Hanna Poddig ist durch ihr im Rotbuch Verlag erschienenes Buch und dem darauf einsetzenden Medieninteresse in Rundfunk und Fernsehen als engagierte Vollzeitaktivistin bekannt geworden. Die Hauptschwerpunkte ihrer Arbeit als Aktivistin führten sie in die Bereiche des Antimilitarismus, des Einsatzes gegen Gentechnik, Atomenergie und Atomindustrie. Sie lebt autonom, unabhängig und selbstbestimmt und finanziert sich unter anderem durch Workshops und Vorträge, in denen sie ihre für ihr Alter sehr beeindruckenden Erfahrungen über Aktionsformen und möglichkeiten sowie Wissen über Rechte von AktivistenInnen und Gesetzesfragen vermittelt.
Während des Klimafestivals vom 17. bis zum 21. Mai 2010 an der TU Dresden interiewten zwei Menschen der Tierrechtsgruppe Dresden Hanna.
Die „Quoten-Dagegen-Frau“
„Klein, blond, weiblich und dagegen“ so wird Hanna Poddig in den Medien vermarktet. Im Interview spricht die 25-jährige Berlinerin über Containern, Aktivismus und ihr Buch „Radikal Mutig“.
Wie konnten wir dich überzeugen nach Dresden zur Klimawoche zu kommen?
Hanna: Das ist eine gute Frage und vielleicht antworte ich einmal anders herum. Ich war schon bei einigen Talkshows eingeladen und hatte immer das Gefühl, dass diese wenig bringen. Es ist zwar so, dass ein paar Tausend bis ein paar Millionen Menschen diese Sendungen sehen, aber ich das Gefühl habe, dass der reale Effekt gleich Null ist. Es hat sich zwar nach einer Talkshow jemand bei mir gemeldet, der dann ein Schulpraktikum bei mir gemacht hat, was ich total super fand, aber ansonsten gab es kaum messbare Erfolge. Meine Schlussfolgerung war, dass ich lieber in verschiedene Städte fahre, um auf Menschen zu treffen, die auch wirklich wollen, dass ich komme und auch etwas lernen wollen.
Was oder wer hat dich inspiriert so zu leben?
Es gibt kein Schlüsselereignis, das mich zu dem gemacht hat, wie ich jetzt bin, sondern es ist eher so, dass ich hinein gewachsen bin. Ich habe Dinge immer mehr hinterfragt, die ich vorher normal fand. Irgendwann bin ich vegetarisch geworden, weil mir die Tiere leid taten. Irgendwann bin ich vegan geworden, weil es die logische Konsequenz ist, wenn man weiter denkt. Ich wurde früh geprägt, da schon meine Eltern mich auf Demonstrationen und Protestaktionen mitgenommen haben. Sie waren zwar lange nicht so aktivistisch wie ich jetzt, aber sie haben meine Grundsteine gelegt.
Es hat sich alles nach und nach ergeben und es fühlte sich immer alles richtig an. Ich habe mein Abitur fertig gemacht, weil ich mich da solange durch gequält habe. Danach habe ich ein FÖJ (Freiwillig ökologisches Jahr) bei Robin Wood in Hamburg gemacht, wo ich viel über Aktionen und Kampagnenplanung gelernt habe. Dabei wuchs in mir das Vertrauen, dass ich keine Sicherheiten, wie einen festen Job etc. brauche.
Wie sieht dein Alltag aus?
Ich habe keinen. Meistens verbringe ich 1-2 Stunden vorm Computer, um Mails zu schreiben und zu bearbeiten, Graphiken und Flugblätter zu erstellen und Pressemitteilungen zu schreiben, Fotos zu verwalten etc. Ansonsten gibt es wenig fixe Dinge, die jeden Tag identisch sind. Es hängt auch ganz viel davon ab, was mich gerade so beschäftigt. Ich gönne mir manchmal ein paar Tage Ruhe, dann gibt es wieder Tage, wo ich auf besetzten Genfeldern bin oder bei Projekten mithelfe, wie zum Beispiel ein Dach decke, einen Dachstuhl renoviere oder im Garten Beete anlege. Es kommt aber auch vor, dass ich wieder einmal die Bundeswehr so doof finde, dass ich mich entschließe, 10 Tage in Form einer Dauermahnwache vor einer Kaserne zu zelten.
Und wie erfährst du von solchen Aktionen bzw. organisierst du sie auch selbst?
Ich organisiere manches auch selber, aber größtenteils sind wir mehrere Leute. Denn in der Tat handelt es sich um ein falsches Bild der Einzelkämpferin. Ich fühle mich manchmal, wenn ich von einem Interview zum nächsten fahre, schon ziemlich allein und darauf habe ich gar keine Lust. Ich möchte mit Menschen zusammen aktiv sein. Wir spinnen gemeinsame Aktionsideen, sprechen uns ab, teilweise mit verschlüsselten Mails, und setzen es dann um.
Du machst ja auch Aktionen mit nicht vegan lebenden Menschen. Gibt es da Reibungspunkte?
Ich glaube, dass dogmatisches Diskutieren die Menschen abschreckt und denke, dass es am sinnvollsten ist, es vorzuleben. Ich bin selbst nicht vegan geworden, weil mir ständig gesagt wurde, dass ich doch so leben solle. In meinem Umfeld lebten vegane Menschen und ich habe irgendwann beschlossen, dass es sehr sinnvoll ist, auch so zu leben.
Ich streite mich nur dann mit den Leuten, wenn es überhaupt nichts Veganes gibt. Das ist zum Glück in letzter Zeit zurück gegangen und es wird immer mehr bei den verschiedenen Veranstaltungen angeboten. Es ist zwar eine relativ zähe Entwicklung, aber es ist eine Entwicklung. Ich denke, dass Veganismus z.B. in der radikalen Antiatombewegung ein ganzes Stück angekommen ist.
Wie lange lebst du schon vegan?
Seit fast vier Jahren.
Wie siehst du das Mensch-Tier-Verhältnis in unserer Gesellschaft?
Gruselig. Der konstruierte Dualismus ist total furchtbar. Ich weiß jedoch nicht, ob die rein theoretische Auseinandersetzung die Menschen erreicht. Mein Eindruck ist eher, dass die meisten Menschen durch die Argumentation mit dem individuellen Leid erreicht werden. Ich persönlich will keine Produkte konsumieren, die auf der Ausbeutung irgendwelcher Individuen basieren, sei es Milch oder nicht fair gehandelter Kaffee. Das ist für mich dieselbe Argumentation. Ich beschreibe dann immer, was das für Folgen hätte, wenn ich diese Produkte doch kaufen würde und versuche über diese Argumentation Leute zu erreichen. Ich denke, dass ich so eher erreiche, dass Menschen über das eigene Konsumverhalten nachdenken.
Also suchst du die direkte Konfrontation des Menschen auf der Straße?
Ja und überall. Sich vegan zu ernähren ist ja quasi schon eine Daueraktion. Im Gegensatz zu AtomkraftgegnerInnen, die einmal im Jahr ins Wendland fahren, um sich auf die Straße zu setzen, ist vegan sein immer wieder ein Alltagskampf. Es ist zwar heutzutage möglich, in fast jedem Discounter Sojamilch zu bekommen, aber trotzdem musst du dich ständig erklären und rechtfertigen. Und heutzutage gibt es immer noch Jugendherbergen, die mit Veganismus nichts anfangen können. Im Rahmen der Talkshows, geht es auch oft darum: „Ja, ich möchte mit der Maske reden. Ich möchte vegane Schminke. Nein, vegane Schminke bedeutet nicht bloß Bio, sondern vegan“. Oder: „Nein, ich möchte nicht, dass Sie mir die Fahrkarte vorher zuschicken, die kaufe ich mir selbst. Nein, es muss nicht ein 5 Sterne Hotel sein. Ach so, das machen Sie immer. Na dann meinetwegen, wenn es nicht anders geht.“
Bezeichnest du dich als Kommunistin, Antikapitalistin oder Anarchistin oder möchtest du mit solchen Schubladen nicht arbeiten?
Also, als Kommunistin auf jeden Fall nicht. Als Anarchistin würde ich mich am ehesten bezeichnen, wenn ich das denn muss. Ich mag es nicht, mit solchen Begriffen zu arbeiten, weil ich dann erst einmal zehn Minuten erklären müsste, was ich mit diesem Begriff nicht meine. Ich finde es viel besser, auf die Frage nach Utopien mit dem Konzept von freien Menschen in freien Kooperationen zu antworten, als mit dem Begriff Anarchie. Ich denke, dass die meisten Menschen mit dem Wort Anarchie brennende Straßen und ausgeraubte Supermärkte verbinden. Was ich beides grundsätzlich nicht falsch finde, wenn es als strategisches Mittel verwendet wird und nicht aus Prinzip. Aber es ist dann für mich schwierig, diesen Begriff mit Inhalten zu füllen.
Wie reagierst du auf Repression bzw. wie gehst du damit um?
Ich denke, dass Repression einschüchternd wirken soll bzw. Strukturen zerstören soll. Es gibt da zwei Möglichkeiten. Zum Einen, dass Strukturen solange eingeschüchtert werden, bis Leute gar nichts mehr machen und zum Anderen, Strukturen zu zwingen, im Verborgenen zu arbeiten und dadurch Anschlussmöglichkeiten für neue Interessierte zu erschweren, also Bewegungen auszuhungern. Da es schwierig ist, Leute zu begeistern, wenn sie sich mit falschen Namen in abgeschlossenen Hinterzimmern treffen.
Aus diesen Gründen versuche ich, diesem entgegen zu wirken, indem ich möglichst offensiv damit umgehe. Ich versuche, wenn ich selbst durch Repression betroffen bin, immer darüber zu reden, wie Mechanismen und Ermittlungsbehörden funktionieren, wie Polizei agiert, wie Gerichte agieren und versuche die Verhältnismäßigkeit der jeweiligen Maßnahme öffentlich zu diskutieren. In meinem letzten Strafprozess waren UnterstützerInnen mit Konfetti und Luftschlangen im Gerichtssaal und der Richter war so überfordert, dass er bewaffnete Polizei angeordnet hat. Wir haben uns dann gefragt, wie Schusswaffen gegen Luftballons helfen? Ich habe dann einen Befangenheitsantrag gestellt, weil ich diese Situation überhaupt nicht angebracht fand und daraufhin war der Prozess erst einmal zu Ende. Also, allein die Auseinandersetzung und ein bisschen Konfetti und Luftballons haben diesen Prozesstag gesprengt.
Ich denke, dass dieses Gesamtkonzept, möglichst viel Tara um solche Auseinandersetzungen zu machen, zum Erfolg führen kann. Ich will es den Gerichten möglichst vermiesen, mich schnell und einfach zu verurteilen. Ich kann es nicht unterbinden, da sie dazu da sind um mich zu verurteilen. Ich finde den Staat scheiße und dann brauche ich mich nicht zu wundern, wenn ich mit ihm in Konflikt gerate. Ich hoffe auch nicht auf einen Freispruch oder Gerechtigkeit oder so etwas. Ich finde es wichtig, einfach immer zu nerven. Mit Transparenten vor der Eingangstür, einem Graffiti am Gerichtsgebäude, Leuten im Gerichtssaal oder auf der Straße, die mit Kreide malen oder mit dem Staatsanwalt Theater spielen. Das sind alles so Beispiele, die für das Gericht sehr anstrengend und nervig sind.
Du lässt dich also durch Repression nicht einschüchtern bzw. siehst du es sogar als Motivation weiter politisch aktiv zu sein?
Ich würde immer sagen, der Gerichtsprozess gehört zur Aktion dazu. Natürlich nicht zwingend, es gibt auch Aktionen ohne Prozess, aber wenn es dazu kommt, begreife ich die juristischen Folgen als einen Teil der Aktion. Ich kann zwar in dieser Zeit keine anderen Aktionen machen. Aber wenn ich dann eingeladen werde, folgt die Aktion vor deren Haustür.
Ich hoffe, dass mein Umgang mit Repression mindestens dazu führt, dass anderen Leuten die Angst davor genommen wird. Repressionen sollen ja abschrecken, damit andere Personen es nicht machen. Ich glaube, die Gerichte werden früher oder später schon verstehen, dass es einige Menschen gibt, bei denen eine Verurteilung nichts bringen wird, da sie trotzdem immer weiter machen. Deshalb will ich vorleben, dass die Welt nicht gleich untergeht bei einer Verurteilung und dass diese Menschen auch nicht alleine sind. Also ganz klassisch: Solidarität ist bei Repression das aller Wichtigste. Da geht es nicht unbedingt um Solipartys und Geldbeträge, sondern viel mehr darum, bei den Betroffenen zu sein, über Ängste zu sprechen. Es gibt auch einige, die dann richtige Zukunftsängste haben und es ist wichtig ein offenes Ohr zu haben und Ängste zu entkräften.
Neben den Verurteilungen gibt es ja auch sehr oft Polizeiübergriffe. Wie gehst du mit Polizeigewalt um?
Ich bin keine klassische Schwarzer-Block-Läuferin. Ich finde die meisten Demos eher sinnfrei und demonstrieren auch keine gute Aktionsform. Deswegen bin ich selten in solchen Massenaktionen, wo die Polizei einfach nur blind draufkloppt. Ich denke, dass kreativer Widerstand, wie ich ihn mache, eher weniger Angriffsfläche für richtig austickende Polizisten bietet. Aber natürlich gibt es das trotzdem. Ich habe zwar selbst noch nie richtig fiese Verletzungen davon getragen, aber blaue Flecken und verdrehte Handgelenke hatte ich auch schon. Ich denke, es ist wichtig, dass jedeR versucht mit solchen Situationen so gut wie möglich umzugehen, dass Aktionsgruppen Gewalterlebnisse und mögliche Traumatisierungen thematisieren, dass persönliche Grenzen besprochen und repektiert werden.
Du bist dieses Jahr wieder auf dem Tierbefreiungskongress auf Burg Lohra, obwohl die Tierrechts/ Tierbefreiungsbewegung nicht zu deinem Hauptaktionsfeld zählt. Warum?
Es ist in der Tat schwierig, wenn bestehende Strukturen sehr eingefahren agieren und es kaum schaffen, die eigene Normalität zu hinterfragen- dann besteht die Gefahr von Lähmung und Stillstand. Aber genau deshalb ist es gut, wenn ein paar andere Personen mit dabei sind.
Ich fahre auf Burg Lohra aus eigenem Antrieb, weil ich mit diesem Thema auch immer wieder mal zu tun habe. Dieses Jahr bin ich allerdings von Nandu gefragt worden, die die Idee hatten, ein paar Basisworkshops zu anderen Themen anzubieten und mich fragten, ob ich Lust hätte, einen Antiatomworkshop für TierbefreierInnen anzubieten.
Ich habe mich 2008 vor einen Bundeswehrtransportzug gekettet und der Bereich Antimilitarismus kannte das Anketten an Schienen als Aktionsform vorher nicht, weil die Transporte nicht angegriffen wurden. Das war schlicht und einfach etwas, was man mit copy & paste aus dem Antiatombereich übertragen konnte. So etwas kann ja in der Tierbefreiungsbewegung auch funktionieren. Ich finde es sinnvoll, Erfahrungen aus anderen Bereichen zu übertragen, damit sich daraus eine neue Aktionsform entwickeln kann.
Hast du Zukunftsutopien bzw. was wünschst du dir, was sich (ver)ändern sollte?
Das ist eine sehr große Frage und ich versuche das mal knapp zusammenzufassen. Ich wünsche mir eine Welt, die herrschaftsfrei funktioniert. Die auf Kooperation basiert und nicht auf Macht. Herrschaft ist für mich, wenn Personen oder Individuen - passt ja auch auf den Bereich der Tierausbeutung - nicht gleichberechtigt aushandeln kann, welche Bedürfnisse und Möglichkeiten es hat. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, wo sich Menschen aufeinander einlassen und Kooperationen aufkündigen, wenn sie kein Interesse mehr aneinander haben. Wo es keine andere Instanz gibt, die das regelt, außer die gleichberechtigten Individuen im Umgang miteinander. Das würde auch eine Menge Zwangskollektive auf den Müllhaufen der Geschichte werfen. Es gäbe dann keine Staaten, keine Regierung, keine Polizei, keine Justiz mehr. Ich will auch gar nicht ein so genaues Bild davon malen. Ich wünsche mir eine Welt, wo mehrere Welten Platz haben, Menschen die im Wald leben und welche, die ein Computercenter eröffnen. Wo ich mich dann wiederfinde entscheide ich, denn ich würde das beides nicht gegeneinander diskutieren wollen. Ich würde mich freuen, wenn es viele verschiedene Lebensentwürfe gibt, solange sie sich nicht gegenseitig blockieren, ausschließen oder angreifen.
Lass uns noch über dein Buch sprechen. Wie kam es dazu?
Ich war mit dem WDR Containern und es gab eine Dokumentation darüber. Ein Verleger hat diese Sendung gesehen und darauf hin hat der Rotbuch Verlag Kontakt zu mir aufgenommen. Ich wurde gefragt, ob ich Lust hätte ein Buch übers Containern zu schreiben. Darauf antwortete ich: „Nein, das ist ja total langweilig. Containern ist nur: zur Mülltonne laufen, Deckel aufmachen, Essen heraus nehmen, Deckel zuklappen, nach Hause gehen, Essen waschen, Essen kochen. Fertig! Buch fertig!“ Klar gäbe es da noch mehr zu schreiben, wie Lebensmittelvernichtung und Überproduktion, aber so ein Sachbuch ist einfach nichts für mich. Als ich dann von mir erzählte, war der Mensch vom Verlag ganz begeistert und fragte, ob ich nicht darüber ein Buch schreiben könnte. Ich habe eine zeitlang mit mir gerungen und darüber nachgedacht, weil Rotbuch Verlag ist weder ein kleiner linker noch ein alternativer Verlag, sondern ein schon ziemlich professioneller, normaler Buchverlag. Klar mache ich da ein paar kleine Abstriche. Ich wollte, dass das Buch auf Recyclingpapier gedruckt wird, es ist aber nur auf FSC zertifiziertem Papier gedruckt. Oder wenn es nach mir gegangen wäre, wäre auch kein Foto von mir auf dem Cover, sondern ein Bild von einer Aktion. Aber das vermarktet sich nicht! Für mich war die Überlegung, mache ich das trotzdem und nehme die Chance wahr, über meine soziale Suppenschüssel hinaus zu gucken und andere Leute zu erreichen. Ich habe mich letztendlich zwar dafür entschieden, muss aber auch immer wieder Kompromisse eingehen. Mit welchen Zeitungen kooperiere ich, mit welchen nicht? Auf welche Interviews lasse ich mich überhaupt ein? Arbeite ich grundsätzlich nicht mit der Springer Presse oder nur mit der Bild nicht zusammen, wo ziehe ich denn selbst die Grenze? Und was ist denn an einer Neon besser als an einer Bild?
Lohnt sich der politische Aufwand? Es sind immer wieder schwierige Entscheidungen zu treffen.
Hättest du erwartet, dass dein Buch so erfolgreich wird?
Ich hätte es nicht erwartet, aber der Verlag hat es prognostiziert. Als der Verlag meinte, das Buch zum Spitzentitel machen zu wollen, habe ich auch gestaunt. Ich ließ es auf mich zukommen, da ich nichts zu verlieren hatte. Eine zeitlang war auch völlig unklar, ob es Einladungen zu Talkshows gibt. Es gab Vorgespräche, aber sonst nichts und dann kam plötzlich alles auf einmal. Es gab einen Artikel in der Süddeutschen, danach die erste Talkshow bei 3 nach 9 und danach kamen fünf weitere Talkshowanfragen. Wenn die Medien einen Menschen entdeckt haben, dann wollen ihn auf einmal alle und das bestätigt mein Bild, wie Medien funktionieren. Sie greifen Dinge auf, die sich besonders gut vermarkten und verkaufen lassen und hier passte das Produkt, „klein, blond, weiblich und dagegen“ super rein. Ich bin so die „Quoten-Dagegen-Frau“, was natürlich auch immer ein Argument dagegen ist, überhaupt teilzunehmen. Aber wenn sich danach jemand bei mir für ein Praktikum bewirbt, ist das für mich ein kleiner Erfolg. Wie sonst erreiche ich Sechzehnjährige, die bei mir ein Schulpraktikum machen wollen?
Wie gehst du mit den Einnahmen um, die du durch dein Buch bekommst?
Zur Zeit verwende ich das Geld, was ich für Veranstaltungen bekomme für Projekte in meinem direkten Umfeld. Das Honorar fließt tatsächlich komplett in Vereine, Projekte und Initiativen. Für mich ist es schon eine ganze Menge Geld. Aber eine komplette Solaranlage, die wir auf ein Projekt installiert haben, hätte ich davon nicht finanzieren können.
Und noch eine letzte Frage: zunehmender Fleischkonsum, steigende Tierversuchszahlen sowie die Anzahl an Menschen, die an Folge von Unterernährung sterben, das größer werdende Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich. Wie gehst du damit um, um nicht depressiv zu werden?
Je mehr Dinge ich in meiner Umgebung sehe, desto mehr Aktionsmöglichkeiten sehe ich. Wenn ich durch die Welt laufe und den ganzen Scheiß an jeder Ecke sehe, versuche ich das gleich als Aktionsmöglichkeit umzudrehen. Wenn ich eine Werbung bekloppt finde und gerade Kreide dabei habe, kann ich auf den Fußweg schreiben. Oder habe ich gerade eine Luftschlange dabei, kann ich die dem Securitymann um den Hals wickeln, der gerade eine rassistische Kontrolle durchführt? In meinen Augen hilft gegen Ohnmacht, den Alltag als Aktionsplattform zu begreifen. Meine Logik ist immer, dass ich den Kampf richtig finde, auch wenn er vielleicht schon verloren ist. Auch wenn ich es nicht schaffen kann, ist es dennoch wichtig es versucht zu haben. Auch wenn es nur aus Egoismus ist. Auch wenn es nur dafür ist, weil ich ein besseres Leben haben will. Weil ich es wenigstens versucht haben will, für etwas anderes zu kämpfen. Ich will abends nicht mit dem Gefühl ins Bett gehen, ich habe mich den ganzen Tag regieren lassen. Ich hätte den ganzen Scheiß einfach mitgespielt, das wäre für mein persönliches Wohlgefühl ganz schön zum Kotzen. Das verhindere ich dadurch, dass ich aktiv bin.