Rezension

Das Schlachten beenden! - von den Wurzeln der Bewegung

Anarchistische, feministische, pazifistische und linkssozialistische Traditionen der Kritik der Gewalt an Tieren werden, wie der Untertitel verspricht, im dieses Jahr im Verlag Graswurzelrevolution erschienenen Buch „Das Schlachten beenden!“ in den Mittelpunkt gerückt. In der Textsammlung finden sich Beiträge von und zu verschiedenen Vordenker_innen heutiger Tierrechtspositionen. Je ein einleitender kommentierender Text ist den historischen Texten vorangestellt und hilft, diese in einen geschichtlich-gesellschaftlichen Zusammenhang einzuordnen.
Das Buch soll hinsichtlich der Tierbefreiungsbewegung „zeigen, dass ein bedeutender unter den vielen – unterschiedlichen, zum Teil auch widersprüchlichen Herkunftssträngen dieser aktuellen Bewegung im Anarchismus und ihm nahestehender Zusammenhänge: des Pazifismus, des Feminismus oder des Links-sozialismus liegt.“

Nach einem einleitenden Text von Renate Brucker zu den geschichtlichen Spuren der Idee der Tierrechte können wir erfahren, dass der russische Schriftsteller Leo Tolstoi vegetarisch und zeitweise auch vegan lebte. Fleischnahrung, so Tolstoi, sei „außer der Aufregung der Leidenschaften infolge dieser Nahrung [...] auch ganz einfach unmoralisch, weil sie eine dem Gefühl der Moralität widersprechende Tat – den Mord – erfordert, und weil sie nur von der Feinschmeckerei und Gefräßigkeit verlangt wird.“
Über den Anarchist Elisée Reclusb, der sich selbst als überzeugten „Légumiste“ (Gemüse-esser) bezeichnete, lernen wir, dass er zwischen der Gewalt gegen Tiere und rassistisch legitimierter Gewalt einen Zusammenhang ausmachte.
Der Pazifist und Sozialreformer Magnus Schwantje entwickelte den Begriff der „radikalen Ethik“, deren wichtiger Bestandteil der „radikale Tierschutz“ war. Radikaler Tierschutz beinhaltete hauptsächlich Vegetarismus, Antivivisektion und den Kampf gegen die Jagd – und enstprach damit heutigen Tierrechtspositionen. Darüber hinaus pflegte Schwantje selbst einen Lebensstil, den wir heute als „vegan“ bezeichnen – auch wenn der Begriff „vegan“ auf dem europäischen Kontinent zu dieser Zeit noch gar nicht bekannt war.
Schwantje bemerkt in seinen Schriften etwa, Tierschützer hätten zwar in zahlreichen Texten auf die Auswirkungen der Behandlung von Tieren auf den zwischenmenschlichen Bereich hingewiesen, umgekehrt jedoch habe er in der Literatur nur selten einen Hinweis darauf gefunden, dass auch das Verhalten der Menschen untereinander auf die Behandlung der Tiere einwirke. Zwischen dem Verhalten des Menschen gegen die Tiere und dem gegen die Mitmenschen finde eine gegenseitige Beeinflussung statt.
Die Frauenrechtlerin und gewaltfreie Anarchistin Clara Wichmann betont, alle Bemühungen um den Schutz von Tieren müssten so lange fast fruchtlos bleiben, so lange nicht das Tier als Wesen mit eigenen Rechten anerkannt werde. Die Juristin Wichmann verglich die „armselige Rechtstellung der Haustiere“ mit der ökonomischen und rechtlichen Situation der Frauen.
Im Abschnitt zum Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) wird dargestellt, welchen Stellenwert Vegetarismus und Tierrechtsgedanken in der Organisation hatten, die im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv war. So äußerte etwa deren Mitstreiter Willi Eichler im Jahr 1926 „Wer die Forderung der ausbeutungsfreien Gesellschaft ehrlich zu Ende denkt, wird Vegetarier.“

Durch die Zusammenführung der Texte und deren historische Einordnung beleuchtet das Buch weitgehend unbekannte Sphären. Gleichzeitig unterfüttert es eine argumentative Grundlage gegen die Tendenz, die Ursprünge der Tierrechtsbewegung auf die ethischen Überlegungen Peter Singers zu reduzieren sowie gegen den Versuch, Tierrechtspositionen mit rechten Inhalten und antisemitischen Positionen zu konnotieren. Die Textsammlung zeigt unter anderem: es gab auch im Dritten Reich nicht nur Tierrechtler_innen, die keine Antisemit_innen waren, sondern sogar solche, die im Widerstand gegen das Nazi-Regime ihr Leben riskierten. Gleichzeitig versucht das Buch nicht, vorhandene Widersprüche auszublenden. So wird auch darauf hingewiesen, dass es in der Jugend- und Lebensreformbewegung auch unter den Vegetarier_innen Personen und Strömungen gab, die schon vor oder spätestens zu Beginn des Ersten Weltkrieges für Krieg, Nationalismus und Antisemitismus eintraten.
Die kommentierenden Texte widmen sich den im Buch vorgestellten Personen und Organisationen auf sachlich-kritische Art und Weise, so dass kein propagandistischer Beigeschmack das Lesevergnügen trübt. Auf weiterführende Literatur wird am Ende des jeweiligen Kapitels verwiesen. Texte zu Clara Wichmann und Magnus Schwantje finden sich auch online unter www.magnus-schwantje-archiv.de
Andrea Heubach




Das Schlachten beenden!
Zur Kritik der Gewalt an Tieren.
Anarchistische, feministische,
pazifistische und linkssozialistische
Traditionen
192 Seiten, 14,90 Euro

Erhältlich im tierbefreier-Shop