Rezension
„Macht sie euch untertan“
Mensch-Tier Verhältnisse und Religionskritik
Bei den „Materialien und Informationen zur Zeit“ handelt es sich um ein „politisches Magazin für Konfessionslose und AtheistInnen“, was seit annähernd 40 Jahrgängen erscheint. „Macht sie euch untertan.“ Damit wird in Ausgabe 1/10 das Schwerpunktthema Mensch-Tier Verhältnisse betitelt, mit dem sich auf 25 Seiten, in fünf Beiträgen und einem Interview beschäftigt wird. Welche Rolle spielt das Mensch-Tier Verhältnis für politische Atheist_innen? Die Herausgeber_innen wollen die Gesellschaft so betrachten, dass ihre Perspektive möglichst frei von religiösen Einflüssen ist. Das bedeutet auch soziale und kulturelle Phänomene zu betrachten, die für uns heute nichts mehr mit Religion zu tun haben, auf deren Entstehung und Ausgestaltung sie jedoch immensen Einfluss hatte. „Dazu gehört es auch, immer wieder uns selbst zu fragen, inwieweit Dinge, die wir für selbstverständlich halten, nur durch religiöse Einflüsse so selbstverständlich für uns sind.“ (Daniele Wakanigg im Editorial). Solche Selbstverständlichkeiten sind eben auch das Mensch-Tier Verhältnis und das Tier-Bild in unserer Gesellschaft. So kann es auch vorkommen, dass radikale Atheist_innen sich noch immer für die Krone der Schöpfung halten, vermutlich weil ihnen die religiöse Basis dieses Denkens nicht bekannt ist.
Colin Goldner geht in seinem Beitrag der Frage nach, wieso nicht einmal gegenüber Menschenaffen Empathie empfunden wird. Dabei setzt er beim ersten Auftauchen von Schimpansen in Europa und einer Kirche an, die ihr Konzept der Gottesebenbildlichkeit des Menschen dadurch bedroht sieht. Dies führte dazu, dass die Geistlichen die Trennlinie zwischen Menschen und anderen Tieren umso mehr betonten und in die Kultur einschrieben. Am Beispiel von Thomas von Aquin und Papst Benedikt Ratzinger demonstriert er, wie das Herrschaftsgebot über andere Tiere im Christentum als Verdikt zirkuliert. Den christlichen, auf Reformen ausgerichteten Tierschutz ohne abolitionistischen Anspruch kritisiert Goldner als Augenwischerei. Obwohl die abendländischen Religionen im Vordergrund der Betrachtung stehen, geht er auch auf Klischees ein, die den östlichen Religionen ein sanfteres Mensch-Tier Verhältnis andichten.
Im Interview mit dem Zoologen und Verhaltensforscher Frans de Wall, der sich seit den 1970ern auf die Verhaltensforschung über Affen spezialisiert hat, geht es um Fragen im Dreieck von Moral, Religion und Tiere: Ist Moral vor oder durch Religion entstanden? Wie ist die Konstruktion von Menschenaffen als das „Andere“ zu erklären? Etc.
„Tiere sind derzeit in Mode“ und dieser Mode bedient sich auch das Christentum. Dies ist die These von Daniela Wakoniggs Beitrag über Theologische Tierkunde und christliche Tierethik. Sie nennt exemplarisch Vertreter des christlichen Tierschutzes, der erst in der Moderne vereinzelt und randständig aufkam, wie Bischof Hans Lassen, Albert Schweitzer und Karl Barth und rekonstruiert skizzenhaft die Institutionalisierung ab den 1980ern etwa durch den Verein „Aktion Kirche und Tiere“ oder die Schrift „Zur Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf“ des Beirates für Umweltfragen in der Vertretung der evangelischen Kirche. Während sich die evangelische Kirche seit den frühen 1990ern dem Thema öffnet, geschieht dies in der katholischen erst seit dem Ende des letzten Jahrzehnts. Ähnlich wie Goldner interpretiert auch Wakoniggs diese Entwicklung als „Make-up“ und nicht als fundamentales Umdenken.
Achim Stößer und Martin Pätzold wenden sich dem Judentum und Islam zu und berücksichtigen dabei besonders die tradierten Vorschriften für das Schächten. Fleisch muss koscher (jüdisch) oder halal (islamisch) sein, was jedoch je nach Spezies und Sekte unterschiedliche Vorschriften des Schächtens voraussetzt. Oft sehen diese Anweisungen vor, den Hals der Tiere bei vollem Bewusstsein aufzuschneiden und sie ausbluten zu lassen, denn Blut sei bzw. beinhalte die Seele. Während diese Praxis in der Schweiz aufgrund des Tierschutzgesetztes verboten ist, wurde in Österreich und Deutschland in der Abwägung zwischen Religionsfreiheit und Tierschutzgesetz dem Ersteren der Vorrang gegeben. Randständig gehen die Autoren auch auf Nicht-Weltreligionen wie Santeria und Voodoo ein, bei denen Tiere vor allem als
Opfergaben eine Rolle spielen.
Im letzten Aufsatz beschäftigt sich Claudia Pierspe-Goldner mit dem Maler und „kämpferischen“ Atheisten Karl-Wilhelm Diefenbach (1851-1913), dem sie die Geltung eines „Ahnherr[en] der deutschen Tierrechtsbewegung“ zuschreibt. Er gründete die Kommune Humanitas, die sich gewaltfreien und veganen Idealen verschrieb und in späteren Jahren die Himmelhof-Kommune, zu der auch der durch ihn beeinflusste Tierrechtler Magnus Schwantje (über Schwantje: TIERBEFREIUNG 61, 62) zählte.
Die Schwerpunktausgabe kann allen empfohlen werden, die sich für die Themenkombination von Religion und Mensch-Tier Verhältnis oder für die Entstehung und den Wandel dieser Beziehung interessieren. Die Lektüre war als Einführung in den Komplex interessant, bündig und sehr einfach zu lesen. Kritisch sehe ich nur die Verwendung der Begriffe „Augenwischerei“ oder „Make-up“. Es klingt so, als gingen die Autor_innen davon aus, dass christlicher Tierschutz nur mit dem Ziel verbunden wäre, das Image der Kirchen zu verbessern bzw. die im Glauben eingelagerten speziesistischen Grundsätze zu verschleiern. Zum einen wird damit unterschlagen, dass es den Aktiven tatsächlich um eine Verbesserung soweit im Zusammenhang des Tierschutzes überhaupt davon gesprochen werden kann der Situation von sog. Nutztieren geht. Andererseits klingen die Formulierungen so, als würden die Autor_innen nicht von handelnden Individuen ausgehen, die subjektive Ziele verfolgen etwa sich für seine Tierschutzpositionen engagieren, sondern als würden Institutionen selber handeln etwa wenn sie Vereine hervorbringen, um ihr Image zu verbessern. Ich gehe nicht davon aus, dass Aktive sich denken „Wir gründen jetzt einen Tierschutzverein, damit unsere Kirche ein besseres Image bekommt“. Diese Vereinfachungen der Darstellung wirken ein klein wenig konspirationstheoretisch, was aber auf die politische-antitheistische Ausrichtung der Autor_innen zurückgeführt werden kann und mir vor diesem Hintergrund nicht weiter schlimm erscheint.
Andre Gamerschlag