Man findet keine Freund_innen mit Salat?

Tierbefreierisches in Cartoons und Comedy

Bücher sind nicht mehr, was sie einmal waren. Nicht weil Dieter Bohlen und Bushido inzwischen die eigentlichen Stars auf den Buchmessen sind, sondern weil schon seit einigen Jahrzehnten das Fernsehen einen großen Teil der Erzählungen in unserer Gesellschaft verbreitet.
Die lieben Kleinen wachsen ganz selbstverständlich mit dem Kinderprogramm im Fernsehen auf. Otillie-Normalverbraucher_innen kommen von der Erwerbsarbeit nach Hause und klatschen sich vor „die Kiste“, schauen „in die Röhre“, lassen sich im Dämmerzustand eines intellektuellen Stand-bys berieseln. Daran ändern auch diesbezügliche, kritische Untertöne und schicke Aufnäher mit Sprüchen wie „Smash your TV“ nichts.
Und es ist ja auch nicht alles schlecht im Fernsehen. Manchmal gibt es sogar äußerst Differenziertes zu Mensch-Tier-Verhältnissen zu sehen. Grund genug für uns, den kritischen Anklängen zu gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnissen auf Bildschirm und Leinwand eine Serie zu widmen und uns anzuschauen, wie die Themen, Ausbeutung nichtmenschlicher Tiere, Tierbefreiung und Veganismus in der Unterhaltungsindustrie aufgegriffen werden,

Man findet keine Freunde mit Salat

Beginnen möchten wir unsere „Fernseh-Serie“ mit den Figuren, die in unseren Wohn- und Kinderzimmern wiederkehrende Gäste sind – den Seriencharakteren in Cartoons und Comedy Serien und ihren Geschichten.
Ein Klassiker unter den Zeichentrickserien sind mit über 450 produzierten Episoden in mehr als 20 Jahren die Simpsons. In der 5. Episode der 7. Staffel „Lisa als Vegetarierin“, entscheidet sich der zweitälteste Spross der gelben Familie Vegetarierin zu werden – und bleibt dies auch fortan in der Serie. Auslöser für diesen Gesinnungswandel ist bei der strebsamen Lisa ein Besuch im Streichelzoo. Zwischen dem Lammkotellet auf ihrem Teller und dem niedlichen kleinen Lämmchen im Streichelgehege des Märchenlands besteht für Lisa plötzlich eine Verbindung. Homers Einwand, das Essen auf ihrem Teller sei „Lamm“ und nicht „ein Lamm“ überzeugt sie wenig. Schockiert von dieser Erkenntnis startet Lisa einen Missionierungsfeldzug – jedoch ohne Erfolg. Stattdessen muss sie einigen Spott über sich ergehen lassen. „Man findet keine Freunde mit Salat“ singt ihre Familie. „Wirst du jetzt eine Karotte heiraten?“ wird sie von ihren Mitschülerinnen gefragt. Auch Schuldirektor Skinner ist Lisas Entwicklung zu Ohren gekommen, weswegen er einen Werbefilm der Fleischindustrie zeigt, der eine ironische Distanz vermittelt. So wird dem kleinen Jungen im Film nach der Fleischereibesichtigung schlecht. Moderator Troy McClure argumentiert mit dem Ernährungskreislauf (bei dem alle Pfeile auf den Menschen zeigen) und antwortet „Mach Dir nichts vor Jimmy, wenn eine Kuh die Möglichkeit hätte würde sie dich auffressen und alle die du lieb hast”. Erst als Lisa mit Apu spricht und erfährt, dass in seinem Hotdog-Grill Tofuwürstchen liegen und sie auf dem Dach seines Kwik-E-Marts auf Paul und Linda McCartney trifft, findet sie Gleichgesinnte. Apu erklärt Lisa jedoch, er esse im Unterschied zu ihr „keinerlei Dinge, die vom Tier stammen“, worauf sie befürchtet „Dann wirst du mich doch sicher für ein Monster halten.“ Da habe sie völlig recht, entgegnet Apu, er habe jedoch vor langer Zeit gelernt, andere Menschen zu tolerieren, anstatt ihnen seinen Glauben aufzudrängen.
Dies soll nicht das einzige Mal bleiben, dass Lisa einem Menschen begegnet, der „veganer“ ist als sie. In der 4. Folge der 12. Staffel trifft Lisa auf eine Gruppe veganer Baumbesetzer, die auf dem Dach eines CrustyBurgers demonstrieren, und verliebt sich in deren Anführer. Der ist nach eigenen Angaben Veganer Stufe 5 und isst nichts, was einen Schatten wirft.
Auch in Folge 2 der 18. Staffel „Jazzy und die Pussycats” finden wir ein interessantes Motiv. Während Bart Erfolge als Jazz Musiker einfährt, ist Lisa frustriert, weil nicht sie an seiner Stelle ist. Um dies zu kompensieren kauft sie sich einen Hund und beginnt darauf hin Tiere zu befreien und zu retten. Nachdem eines der Tiere Bart am Arm verletzt, will „Animal Control” alle Tiere einschläfern, doch Bart nutzt die Spenden eines Benefizjams, um das „Lisa Simpson Heim für herrenlose Tiere” zu gründen.
Der Schöpfer der Simpsons, Matt Groening, wird in verschiedenen Online-Listen prominenter Vegetarier aufgeführt. (Allerdings besteht kein Grund allzu euphorisch zu werden, immerhin gab es auch Werbekooperation zwischen dem Simpsons-Kinofilm und Burgerking!)

Die Frage ist: Sind sie intelligent und können sie sprechen!

Auch in einer weiteren Serie, die unverkennlich aus Groenings Feder stammt, werden Mensch-Tier-Verhältnisse und damit zusammenhängende gesellschaftliche Moralvorstellungen aus Korn genommen: In der 15. Episode der 2. Futurama-Staffel „Kennen Sie Popplers?“ entdecken Fry, Leela und Bender nach einem Auftrag auf einem fernen Planeten eine Köstlichkeit, die sie “Popplers” taufen. Da Popplers unglaublich schmackhaft sind, entwickeln sie sich auf der Erde zum absoluten Verkaufsschlager. Eines Tages findet Leela jedoch heraus, dass die Popplers reden können und setzt sich nun mit Hilfe von Fry und Bender dafür ein, dass das grausame Poppler-Essen ein Ende findet. Eine vorherige hippieske Protestaktion der Menschheit für die moralische Behandlung von Tieren(Im Original Mankind for Ethical Animal Treatment M.E.A.T.), die einfordern, mensch solle nichts essen, das Schmerz empfindet, hatte Leela wenig überzeugt. Schließlich, so argumentiert sie, äßen Tiere nur mal Tiere, so sei die Natur. „Hört auf Pobblers zu essen, die können reden!“ empört sich Leela jedoch nur wenig später.
Schließlich wird die Erde von den Bewohnern des Planeten Omicron Persei Acht heimgesucht. Denn, so stellt sich heraus, bei den Popplers handelt es sich um die Nachkömmlinge der Omicronier. Ihr Anführer möchte sich als Entschädigung für die verspeisten Sprösslinge, die erste Person, die Popplers gegessen hat, einverleiben. Pech für Leela! Doch das Schicksal meint es noch einmal gut mit ihr. Nur ein Affe und ein M.E.A.T.-Hippie werden verspeist, so dass sich zum Schluss alle Protagonist_innen an einer reich gedeckten Tafel versammeln können. Es gibt Rinderbraten und Spanferkel, nur als Bender den anderen Delfin anbietet, scheinen alle entsetzt: „Aber Delfine sind intelligent“.

Auch im vierten und letzten Teil der Futurama-Filmreihe “Leela und die Enzyklopoden” wird das Thema Tierrechte berührt. Leo Wong, der patriarchale und reiche Vater der Protagonistin Amy, plant einen beträchtlichen Teil des Sonnensystems auszulöschen, um eine interstellare Minigolfanlage zu bauen, was für Protestaktionen der Öko-Feministas sorgt. Als Leela dabei ist, wie der Gutachter Professor Hubert J. Farnsworth bewohnte Planeten zum Abriss freigibt, tritt auch sie den Öko-Feminstas bei und beginnt den Kampf gegen die Zerstörung von Planeten. In der Parallelhandlung geht es um den Konflikt zwischen den Dunklen, die alles Leben im Universum zerstören wollen, und den Enzyklopoden, die es beschützen wollen. Siegen die Dunklen, ist das Schicksal der Milchstraße besiegelt. Gewinnen jedoch die Enzyklopoden, werden alle ausgestorbene Spezies wieder zum Leben erweckt.
In der Comic-Serie Southpark werden die Organisationen PETA und Sea Shepherd aufs Korn genommen. In der Folge „Wähl oder Stirb“ (dt. Titel) bzw. Douche and turd (US-Titel), der 8. Folge der achten Staffel gelingt es der Tierschutzorganisation PETA, das Schulmaskottchen der South Park Grundschule („South Park Cow”) abzuschaffen. Also muss ein neues Maskottchen gewählt werden. Die Wahl zwischen „Kotstulle“ und „Rieseneinlauf“ überzeugt Stan wenig. Er weigert sich zu wählen und wird aufgrund seines nicht demokratischen Verhaltens aus der Stadt South Park verbannt. Auf den Rücken eines Pferdes gefesselt, begegnet er PETA-AktivistInnen und wird in deren Dorf mitgenommen, wo Menschen und Tiere „wahrhaft gleichberechtig“ zusammenleben, und daher auch heiraten. Schließlich erscheint Puff Daddy – Initiator der Wähl oder Stirb Kampagne – im Dorf, um Stan zum Wählen zu zwingen. Als ein PETA-Aktivist den pelztragenden Rapper mit Farbe überkippt, ist das Schicksal der Interspezies-Gemeinde besiegelt.
Bei der Folge Whale Whores (11. Folge der 13. Staffel ) ist bereits der Originaltitel eine Anspielung an die Reality-Serie der Sea Shepherd „Whale wars“. Der deutsche Titel „Der Sündenwal“ – ein Wortspiel, das auf den Plot der Folge anspielt – bringt dagegen nicht zum Ausdruck, dass ein Großteil der Folge als Parodie auf die Medienauftritte des Gründers Paul Watson und seiner Umweltschutz- Organisation zu verstehen ist.
Zu Beginn der Episode wird Stan Zeuge eines blutigen Massakers, das die Japaner_innen in einem Delfinarium anrichten. Überzeugt, dem Schlachten von Delfinen und Walen ein Ende setzen zu wollen, schließt er sich der Sea Shepherd an. Als das Leben des Kapitäns Watson durch eine japanische Harpune ein jähes Ende nimmt, wird Stan ihr neuer Anführer – und radikalisiert die Methoden der Organisation. Schließlich wird das Geheimnis gelöst, warum die Japaner_innen besessen vom Töten von Walen und Delfinen sind, und mit einer geschickten Lüge ihr Rachefeldzug auf neue Opfer umgelenkt: Kühe und Hühner. Die Amerikaner_innen freut es. Schließlich sind die Japaner_innen jetzt „normal“, genau wie sie selbst.

Mission geglückt, Wal tot

Die Moderatoren einer Walschau bringen in der Folge „Free Willzyx“ (13. Folge der neunten Staffel ) die South Park Jungs dazu zu glauben, dass der Wal mit Namen Willzyx sprechen kann, ursprünglich vom Mond stammt und dahin auch wieder zurück möchte. Stan, Kyle, Cartman und Kenny befreien den Wal und wollen ihn nach Mexiko bringen, um ihn von dort mit einer Rakete auf den Mond zu schießen. Als die Polizei sie einholt kommt die Tierbefreiungsfront (die nicht nur unvermummt auftritt, sondern auch mit T-shirts, Buttons, Käppis und sogar einem Kleinbus mit der Aufschrift A.L.F. ausgerüstet ist) und erschießt kurzerhand die Polizisten. Allerdings ist die ALF doch verwundert, als der Wal zum Schluss mit einer Rakete Richtung Mond fliegt (und seine Freiheit damit mit seinem jähen Tod endet).

Um eine direkte Aktion der abenteuerlichen Art geht es auch in der Folge „Vaginitis ohne Kalbfleisch“ (dt. Titel) bzw. „Fun with Veal“ (US-Titel), der 5. Folge der 6. Staffel.
Stan, Kyle, Cartman und Butters machen zusammen mit ihrer Klasse einen Ausflug auf eine Rinderfarm in South Park. Während der Anblick des Schlachtens an sich sie vergleichsweise unberührt lässt (von den Blutspritzern, mit denen sie übersäht werden mal abgesehen), lassen sie die großäugigen Kälber in der „Kalbfleischabteilung“ erschaudern. Rancher Bob erklärt, bei der Kalbfleischproduktion liege das Geheimnis darin, die Kälber anzuketten, damit sie nicht so viel Bewegung haben und auf diese Art und Weise das Muskelgewebe weich und das Fleisch zart blieben. Als sie erfahren, dass die Kälber am nächsten Tag geschlachtet werden sollen, starten die Jungs mit Cartmans Mission Impossible-Einbruchsset eine Tierbefreiungsaktion und verbarrikadieren sich mit den Kälbern in Stans Zimmer. Den schmerzenden Hunger hilft Cartmanns Mutter mit einem Freßpaket zu stillen. Nur Stan zeigt sich entsetzt darüber, dass die anderen genüsslich Schinken und Hühnchen in sich hineinstopfen und will Vegetarier werden. Die anderen prophezeien ihm, in einer beispielhaften Verbindung von Speziesismus und Sexismus, wer kein Fleisch esse, dem wachse eine Vagina.
Schließlich kommt es zu Verhandlungen mit dem FBI, in denen die Jungs erreichen, dass die Metzgerei-Innung den Begriff Kalbfleisch offiziell durch „gequältes Kuhbaby“ ersetzt. Schließlich bewahrheitet sich die Prophezeiung der anderen: Stans Gesundheitszustand verschlechtert sich rapide und ihm wachsen kleine Vaginas. Sein Fazit am Ende der Folge: Es ist falsch Kalbfleisch zu essen, weil die Tiere schlecht behandelt werden, aber wenn man kein Fleisch ist, wachsen einem Muschis.“

Auf die Produktionsumstände von Kalbfleisch wird auch in der Serie „Malcolm Mittendrin“ angespielt In der 6. Folge der 5. Staffel (“Malcoms Job“) nimmt Malcolms Bruder Reese einen Job im Schlachthof an und kann so umsonst Fleisch für seine Familie mit nach Hause bringen. Das Fleisch, das er mitgebracht hat, finden die restlichen Familienmitglieder besonders köstlich. Reese erklärt, es sei so lecker, weil es sich um Kalbfleisch handle und verweist zur Illustration auf seinen jüngsten Bruder: „Stellt euch vor, wir stecken Jaime in eine kleine Box, wo kein Tageslicht hineindringt. Er bewegt sich nicht, also werden seine Muskeln nicht sehnig. Er ist im Grunde blind und wird ausnahmslos mit Milch gefüttert. Genau deswegen schmeckt er so gut.“
Problematisch wird sein Job für Reese als er sich in der 18. Folge der 7. Staffel („Das tierische Gericht“) in Carrie verliebt. Die ist Vegetarierin – und so kann Reese ihr nicht sagen, dass er auf einem Schlachthof arbeitet. Kurze Zeit später erwischt sie Reese mit einem Schweinekotelett. Geplagt von seinem schlechten Gewissen träumt er davon, vor einem tierischen Gericht zu stehen: „Der Angeklagte wird in 63.428 Fällen des Mordes angeklagt”. Als ihm seine Mutter nach dem Aufwachen Speck anbietet schreit er, dass er unschuldig sei und rennt davon. Reese sieht nur eine Möglichkeit Carrie zurückzuerobern und sein Gewissen zu beruhigen: Er muss die Kühe aus dem Schlachthof befreien!
So manch beliebte Cartoon- oder Comedyserie ist, wie wir an diesen Beispielen sehen können, nicht frei von entlarvenden Witzen und kritischen Anspielungen. Davon, dass sich auch im Genre der Science-Fiction-Filme Anstöße zum Umdenken finden lassen, werden wir in einer der nächsten Ausgaben berichten.
Andre Gamerschlag und Andrea Heubach