Interviews

Erste Schritte in der Etablierung deutschsprachiger Human-Animal-Studies?

Vergangenes Jahr wurden zwei Gruppen zur Stärkung der Human-Animal-Studies (Erforschung der Mensch-Tier-Verhältnisse) im deutschsprachigen Raum gegründet. Anfang 2010 wurde in Berlin Chimaira – AK für Human-Animal-Studies gegründet und im Herbst 2010 sogar eine an eine Universität angeschlossene Gruppe: die Group for Society and Animals Studies, welche in diesen Tagen die erste Fachtagung für Human-Animal- tudies im deutschsprachigen Raum abhält. Während die soziologische Erforschung der Mensch-Tier-Verhältnisse im englischsprachigen Raum relativ verbreitet ist, ein relativ hohes Veröffentlichungsaufkommen, einige Fachmagazine, Forschungsgruppen und sogar -institute vorweisen kann, betreten beide Gruppen in Deutschland Neuland. Vor allem die GSA mit ihrer Verbindung zur Universität Hamburg. Wir sprachen mit Sonja Buschka von der GSA und Sven Wirth von Chimaira über die Gruppen, ihre Aktivitäten und Perspektiven..

Sven Wirth, Chimaira AK für
Human-Animal Studies, im Interview

geführt von Jonas Schmidtgeführt von Andre Gamerschlag

Was bedeutet eigentlich Chimaira?
Also genauer gesagt heißen wir Chimaira – Arbeitskreis für Human-Animal Studies. Eine Chimäre ist in der Mythologie ein Mischwesen – meist aus Mensch und Tier – und für die Frage nach gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnissen wollen wir mit unserer Namensgebung darauf hinweisen, wie die Grenze zwischen Menschen und nichtmenschlichen Tieren machtvoll gezogen wird und dass sie eben auch überschritten, also verändert werden kann. Die Grenze ist eine politische Grenze und wir wollen versuchen, mit unserer Arbeit den gesellschaftlichen Produktionscharakter der Grenze deutlich zu machen und sie zu entnaturalisieren.

Welche Aktivitäten gingen bisher von dem Arbeitskreis aus?
Unsere erste gemeinsame Aktivität in diesem Zusammenhang war ein zweisemestriges Projektseminar zu gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnissen, das wir im Sommersemester 2009 und im Wintersemester 2009/2010 an der Humboldt-Universität in Berlin gegeben haben. Danach haben wir beschlossen, uns weiter gemeinsam zu engagieren. Wir fanden es notwendig, dass die akademische Auseinandersetzung mit Mensch-Tier-Themen weiter forciert wird und wir wollten eine neue Akteurin sein, die diese Auseinandersetzung sowohl in die Unis als auch in die restliche Gesellschaft trägt. Dann hatten wir gleich viele Ideen und uns sind jede Menge Bereiche eingefallen, in die es notwendig ist, zu intervenieren. Wir haben daraufhin einen Sammelband geplant, eine Human-Animal-Studies-Homepage usw. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Themen ist gerade im deutschsprachigem Raum noch so gering, und wenn Akademiker_innen über Tiere schreiben, dann meist nur als Objekt der Forschung. Also in Bereichen wie der Medizin, Zoologie, der Tier-Therapie, Verhaltensforschung oder Anthropologie als Abgrenzungsfolie zum Menschen. Nichtmenschliche Tiere werden fast nie als Akteur_innen wahrgenommen und erforscht und das wollten wir mit der Gründung von Chimaira ändern.

Was genau meint ihr damit, dass ihr eine Akteurin sein wollt?
In der Vergangenheit waren die Human-Animal-Studies im deutschsprachigen Raum, wenn überhaupt vorhanden, dann eher unkritisch. Wir wollen deren Etablierung in der wissenschaftlichen Landschaft vorantreiben und denken, dass sich Bewegungen und die Wissenschaften gegenseitig befruchten können. Dafür ist es wichtig, sowohl akademische Impulse in die Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung zu bringen als auch Impulse aus der Bewegung in die Theorieproduktion zu tragen. Hierin sehen wir unter anderem unser Schaffens- und Interventionsfeld. Im englischsprachigem Raum gibt es inzwischen eine starke Kontroverse zwischen den schon recht etablierten Human-Animal-Studies und den sich mehr und mehr verstärkenden Critical Animal Studies, die Erstere aufgrund ihrer unkritischen und affirmativen Herangehensweise kritisieren. Wir wollen mit Chimaira von vornherein einen Akzent auf das kritische Potential der Human-Animal-Studies setzen und möchten diese Wissenschaft als eine kritische Wissenschaft etablieren, die dabei helfen kann, die herrschenden gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnisse zu verändern.

Mit der GSA gibt es bereits einen neuen Zusammenschluss, dem an der Stärkung der Human-Animal-Studies im deutschsprachigen Raum gelegen ist. Wie sehen eure weiteren Ziele aus und wo liegen dabei die Unterschiede zu denen der GSA?
Wir freuen uns darüber, dass sich in Hamburg die GSA gegründet hat und dass es noch mehr Menschen gibt, die die Human-Animal-Studies voranbringen wollen. Es gibt auch einige persönliche Kontakte zur GSA und unser Engagement geht in eine ähnliche Richtung. Wo ich allerdings einen Unterschied sehe, ist, dass wir uns als überuniversitäre Plattform verstehen. Chimaira hat den Anspruch, Akademiker_innen und Aktivist_innen überregional zu vernetzen und einen Austausch über Thematiken der Human-Animal-Studies auf breiter Ebene voranzutreiben. Dabei wollen wir nicht nur Akademiker_innen miteinander ins Gespräch bringen, sondern auch weitergehend die kritische Debatte über gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnisse in eine breite Öffentlichkeit tragen. Chimaira versteht sich sowohl als akademische als auch als politische Akteurin, denn für uns ist es etwas eminent Politisches, Diskurse über nichtmenschliche Tiere zu verschieben, mit dem Ziel, sie aus ihrer Rolle als Objekte herauszureißen. Wir sind schon sehr gespannt auf die erste Veröffentlichung der GSA und werden auch mit Freude an deren Konferenz zum Thema „Fleisch Essen“ teilnehmen.

Ich gehe noch einmal einen Schritt zurück. Eure erste Aktivität war die Durchführung eines Projekttutoriums. Erzähl mir davon!
Wir hatten das Projektseminar so angelegt, dass es einen breitgefächerten Einstieg in die Frage der gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnisse gegeben hat. Dafür war es notwendig, die Studierenden zuerst mit bestimmten theoretischen Hintergründen zu konfrontieren, die aus unserer Sicht für eine kritische Analyse der Verhältnisse zwischen Menschen und nichtmenschlichen Tieren grundlegend sind. Es wurden erkenntnistheoretische Fragen angesprochen, Konzepte wie der Natur-Begriff hinterfragt und das Handwerkszeug für eine kritische Analyse vermittelt, z. B. die Dekonstruktion von Dualismen oder die diskursanalytische Herangehensweise an die soziale Textur der Gesellschaft. Im nächsten Schritt haben wir uns dann mit verschiedenen Tierbildern und unterschiedlichen Perspektiven auf die Mensch-Tier-Verhältnisse auseinandergesetzt. Dabei haben wir uns die Tierethik und Ansätze aus der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung angeschaut. Im zweiten Semester ging das Seminar dann darum, von diesem Background ausgehend eigene Themenstellungen zu bearbeiten. Dabei zeigte sich ein breites Interesse der Teilnehmer_innen an Fragen der Zusammenhänge von speziesistischer Herrschaft über nichtmenschliche Tiere und sexistischer Herrschaft im Patriarchat. Ein weiteres Thema, das bearbeitet wurde, war die Analyse der Sozialstruktur der Zusammenhänge, die sich für Veganismus oder für die Befreiung der Tiere einsetzen. Gegen Ende des Seminars kristallisierte sich die Idee heraus, mit der Publikation eines Sammelbandes die Arbeit von Chimaira fortzusetzen. Neben den Initiator_innen des Projektseminars hatten auch einige Teilnehmer_innen Lust, sich vertiefender mit der Thematik auseinanderzusetzen und eigene Beiträge für das Buch zu verfassen. Daraufhin folgte noch ein Call for Papers, den wir an aktivistische und akademische Netzwerke verschickt haben, um noch weitere interessante Beiträge für den Band zu erhalten.

Im Oktober erscheint euer Sammelband. Im Herbst sollen auch zwei weitere kritische Aufsatzsammlungen über Mensch-Tier-Verhältnisse erscheinen. Was erwartet uns bei euch?
Unser Sammelband, der übrigens den Titel „Human-Animal Studies – Über die gesellschaftliche Natur von Mensch-Tier-Verhältnissen“ trägt und im transcript-Verlag erscheint, soll ein Beitrag zur Etablierung der Human-Animal-Studies im deutschsprachigen Raum sein. Wir wollen mit den verschiedenen Beiträgen, die von theoretischen Analysen der gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnisse über Kritiken bestimmter Positionen der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung bis zu sozialer Bewegungsforschung reichen, zeigen, wie breit und vielfältig die Human-Animal-Studies sein können. Dabei sehen wir weder uns noch die HAS als einen luftleeren Raum herkommend, sondern machen – auch in vielen Beiträgen des Sammelbandes – unsere politische und akademische Traditionslinie deutlich. Das bedeutet, dass wir unter anderem Anschlüsse an feministische, postkoloniale und andere kritische Theoriefelder suchen und diese Einflüsse auch in unsere Texte und Analysen mit einfließen lassen.

Was sind eure weiteren Pläne?
Ab dem Sommer 2011 werden wir unter www.human-animal-studies.de eine Homepage aufbauen. Dort sollen Rezensionen von relevanten Büchern, Ankündigungen von Veranstaltungen und Tagungen und Hintergrundartikel rund um die HAS erscheinen. Wir verstehen die Website als Plattform für verschiedene Akteur_innen und wollen die Wahrnehmung der HAS in der Gesellschaft verstärken. Unsere Hoffnung ist, dass wir mit Chimaira weitere kritische Arbeiten in den Human-Animal-Studies anstoßen können, die sich empirisch und/oder theoretisch mit gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnissen auseinandersetzen und dabei auch die bisherige Methodologie einer kritischen Betrachtung unterziehen. Des Weiteren sind in nächster Zeit auch Workshops, Vorträge und weitere Veröffentlichungen geplant. Darüber werden wir euch aber, wenn es soweit ist, auf dem Laufenden halten.

Danke für das Interview!
Auch wir danken!

Sonja Buschka, Group for Society and Animals Studies, im Interview
geführt von Andre Gamerschlag

TIERBFREIUNG 71





Literatur


Human-Animal Studies
ab Oktober im Handel
transcript Verlag
260 Seiten
Erhältlich unter
www.tierbefreier-shop.de

Gesellschaft und Tiere
erster Sammelband
der GSA; VS Verlag, 224 Seiten
amazon.de

Webseiten

Informationen zur GSA, Veröffentlichung und Tagung / Informationen und Links aus dem Bereich HAS:
www.gsa-hamburg.org

Hier entsteht ein Webportal für Human-Animal-Studies im
deutschsprachigen Raum:
www.human-animal-studies.de

Verlagsankündigung des Human- Animal-Studies-Sammelbandes
www.transcript-verlag.de/ts1824/ts1824.php