Wölfe im Schafspelz - Die „Junge Linke“ und die Tierbefreiungsbewegung

Dieser Artikel versteht sich als Reaktion auf den in der TIERBEFREIUNG Heft 64 erschienenen Artikel „Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen – Linke Kritik des Antispeziesismus“, in welchem zwei AktivistInnen ein Seminar der Gruppe Junge Linke zum „politischen Veganismus“ in Berlin Revue passieren lassen.

Der positiven Einschätzung des Seminars bzw. der Intentionen der Jungen Linken seitens der AutorInnen soll in diesem Beitrag eine kritische Auseinandersetzung mit der Gruppe "Junge Linke" und ihren Aktivitäten zu den Themen Veganismus und Tierbefreiung entgegengestellt werden. Ich werde im Folgenden versuchen, darzustellen, dass es sich bei den SeminarveranstalterInnen der Jungen Linken keineswegs um mit der Tierbefreiungsbewegung sich solidarisierende Akteure handelt, welche sich auf Grund eines vermeintlichen oder tatsächlichen Theoriedefizits der Bewegung an der Formulierung einer konstruktiven Kritik zu den theoretischen Grundlagen der Idee der Befreiung der Tiere beteiligen. Im Gegenteil handelt es sich hier um einen erneuten, strategisch erfolgenden Angriff von Personen aus der selbsternannten „Linken“, mit dem die Anliegen der Tierbefreiungsbewegung systematisch diskreditiert und für illegitim erklärt werden sollen.

In den letzten Jahren häufen sich erneut Fälle von Angriffen auf die Tierbefreiungsbewegung durch linke Personen und Gruppierungen. Die Befreiung von Tieren aus der Unterdrückung durch die menschliche Gesellschaft, und damit einhergehend ein Ende der unvorstellbaren systematischen Gewalt gegen sie, scheint für diese Personen geradezu als persönliche Bedrohung und – ihrer Argumentation nach – linken Grundwerten diametral gegenüber zu stehen. Lange Zeit hatten linke KritikerInnen von Veganismus und Tierbefreiungsbewegung doch kaum etwas an theoretischer Argumentation zu bieten, die Anfeindungen liefen fast immer nach dem gleichen Schema ab und entbehrten meist jeder (empirischen wie theoretischen) Grundlage. So gehörten und gehören zu den ständigen, mantraartig vorgetragenen Vorwürfen: TierrechtlerInnen oder VeganerInnen seien menschenfeindlich, verträten quasi eine faschistische Ideologie, und ihnen sei eine Nähe zum Nationalsozialismus zu Eigen („Hitler war Vegetarier“, „Tierschutz im NS“). Auch der Vorwurf der Fortschrittsfeindlichkeit und Sentimentalität, sowie die Unterstellung einer treuen Anhängerschaft zu Peter Singer wurden gemacht. Die Ausbeutung von Tieren apologetisierende „linke“ Positionen kamen in den letzten Jahren zumeist aus sogenanntem anti-deutschen [1] Spektrum und wurden vor allem in pauschalisierender und undifferenzierter Art und Weise geäußert. Auch die Organisation „Junge Linke“ weist eine Nähe zu dieser Szene auf (wie z.B. durch das Verlinken verschiedener anti-deutscher Gruppen und Initiativen auf der Homepage ersichtlich ist), bzw. arbeitet eng mit anti-deutschen Gruppen zusammen. [2]
In diesem Beitrag soll es weniger darum gehen, sich auf inhaltlicher und theoretischer Ebene mit der Argumentation und Theorieproduktion der „Jungen Linken“ auseinanderzusetzen, derlei Anerkennung erscheint mir nicht angebracht. Er soll vielmehr einen Überblick über die Aktivitäten der Gruppe gegen die Tierbefreiungsbewegung liefern und fordert daraus systematische Konsequenzen für den Umgang der Bewegung mit diesen und anderen GegnerInnen.

„Bruder Bär und Schwester Tomate“

Die Junge Linke gegen Kapital und Nation (im folgenden Junge Linke ist eine laut eigenen Angaben „linksradikale“ Organisation, deren Aktivität hauptsächlich in der Veranstaltung von Seminaren und Workshops zu gesellschaftspolitischen und theoretischen Themen („Krieg den Hütten, Paläste für alle“, „Kritik linker Kapitalismuskritik“), sowie des Verfassens von Texten besteht. Der Hauptbezugspunkt scheint vor allem die „Kritik der Linken“ darzustellen, wie auch das Selbstverständnis [3] offenlegt. Hier erfährt der/die Leser(in) weniger, welche politischen Forderungen die Gruppe stellt, sondern mehr, von welchen Positionen, theoretischen Vorstellungen und Bewegungen sie sich abgrenzen möchte. Deutlich wird hier zugleich das Verständnis der Jungen Linken von der Problematik des gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnisses und der Tierbefreiungsbewegung: „Bruder Bär und Schwester Tomate sollten unsere Texte nicht lesen, weil wir uns – total diskriminierend – um Menschen kümmern. Kritik an kapitalistischer Benutzung von Mensch und Umwelt in Sachen Profit machen wir am Schaden für die Menschen und ihrer Erniedrigung fest.“

Im Jahre 2000 erschien in der „Junge Linke“-Zeitung unter dem Titel „Meine Freunde ess ich nicht – Kritik am (v.a. tierrechtlichen) Veganismus“ ein Artikel [4] auf niedrigstem Niveau gegen die Tierrechtsbewegung und die vegane Lebensweise. Auch wenn die Mitglieder der Jungen Linken den Inhalt des Textes als mittlerweile überholt betrachten und darauf hingewiesen wird, dass ein neuer Text in Arbeit sei, so wird dieser weiterhin verlinkt. Die Wortwahl und der Anspruch der Argumentation mag sich in aktuelleren Texten der Jungen Linken zu Veganismus und Tierausbeutung geändert haben. Das politische Ziel, das Gewaltverhältnis von Menschen und Tieren zu affirmieren und in diesem Bereich widerständige Theorien und Praxen zu diskreditieren, ist jedoch das gleiche. Der Vollständigkeit halber soll deswegen an dieser Stelle kurz auf die in diesem Text vorgebrachte „Kritik“ der Jungen Linke eingegangen werden.

VeganerInnen gehe es, so die AutorInnen, mit der Forderung nach einem Boykott von tierlichen Produkten darum, die „Differenz zwischen Mensch und Natur zur Seite der Natur hin aufzulösen“. Der Natur kämen innerhalb der veganen Ideologie eigenständige Rechtsansprüche zu, welche dann nicht nur für tierliches, sondern auch für pflanzliches Leben gelten sollen: „[…] vielleicht hat sogar der Löwenzahn ein Recht darauf zu blühen, wo eine Autobahn gebaut werden soll“. Aus dem innerhalb solcher Denkformen hervorgehenden Widerspruch zwischen Mensch und Natur gäbe es dann schließlich als Auflösung nur die Möglichkeit, „den Menschen eben zum Tier erniedrigen“. Daraus resultiere eine „Menschenfeindlichkeit“, welche sich nicht nur in den von der Jungen Linke ausgemachten theoretischen Grundlagen des Veganismus äußert, sondern auch in der Praxis von vegan lebenden Personen virulent sei. Der „Verzicht auf leckeres Essen und coole Klamotten“ sei geradezu Ausdruck einer „Selbstkasteiung“ und münde in einer „spießig-moralischen Haltung“.
Natürlich sei „Massentierhaltung“, so gibt die Junge Linke zu, keine schöne Sache. Doch auch Menschen würden schließlich innerhalb des kapitalistischen Systems ausgebeutet. Wenn dieses erst mal abgeschafft sei, könne die Menschheit dann entscheiden, ob sie sich das Ziel setze, „nett zu Tieren“ zu sein.
Über Gewalt gegen Tiere „mal nett diskutieren“

Seit Anfang 2009 veranstalten zwei Junge Linke-Mitglieder in verschiedenen Städten Seminare (meist über das Wochenende) „zur Auseinandersetzung mit dem linken politischen Veganismus“ [5]. Hier sollen die drei angeblichen „Hauptströmungen“ der Theorieproduktion der Tierbefreiungsbewegung vorgestellt, diskutiert und kritisiert werden. Wohlgemerkt: Dies nicht aus einer Perspektive, welche die Befreiung von Tieren als eine grundlegende Forderung radikaler, emanzipatorischer Gesellschaftskritik mit aufnimmt. Ihre These ist dabei, dass die von ihnen in der Tierbefreiungsbewegung ausgemachten theoretischen Ansätze „umschlagen in eine Zustimmung zu den Prinzipien der herrschenden Verhältnisse, die den Lebensunterhalt von Menschen systematisch von ihrem individuellen Erfolg in der ökonomischen Konkurrenz abhängig machen“ [6]. Auch treten die beiden ReferentInnen mit Workshops und Vorträgen zur gleichen Thematik auf linken Camps und Veranstaltungen in Erscheinung, so z.B. im Sommer 2009 auf dem „Antifa-Camp“ in Oberhausen. Im Ankündigungstext heißt es:
„Der linke politische Veganismus meldet sich nun nach ein paar Jahren eher interner theoretischer und politischer Auseinandersetzungen wieder verstärkt in der linken Szene zu Wort und agitiert in andere linke Spektren hinein. Die heutzutage meist eher links-poststrukturalistisch verfassten Analysen und Konzepte der Veganen lassen die „old school“-autonome Kritik am Veganismus heutzutage ins Leere gehen […]. In dieser Veranstaltung soll eine auf die aktuellen Theoriebildungen der Veganismusdebatte adäquat bezogene materialistische Kritik formuliert werden. Einführend werden die gegenwärtigen drei Hauptströmungen (die rechtstheoretisch/ethische, die diskurstheoretisch/dekonstruktive sowie die marxistisch/kritisch-theoretische Strömung) und deren Begründungen des gemeinsamen Ziels, einer veganen Gesellschaft, vorgestellt.“
Die bei VeganerInnen zu findende „antispeziesistische Vorstellung vom Tier als Individuum mit eigenen Interessen“ sei anthropomorphistisch, und – so die These – verknüpfte „die gesellschaftlich vorherrschende naturwissenschaftliche Vorstellung des Mensch/Tier-Unterschieds mit einer spezifisch veganen Projektion des üblichen bürgerlichen Rechtsfetischismus auf die Tiere.“

Insbesondere bei den Wochenendeseminaren nahmen auch immer wieder VeganerInnen und AktivistInnen aus der Tierbefreiungsbewegung teil und zeigten sich, wohl angesichts der sonst gängigen Praktiken und Argumentationsniveaus von Linken gegen die Tierbefreiungsbewegung, überrascht über das „offene Diskussionsklima“. Auch stellte es offenbar für diese TeilnehmerInnen kein Problem dar, dass einer der beiden SeminarleiterInnen Fleisch konsumiert. Warum, so stellt sich die Frage, sollte man mit jemandem über Tierbefreiungstheorie diskutieren, welcher sich bewusst für Gewalt gegenüben Tieren entscheidet (und das „bewusst“ das kann man in diesem Fall voraussetzen, da sich die Person eingehend mit der Thematik beschäftigt hat).

„…die Rede ist von Tierrechtlern“

Am 4.9.2009 erschien in der linken Tageszeitung Neues Deutschland ein Artikel unter dem Titel „Etwas anderes als Tierliebe“, welcher von einem Junge Linke-Mitglied namens „Rabea Vogelsang“ verfasst wurde. Die Autorin sei, so die Zeitung, bei der Jungen Linken aktiv.
Mit dem Untertitel des Artikels wird zugleich dessen Stoßrichtung offenbar: „Veganismus als politische Bewegung“, so die Autorin, führte nicht „in die freie Gesellschaft, sondern Nirgendwohin“. Zu Beginn wird zunächst erörtert, dass der „politische Veganismus“ in der linken Szene zunehmend an Popularität gewinne. Zwar wird unzweifelhaft korrekt festgestellt, dass es der Tierrechtsbewegung um die „Befreiung der Tiere“ von der „Herrschaft der Menschen“ (Beides im Artikel ebenfalls in Anführungszeichen gesetzt) gehe, worin sich Parallelen zu den Inhalten linker Bewegungen im Allgemeinen ergeben, welchen die Abschaffung aller Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse am Herzen liegt. In diesem Falle allerdings werde „die Grenze zwischen Mensch und Tier verwischt“. Es folgt nun eine Charakterisierung der Tierrechtsbewegung, deren Inhalt ohne Weiteres auch aus der Bild-Zeitung oder aus einer Anmoderation von RTL-Explosiv stammen könnte:
„Mit viel Kunstblut inszenieren sie Schlachtungen, verkleiden sich als Hühner und setzen sich in engen Käfigen in Fußgängerzonen. Sie stehlen Nerze aus Zuchtfarmen und setzen sie in der Umgebung aus. Sie brechen auch schon mal nachts in Pelzgeschäfte ein und verüben Rauch- oder Farbanschläge. Sie betreiben Boykott-Kampagnen und veranstalten Theorie-Kongresse – die Rede ist von Tierrechtlern. Sie wollen erreichen, dass alle Menschen vegan leben.“
Die „Polit-Veganen“ seien „empört“ über die Nutzung von Tieren durch den Menschen und begründeten dies mittels ihrer „gemeinsame[n] Ideologie“ des „Antispeziesismus“. Es folgt eine völlig unzureichende Definition des Begriffes Speziesismus, wie er angeblich im Tierrechts-Diskurs vorherrschend sei: Speziesismus sei „‘Diskriminierung‘“, welche sich in einer Anwendung unterschiedlicher moralischer Maßstäbe gegenüber Menschen und Tieren äußere.
Die Autorin versucht sich nun in einer Kurzbeschreibung und Kritik der ihrer Meinung nach in der Tierrechtsbewegung vorkommenden theoretischen Strömungen. Sie beginnt mit einer Beschreibung älterer theoretischer Ansätze für die Begründung der Befreiung der Tiere, hier die Moralphilosophie, namentlich Singer und Regan. Da diesen jedoch keine Kritik an Kapitalismus und staatlicher Herrschaft beinhalteten, würden sich „Vegane aus der autonomen Linken“ seit einigen Jahren zunehmend von diesen abgrenzen. Die Folge sei eine Entwicklung eigener Theorieansätze, vor allem angelehnt an die Postmoderne. In diesen würde Speziesismus (den, so die Autorin, nach Meinung der linken VeganerInnen alle vertreten, die auf einem Unterschied zwischen Mensch und Tier beharren) mit anderen Unterdrückungsformen wie z.B. Rassismus strukturell gleichgesetzt. Die Entstehung von Herrschaftsverhältnissen werde in solchen theoretischen Ansätzen, als deren maßgebliche Protagonistin die Autorin die Soziologin Birgit Mütherich ausmacht, vor allem auf Schemata und Struktur der Sprache zurückgeführt.
Die „politischen Veganen“ würden jegliche Differenz zwischen Mensch und Tier nivellieren, bis auf die Fähigkeit zur Moral, aus welcher sie für alle Menschen den kategorischen Imperativ ableiten würden, „entsprechend ihres antispeziesistischen Dogmas moralisch zu handeln“.
Die Autorin geht nun zu der ihrer Meinung nach dritten und letzten theoretischen Strömung über, die von Marx und der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule beeinflusst sei. Sie gesteht diesen Ansätzen zwar zu, dass hier richtigerweise die Kritik an der kapitalistischen Vergesellschaftung eine zentrale Bedeutung einnehme, aber auch hier komme es zu der nicht hinnehmbaren Forderung, „die Menschheit müsse veganer Moral“ folgen.
Der Artikel endet mit der Einschätzung, dass „uns Veganismus der befreiten Gesellschaft keinen Schritt näher“ bringe, im Gegenteil, so ist die Autorin überzeugt: „Die Verwischung der Grenze zwischen Mensch und Tier führt in die Irre.“
Dass als Medium der Veröffentlichung gerade das Neue Deutschland gewählt wurde, scheint das Ergebnisse einer kalkulierten Strategie zu sein: Das Neue Deutschland gehört zu den wenigen linken Zeitungen, welche in der letzten Zeit immer wieder positive Artikel zum Thema Tierbefreiung / Kritik am Mensch-Tier-Verhältnis veröffentlichte.

Der Auftritt der Jungen Linken auf dem Tierbefreiungskongress 2009

Als Höhepunkt der gegen die Tierbefreiungsbewegung gerichteten Aktivitäten der Jungen Linken kann wohl deren Auftreten auf dem Tierbefreiungskongress 2009 auf der Burg Lohra betrachtet werden. Die beiden SeminarleiterInnen nahmen an einigen Vorträgen mit theoretischem Schwerpunkt, sowie an der Podiumsdiskussion zu den theoretischen Ansätzen der Tierbefreiungsbewegung teil. Hier fielen sie durch eifriges Mitschreiben auf, hielten sich bei anschließenden Diskussionen jedoch meist zurück. Zuvor waren sie durch einige AktivistInnen, welche diese u.a. von den bereits erwähnten Seminaren kannten, freudig empfangen worden. Am letzten Tag des Kongresses wurde von einem der Junge Linke-Mitglieder ein mehrseitiger Text verteilt. Der „Diskussionspapier“ genannte Text mit dem Titel „Zur Kritik des Antispeziesismus“ sei laut Angabe der AutorInnen „leider noch nicht fertig geworden“, und es bleibt zu konstatieren, dass dieser weit entfernt davon ist, die Bezeichnung „Kritik“ zu verdienen. Auch stellt sich die Frage, wie ernstzunehmend das „Engagement“ der Jungen Linke ist, wenn diese mit einem halbfertigen und unausgereiften Papier auf einem der zentralen Treffen der Tierbefreiungsbewegung erscheint, und von welcher Dreistigkeit dieser Akt zeugt.
Nach einem Exkurs über erkenntnistheoretische Positionen der AutorInnen folgt ein Abschnitt über das Mensch-Tier-Verhältnis, in welchem Überlegungen zur Mensch-Tier-Differenz angestellt werden. Die Forderung nach Freiheit für Tiere durch die Tierrechtsbewegung sei größtenteils eine Projektion, denn es sei nicht eindeutig feststellbar, ob in Gefangenschaft lebende Tiere lieber „so leben ‚wollen‘ wie ihre Artgenossen oder Vorfahren in der freien Wildbahn“. So seien Pferde auf einer großen Weide nicht unbedingt „‘glücklicher‘ oder ‚unglücklicher‘“ als sog. Wildpferde, auch „unter dem Sattel“ erschienen sie nicht gerade „‘unglücklich‘“. Es folgt dann an Hand von verschiedenen Zitaten erneut eine Auseinandersetzung mit einigen theoretischen Texten / Ansätzen, die eine Kritik am Mensch-Tier-Verhältnis formulieren. Nach einigen weiteren Teilen folgt schließlich das fulminante Ergebnis: „Antispeziesismus ist keine Herrschaftskritik“. Sowie die Aussage „Aber sicher bringt uns das Studium der Zutatenlisten von Lebensmittel einer besseren Gesellschaft keinen Schritt näher und die Verwischung der Grenze zwischen Mensch und Tier führt in die Irre.“ Die Herleitung dieser Ergebnisse wird – nicht zuletzt durch den lückenhaften Text- und Argumentationssaufbau – nicht wirklich deutlich.

Fazit

Ich hoffe, es ist deutlich geworden, dass die Interventionen der Junge Linke in die Belange der Tierbefreiungsbewegung keineswegs aus solidarischer Motivation heraus erfolgen. Zweifelsohne wird von dieser Gruppe eine andere Strategie aufgegriffen als bei den sonst erfolgten, zumeist recht platten Angriffen von Personen / Gruppen mit „linkem“ Hintergrund. Die Einflussnahme wird hier eher subtiler vor allem über eine vermeintlich fundierte theoretische Auseinandersetzung erreicht, wenngleich festzuhalten ist, dass die Junge Linke schlichtweg von der Tierbefreiungsbewegung und den von dieser rezipierten sozialwissenschaftlichen und philosophischen Theorien keinerlei ernstzunehmende politische oder wissenschaftliche Kenntnis hat. Zur „taktischen Didaktik“ gehört dabei ebenfalls die pseudo-freundliche und pseudo-offene Umgangsweise. Es scheint symptomatisch für den derzeitigen Zustand der Tierbefreiungsbewegung zu sein, dass gegenüber der Junge Linken nicht entsprechend reagiert wird. Eine angemessene Reaktion wäre z.B. mit dieser Gruppe in keinen kooperativen Bezug zu treten, sowie das offensichtliche Interesse der Jungen Linken zu benennen: Die Delegitimierung und Entpolitisierung der Tierbefreiungsbewegung.
Eine Auseinandersetzung mit theoretischen Fragen rund um das Mensch-Tier-Verhältnis und die Begründung der Idee der Tierbefreiung sollte zweifelsohne zu den zentralen Anliegen der Tierbefreiungsbewegung gehören. Hierzu gehört natürlich auch eine kritische (Selbst-)Reflexion und Beschäftigung mit bisherigen theoretischen Ansätzen. Dies sollte jedoch von der Bewegung selbst geleistet werden, oder von solchen gesellschaftlichen Akteuren, die das Interesse an der Befreiung der Tiere grundlegend teilen. Gruppierungen oder Personen, deren Intention es jedoch ist, der Tierbefreiungsbewegung jeglichen politisch-emanzipatorischen Anspruch abzusprechen, gehören nicht dazu.
Den gegenwärtigen Umgang einiger Aktivist-Innen der Tierbefreiungsbewegung mit der Jungen Linken, das Empfangen mit offenen Armen trotz des offensichtlichen Interesses einer Schädigung der Bewegung, erachte ich als problematisch. Diese Haltung, innerhalb derer GegnerInnen als ernstzunehmende KritikerInnen definiert werden, scheint Ausdruck eines generellen Defizits von kritischem Bewusstsein sowie mangelnder Auseinandersetzung mit theoretischen Fragen innerhalb der Bewegung zu sein. Auch der in der TIERBEFREIUNG im Oktober erschienene Artikel, in dem über ein Seminar der Jungen Linken höchst unkritisch berichtet wurde, zeugt davon.
Es bleibt zu hoffen, dass der Jungen Linken innerhalb der Tierbefreiungsbewegung in Zukunft kein Podium für ihre Inhalte geboten wird.

Sarah Mayer
Die Autorin ist seit mehreren Jahren Aktivistin der Tierbefreiungsbewegung.


Anmerkungen:
(1) Eine Einführung in das sich in den letzten Jahren innerhalb der linksautonomen-Szene entwickelnde Phänomen der „Anti-Deutschen“ sprengt an dieser Stelle den Rahmen. Ich verweise deswegen auf entsprechende Publikationen, so z.B. von Gerhard Hanloser (2004), Robert Kurz (2003) oder Bernhard Schmid (2006). Wichtig ist jedoch zu erwähnen, dass Teile der anti-deutschen Ideologie Anknüpfungspunkte für Positionen gegen Tierbefreiung bieten.

(2) So veranstaltet sie z.B. mit der anti-deutschen Antinationale Gruppe Bremen in Bremen Seminare. Schon zum zweiten Mal findet hier das Seminar „von Menschen und Tieren“ statt. Auf der Homepage der AGB befindet sich, neben einschlägigen Links zu antideutschen Gruppierungen und Projekten, auch ein Link zu pizzaidf.org, eine Initiative, mit der Pizzen als Solidaritätsbekundung an SoldatInnen der Israelischen Armee (Israel Defense Forces) verschickt werden können.

(3) Unter www.junge-linke.de/ueber_uns.html

(4) Unter www.junge-linke.de/vermischtes/meine_freunde_ess_ich_nicht_kr.html

(5) Der Begriff „politischer Veganismus“ ist weniger der Terminologie der Tierbefreiungsbewegung entnommen, es scheint sich hier vielmehr um einen Kampfbegriff mit abwertender Funktion zu handeln, ähnlich wie bei dem Begriff „politischer Islam“.

(6) Seminarankündigung zum Wochenendseminar vom 22.-24. Januar 2010 in Bremen.