speziesismus, Sexismus und Rassismus auf? Die letzte Frage werde ich in einem Artikel in der kommenden Ausgabe der TIERBEFREIUNG in Angriff nehmen.
Andre Gamerschlag


Fußnoten:
(1) Kapitalismus bezeichnet ein sozioökonomisches Prinzip zur Organisation von Arbeit/Produktion und Ressourcenverteilung. Klassismus wird als Herrschafts- oder Benachteiligungsform begriffen, wie auch Sexismus und Rassismus, die sich aus der kapitalistischen Produktionsweise ergibt.
(2) Ostern 1995 fand in Berlin der „Autonomie-Kongress der undogmatischen linken Bewegungen“ statt, um über die Bewegungen, über „revolutionäre“ Politik und konkrete Kampagnen und Strategien zu sprechen. Eine Dokumentation des Kongresses erschien 1997 unter gleichem Namen im Unrast Verlag (Münster).
(3) Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass alle drei Gruppen eine Linie vertreten. Während das Verhältnis zwischen TAN und VOR freundschaftlich-solidarisch war, hatte sich die RAT auf der Tierrechtswoche ’95 diskreditiert und verlor das Vertrauen der TAN.
(4) Die Ungleichheitsforschung beschäftigt sich mit den Ursachen für soziale und ökonomische Ungleichheit und mit den sich ändernden Bedingungen durch den Strukturwandel.
(5) Disability Studies ist ein Forschungsfeld, was sich mit Fragen der Behinderung und den Lebensumständen von Behinderten befasst. Es ist eng verknüpft mit der Geschichte der internationalen Behindertenbewegung.
(6) Queer Studies erforschen und hinterfragen Geschlechter- und Sexualitätskategorien, sowie die damit verbundenen Normen, Strukturen, Identitäten, Macht- und Benachteiligungsformen. Es ist eng verbunden mit einer dekonstruktivistisch-feministischen Subkultur und Bewegung. Die Queer-Bewegung versucht die Trennung Mann/Frau und homo/heterosexuell subversiv aufzuweichen.
(7) Politiken und Philosophien, die eine Anerkennung alternativer Lebensformen und Kulturen fordern. Differenzen (z.B. eine andere Hautfarbe) sollen nicht negativ bewertet werden, sondern gleichwertig nebeneinander existieren. Vgl. z.B. Multikulturalismus-Diskurs.
(8) Dieses Konzept beschreibt das Erzeugen und Interpretieren von Differenzen als interaktiven Prozess. In direkten Interaktionen zeigen sich Menschen z.B. ihr Geschlecht an, indem sie sich entsprechend darstellen. Dazu bedienen sie sich gesellschaftlicher Normvorstellungen über typische Denk- und Verhaltensweisen, sowie Gestik, Mimik, Kleidungsstil, etc. In diesem Konzept findet sich wieder der Gedanke, dass das „Andere“ (Geschlecht, Ethnie, Spezies, etc.) als Gegenpol zum Eigenen konstruiert wird.
(9) „Vergesellschaftet“ bedeutet, dass sie in gesellschaftliche Bereiche eingebunden sind. Das betrifft vor allem die ökonomische Sphäre durch ihre „Arbeit“ als Lieferanten für Eier, Milch, etc. und zuletzt durch die Akkumulation von Körpermasse, welche in Fleisch umgesetzt wird.

Literatur:
AutorInnenkollektiv (1997): Autonomie Kongress der undogmatischen linken Bewegungen. Münster: Unrast Verlag.
Combahee River Collective, The (1979): A Black Feminist Statement, In: Hull, Gloria/Scott, Patricia/Smith, Barbara (Hg.) (1987): All the Woman are white, all the Blacks are Men but some of us are brave. Black woman studies. Old Westbury NY: Feminist Press.
Gottschall, Karin (2000): Soziale Ungleichheit und Geschlecht. Kontinuität und Brüche, Sackgassen und Erkenntnispotentiale im deutschen soziologischen Diskurs. Opladen: Leske + Budrich Verlag.
Klinger, Cornelia/Knapp, Gudrun-Axeli (2007): Achsen der Ungleichheit – Achsen der Differenz: Verhältnisbestimmung von Klasse, Geschlecht, „Rasse“/Ethnizität, In: Klinger, Cornelia/Knapp, Gudurn-Axeli/Sauer, Birgit (Hg.): Achsen der Ungleichheit. Zum Verhältnis von Klasse, Geschlecht und Ethnizität. Frankfurt/Main, New York: Campus Verlag. S.19ff.
Lejeune, Martin/Lindenbaum, Henry (2002): Ferien auf den Bahamas – oder: Geschichte unseres Scheiterns, in: Tierrechts-Aktion-Nord (Hg.): „My Brother’s Keeper“ Zur Tierrechtsbewegung – Meinungen, Gedanken, Erfahrungen. Hamburg: Tierrechts-Aktion-Nord. S.74ff.
Lutz, Helma (2001): Differenz als Rechenaufgabe? Über die Relevanz der Kategorien Race, Class und Gender, in
Lutz,Helma/Wenning, Norberg (Hg.): Unterschiedlich verschieden. Differenz in der Erziehungswissenschaft. Opladen: Leske+Budrich. S.215-230
Meulenbelt, Anja (1988): Scheidelinien. Über Sexismus, Rassismus und Klassismus. Reinbek/Hamburg: Rowohlt Verlag.
Raab, Heike (2006): Intersectionality in den Disability Studies - Zur Interdependenz von Disability, Heteronormativität, und Gender. S.5. Online Im Internet, bei: Universität Hamburg. Zentrum für Disability-Studies. Online im Internet: http://www.zedis.uni-hamburg.de/wp-content/uploads/2007/01/intersectionality_raab.pdf.
RAT Radikale Antipatriarchale Tierbefreier-
Innen (1995): Durch Wände sehen – eine Kritik am Triple Oppression Ansatz und seiner Praxis, in: Diskussions-Papier. Zur Umsetzung des Unity Of Oppression Ansatzes innerhalb der Veganerinnen-Szene. Berlin: RAT.
Schrader-Klebert, Karin: [o.J.]: Die kulturelle Revolution der Frau; In: Anders, Ann (Hg.) (1988): Autonome Frauen. Schlüsseltexte der Neuen Frauenbewegung seit 1968. Frankfurt/M.: Athenäum.
V-Gruppe [der TAN] (1995): Unity Of Oppression, in: TAN Tierrechts-Aktion-Nord (Hg.): Abschlußreader der Tierrechtswoche. Hamburg: TAN-Vor-/Nachbereitungsgruppe. S.71ff.
Viehmann, Klaus u. GenossInnen (1990): Drei zu Eins. Klassenwiderspruch, Rassismus und Sexismus; In: Strobl, Ingrid / Viehmann, Klaus u. GenossInnen / autonome l.u.p.u.s.-Gruppe (1991): Drei zu Eins. Berlin: ID-Verlag.