Rezension
Mark Rowlands: Der Philosoph und der Wolf:
Was ein wildes Tier uns lehrt
Der Mensch zwischen Affe und Wolf
Was für ein Mensch bist du, scheint der Philosophie-Professor Mark Rowlands in seinem autobiographischen Buch zu fragen. Bist du eher vom Typ Affe oder vom Typ Wolf? Welches Wesen bist du in deinen höchsten Momenten? Das Buch ist auch ein anthropologisches, das vom Menschen und seinem Wesen handelt.
Das mitnehmende Buch hat mehrere Gesichter. Zum einen ist es ganz klar (biografisch?) dem Wolf Brenin gewidmet, mit dem der Autor zusammenlebte und den er nicht als Eigentum ansah, sondern mal als jüngeren Bruder, der in der einem Wolf wesensfremden Zivilisation einen Vormund brauchte, und mal als älteren Bruder mit Vorbildfunktion. Der Autor selbst (ein umworbener Professor, der Brenin zu seinen Lehrstellen nach Irland, England, Südfrankreich und in die USA mitnahm) bliebe als „unbedeutender Statist“ (S.20) eher im Hintergrund. Im Rahmen der (Auto-)Biografie stehen die Lehren zentral, die der Autor durch das Zusammenleben mit dem Wolf zog. Zu den philosophischen Gedanken, die vereinzelt auch etwas Tiefgang abverlangen, zählen neben anderen solche zum Geist und den Rechten von Tieren, zum naturgeschichtlichen Wesen des Menschen, zum Bösen, sowie zum Wesentlichen und Sinn des Lebens.
Erweiterter Hundegeist
Rowlands ist in der Philosophie vor allem für seinen Externalismus bekannt: Problemlösende geistige Prozesse finden nicht nur intern (im Gehirn) statt, sondern Lebewesen nutzen systematisch auch die Umwelt als „erweiterten Geist“. Das Denken findet auch verkörperlicht und im Austausch zwischen Körper und Umwelt statt. Informationen und Denkkraft werden auch außerhalb des eigenen Gehirns gelagert, erkannt und genutzt. Bezogen auf Hunde meint er: „Hunden erscheinen wir als nützliche Informationsverarbeitungsgeräte. Wir Menschen sind ein Teil des erweiterten Hundegeistes“ (S.44). In Der Philosoph und der Wolf geht der Autor an wenigen Stellen auf seine bisherigen Veröffentlichungen ein, dann allerdings leicht verständlich und überwiegend themenbezogen. Den Geist von Hunden und Wölfen unterscheidet er darin, dass Wölfe eher eine „mechanische Welt“ und Hunde eher eine „magische Welt“ hätten. Wölfe seien besser in Problemlösen, Hunde besser in Trainingsaufgaben (S.41f). Diese Entwicklung liegt an den unterschiedlichen Erfordernissen ihrer jeweiligen normalen Umwelt.
Der Existentialist Jean-Paul Sartre meinte, die Existenz eines Menschen gehe seinem Wesen voraus. Der Mensch im Gegensatz zu Tieren sei zur Freiheit verurteilt. Rowlands hingegen meint, dass auch nicht-menschliche Tiere sich den Erfordernissen verschiedener Umwelten anpassen könnten und zum Bestehen findig sein müssten. Entsprechend dürften sie nicht auf ihr Wesen reduziert werden. Angesichts eines Beispieles spricht er provokativ vom „Sein des Fuchses“ (S.54). Füchse und Wölfe seien nicht „bloß biologische Marionetten, die an den Fäden ihrer Geschichte hängen“. Sie hätten zwar eine durch ihr Naturwesen eingeengte Existenz, die jedoch nicht fixiert oder festgelegt sei.
Zu der in der theoretischen Philosophie heiß diskutierten Frage, ob Tiere denken könnten, entgegnet Rowlands: „Ich halte es für eine äußerst amüsante Ironie, dass manche Philosophen immer noch über die Frage nachsinnen, ob Tiere einen Verstand haben ob sie denken, glauben, schlussfolgern oder auch nur fühlen können“ (S.46). Amüsant möglicherweise, weil er sich in diesen Philosophen auch den Affen vorstellt, wenn sie den Anthropozentrismus qualifizieren: „Zuerst identifiziert der Affe, welches der unterscheidbaren Elemente am ehesten für ihn gilt oder am natürlichsten auf ihn anwendbar ist. Dann behauptet er, dieses Element sei dem anderen überlegen“ (S.233f). Die Geschichten, „die wir über uns erzählen […], weshalb wir einzigartig sind“, sind „von Affen erzählte Geschichten. Sie haben eine Struktur, ein Thema und einen Inhalt, die erkennbar äffisch sind“ (S.16).
Von Affen und Wölfen
„Was es bedeutet, ein Mensch zu sein, lernte ich von einem Wolf“, bekennt Rowlands (S.58), der glaubt, „dass jeder von uns überwiegend die Seele eines Affen besitzt“ (S.15). Der Wolf (ein „vergessener Bereich unserer Seele“, S.161) lehrt uns, „dass die Werte des Affen grob und wertlos sind“ (S.18). Der Affe steht für die Werte, Nützlichkeiten, Wahrscheinlichkeiten abschätzende instrumentelle Vernunft. Sein egoistisches und egozentrisches Prinzip lautet, die Welt als Ansammlung von Ressourcen zu betrachten, „die für die eigenen Zwecke einzusetzen sind“ (S.16f). Manipulation, Ausbeutung, Betrug, Lügen, Bündnisse und Intrigen sind die Begriffe, die Rowlands mit dem äffischen Wesen in uns verbindet. Entsprechende Eigenschaften, die „machiavellistische Intelligenz“, haben wir naturgeschichtlich als soziale Wesen entwickelt, um sozial bestehen zu können. Das, was den Menschen von anderen Tieren unterscheidet die anthropologische Differenz ist die (soziale) Intelligenz, die durch „Verschwörung und Heuchelei“ unserer Vorfahren entstand, und wozu auch wir noch einen natürlichen Hang haben: „Im Kern unserer überlegenen Intelligenz verbergen sich üble Machenschaften und Verlogenheit“ (S.81). Wölfe hingegen seien ungeeignet für die Zivilisation weil sie nicht belügen könnten und zu ungefährlich seien.
Das Böse
„Die böswillige Absicht durchzieht so viele äffische Interaktionen, dass sie als vorherrschender menschlicher Charakter erscheinen muss“ (S.96). Wobei das Böse alltäglich, abgedroschen und banal sei. Als „das grundlegende Versagen unserer Gattung“ sieht Rowlands an, dass wir Dinge schwächen, um sie uns nutzbar machen zu können (S.125).
Rowlands vergleicht Tierversuche mit Kindesmissbrauch. Beide sind „Ergebnis eines Versagens der Täter“ (S.119). Der Philosophin Hannah Arendt folgend sieht Rowlands das Böse nicht nur in der vorsätzlichen Niedertracht, sondern auch in den schlimmen Dingen, die ohne böse Motivation verursacht werden (S.113f). Der Philosoph leitet daher zwei Verpflichtungen ab: Neben einer grundlegenden moralischen Verpflichtung gegen Hilflose auch eine „epistemische Pflicht“, das heißt die Verpflichtung, „unsere Überzeugungen einer angemessenen kritischen Prüfung zu unterziehen“ (S.119). Anders als Arendt sieht Rowlands das Problem jedoch nicht in der Unfähigkeit der Menschen, den beiden Verpflichtungen nachzukommen, sondern in deren Unwillen: „Unseren moralischen Status von uns zu weisen, unsere eigene Verantwortung bei der Erzeugung des Bösen zu entschuldigen das ist der deutlichste Ausdruck der Erschaffung des Bösen, die denkbar klarste Ausdrucksform der Schwäche, die wir beharrlich in unserer eigenen Seele aufgebaut haben“ (S.127). Und auch Rowlands ist nicht frei von dieser Schwäche. Eine Zeit lang lebte er als Veganer „und sollte, moralisch gesprochen, immer noch einer sein“ (S.156). Die vegane Lebensform bezeichnet er als „die einzig konsequente moralische Haltung Tieren gegenüber“.
Vertragstheoretisch begründete Tierrechte
Rowlands hat interessante Aufsätze und Bücher zu Tierrechten geschrieben. Er erweiterte eine seit den 70er Jahren sehr breit diskutierte vertrags- beziehungsweise gerechtigkeitstheoretische Position, indem er die nicht-menschliche Tierwelt mitberücksichtigt1. Zur Vorstellung, dass empfindungsfähige Tiere Rechte hätten, kam er durch das Zusammenleben mit Brenin. In Der Philosoph und der Wolf geht Rowlands zwar auf die in seinen Büchern erweiterte Vertragstheorie ein, doch er gibt auch bekannt, sich mittlerweile von ihr verabschiedet zu haben, weil ein Vertrag an sich nur bei ungefährer Machtgleichheit zustande kommen kann und zum Betrug einlädt. Ein Gesellschaftsvertrag selbst zivilisiere nicht. „Man kann die wirklichen Nachteile des Vertrags nicht beseitigen, indem man einfach versucht, ihn fairer zu gestalten“ (S.158). Ein Vertrag bestehe darin, ein „kalkuliertes Opfer für einen erwarteten Gewinn“ abzuwägen. „Berechnung macht den Kern des Vertrags und das Herz des Affen in uns aus. Der Vertrag ist eine Erfindung von Affen für Affen“ (S.161). Wölfisch wäre anstelle der Kalkulation und des Gerechtigkeitsdenkens die Loyalität. Beziehungen würden von Wölfen nicht „nach Gewinn und Verlust beurteilt“ (S.161). Wer weiß, vielleicht wird sein nächstes Tierrechtsbuch tugendethischen Charakter tragen. Dennoch: Sein vertragstheoretischer Tierrechtsansatz bleibt davon unangetastet interessant und wertvoll.
An Tierrechtsargumenten und -positionen hält Rowlands weiterhin fest. So erklärt er, warum die Wertigkeit eines empfindungsfähigen Wesens von seinen Fähigkeiten unabhängig sei. Die (menschliche) Vernunftfähigkeit hat als Geschicklichkeit nicht mehr Bedeutung und Wert als die Geschicklichkeiten anderer Arten. Den wertenden Begriff „besser“ sieht er nicht als objektiv bedingt, sondern als relativ an. Wölfe hätten eine andere Lebenswelt als Menschen, andere Dinge wären für sie wichtig.
Der Sinn des Lebens
Dies gilt auch für die Zeitlichkeit des Menschen, also seiner Fähigkeit, sich selbst als Wesen in der Zeit zu erkennen und zu verstehen. Wir Menschen seien zugleich Geschöpfe der Zeit und des Augenblicks, unsere Erfahrung des Jetzt sei gespickt mit Erinnerungen und Erwartungen, und unser Lebensvollzug würde einer „Abwicklung von Verlust“ gleichen (S.247). Rowlands empfiehlt, sich die Zeit statt als Linie als Kreis vorzustellen. Wir sollten den Sinn des Lebens im Moment sehen und wissen, anstatt ihn in die Zukunft zu verlagern. Auf den Moment sei der Mensch als zeitliches Wesen jedoch nicht ausgerichtet. Der Pfeil der Zeit schwirre an uns vorbei. Der Moment ist „etwas, durch das wir hindurchgreifen“ (S.267), er „entkommt uns immer wieder“, es gibt „für uns kein Jetzt“, das vollständig und unverfälscht wäre (S.240f). Genau darin sieht Rowlands aber den Sinn des Lebens. Was zähle, sei der Moment, der in sich vollständig sei und für seine Bedeutung oder zu seiner Rechtfertigung keiner weiteren Momente bedürfe.
Rowlands bekennt, manche „hässlichen äffischen Vorurteile“ (S.235) noch 2002 in seinem Tierrechtsbuch Animals Like Us geteilt zu haben. Mittlerweile gehe er nicht mehr davon aus, dass der Tod „etwas Schlimmes“ sei (weil er uns etwas entziehe) und hält es auch für einen „Irrtum […], dass Menschenleben wertvoller seien“ als das Leben von nicht-menschlichen Tieren, die ihre Lebensgestaltung nicht an der Zukunft orientieren. Entscheidend sei vielmehr „die Beziehung zwischen uns und unserem Ende“ (S.235f). Für Rowlands steht fest, dass die Werte, die Raffinesse und die Glückserwartungen des Affen in uns früher oder später scheitern werden. Das Wichtigste im Leben wäre dann das Ich, das übrig bliebe, wenn die Pläne des Affen scheitern und das Glück versiegt. In unseren höchsten Momenten (die auch besonders schlimme Erfahrungen darstellen können) sind wir auf unser Sein verwiesen. Unser äffisches Haben bringt uns dann nichts mehr.
Kritik und Abschluss
Als Rowlands Brenin im Alter von nur 6 Wochen kaufte und mit 500 Dollar ein System unterstützte, „das die Züchtung von Wölfen in der Gefangenschaft förderte“ (S.50f), war er selbst erst 26 Jahre alt. Seine Bedenken damals bezogen sich darauf, dass die Haltung eines Wolfes anstrengend und teuer sei. In der Zwischenzeit lernte er durch Brenin, dass dieser und andere Tiere Rechte hätten. Heute zeigt der Philosoph ein klares Problemverständnis bezüglich der Haltung von Wölfen in der Zivilisation, doch er verteidigt sie, weil sie einem Wolf ein besseres Leben ermöglichen könnte2. Ebenso die dazu erforderlichen erzieherischen Mittel. Das Würgehalsband bezeichnet er als „wesentliches Instrument“ (S.45), die vier Tage lang verwendete Wurfkette und den mit ihr verbundenen Schmerz sieht er als unerlässlich für die Erziehung an. Denn durch das Erlernen der fünf Anweisungen „Bei Fuß!“, „Auf!“, „Bleib!“, „Komm!“, „Aus!“ (nicht jedoch „Sitz!“) würde ein Wolf, dem anders als Hunden nicht die welpische Infantilität angezüchtet worden sei und der seinem Alphatier nicht ins Gesicht sähe, an Freiheit gewinnen. Es stellt sich der Eindruck ein, dass Brenin unter weniger glücklichen Umständen eben kein „abwechslungsreiches und […] anregendes Leben“ (S.55) gehabt hätte.
Ein zweiter Kritikpunkt betrifft seine Anthropologie. Inwiefern steht Rowlands der Vorstellung einer atomistischen, also sozial ungebundenen Existenz nahe?3 Er behauptet von sich, von Natur aus Einzelgänger, Außenseiter und Misanthrop zu sein. Philosoph zu sein bedeute, „existenziell entwurzelt zu sein“ (S.174f). Er sah sich im Lichte dessen, was ein Wolf (den er damals als seinen einzigen Freund und als „Symbol des Exils“ ansah) repräsentiert: „die Ablehnung einer menschlichen Welt der Wärme und Freundschaft und die Hinwendung zu einer Welt des Eises und der Abstraktion“. Das „unablässige und nichtige Streben nach Gefühlen“ (S.180) lehnt er als typisch menschlich ab. Das Bild, das der erklärte Menschenfeind Rowlands vom Menschen zeichnet, fällt ebenso wie seine Einstellung zum Menschen etwas einseitig und vielleicht etwas zu dunkel aus.
Meine Beurteilung des Buches fällt sehr positiv aus, obwohl ich gegen Ende des Buches den Ausführungen zum Sinn des Lebens nicht ganz folgen kann. Ein wenig habe ich den Eindruck, dass sich der Wolf in Rowlands nicht vollständig vom Affen unterscheidet, wenn er die wölfischen Charakteristiken erst analysiert und dann hochstilisiert. Dennoch sehe ich gerade in der Unterscheidung dieser beiden tierlichen Charaktere eine wesentliche Stärke des Buches. Nicht nur, dass der Mensch vom fiktiven Vernunftwesen herunter gehievt wird zu einem Abkömmling betrügerischer Affen. Sondern wir können uns auch selbst fragen, wer oder was wir eher sind und wie wir eher sein wollen. Sind vielleicht auch wir (unabsichtlich?) böse, weil wir unsere Überzeugungen nicht einer angemessenen kritischen Prüfung unterziehen und mangels besseren Wissens böse Konsequenzen unseres Handelns zulassen? Wir können aus unserem Leben mehr machen als ein äffisches Dasein. Wölfe scheinen die besseren Menschen zu sein, da ihnen die Neigung zu Betrug und Gewalt zu fehlen scheint dafür aber auch jene zur sozialen Einbettung und Einfühlung.
Emil Franzinelli