Rezension

Mieke Roscher:
Ein Königreich für Tiere

Die Geschichte der britischen Tierrechtsbewegung

Das disziplinübergreifende Forschungsfeld Human-Animal Studies ist im deutschsprachigen Raum noch recht unbekannt und kann nur wenige Publikationen und Ergebnisse anbieten. Nach wie vor ist die Mainstream-Forschung anthropozentrisch, blendet also Tiere als Gegenstand der Untersuchung aus. Dies gilt auch für die Geschichtswissenschaft. Vor dreißig Jahren musste die Frauenbewegung Frauen zum Gegenstand der Geschichte machen, da sie zuvor ausgeklammert wurden. Gleiches gilt heute für die Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung und Tiere. Daran beteiligt sich Mieke Roschers mit ihrer Studie „Ein Königreich für Tiere“. Nun liegt endlich eine deutschsprachige, historische Analyse der Entwicklung der britischen Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung vor. Roscher rekonstruiert nicht nur die gesamte Entwicklung der Bewegung (von den Vorläufern der ersten Welle bis in die Gegenwart, inklusive ihres radikal-militanten Flügels), sondern zeigt auch auf dem Hintergrund des historischen Kontextes auf, wieso gerade in Großbritannien der Tierrechtsgedanke und die Tierrechtsbewegung entstanden sind. Sie vertritt und belegt die These, dass dies nicht nur an die Entstehung neuer moralischer Werte, sondern auch an die gesellschaftlichen Bedingungen jener Zeit gebunden war. Sowohl zu Zeiten der ersten als auch der zweiten Welle stellt sie einen Vergleich der britischen, mit der US-amerikanischen und deutschen Tierrechtsbewegung an, um die nationalen Spezifika mittels analytischer Vergleichsparameter (in Anlehnung an die Theorie der historischen Komparatistik) herauszuarbeiten. Ferner gelingt es ihr, die Kontinuität zwischen der Ersten und Zweiten Tierrechtsbewegung aufzuzeigen und die bisher wenig betrachteten Jahre zwischen 1915 und 1960 zu rekonstruieren. Sie geht dabei nicht von zwei völlig getrennten Bewegungen aus, sondern von zwei – durch eine Regression zu Beginn des Ersten Weltkriegs entstandenen – Wellen einer Bewegung und bezieht sich damit auf Brands Theorie der zyklischen Erscheinung sozialer Bewegungen. Zwei weitere Analysekategorien der Studie sind die Geschlechts- und Klassenspezifika der Bewegung. So wurde etwa untersucht welcher Zusammenhang zwischen Tierrechtsbewegung und Frauen- sowie Arbeiterbewegung besteht, wie der Tierrechtsgedanke klassenideologische Ausprägungen fand und wie die Tierrechtsarbeit Potentiale für Frauen- und Arbeiterbewegung bereitstellte.

Nach der Einleitung beginnt die Arbeit mit der Darstellung der Tierrechtsbewegung als (neue) soziale Bewegung. Dazu werden verbreitete Konzepte der Forschung über soziale Bewegungen aufgriffen und an der Tierrechtsbewegung überprüft. Anschließend folgen die drei Hauptteile der Arbeit: Die Erste, die Zweite und die radikal-militante Tierrechtsbewegung. Im ersten Teil wird der Wertewandel gegenüber nichtmenschlichen Tieren ab Mitte des 17. Jahrhunderts, die frühen hochrezipierten Theorien und die frühen Ausformulierungen tierrechtlerischer Ideen vorgestellt, auf deren Basis die erste Welle entstand. In diesem Zusammenhang werden auch die Paradigmen Tierschutz und Tierrecht differenziert. Darauf folgen die Rekonstruktion der Ersten Tierrechtsbewegung entlang der Kategorien Geschlecht und Klasse und ein Vergleich mit der US-amerikanischen und deutschen Tierrechtsbewegung. Der erste Teil schließt mit der Darstellung und einer Strukturanalyse der Bewegung zwischen 1915 und 1960 ab, wobei Antivivisektions- und Antijagdbewegung, praktischer Tierschutz und vegetarische Bewegung getrennt betrachtet werden. Im zweiten Teil wird die Weiterentwicklung der Bewegung nach 1960 – also die zweite Welle – dargestellt und streckenweise mit der ersten Welle verglichen. Zunächst werden andere soziale Bewegungen jener Zeit als Inspiration für die Zweite Tierrechtsbewegung vorgestellt. Danach folgen die Darstellung der neuen philosophischen Ansätze und die Beschreibung der Radikalisierung, bevor der Wandel der Methoden und der Organisationsstrukturen im Vergleich zur ersten Welle analysiert wird. Wie auch im ersten Teil wird die Bewegung dann unter den Aspekten Geschlecht und Klasse betrachtet. Unter dem Titel „Tierrecht und Nation“ überprüft Roscher anschließend weiter ihre These, dass die Tierrechtsbewegung ein britisches Spezifikum darstellt. Die „Nation of Animal Lovers“ integrierte Tierschutz in zivilisatorischen Vorstellungen, „die Großbritannien von anderen Nationen abheben helfen sollte“. Der zweite Teil endet mit der Thematisierung von Kriegsrhetorik und Märtyrertum im radikalen Flügel der Bewegung und, wie im ersten Teil, mit einem Vergleich zu den Bewegungen in den USA und Deutschland. Hier wird auch die Internationalisierung der Bewegung beschrieben. Der dritte Teil ist der radikal-militanten Tierrechtsbewegung gewidmet. Die Darstellung beginnt mit der Hunt Saboteurs Association, welche als Ausgangspunkt für die Entstehung des militanten Flügels gilt. Darauf folgt die Animal Liberation Front und die Animal Liberation Leagues. Auch die extrem militanten und umstrittenen Gruppen Animal Rights Militia und Justice Department, welche auch vor Brief- und Autobomben nicht zurückschreckten, werden in zwei Kapiteln besprochen. Danach behandelt Roscher die Einordnung der ALF als terroristische Organisation, bevor der dritte und letzte Teil wieder mit einem Vergleich mit zur US-amerikanischen und deutschen radikal-militanten Bewegung abgeschlossen wird.

Roscher legt eine forschungsintensive, ausführliche und differenzierte Studie vor. Ihre Zielgruppe sind primär VertreterInnen wissenschaftlicher Disziplinen wie Geschichte und anderen Gesellschafts- und Sozialwissenschaften. Die Monographie lässt sich für akademische Literatur dennoch sehr gut lesen. Kenntnisse über die Geschichte und Philosophie der Bewegung sind bei der Lektüre zwar nicht schädlich, aber auch nicht notwendig. Zudem verzichtet Roscher auf eine übertrieben akademische, fremd- und lehnwortlastige Sprache, so dass sie fast allen LeserInnen zugänglich sein müsste. Auf Basis einer breiten Quellenanalyse von wissenschaftlicher, philosophischer, biographischer und bewegungsinterner Literatur hat sie ein überzeugendes und gut fundiertes Werk über die Entwicklung der britischen Bewegung geschaffen. Dabei gelingt es ihr, ihre Thesen (etwa die Kontinuität zwischen erster und zweiter Welle) zu belegen. Negativ sind mir nur zwei Aspekte aufgefallen. Zum einen ist das fast 600 Seiten starke Buch zu ausführlich, wenn es als Einführung in die britische Bewegung gelesen wird. Dies ist jedoch kein Manko an sich, da es nicht als Einführung konzipiert wurde und nur so in dieser Differenziertheit präsentiert werden konnte. Dennoch habe ich mich manchmal gefragt, ob es mit etwas weniger Differenzierung nicht leserInnenfreundlicher und seine Grundaussagen verständlicher wären.

Roscher schließt direkt mehrere Forschungslücken. Zum einen präsentiert sie die erste Studie im deutschsprachigen Raum, die sich aus historischer Perspektive mit der britischen Tierrechtsbewegung beschäftigt. Es liegt nun endlich eine wissenschaftliche Arbeit in deutscher Sprache vor, welche die Entwicklung vom Entstehen bis zum Status Quo nachzeichnet. Vor allem die akademische Thematisierung des radikal-militanten Flügels hat es vorher so noch nicht gegeben. Sie rekonstruiert aber nicht nur die Entwicklung der Tierrechtsbewegung, sondern zeigt auch die spezifisch britischen ideengeschichtlichen und sozio-historischen Hintergründe auf und vergleicht die Entwicklung der Bewegung mit denen in Deutschland und den USA und kann daher erklären, wieso die heute internationale Bewegung ihren Ursprung in Großbritannien hatte. Damit betritt sie auch für den anglophonen Raum Neuland. Desweiteren betrachtet sie nicht nur die erste bzw. zweite Welle der Tierrechtsbewegung, sondern bietet einen Überblick, der mit den Vorläufern der ersten Welle beginnt und mit der aktuellen zweiten Welle und ihres radikalen Flügels der militanten Gruppen – etwa der Animal Liberation Front – abschließt. Dabei konzipiert sie die zwei Wellen nicht als absolut getrennt voneinander, sondern zeigt explizit die eingelagerte Kontinuität auf, indem sie unter anderem eine weitere Lücke schließt und die wenig beachtete Zeit zwischen 1915 und 1960 rekonstruiert. Auch diese Perspektive stellt ein Novum dar – selbst für die anglophone Forschungslandschaft. Zuletzt unterzieht sie die Tierrechtsbewegung einer Analyse unter den Gesichtspunkten der Kategorien Geschlecht und Klasse. Auch das Herausarbeiten der Überschneidungen zwischen den Tierrechts- und Frauen- sowie Arbeiterbewegung und den Geschlechts- und Klassenspezifika der Tierrechtsbewegung schließt eine weitere Forschungslücke.

LeserInnen, denen es nicht um die Thesen der Arbeit geht (Kontinuität der Wellen, sozio-politische und historische Hintergründe als Auslöser etc.), können die Studie auch als Nachschlagewerk nutzen, um spezielle Unterthemen abzufragen. Dies wird nicht nur durch die gute Strukturierung und Kapitelbenennung ermöglicht, sondern auch durch das Sach- und Personenregister. Das Buch ist ein Muss für alle, die an der Geschichte der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung interessiert sind oder sogar darüber forschen oder schreiben wollen.

Andre Gamerschlag


Königreich für Tiere von Mieke Roscher

Mieke Roscher:
Ein Königreich für Tiere
Die Geschichte der britischen Tierrechtsbewegung
Tectum Verlag
1.Aufl., Juli 2009
29,90 EUR
581 Seiten

Zur Autorin:
Dr. Mieke Roscher ist Anglistin und Sozialhistorikerin mit dem Schwerpunkt der Britischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Nach einem Studium der Politikwissenschaften, Erziehungswissenschaften und der Anglistik an den Universitäten von Bremen, Middlesex und der London School of Economics (LSE) hat sie mit einer komparativen Studie über die Geschichte und Politik der britischen Tierrechtsbewegung promoviert. Ein Forschungsschwerpunkt auf dem von ihr untersuchten Sachgebiet umfasste vor allem auch die Analyse geschlechterspezifische Aspekte. Sie ist Vertreterin der historischen Human-Animal Studies und arbeitet diesbezüglich zurzeit an einem Projekt zur imperialen Bedeutung des Tierschutzes im britischen Kolonialismus. Sie lebt und arbeitet in Bremen.