Die Ausbeutung nichtmenschlicher Tiere verstehen -
Warum gibt es nicht mehr Widerstand?

Der folgende Text von Karen Morgan und Matthew Cole enthält die Skizze zu einem soziologischen Erklärungsmodell der Ausbeutung nichtmenschlicher Tiere. Die Autor_innen sind Soziolog_innen aus Großbritannien und betreiben die Webseite vegatopia.org mit dem Ziel, akademische Beiträge zur Verbreitung von Veganismus zu fördern.

Ein Hauptfokus unserer Arbeit als Soziolog_innen liegt darin zu erklären, warum die Ausbeutung anderer Tiere ohne größeren Widerspruch der Öffentlichkeit fortbesteht. Wir glauben nicht, dass Menschen an sich schlecht, kaltschnäuzig oder dem Leiden anderer gegenüber gleichgültig sind. Stattdessen glauben wir, dass die Ausbeutung aufgrund zweier miteinander verwobener Prozesse weitergeführt wird, die in der Darstellung zur materiellen und diskursiven Positionierung von Tieren illustriert werden.

Ausbeutung verbergen

Im Mittelpunkt der Darstellung haben wir einen Kompass eingefügt. Die Nord-Süd-Achse zeigt das Ausmaß an, in dem nichtmenschliche Tiere für den Menschen sichtbar oder unsichtbar sind. Sie können materiell mehr oder weniger sichtbar sein. Zum Beispiel bleiben Tiere in der Massentierhaltung den Augen der allgemeinen Bevölkerung die meiste Zeit verborgen, im Gegensatz zu den sogenannten „Heimtieren“ (mal abgesehen von der geheimen Welt der Hundezuchtanlagen, etc.). Sie können aber auch diskursiv verborgen sein. So wird beispielsweise selten in einer Art und Weise über „Nutztiere“ gesprochen, die die Umstände ihres Lebens und Sterbens treffend wiedergibt. Ein anschauliches Beispiel bietet die Art, in der „Bauernhoftiere“ in Kinderbüchern dargestellt werden: Sie sind zufrieden mit der ihnen zugewiesenen Position und geben bereitwillig ihre Milch, Eier oder sogar ihr Fleisch den Menschen. So werden die tatsächlichen Lebensumstände der „Nutztiere“ verhüllt. Sind sie unsichtbar, ist es viel schwieriger festzustellen, dass sie leiden und ausgebeutet werden – und es ist schwieriger betroffen genug zu sein, um etwas dagegen zu unternehmen. Wie die Grafik zeigt sind Darstellungen anderer Tiere, etwa in Filmen, Büchern, in Form von Spielzeugen etc., in unserer Kultur zu einem hohen Maße sichtbar, und diese Darstellungen spielen eine entscheidende Rolle dabei, die Ausbeutung anderer Tiere unsichtbar und so für die breite Öffentlichkeit akzeptabel zu machen.

Verobjektivierung anderer Tiere

Die Ost-West-Achse zeigt das Ausmaß an, in dem nichtmenschliche Tiere als Objekte oder Subjekte behandelt werden. Mit „Objekten“ meinen wir, dass sie rein als Mittel zum Zweck behandelt werden – zum Beispiel als Bestandteil der Laborausrüstung für eine Forscherin oder als Fleischmaschine für einen Großbauern. Mit dem Begriff „Subjekte“ beziehen wir uns darauf, dass Tiere als Selbstzwecke betrachtet werden, mit Respekt für ihr eigenes persönliches Interesse am Leben und für ihren intrinsischen moralischen Wert. Traurigerweise werden nichtmenschliche Tiere in unserer Kultur extrem selten vollständig als Subjekte behandelt. Das Leugnen der Subjektivität anderer Tiere wird zum Teil durch ihre Unsichtbarkeit möglich – der nichtbestehende Kontakt der meisten Menschen zu „Farm-“ oder „Versuchstieren“ macht es leichter zu glauben, dass diese keine denkenden, fühlenden und leidenden Lebewesen sind. Von Bedeutung ist auch die lange Geschichte kultureller Überzeugungen oder Diskurse, die in der westlichen Kultur den Subjektstatus anderer Tiere leugnen. Diese Überzeugungen bestehen in der Alltagssprache fort, die andere Tiere als geistlos und gefühllos darstellt, zum Beispiel durch Ausdrücke wie „Spatzenhirn“ oder „bockig“.

Wir sind verantwortlich

Unser Diagramm zeigt, dass die Verobjektivierung anderer Tiere ein Ergebnis der Art und Weise ist, auf die Menschen andere Tiere behandeln, über sie denken, sprechen und sie darstellen – und nichts mit den Tieren selbst zu tun hat. Zum Beispiel wissen wir, dass Kaninchen an vielen verschiedenen Stellen in unserer Darstellung vorkommen: Sie werden für ihr Fleisch ausgebeutet, als „Schädlinge“ vernichtet, viviseziert, für Unterhaltungszwecke von Magiern aus Hüten gezaubert, als „Haustiere“ eingesperrt und als Spielzeuge und „Charakterfiguren“ dargestellt. Doch diese verschiedenen „Bedeutungen“ davon ein Kaninchen zu sein haben mit den Kaninchen selbst nichts zu tun. Jedes einzelne Kaninchen könnte viele dieser Positionen in der Darstellung einnehmen, alleine aufgrund des Grades an Subjekt-/Objektstatus, den wir ihm zuschreiben. Indem wir das Diagramm verwenden, um uns die Prozesse der Verobjektivierung zu verdeutlichen, können wir verständlich machen, dass das Schicksal der ausgebeuteten Tiere in unserer, menschlichen, Verantwortung liegt und nichts mit ihrer „Natur“ zu tun hat.

Verbindungen mit der Unterdrückung von Menschen

Wir hoffen in der Regel, dass wir, als Menschen, selbst als Subjekte betrachtet werden. Doch wir wissen, dass viele Menschen vielmehr als Objekte behandelt werden und ihre Ausbeutung und ihr Leiden im Verborgenen bleiben. Auch wenn wir in diesem Artikel den Fokus auf die nichtmenschlichen Tiere gelegt haben, glauben wir, dass dieselben Prozesse der Verobjektivierung und des Unsichtbar-Machens in die Unterdrückung von Menschen, zum Beispiel auf der Basis von Gender, Ethnizität, Religion, Sexualität, Gesellschaftsschicht, Behinderung oder Alter, involviert sind. Diese Prozesse sind häufig auch miteinander verknüpft, etwa wenn unterdrückte Menschen mit unterdrückten nichtmenschlichen Tieren verglichen werden (zum Beispiel als „Ungeziefer“), um damit ihre Unterdrückung zu rechtfertigen.
Die Tatsache, dass ein steigender Grad an Verobjektivierung mit einer abnehmenden Sichtbarkeit einhergeht (Factory Farms oder Sweat Shops sind schwer zu finden und schwer zugänglich) lässt vermuten, dass wir uns als Gesellschaft bewusst sind, dass es moralisch falsch ist, anderen, seien sie menschlich oder nichtmenschlich, den Subjektstatus abzuerkennen. Wenn wir uns der Kultur der Verobjektivierung nicht schämen, warum haben Schlachthäuser dann keine gläsernen Wände? Das Ausmaß an Scham lässt hoffen, dass wir dadurch, dass wir uns der Verobjektivierung widersetzen und das Verborgene sichtbar machen, das Mitgefühl und die Wut ankurbeln können, die die Menschen dazu anregen wird, diese Ausbeutung nicht hinzunehmen. Deshalb glauben wir, dass es von entscheidender Bedeutung ist, dass Aktivist_innen weiterhin die Ausbeutung Anderer offenlegen, vor allem mit Mitteln und Wegen, die es so schwierig wie möglich machen, zu leugnen, dass die Ausgebeuteten Subjekte sind.

Dr. Matthew Cole & Dr. Karen Morgan




Die Mitbegründer von Vegatopia, Karen Morgan und Matthew Cole, sind SoziologInnen. Sie leben und arbeiten in Großbritannien. Ihr Forschungs- und Lehrinteressen beinhalten ethisch motivierten Veganismus, Gewalt gegenüber nichtmenschlichen Tieren, die Ausbeutung nichtmenschlicher Tiere/Tierrechte, Gender und Gewalt, Arbeitslosigkeit, Utopie-Studien, menschliche Sexualität und Kriminologie.

Ausführlicheres zur Darstellung der „materiellen und diskursiven Positionierung von Tieren“ und zur Art und Weise, auf die stark sichtbare Darstellungen von Tierfiguren benutzt werden, um die Lebensrealität der ausgebeuteten Tiere zu verbergen, sind zu finden in:
Stewart, K. & Cole, M. (2009): ‘The conceptual separation of food and animals in childhood’, Food, Culture and Society, 12 (4): 457-476
Manche der Verbindungen, zwischen der Verobjektivierung und Unsichtbarmachung nichtmenschlicher und menschlicher Tiere werden diskutiert in:
Cole, M. & Morgan, K.: Ethical veganism and the challenge of interlocking oppressions: how do we create Vegatopia? Programmatische Rede im Rahmen des 38. IVU Weltvegetarierkongresses in Dresden am 30. Juli 2008. Online abrufbar unter: vegatopia.org/pdfs/
IVU_Dresden_Vegatopia.pdf