Rezension
Green is the New Red
Der Kampf gegen die Umwelt- und Tierrechtsbewegung im US-amerikanischen Ausnahmezustand
Der freie Journalist Will Potter aus Washington D.C. hat gleich mit seinem ersten Buch Herausragendes geleistet. Sein „Insiderbericht aus einer sozialen Bewegung im Belagerungszustand“ so der Untertitel ist nicht nur eine fesselnd zu lesende Darstellung des Wechselspiels zwischen gesellschaftlicher Intervention der vergleichsweise jungen Umwelt- und Tierrechtsbewegung einerseits und den Reaktionen der herrschenden Klasse in den USA über den Zeitraum der letzten 25-30 Jahre andererseits. Bewegungsgeschichtlich ist das Buch ein Meilenstein, unter anderem, weil es die Geschichte einer bislang fast unbekannten sozialen Bewegung umreißt. Zudem ist der Bericht ein Porträt des heraufziehenden „permanenten Ausnahmezustands“ in der westlichen Welt. „Der Ausnahmezustand definiert einen Zustand des Gesetzes, in dem die Norm zwar gilt, aber nicht angewandt“ (Agamben), sondern suspendiert wird. Will Potter liefert empirisches Material für diese These des italienischen Philosophen Giorgio Agamben. Während dieser allerdings die außenpolitische Komponente der US-amerikanischen Politik in den Fokus rückte, richtet Potter seinen Blick nach innen auf den „Kampf gegen den Terrorismus“ in den Grenzen der USA.
Buchtrailer
„Die größte terroristische Bedrohung im Inland“, zitiert er den stellvertretenden Direktor und Leiter der Abteilung für Terrorismus im Inland des US-amerikanischen Federal Bureau of Investigation (FBI) John Lewis, „ist die ökoterroristische Tierrechtsbewegung.“ „Es gibt nichts und niemanden in unserem Land wie diesen spezifischen Terrorismus, der in den vergangenen Jahren eine solch hohe Zahl von Gewaltverbrechen, terroristischen Aktionen, Brandstiftungen usw. begangen hat.“
Der hochrangige FBI-Offizielle meinte damit im Jahr 2005 zum einen Gruppen wie die Earth Liberation Front (ELF), Earth First! (EF) und die Animal Liberation Front (ALF). Sie zerstörten seit Mitte der 1980er Jahre mit Sabotageakten, Brandstiftungen und anderen Mitteln Tierversuchslabore, befreiten Tiere von Pelzfarmen, hinderten Unternehmen mit illegalen Methoden daran, Redwood-Bäume zu fällen oder genetisch manipulierte Pflanzen anzubauen, ohne jemals Menschen dabei zu verletzen. Lewis sprach aber zum anderen auch über Organisationen wie zum Beispiel Stop Huntingdon Animal Cruelty (SHAC) oder Mainstreamorganisationen wie die Humane Society und Greenpeace. SHAC betreibt mit friedlichen Mitteln seit 1999 eine erfolgreiche globale Kampagne gegen eines der größten Tierversuchslabore der Welt, Huntingdon Life Sciences (HLS), die zum Beispiel dazu führte, dass die New Yorker Börse HLS von seiner Liste strich.
Gegen diese Gruppen machen die US-Regierungen die Obama Administration ist kein Sonderfall, daran lässt Potter keinen Zweifel aufkommen seit Ende der 1980er Jahre auf allen Ebenen schrittweise mobil, nachdem das FBI 1987 erstmals eine Aktion der Tierbefreiungsbewegung als „Terrorismus im Inland“ einstufte. Spezifische Netzwerke aus Konzernen, Pressure Groups, reaktionären PR-Instituten und NGOs, privaten Sicherheitsfirmen und Geheimdiensten unterstützen sie dabei.
Die prosaische Schilderung, die auch Einblick in die private Welt einiger Protagonisten der US-amerikanischen Umwelt- und Tierbefreiungsbewegung bietet, ohne den Bezug zum Politischen zu verlieren, umfasst die einzelnen Elemente der gesamten strategischen Offensive der herrschenden Klasse gegen den „Staatsfeind Nummer 1 im Inland“ (FBI): schwarze Listen mit Namen von Personen der Tierrechts- und Umweltbewegung, umfangreiche Abhör- und Überwachungsmaßnahmen ohne rechtliche Grundlage durch die National Security Agency (NSA), Infiltrationen, rechtlich nicht abgesicherte Sondergefängnisse für „Terroristen zweiter Klasse“ die sogenannten „Communication Management Units“ , in denen Grundrechte systematisch verletzt werden, Sondergesetze, die Menschen- und Grundrechte einschränken und zum Teil außer Kraft setzen, umfangreiche Kriminalisierungswellen und öffentliche Gerichtsprozesse gegen die Köpfe der Bewegungen usw. Abgerundet werden diese Maßnahmen durch systematisch lancierte Medienkampagnen, in denen offen Angst vor der „grünen Bedrohung“ („Green Scare“) geschürt wird und in deren Rahmen Greenpeace und andere Umwelt-NGOs genötigt worden sind, sich öffentlich von radikalen Gruppen zu distanzieren.
Dieses Bündel gesetzlicher, juristischer und medialer Maßnahmen veranlassen Will Potter letztlich auch dazu, die historische Analogie zur antikommunistischen Ära der „roten Bedrohung“ („Red Scare“) der Hetzjagd auf Kommunisten und andere Oppositionelle zu ziehen, die unwiderruflich mit dem Namen des ehemaligen Senators Joseph McCarthy verbunden ist.
Angesichts des Klimawandels, der atomaren Katastrophe im japanischen Fukushima oder der industriellen Ermordung von Millionen Tieren pro Jahr erscheint es als zutiefst irrational, gerade die Umwelt- und Tierbefreiungsbewegung, also jene, die sich seit Jahrzehnten gegen Atomkraftwerke oder die systematische Vernichtung der Wälder und Tiere einsetzen, zu Terroristen zu erklären und dementsprechend ihre Politik zu verfolgen.
»Der Terrorist ist eine Silhouette,
hinter der sich alles verstecken kann.«
Potter widmet deswegen fast ein gesamtes Kapitel den Fragen, was genau Terrorismus ausmacht und wodurch er bestimmt wird, nur um im Kern zum selben Resultat wie Agamben zu kommen: Es gibt einfach keine universell akzeptierte Definition. Der Philosoph formuliert es wie folgt: „Der Terrorist ist eine Silhouette, hinter der sich alles verstecken kann.“ Und bei Potter heißt es: „Manchmal sind bewaffnete Revolutionäre Terroristen, manchmal sind sie Freiheitskämpfer. Es kommt nur auf die Auslegung der Herrschenden an.“ Diese Erkenntnis zusätzlich zeitgeschichtlich und politisch einordnend fährt Potter fort: „Indem Tierbefreiungsaktivisten als Terroristen ins Visier genommen werden, wird ein Präzedenzfall geschaffen, der auch gegen andere soziale Bewegungen benutzt werden kann.“
Was bewegt den Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika also, Gesetze zu verabschieden wie den Animal Enterprise Protection Act (1992), mit dem das Verbrechen des „Öko-Terrorismus“ eingeführt wurde, oder dessen verschärfte Variante, den Animal Enterprise Terrorism Act (2006)? Im Animal Enterprise Terrorism Act werden alle auch friedliche Handlungen als „Terrorismus“ definiert, wenn sie irgendwie den Geschäftsablauf von Unternehmen stören, die mit Tieren „arbeiten“. Er ist damit Teil der gegenwärtigen Tendenz in westlichen Demokratien, die einmalige und außerordentliche Erklärung des Ausnahmezustandes zunehmend „durch eine beispiellose Ausweitung des Sicherheitsparadigmas als normaler Technik des Regierens“ (Agamben) zu ersetzen. Durch den Animal Enterprise Terrorism Act, für den es bereits vergleichbare Sondergesetze im Vereinigten Königreich gibt, während die EU und ihre Mitgliedsstaaten noch an ähnlichen arbeiten, wird der rechtsfreie Raum, die Zone der Unbestimmtheit, ausgedehnt.
Nur warum verwenden riesige Konglomerate aus Konzernen und PR-Unternehmen wie die Animal Enterprise Protection Coalition, der zum Beispiel Pfizer GlaxoSmithKline oder die National Association of Biomedical Research angehören, Geld und ihren politischen Einfluss darauf, solche Gesetze zu unterstützen?
Der Leiter der Rechtsabteilung bei Huntingdon Life Sciences Mark Bibi, gibt folgende Antwort: Die SHAC-Kampagne, mit der alle Unternehmen mit Aktionen zivilen Ungehorsams unter Druck gesetzt wurden, ihre Geschäftsbeziehungen zu HLS aufzugeben, sei „sehr erfolgreich“. „Stellen Sie sich vor, welche Konsequenzen es hätte, wenn die SHAC-Taktik gegen andere Industrien im Rüstungs-, Bergbau-, Öl-, Holzsektor oder wo auch immer angewendet würden.“ Potter schlussfolgert daher zurecht aus den zahlreichen Dokumenten der Regierungsbehörden, die er untersucht hat, dass „Öko-Terroristen nicht Menschen, sondern Profite bedrohen“. „Die Tierrechts- und die Umweltbewegung sind mehr als andere soziale Bewegungen eine direkte Bedrohung für die Interessen der Konzerne.“
Die Irrationalität, Umwelt- und Tierbefreiungsaktivisten sowie ihre Bewegungen zu kriminalisieren, schlägt innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise wieder in Rationalität um ein typischer Vorgang im Zivilisationsprozess der westlichen Welt, folgt man den Analysen der kritischen Theoretiker von Max Horkheimer bis Herbert Marcuse. Die Praxis der grünen Opposition in den USA trifft die gesellschaftlichen Verhältnisse mitten ins vergoldete Herz. Das ist der Grund für die US-Regierungen, besonderen Antiterrorgesetzen zuzustimmen, und für Konzernlobbyisten, sie zu fordern.
Trotz aller Parteinahme für die Befreiung der Tiere und die Versöhnung von Gesellschaft und Natur beteiligt sich Will Potter nicht an einer Glorifizierung der Bewegungen, die diese Anliegen vertreten. Er verschweigt nicht die Fehler von radikalen und sich bisweilen in pathetischer Kampfrhetorik verlierenden Bewegungen, die zum Beispiel Infiltrationen durch Geheimdienste, die Kooperation mit den Repressionsorganen und die Auslieferung ehemaliger politischer Weggefährten ermöglichen, wenn ihre häufig jungen, politisch ungeschulten und idealistischen Aktivisten direkt von Staatsanwaltschaft, FBI oder Gerichten unter Druck gesetzt werden.
Erst auf den letzten Seiten des Buches bietet Potter Anknüpfungspunkte für Kritik an seiner sonst scharfsinnigen Analyse. Er konzeptionalisiert den offiziellen Antiterrorkampf gegen die Tierrechts- und Umweltbewegung als „Krieg der Kulturen, Krieg der Werte“ und klassifiziert die beiden Bewegungen aufgrund ihrer theoretisch-philosophischen Provenienz als Statthalter der Anthropozentrismuskritik. Das ist zwar beides nicht gänzlich falsch, aber auch nur zum Teil richtig.
Natürlich tritt zum Beispiel die Tierrechtsbewegung für eine andere kulturelle Lebensweise ein. Sie konfrontiert auch die Freiheit des Unternehmers mit der Unfreiheit der Individuen. Aber dies sind nicht die Gründe für die schlaflosen Nächte der Manager von HLS oder Kleider Bauer. Potter lässt sich vom ideologischen Gerede des politischen Gegners ein klein wenig blenden, wenn er dessen Anschuldigungen positiv im Sinne der Bewegungen wendet. Die Kulturindustrie hat im Zuge der neoliberalen Modernisierung des Kapitalismus durch die Integration der abweichenden Werte und Lebensstile der Post-68er in die Warenwelt triumphiert. Sie hat diese Abweichungen ihres emanzipatorischen Gehalts beraubt. Wenn Potter annimmt, eine grüne Alternativkultur sei das Problem für die US-Holzindustrie, dann rückt er von einer historisch-materialistischen Erklärung für die Reaktion von Staat und Ökonomie auf die Politik der Tierrechts- und Ökologiebewegung ein stückweit ab, obwohl seine Darstellung eigentlich eine andere Schlussfolgerung zulässt.
Dass die Tierrechts- und die Ökologiebewegung ihren Teil zur Kritik des Anthropozentrismus im westlichen Denken beigesteuert hat, ist unbestritten. Dennoch geht die Interpretation, sie hätten sich zum Beispiel durch die Arbeiten von Peter Singer oder Arne Naess in diesem Punkt im Vergleich zu anderen sozialen Bewegungen besonders profiliert, ebenso an den historischen Tatsachen vorbei wie die Behauptung, Speziesismus habe das Handeln der Menschen tausende Jahre lang angeleitet.
Für Menschen mit politischem Bewusstsein gibt es nichtsdestotrotz allerlei gute Gründe, das Buch mit der angemessenen Ernsthaftigkeit zur Kenntnis zu nehmen und die Parallelen zwischen den US-Entwicklungen und europäischen anzuerkennen. Beispielsweise weist die größte Repressionswelle gegen die Umweltbewegung in den USA, die „Operation Backfire“ deren systematische Entfaltung holzschnittartig nachgezeichnet wird , frappierende Analogien zur aktuellen Kriminalisierung der österreichischen Tierrechtsbewegung auf.
Insgesamt hinterlässt Potters Insiderbericht ein Bild des vernünftigen Schreckens, eine Anatomie der modernen Demokratie auf ihrem Weg zur Selbstzerstörung. Die theoretischen Schwächen des Buches schmälern weder die wohl dokumentierte Skizze des Ausnahmezustands auf US-amerikanischen Boden, noch das mitreißende leidenschaftliche Plädoyer für vielfältigen Protest und Widerstand gegen eine Gesellschaft, in der Tiere und die Natur immer noch auf der Schattenseite der Zivilisation ein gequältes Dasein fristen und für den falschen Fortschritt der kapitalistischen Produktionsweise mit ihrem Leben und ihrer Vernichtung büßen.
Christian Stache