Interview aus der TIERBEFREIUNG 71 / Juli 2011

Aktivist, Künstler und Familienvater auf der Anklagebank
Chris Moser im Interview

Chris Moser ist einer der Aktiven in Österreich, die 2008 von einem
Sondereinsatzkommando überrascht, für etwa drei Monate in U-Haft gesteckt und anschließend wegen „Bildung einer kriminellen Organisation“ §278a StGB angeklagt wurden. Wenige Tage nach Freispruch und Revisionsankündigung sprechen wir mit Chris über die Repression, deren Auswirkungen auf sein Leben und über seine „Radikalkunst“.

Fast drei Jahre vergingen von der überraschenden Verhaftung bis zum vermeintlichen Prozessende. Drei Jahre voller Stress, Anspannung und finanzieller Probleme und noch dazu mit einer ungewissen Zukunft. Wie hast Du den Freispruch im ersten Moment empfunden?
Ich bin einerseits natürlich von einem Freispruch ausgegangen, ich hab das auch bei meinem Schlussplädoyer am 01. April im Schwurgerichtssaal deutlich betont (http://www.myspace.com/radikalkunst/blog/542564859), dennoch war der Satz, „...in allen Punkten freigesprochen“, natürlich schön zu hören. Dieser Freispruch stellt für mich allerdings noch lange keine Gerechtigkeit dar, allein dass es überhaupt zu diesem Prozess gekommen ist, spricht Bände...

Dann hieß es, die Staatsanwaltschaft beantragt Revision und Nichtigkeit: „Nach dem Prozess ist vor dem Prozess!“ Was hast Du zu diesem Spruch zu sagen?
Genau mit diesem Spruch leitete ich viele meiner Interviews direkt nach dem Prozess ein. Einerseits eben weil der Gute (?) Staatsanwalt ja in Berufung ging - somit ist unser Prozess ja noch keinesfalls vorbei, er schläft nur! Und andererseits kann und wird es auch und gerade mit den umstrittenen §278ff auch weiterhin möglich sein, kritische Geister und unliebsame politische Aktivist_innen nach Lust und Laune zu terrorisieren.

Auch ohne die beantragte Revision wäre mit einem Freispruch nicht alles in Ordnung, nicht alles vergessen und alle Probleme gelöst. Anwaltskosten, Verdienstausfälle, möglicherweise seelische Verletzungen, ungewollte Aufmerksamkeit in der Nachbarschaft etc. können nachwirken. Wie beurteilst du deine Situation?
Naja, die ungewollte Aufmerksamkeit in der Nachbarschaft scheint mir das kleinste Problem zu sein (lacht!). Aber wie sich der Prozess, die Gefangenschaft und wahrscheinlich speziell die Hausdurchsuchung und meine Verhaftung auf unsere 3 Kinder ausgewirkt hat, ist einerseits schwer in Worten zusammenzufassen und andererseits natürlich mit nichts auf der Welt wieder gutzumachen oder zu beschönigen. Meine Tochter Talia verbrachte ihren 2. Geburtstag, während ich in 500 km Entfernung gefangengehalten wurde, mein Sohn Noah wachte noch vor wenigen Monaten das letzte Mal in der Nacht auf und weinte, weil er träumte, wir wären alle verhaftet worden, und mein damals 10-jähriger Sohn Samuel sagte mir bei seinem ersten Besuch im Gefängnis durchs Telefon hinter der Panzerglastrennscheibe: „es ist alles furchtbar schrecklich, was hier passiert ist, aber viel lieber ist mir, du wird hier gefangengehalten, als du wärst einer von denen, die uns das alles angetan haben!“ es gibt unzählige solcher Begebenheiten, und es macht mich wütend darüber nachzudenken. Kein Vergeben, kein Vergessen! Anwaltskosten und Verdienstausfälle sind natürlich auch ein wesentliches Thema, wir stehen als Familie vor einem „finanziellen Neuanfang“, ich hatte zwar Verfahrenshilfe, aber die Meinungen ob und zu welchem Anteil diese möglicherweise zurückgezahlt werden muss, gehen unter den Jurist_innen auseinander.

Du wurdest zu Unrecht vor Gericht gestellt, hast wegen der Anwesenheit im Prozess deinen Arbeitsplatz verloren und bist Familienvater. D.h. dich trifft es wahrscheinlich besonders schwer, da Du auch für deine Familie Verantwortung trägst. Was kannst du uns über diese Situation, über die empfundene Ungerechtigkeit, aber auch die Solidarität erzählen?
Über die erlebte und empfundene Ungerechtigkeit hab ich eh schon gesprochen, darüber lassen sich Bücher schreiben... Aber die Solidarität, die mir, die uns allen entgegenschlug war und ist unbeschreiblich! Bereits im Gefängnis waren die unzähligen Briefe und Karten, mit zum Teil tröstenden und zum Teil motivierenden Worten extrem wichtig und ein wesentlicher Aspekt, dass wir das überstehen konnten. Die Solidarität jetzt während dem Prozess, und ausschließlich die finanzielle Unterstützung aus der solidarischen Bewegung hat es ermöglicht, dass meine Familie und ich zumindest unsere Fixkosten gedeckt hatten, und jetzt nicht vor einem Schuldenberg stehen. Das heißt, dass wir jetzt NOCH nicht vor einem Schuldenberg stehen, denn wie gesagt ist nicht sicher wie eine Rückzahlung der Verfahrenshilfe ausschaut und wenn wir im Fall einer Verurteilung nach der Berufung auch nur kleine Teile der Verfahrenskosten zu begleichen haben, sind wir natürlich auf Lebenszeit ruiniert. Die Verfahrenskosten berufen sich angeblich auf 7.000.000 Euro!

Du hast in den drei Monaten Haftzeit, aber auch im Gerichtssaal und während der Prozesszeit künstlerische Werke geschaffen. War die neue Situation für dich aus künstlerischem Aspekt betrachtet eher willkommene Inspiration oder in erster Linie unwillkommener Grund für die psychische Verarbeitung?
Es war auf jeden Fall eine Inspiration, aber natürlich keine willkommene. Habe ich bisher die Facette Repression und Staatsterror zwar auch immer wieder in meiner künstlerischen Arbeit thematisiert, so war es bisher doch immer aus einer beobachtenden Position heraus. Meine Arbeiten aus der Gefangenschaft und die Werke aus dem Schwurgerichtssaal sind authentische Arbeiten aus dem Blickwinkel des Gefangenen...  Dass die künstlerische Verarbeitung dieses Themas natürlich im Bestreben einer psychischen Verarbeitung gründet ist sicher.

Ohne polemisch sein zu wollen, Deine Arbeiten erinnern ein wenig an Geisterbahn. Siehst Du die Welt tatsächlich so düster?
(Lacht) Ich denke, hier muss zwischen früheren und aktuelleren Arbeiten und Phasen unterschieden werden. Ich tätige ja bereits seit 1995 Ausstellungen, das ist eine recht lange Zeit und so entwickelt sich auch der künstlerische Ausdruck,  es gibt verschiedene Phasen… Aber an sich ist es mir wichtig auf den ersten Blick zu schockieren und mit dem zweiten und dritten Blick die Betrachter_innen bestenfalls zum Nachdenken zu bringen. Meine Arbeit war ja auch im Prozess zentrales Thema und die Richterin fragt mich beispielsweise allen Ernstes in einer Strafverhandlung, Zitat aus dem Hauptverhandlungsprotokoll: „Haben Sie in ihrer Kunst ihre Gedanken und ihre Gesinnung zum Ausdruck gebracht?“ Ja, ich sehe die Welt, d.h. die politische und gesellschaftliche Welt schon sehr düster. Das ist der Grund, warum ich alles daransetze, dass das anders wird... persönliche Lichtblicke in dieser Düsternis sind meine Kinder, Bäume, Wasser. …

Wen möchtest Du mit Deiner Arbeit erreichen?
Ich sehe meine Arbeit als Teil der Strategie, die Grundfesten unserer kranken Gesellschaft zu erschüttern. Ich will also vielleicht gar nicht jemanden, sondern etwas erreichen. Ich bemühe mich bei meinen Ausstellungen einerseits immer wieder Präsentationen im renommierten Kunstrahmen zu tätigen, so beispielsweise 2009 im Landesmuseum, und andererseits meine Werke auch bei reinen politischen Veranstaltungen zu präsentieren. Ich versuche also einerseits klassisches Vernissagenpublikum anzusprechen und zu schockieren um dann, wenn die Lethargieschale aufgebrochen ist die Person dahinter zu erreichen. Ich stelle aber andererseits noch immer gern im kleinen, klassischen, autonomen Rahmen aus, bei Menschenrechts- und Tierbefreiungskongressen, bei anarchistischen Infoveranstaltungen, etc.

Welche Rolle spielen für Dich andere Künstler_innen, und hast Du schon mit anderen Künstler_innen oder interdisziplinär im Kollektiv gearbeitet?
Es gibt durchaus auch Künstler_innen die ich sehr schätze, oder zumindest einige ihrer Arbeiten. Direkt mit anderen Künstler_innen an einem Gemeinschaftswerk gearbeitet hab ich noch nie, aber ich beteilige mich immer wieder auch an Gruppenausstellungen, wo dann ja oft die gemeinsame Präsentation, die verschiedenen Themenaspekte und Werke in der Präsentation so was wie eine gemeinschaftliche Installation ergeben…

Du betonst, u.a. mit der Adresse Deiner Website den Begriff „Radikalkunst“. Was steht hinter diesem Begriff oder Konzept?
Ja, es ist mir schon sehr wichtig von vornherein zu betonen, dass ich mich vom gängigen auf Ästhetik, Unterhaltung und Verkauf ausgerichteten Kunstmarkt aufs Schärfste distanziere! Ich will mit meiner Arbeit klar etwas bewegen; das unterscheidet mein Werk schon mal drastisch vom gängigen Kunstbegriff... wenn ich für den Verkauf arbeiten würde, müsste ich das anders machen (lacht), ich sehe eine der Hauptaufgaben der Kunst darin, sich an revolutionären Entwicklungen zu beteiligen, diese gesellschaftlich vielleicht sogar erst reifen zu lassen.

„selbstverständlich muss kunst nicht kritisch, politisch, revolutionär und radikal sein. aber solange ungerechtigkeiten und ausbeutung herrschen, ist es die pflicht der kunst (ob bildender, musik, literatur...) dagegen vorzugehen. werke, die nicht auf den emanzipatorischen grundgedanken aufbauen und somit rein gestalterischer und dekorativer natur sind, dienen offenbar einzig der zerstreuung. einer zerstreuung, die den revolutionären bewegungen kraft nimmt und somit im dienst von ungerechtigkeit und ausbeutung steht.“
Das hab ich als knapp 20-jähriger mal so für eine Diskussion über Sinnhaftigkeit der Kunst formuliert, und so sehe ich das auch mit meinen fast 35 Jahren noch! Um hier nochmal die Richterin anhand ihres Hauptverhandlungsprotokolls zu zitieren: „Kann das als eine gewisse Neigung zu einer Radikalität gesehen werden oder nicht?“ Ich will die Gesellschaft in ihren Ursprüngen, von der Wurzel her, also im Wortsinn radikal verändern; einerseits durch meine Kunst, wie auch durch politischen Aktivismus, ja, das wird hier Radikalität genannt.

Siehst Du Deine Arbeit formal in Folge von Agit-Prop, Pop-Art oder anderen Strömungen?
Also Agit-Prop wird ja vom Großteil der Leute in erster Linie als kommunistische Propaganda gesehen, so sehe ich mein Werk natürlich nicht (lacht). Mit den Agit-Prop Kunstaktionen des kunst und kampf-Kollektivs assoziiert zu werden, stört mich nicht. Agitieren will meine Arbeit sicher! Pop-Art hatte in ihren Anfängen ja durchaus sehr gesellschaftskritische und politische Aspekte. Nur ist das was von Pop-Art übrigblieb ja heute in erster Linie „pop“, und dazu fehlt meiner Arbeit die kommerzielle „Pop“-Attitüde. Es gibt eine wissenschaftliche Arbeit, über Kunst, wo auch mein Werk Erwähnung findet, und da wird meine Arbeit als Neo-Neo-
dadaismus beschrieben. Und wenn ich auch eigentlich nicht das Bedürfnis habe, meine Arbeit irgendwie formal zu klassifizieren, sagt mir doch der Grundgedanke des Dadaismus in seinem klar politischen Bestreben sehr zu. Und wie gesagt auch sogenannten Agit-Prop-Aktionen von kunst und kampf im Göttingen der 90er-Jahre kann ich in jeder Hinsicht viel abgewinnen.

Du entwirfst auch T-Shirt-Motive, auf einem ist ein Portrait mit Osama bin-Laden mit einer arabischen Textunterschrift zu sehen, auf einem anderen das Hammer und Sichel-Motiv mit einer russischen Unterschrift. Was hat es damit auf sich?
Das Osama bin Laden Motiv ist eine Collage aus bin Laden und dem Tiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer, leider erkennen das offenbar nur Tiroler_innen sofort (lacht), es ging hier darum, die verschwimmenden Grenzen zwischen anerkannten „Freiheitskämpfern“ und sogenannten Terrorist_innen zu thematisieren, die Arbeit war übrigens Teil der Ausstellung zum Andreas-Hofer-Gedenkjahr im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum. Hier ist sehr wichtig, auch auf die Textteile der Werke einzugehen. Bei der Osama bin Laden Collage steht drunter, in arabisch anmutender Kalligraphie „mander es isch zeit!“, diese Phrase wird dem Tiroler Freiheitshelden Hofer zugeschrieben, bevor er in den Kampf gegen die Besatzer_innen zog. Auch bei dem Materialbild mit Hammer und Sichel steht – diesmal mit kyrillischen Schriftzeichen – „mander es isch zeit!“ darunter. Der 2009 gefeierte und geehrte „Freiheitskämpfer“ Hofer war ein konservativer Gegner der Aufklärung mit eindeutigem Hang zu religiösem Fundamentalismus. Diese feinen Unterschiede, warum ist der eine Freiheitskämpfer und der andere Terrorist? Was wurde aus dem Bauernaufstand? Zweiteres anhand der Symbole des Arbeiter- und Bauernstaates – Darum geht‘s in den beiden Arbeiten.

Was machst Du morgen?
Neben meiner künstlerischen Arbeit und meiner Lohnarbeit als Restaurator bin ich weiters auch zwei Mal die Woche als Betreuer an einer nichtstaatlichen, freien Schule tätig. Morgen bin ich also in der Lernwerkstatt und arbeite kreativ mit den Schüler_innen. Danach hab ich noch Einiges zu schreiben, sollte schon lange einige Grafiken und Skulpturen fertigmachen und freue mich auf einen langen Waldspaziergang mit meiner Familie!

Wir danken Dir für die Zeit und das Interview und wünschen Dir alles Gute!
Vielen Dank auch Dir und Euch, für Eure Berichterstattung und Eure Solidarität!

Das Interview führte Andre Gamerschlag 17.05.2011


Österreich:§278a


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