Rezension

Die städtische Mensch-Tier-Beziehung

Die gegenwartsbezogene Studie gibt einen guten Überblick
über urbane Mensch-Tier Verhältnisse

Mit der Studie „Die städtische Mensch-Tier-Beziehung. Ambivalenzen, Chancen und Risiken“ (eigentlich müsste von Beziehungen gesprochen werden) beteiligt sich Ulrike Pollack an der Überwindung der Tiervergessenheit in der Soziologie. In ihrer etwa 200 Seiten starken Dissertation, die 2009 in der Reihe „Soziale Regeln“ der TU Berlin veröffentlicht wurde, entfaltet sie das weite Feld der Mensch-Tier Verhältnisse in westlichen Städten exemplarisch an Deutschland. Dabei bereitet sie den Komplex aus verschiedenen Perspektiven auf, was Vor- und Nachteile hat. Es handelt sich um eine Gegenwartsdiagnose urbaner Mensch-Tier Verhältnisse, weniger um ein theoretisches Modell zur Interpretation dieser Beziehungen. Im Gesamteindruck handelt es sich also um eine beschreibende und analytische Studie des status quo im Verhältnis zu anderen Spezies, in der jedoch keine eigenen theoretischen Konzepte ent-wickelt wurden.
Nach der Einleitung beginnt Pollack mit der Darstellung der verschiedenen Perspektiven auf Mensch-Tier Beziehungen wie etwa der kulturgeschichtlichen, der theologischen und der naturwissenschaftlichen. Damit gibt sie einen Überblick über verschiedene Positionen, bevor sie die Mensch-Tier Beziehungen als Gegenstand der Soziologie betrachtet und dabei erklärt, wie dieses Verhältnis soziologisch zu denken ist. Nach einer Definition des Begriffes Stadt beginnt die eigentliche Darstellung der Mensch-Tier Beziehungen. Diese wird in verschiedenen Kapiteln aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Geht es zunächst um Formen der Mensch-Tier Beziehungen (etwa Heimtiere als Statussymbol, Machtobjekt, Erzieher oder Therapeut), wird der Blick daraufhin auf menschliche Subgruppen und ihr Verhältnis zu Tieren verlagert (am Beispiel Kinder und ältere Menschen). Darauf folgt eine Perspektive, die auf verschiedene Tierarten und ihr Verhältnis zu Menschen fokussiert. Dies geschieht am Beispiel von Hunden, Pferden und „Wildtieren“. Abschließend wird der Blick auf die unterschiedlichen Formen der Tiernutzung verlagert, was exemplarisch an Nutztierhaltung, Zoo und Zirkus analysiert wird. Von besonderem Interesse für Tierrechtsaktive ist insbesondere das letzte Kapitel: „Folgen einer emotionalen Mensch-Tier-Beziehung“, in der die Tierschutz- und Tierrechtsbewegung sowie Tierfriedhöfe Erwähnung finden. Während sie im Zusammenhang mit Tierschutz auf Vereinsgründungen, Institutionalisierung von Tierschutz und Tierheime eingeht, belässt sie es im Kontext der Tierrechtsbewegung leider bei der Skizzierung der Tierethik (Singer, Regan etc.) ab den 1970er/80er Jahren.
Mir persönlich hat die Lektüre wenig für die Weiterentwicklung oder Erweiterung meiner Deutungsmuster für Mensch-Tier Verhältnisse gebracht, da sie kein theoretisches Modell entfaltet bzw. entfalten will. Sie hat mir allerdings Ideen für Systematisierungsweisen von Formen der Mensch-Tier Beziehungen – also etwa den verschiedenen Bedeutungen anderer Tiere für Menschen – angeboten. Zudem ist die Studie voll von gegenwartsbezogenen Informationen, die aus verschiedenen Blickwinkeln aufbereitet wurden und in beschreibender Weise einen guten Überblick über urbane Mensch-Tier Beziehungen geben. Wahrscheinlich aufgrund limitierender Vorgaben wurden viele Bereiche jedoch nur exemplarisch angesprochen. So werden als Formen der Mensch-Tier Beziehungen nur jene in Bezug auf Heimtiere dargestellt und als Formen der Tiernutzung nur Nutz-, Zoo- und Zirkustiere. Das Angebot der verschiedenen Perspektiven auf den Gegenstand hat somit leider den Nachteil, dass innerhalb einer Perspektive teilweise nur exemplarisch gearbeitet werden konnte. An einigen Stellen hätte ich mir etwas mehr Distanzierung gewünscht. So schreibt sie etwa, dass Tieren dem Gesetz nach nicht ohne „vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden“ zugefügt werden dürfen. Auch bei einer wertneutralen Studie der Human-Animal Studies hätte hier eine Fußnote platziert werden können, welche die Konstruktion von „vernünftigen Gründen“ wie Fleischkonsum hinterfragt oder zumindest darauf aufmerksam macht, dass sich darüber streiten ließe. Sie betont die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit als wichtigen Aspekt des Tierschutzes und kritisiert demgegenüber „[s]innlose und wenig durchdachte Aktionen von sogenannten Fundamentalisten“, die „oft eine kontraproduktive Wirkung“ haben. Als beschreibende, wertneutrale Aussage ist dies zumindest in Hinblick auf die Vermittelbarkeit korrekt. Dennoch habe ich mich gefragt, ob dies als Plädoyer gegen Aktionen der Tierbefreiungsfront interpretiert werden kann bzw. welche Kreise sie zu den Fundamentalist_innen zählt. Falls es so zu deuten ist, dass Pollack der Öffentlichkeitsarbeit des Tierschutzes (und vermutlich auch der Tierrechtsbewegung) positive Wirkung zuschreibt, Tierbefreiungen und Sabotagen jedoch Nutzlosigkeit und Kontraproduktivität, blendet sie das Schicksal der direkt betroffenen tierlichen Individuen aus. Die städtische „Mensch-Tier-Beziehung“ ist eine informationsreiche Lektüre und gibt einen flüchtigen, aber gut sortierten Überblick über das Feld.

Andre Gamerschlag


Ulrike Pollack
Die städtische Mensch-Tier-Beziehung
Ambivalenzen, Chancen und Risiken

Berlin 2009
Technische Universität Berlin
Soziale Regeln 6
212 Seiten
20 EUR