Rezension
„Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer
Als ich anfing, das Sachbuch zu lesen, fragte ich mich, was ich noch über dieses Buch sagen oder schreiben könnte, das vor mir noch kein anderer gesagt oder geschrieben hat. Ich habe Interviews mit dem Autor gelesen und andere Rezensionen, darunter auch welche, aus denen eindeutig hervorgeht, dass der Verfasser selbst vegetarisch lebt. Meine Rezension dürfte sich insofern von vermutlich allen anderen unterscheiden, dass ich das Buch als vegan lebender Mensch und Tierrechtlerin gelesen habe.
Fakt ist, dass „Tiere essen“ (im englischen Original „Eating animals“), das im August 2010 auf Deutsch erschien, in Amerika wochenlang die Bestsellerliste anführte und hierzulande noch nicht einmal annähernd darin auftaucht. Das gibt zu denken. Kann ja nicht daran liegen, dass die Deutschen weniger lesen oder ihnen noch gleichgültiger ist, was sie in sich hineinschaufeln.
Erwartungen an das Buch hatte ich keine, es wurde von allen Seiten hoch gelobt und gepriesen. Auf 300 Seiten gibt uns der 32-jährige Amerikaner Foer einen Einblick in seine moralische Philosophie im Bezug auf Tiere essen. Er erzählt Geschichten: Geschichten von seiner Oma, von Thanksgiving, davon, wie er mit einer Aktivistin auf einer Truthahnfarm eingestiegen ist, wie er in einem „tierfreundlich“ arbeitenden Schlachthof dem, im Vergleich zu anderen Schlachthöfen, langsamen Morden beiwohnte und viele mehr.
Als Tierrechtler fand ich den Bericht über die nächtliche Aktion auf der Farm noch am interessantesten. 30.000 Truthähne in riesigen Hallen, dicht an dicht. Aber auch dieser Bericht liest sich wie Berichte aus anderen, ähnlichen Farmen. Nichts Neues also.
Foer geht in dem Werk auf das Leben und Sterben von Hühnern, Fischen, Schweinen und Rindern ein. Er schreibt in einer Art „Lexikon“ seine eigenen Definitionen darüber, was biologisch, artgerecht, Beifang, Käfigbatterie, Masthähnchen etc. bedeutet. So ist über KFC zu lesen: „Was wiederum nicht gesagt wird: Es handelt sich um angekündigte Kontrollbesuche. KFC meldet die Inspektionen, die angeblich unerlaubtes Verhalten aufdecken sollen, weit im Voraus an, sodass die Inspizierten reichlich Zeit haben, alles, was vertuscht werden soll, zu verbergen.“
Der Autor hat sich 3 Jahre lang mit Recherchen zu landwirtschaftlicher Tierhaltung beschäftigt, hat Farmen besucht, mit Aktivisten, Farmern und Wissenschaftlern gesprochen und mit einem veganen Theologieprofessor, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, einen „tierfreundlichen Schlachthof“ (!) zu entwerfen. Das, und die Tatsache, dass Foer sich an keiner Stelle direkt gegen das Essen von Tieren bzw. das Schlachten ausspricht, sondern nur die Massentierhaltung bzw. das Fleisch aus dieser (in Amerika kommen 99% des Fleischs aus der Massentierhaltung) ablehnt, sind für mich als Tierrechtler nicht hinnehmbar. Er sagt also, dass mensch kein Fleisch, zumindest keins aus tierquälerischer Haltung essen soll, hat aber kein Problem mit dem Töten von Lebewesen an sich, da, gemäß seiner Logik, auch wir Menschen sterben.
Auch PETA bzw. der Unterschied zwischen Tierrechten und Tierschutz kommt in dem Buch zur Sprache.
Foer erklärt auch, dass ihn die verschlossenen Türen auf der Truthahnfarm schwer irritiert bzw. beunruhigt haben, dass dies aber nur ein verwunderlicher Aspekt unter vielen war. Ebenso fragt er sich, warum er von den Fleischproduzenten die er anschrieb, um sie zu besuchen, nie eine Antwort erhielt.
In einem Kapitel lässt er die Aktivistin einen Monolog halten. Sie gibt (in Bezug auf KFC) an „Wenn ich das Logo einer Firma missbrauche, kann ich dafür ins Gefängnis kommen; wenn eine Firma eine Milliarde Vögel misshandelt, dann schützt das Gesetz nicht die Vögel, sondern das Recht der Firma, zu tun, was sie will. So sieht es mit den Tierrechten aus. … Guck dir die Massentierhaltung doch an. Guck dir an, was wir als Gesellschaft den Tieren angetan haben, sobald wir die technischen Möglichkeiten dazu hatten. … Und dann überleg dir, ob du immer noch Fleisch essen willst.“
In einem anderen Abschnitt lässt er den Geflügelfarmer Frank Reese zu Wort kommen, der eine alte Rasse Truthähne unter, rein objektiv betrachtet, akzeptablen bzw. für Foer sogar „guten Bedingungen“ hält und der deshalb Foers Zustimmung (zum Morden) „bekommt“. Frank Reese sagt, dass die Industrie kapiert hat, dass man keine gesunden Tiere braucht, um Profit zu machen, weil kranke Tiere profitabler sind.
Nicht ausgelassen wird der Ursprung von Schweinepest und Vogelgrippe und Foer schildert die Gefahr, die für das Überleben der Menschheit besteht, angesichts immer neuer Viren, die im Zusammenhang mit der Massentierhaltung stehen. Spätestens hier sollte auch der wenig belesene „mir schmeckt Fleisch so gut“ Fleischesser aufwachen: „Unsere Nahrung besteht aus Leiden. Wenn man uns anbietet, uns einen Film darüber zu zeigen, woher unser Fleisch kommt, wissen wir, dass es ein Horrorfilm sein wird. … Wenn wir Fleisch aus Massentierhaltung essen, leben wir buchstäblich von gefoltertem Fleisch. Und dieses gefolterte Fleisch wird zunehmend unser eigenes.“ Es geht ihm also ganz klar um die Massentierhaltung. Dass das Töten aus ethischen Gründen abzulehnen ist, erwähnt er nicht, obwohl er selbst vegetarisch lebt.
Mir persönlich gefällt, dass Foer kein Blatt vor den Mund nimmt. Wenn er über tierische Ausscheidungen spricht, nennt er die Scheiße wortwörtlich beim Namen und widmet ihr sogar einen ganzen Abschnitt („Zurück also zur Ausgangsfrage: Was passiert mit diesen ungeheuren Mengen an ungeheuer gefährlicher Scheiße?“). Es ist beängstigend, dass die von der Massentierhaltung verursachten Umweltprobleme auch viel mit „Scheiße“ zu tun haben, wie er darlegt. In Amerika produzieren die Masttiere 130 Mal mehr „Scheiße“ als die Menschen!!! Auf jeden Fall lässt er sich ausreichend über diese Problematik aus, euphemistische Schönmalerei ist dabei nicht sein Stil. Unschlagbare Argumente für den Vegetarismus liefert er genug, dass auch UmweltschützerInnen ihre Ernährung allein aus diesen Gründen umstellen sollten.
Mein Eindruck ist, dass Foers Worte bzw. seine Schilderungen jeden Menschen mit einem normalen Maß an Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein ansprechen sollten aus Umweltschutzgründen, wegen der Tiere, aber vor allem auch, und meine große Hoffnung ist, dass gerade dies viele Menschen zum Umdenken bringt: weil er knallhart die Folgen des Fleischkonsums für die eigene Gesundheit aufzeigt. Vielleicht fruchtet es etwas, wenn es mal so deutlich wie hier gesagt wird. Foer gab an, dass er Rückmeldungen von Lesern erhielt, die sagten, dass ihnen das mit der Umwelt und den Tieren „schnuppe“ ist, aber als er dann von der Fäkalienbrühe schreibt, durch die die geschlachteten Hühner gezogen werden, da hat es dann selbst jenem Leser gereicht. Ekelfaktor hoch 10 ist also garantiert.
Und Foer schreibt über etwas, das TierrechtlerInnen längst klar ist: „Tierärzte haben nicht das maximale Wohl der Tiere, sondern die maximale Rentabilität im Blick. Medikamente dienen nicht der Heilung von Krankheiten, sondern ersetzen zerstörte Immunsysteme.“
Viele Seiten sind auch dem Leid der Meerestiere gewidmet. Foer spricht sogar davon, dass wir gerade den Fischen mit den modernen Mitteln der Fischerei den Krieg erklärt haben. Es werden die verschiedenen Fangmethoden und ihre Auswirkungen auf den Beifang dargestellt („Man muss sich nicht fragen, ob der Fisch, den man gerade auf dem Teller hat, wohl gelitten hat. Er hat. Auf jeden Fall.“). Die Zahlen, die Foer angibt, lassen einen allein schon ohnmächtig werden.
Auch an anderen Stellen sind die Beschreibungen von Misshandlungen so grausam, dass ich sofort an Peter Singers „Befreiung der Tiere“ denken musste, denn die Passagen dort haben das gleiche Gefühl in mir wach gerufen: ich wollte schreiend mit dem Kopf gegen die Wand rennen! Es ist schier unerträglich! Aber genau darin liegt eventuell das Potential dieses Buches…die Menschen aufzurütteln, zu bewegen und zu verändern in ihren Gewohnheiten.
Foer spricht mir aus dem Herzen, indem er fragt „Wenn es als Entscheidungshilfe nicht ausreicht, dass man zum Leid von Milliarden Tieren beiträgt, die ein elendes Leben führen und (sehr oft) eines grauenhaften Todes sterben, was ist dann nötig? Wenn es nicht ausreicht, den größten Beitrag zur ernsthaftesten Bedrohung des Lebens auf unserem Planeten zu leisten, was dann? Und wenn man versucht ist, diese Gewissensfrage aufzuschieben, jetzt noch nicht zu sagen, wann dann?
Dennoch bleibt Foer Befürworter der kleinen sog. Familienbetriebe, die ihre Tiere „gut halten und versorgen“. Sein Dilemma, etwas, das auch er bei diesen Farmen nicht akzeptiert ist, dass die Tiere auch dort ohne Betäubung kastriert werden oder man ihnen Brandzeichen verpasst.
Eine Frage, die mich sehr berührt hat und hoffentlich jede/n LeserIn trifft, ist „Was habt ihr getan, als ihr die Wahrheit über das Essen von Tieren erfahren habt?“ Im besten Fall wird man VeganerIn. Das ist meine Hoffnung und das, wozu dieses Buch in meinen Augen auf jeden Fall beitragen kann. Foer scheint optimistisch, wenn er schreibt „Das System der Massentierhaltung wird eines Tages an seiner absurden wirtschaftlichen Praxis zugrunde gehen. Es ist absolut unhaltbar. Irgendwann wird die Erde Massentierhaltung abschütteln wie ein Hund Flöhe; die Frage ist nur, ob wir dann auch abgeschüttelt werden.“
Dass die Lektüre nicht für Menschen gedacht ist, die bereits auf tierische Produkte verzichten, dürfte klar sein. Man kann es lesen, aber viel eher sollte man es folgender Zielgruppe geben: Menschen, die bewusst leben, sich relativ bewusst ernähren, denen die Umwelt und ihre eigene Gesundheit nicht egal sind, die offen sind, gesunden Menschenverstand haben und sich generell für das Thema interessieren. Denn jeder, der das Buch von Anfang bis Ende liest und nichts, rein gar nichts an seiner Ernährung ändert, bei dem ist sowieso alles verloren. Und auch alle, die sonst jammern „Ich kann die Bilder nicht sehen“ können getrost das Buch lesen (und das Kopfkino den Rest übernehmen lassen), denn es enthält kein einziges Foto.
Welch Glück also, dass Jonathan S. Foer Papa wurde und somit wissen wollte, wo das Fleisch, das er seinem Sohn vorgesetzt hätte (er bekommt keines) herkommt. Die Welt wäre um dieses mächtige Werk ärmer, falls seine Frau nicht schwanger geworden wäre. Komisch, oder?
Raffaela Göhrig