Die Katze und der Poststrukturalist
Eine Kunstausstellung im Kreuzberger Bethanien versucht gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnisse kritisch zu hinterfragen
Seit dem Kunstleistungskurs in der Schule habe ich nicht sonderlich viele Ausstellungen besucht. Doch ein bisschen Kunst kann nicht schaden, denke ich. Erst recht, wenn es möglicherweise einen subversiven Ansatz zum Mensch-Tier-Verhältnis inklusive gibt. Zur Abwechslung geht es einmal nicht um Hitlers Schäferhund, sondern um Derridas Katze. So suggeriert zumindest der Titel der von Alice Goudsmit in Zusammenarbeit mit Barbara Buchmaier konzipierten Ausstellung „Derridas Katze... que donc je suis (à suivre)“, die es vom 30. Januar bis zum 7. März im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien zu sehen gab.
Der Titel verweist auf einen Essay des französischen Philosophen Jacques Derrida. Mit der gleichlautenden Veröffentlichung „Dass Tier, das ich folglich bin“ spielte Derrida wiederum auf Descartes‘ berühmte Schlussfolgerung „Ich denke, also bin ich“ (“Je pense, donc je suis”) an. Beide, das Buch des Poststrukturalisten Derrida und die Ausstellung, sind, wie ich feststellen muss, nicht gerade leichte Kost.
In den Ausstellungsräumen bleibt mein Blick zunächst an einem Glaskasten mit vergilbtem, eingerollten Zeitungspapier haften. Ich versuche zu lesen, was auf den Zeitungsausschnitten steht, den Zusammenhang zwischen den kleinen Papierröllchen zu enträtseln. Schlagartig wird mir klar, dass mensch in einer Kunstausstellung zunächst die Titel der Werke und eventuelle Beitexte lesen sollte. Bei den Papierskulpturen, die die schwedische Künstlerin Ingvild Hovland Kaldal in der Glasvitrine angeordnet hat, handelt es sich um Material, das der finnische Ethnologe Rafael Karsten in den 1920er Jahren verwendet hatte, um die Schnäbel in Südamerika gefangener Kolibris beim Transport nach Europa zu schützen. Das ist interessant zu wissen und irgendwie macht es mich betroffen.
Bei manchen Kunstwerken helfen mir jedoch auch die Titel nicht weiter, den Anschluss an das Mensch-Tier-Verhältnis zu finden. Die Asseln im Terrarium („Asselheim“) und die aufgespießten Schmetterlinge in der Glasvitrine neben einer identischen, jedoch nur mit dem Staub der Flügel gefüllten Vitrine („Until death do us part“) wollen sich mir nicht recht erschließen. In einer Ecke ruhe ich mich kurz auf einem Hocker aus und lausche einer Audio-Installation mit Vogelgezwitscher. Das ist angenehm beruhigend.
„The animal is a word, it is an appellation that men have instituted, a name they have given themselves the right and the authority to give to the living other.” (Derrida, The Animal That Therefore I Am)
In der Pressemitteilung der Kuratorinnen heißt es, die Ausstellung wolle anhand 24 künstlerischer Positionen und Projekte einen kritischen Blick auf den etablierten Narzissmus des Menschen und dessen begriffliche Wurzeln werfen. Der Mensch brauche und gebrauche Tiere als Nahrung, als Liebesspender und Arbeiter, er nutze sie als Projektionsfläche oder auch als Symbol seiner Überlegenheit. In Anlehnung an den Philosophen Derrida, der die begrifflichen Grundlagen des menschlichen Herrschaftsgedanken dekonstruiere und neu entwerfe, sei die Ausstellung als offene Materialsammlung konzipiert und dabei betont unvollständig gehalten.
Derrida lässt die Leser_innen in seinem Essay „L’animal que donc je suis“ an den Empfindungen und Gedanken teilhaben, die ihn ereilen, als er sich nackt in seinem Badezimmer - dem Blick der mit ihm lebenden Katze ausgeliefert fühlt. Daraufhin formuliert er grundlegende Betrachtungen zum Verhältnis des Menschen zu anderen Tieren.
Derrida stellt auch den Begriff des Tieres und damit den in unserer Gesellschaft so häufig mitgedachten Dualismus Mensch-Tier grundsätzlich in Frage. Der Tierbegriff, der die unterschiedlichen tierischen Spezies nicht zum Ausdruck bringt, wird für Derrida der tatsächlich existierenden Vielfalt nicht gerecht. Deshalb kreiert er einen neuen Begriff, das Wort „l’animot“. Derrida verwendet es anstelle des ursprünglichen „l’animal“, um mit dem Mittel der Sprache auf das verkürzende binäre Denkgeflecht aufmerksam zu machen, das sich in dem Singular „l’animal“ äußert. „L’animot“, das auf “mot” (französisch=Wort) endet, klingt gesprochen ebenso wie die Pluralform „(les) animeaux“. Derrida möchte die Vielzahl tierischen Lebens schon im Singular des Begriffes „Tier“ mitklingen lassen („I would like to have the plural animals heard in the singular.)”1
Wie Derrida hat auch das ausgestellte Werk der finnischen Künsterlin Tea Mäkipää den Blick des Anderen im Visier. Ihr 20-minütiges Video „Petteri My Life as a Reindeer“ bringt den Betrachter_innen das Leben aus der Perspektive eines Rentieres näher. Auf einem finnischen Ren, dem Mensch den Namen Petteri gegeben hat, wurde hierzu eine Video-Kamera befestigt, die seinem Blick auf seine täglichen Aktivitäten in Lappland und damit auch auf sein soziales Leben und seine persönlichen Bedürfnisse und Interessen sichtbar machen soll.
„How would Western cultures feel if Indian Hindus began huge public campaigns to re-educate us that it was unacceptable to eat cows as we offend those who consider cows sacred?“
In einem anderen Ausstellungsraum findet sich ein Computer, auf dem die Besucher_innen auf der Webseite „Eat Cats2“ stöbern können. Dort wird die Doppelmoral westlicher Kritik am Verzehren von Katzen ausführlich beleuchtet. So schildert der dort zu lesende Text unter anderem, wie wenig zimperlich in westlichen Ländern mit sogenannten Nutztieren wie Hühnern, Schweinen und Kälbern umgegangen wird. Zudem lese ich im Text die zugespitzte Frage, wie es wohl westliche Kulturen empfinden würden, würden indische Hindus großangelegte Kampagnen gegen das Essen von Kühen starten.
Viele Medien in der Ausstellung spiegeln nicht nur auf ihrer Bedeutungsebene gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnisse wieder, sondern sind zugleich aufgrund ihrer Kompositionen selbst Zeugnis für Mensch-Tier-Beziehungen. Tiere werden zu Instrumenten der Künstler_innen. Manche von ihnen lebendig, andere tot, verarbeitet oder am Stück und auf Film gebannt.
Auch wenn ich nicht verstehe, was mir Krebse in der Schreibtischschublade zu verstehen geben sollten, die ich in einem Video der Ausstellung sehen kann, oder was mir der Künstler mit den Asseln in einem Terrarium tatsächlich sagen will, so sagt die Tatsache, dass jemensch Gliederfüßler in einem Möbelstück oder in einem Terrarium als Kunst deklariert doch scheinbar viel über unsere Gesellschaft und unser (doch recht instrumentell geprägtes) Verhältnis zu anderen Tieren aus.
Tiere in lebendiger und verwursteter Form sind auch die Hauptzutat in Lisa Strömbecks Videotrilogie mit dem Titel „In Memory of All Those Who Work Without Ever Getting a Reward”. In den Videos, die es auf verschiedene Ausstellungsräume verteilt zu beäugen gibt, sieht mensch einen Hund nebst einer Menge Wurst. Der Hund gibt dem offensichtlichen Wunsch, die Wurst zu essen nicht nach, sondern blickt Richtung Kamera, hinter dem die/der Betrachter_in ein „Frauchen“ oder „Herrchen“ vermutet. So zumindest deute ich die auf Video festgehaltene Situation. Die Dressur hat den Hund offenbar gefügig gemacht, so dass er dem Impuls die Wurst zu essen widersteht. Durch seinen Gehorsam verwehrt sich der Hund scheinbar selbst die Belohnung, die ironischerweise auf einer Großen Schüssel vor ihm angerichtet oder auf seinen Pfoten oder seiner Schnauze platziert ist. Hier scheinen „das Tier“ und sein Verhalten eher metaphorischen Charakter zu haben und dazu zu dienen Verhältnisse innerhalb der menschlichen Gesellschaft zu verkörpern. Allerdings könnten die nichtmenschlichen Tiere hier ebenso gemeint sein, schließlich wird deren „Arbeit“ auch nicht entlohnt. Auch wenn mir der Anblick der Wurst auf dem Teller etwas zuwider ist, bleibe ich eine Weile wie gefesselt vor dem unterwürfigen Blick des Hundes stehen.
Bevor ich schließlich etwas ernüchtert über meine Fähigkeiten die gezeigte Kunst zu rezipieren die Ausstellung verlasse, nehme ich mir das Gästebuch vor. Neben viel positiver Resonanz in verschiedenen Sprachen, hat dort tatsächlich ein Mensch hineingeschrieben, die Ausstellung sei ein Beispiel für entartete Kunst und so etwas sei früher verboten worden. Für einen kurzen Moment muss ich nun doch wieder an Hitlers Schäferhund denken.
Andrea Heubach
1 Jacques Derrida: The Animal That Therefore I Am. New York 2008. S. 47.
2 http://www.messybeast.com/eat-cats.htm