Rezension

Human-Animal Studies

Über die gesellschaftliche Natur von
Mensch-Tier-Verhältnissen

Im Oktober 2011 veröffentlicht der Arbeitskreis für Human-Animal Studies, Chimaira, seinen ersten transdisziplinär angelegten Sammelband zu Gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnissen.

Human-Animal Studies (HAS) sind ein neueres Forschungsfeld, das sich mit Mensch-Tier-Beziehungen und Mensch-Tier-Verhältnissen auseinandersetzt. Unter Mensch-Tier-Verhältnissen wird die Gesamtheit aller Mensch-Tier-Beziehungen, ihre gesellschaftliche Einbettung und ihre Institutionalisierung verstanden. In Arbeiten der Human-Animal Studies werden die Mensch-Tier-Verhältnisse vielfach als sozial, historisch und politisch hergestellte Verhältnisse begriffen und damit der theoretische Grundstein für eine Politisierung und eben auch Veränderung dieser Verhältnisse gelegt. Im englischsprachigen Raum sind die Human-Animal Studies bereits etablierter als dies hierzulande der Fall ist, jedoch beginnt dieses Forschungsfeld nun auch in Deutschland langsam Fuß zu fassen.

Das Buch mit dem Titel Human-Animal Studies – Über die gesellschaftliche Natur von Mensch-Tier-Verhältnissen richtet sich in erster Linie an akademisch geprägte Leser_innen und verfolgt einen wissenschaftlichen Anspruch. Die Herausgeber_innen des Sammelbands wollen die Mensch-Tier-Verhältnisse nicht nur deskriptiv beschreiben, sondern haben den Band als ein kritisches Werk angelegt, das die bestehenden Mensch-Tier-Verhältnisse differenziert hinterfragt und zu einer Veränderung ebendieser beitragen möchte.

»Mit dem Band wurden erste
theoretische und empirische Arbeiten
in kaum erforschten Feldern geliefert.«


Der Sammelband eröffnet mit einer umfangreichen Einführung in die Thematiken Gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnisse und Human-Animal Studies: Auf einen philosophiegeschichtlichen Abriss der Reproduktion des Mensch/Tier-Dualismus folgt eine exemplarische Darstellung von historischen Gegenströmungen. Ein Überblick über den Forschungsstand der Human-Animal Studies im deutschsprachigen Raum sowie eine Erläuterung wesentlicher Begrifflichkeiten werden im Anschluss gegeben. Mithilfe dieser Einleitung sowie einem, dem Sammelband angefügten Glossar, in welchem für die Human-Animal Studies relevante Begriffe wie beispielsweise Speziesismus und Othering erläutert werden, werden auch Leser_innen, die sich erstmalig mit dem Themenfeld auseinandersetzen, von den Herausgeber_innen an die Hand genommen und grundlegend in die Thematik eingeführt.

Es folgen zehn Beiträge verschiedener Autor_innen aus unterschiedlichen Fachrichtungen – Soziologie, Politikwissenschaften, (politische) Philosophie, Gender und Queer Studies sowie Sprach- und Geschichtswissenschaften. In der Bezugnahme auf wissenschaftliche Theorien weist die Anthologie ebenfalls eine große Bandbreite auf: poststrukturalistische und (queer-)feministische Theorien werden in dem Band ebenso diskutiert bzw. herangezogen wie Theorien aus der Sozialen Bewegungsforschung oder der Intersektionalitätsforschung. Zudem wird in zwei Beiträgen auch auf eigene qualitative empirische Untersuchungen zurückgegriffen.

In einem ersten Schwerpunkt des Bandes setzen sich die Autor_innen in theoretischen Beiträgen mit den Ausschlüssen nichtmenschlicher Tiere aus Theoriebildung und Gesellschaft auseinander: So legt Sven Wirth in seiner Abhandlung eine anthropozentrismus-kritische Herrschaftsanalytik fragmentarisch dar, die sich an Foucaults Machtkonzept anlehnt. Im anschließenden sprachwissenschaftlichen Beitrag untersucht Markus Kurth Sprache als Phänomen der Grenzziehung zwischen Menschen und nichtmenschlichen Tieren. Seine Argumentation verdeutlicht, dass nicht das Sprachvermögen, sondern vielmehr die Möglichkeit einer Beteiligung am Diskurs, die entscheidende Grenzlinie darstellt. Diese verläuft, so Kurth, folglich nicht zwischen Menschen und nichtmenschlichen Tieren, sondern auch menschliche Individuen werden auf diesem Wege von politischer und gesellschaftlicher Mitbestimmung ausgeschlossen. Die Historikerin Mieke Roscher diskutiert in ihrer Arbeit die Chancen und Grenzen einer Tiergeschichtsschreibung. Der Intersektionalitätsforschung widmet sich danach Andre Gamerschlag und plädiert für eine intersektionelle Öffnung der Human-Animal Studies.
Die folgenden drei Beiträge der Anthologie lassen sich dem Schwerpunkt „(Queer-) Feministische Theorien und Mensch-Tier-Verhältnisse“ zuordnen: Mit strukturellen Ähnlichkeiten zwischen der Unterdrückung von Frauen und nichtmenschlichen Tieren befasst sich der Beitrag der Politikwissenschaftlerin Sabine Hastedt. Swetlana Hildebrandt zeigt hingegen auf, inwiefern die Queer-Theorie auch geeignet ist, sich mit ‚Tieren’ und Mensch-Tier-Verhältnissen auseinanderzusetzen. Feministische Diskurse innerhalb der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung diskutiert Andrea Heubach in einem weiteren Beitrag. In diesem kritisiert sie gängige Positionen zu sexistischen Werbekampagnen innerhalb der Bewegung, die sie als verkürzt zurückweist. Sie veranschaulicht ihre Argumentation anhand von (teils obskur erscheinenden) Beispielen aus der Bewegung, insbesondere anhand von Werbekampagnen der Tierrechts- bzw. New Welfarism-Organisation PeTA.
Der letzte Schwerpunkt widmet sich der Praxis der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung und des Veganismus: Unter Bezugnahme auf Interviews mit Mitbegründer_innen der Tierrechtsbewegung in der BRD sowie unter Rückgriff auf den Framing-Ansatz der Sozialen Bewegungsforschung untersucht Aiyana Rosen die Entstehungsgeschichte der deutschen Bewegung. In dem Text „Zum Verhältnis von Hardcore-Szene und veganer Biographie“ von Markus Kurth et al. ziehen die Autor_innen ebenfalls qualitative Interviews heran, die sie mit Veganer_innen, die einen Bezug zur Hardcore-Szene aufweisen, geführt haben.
Dermaßen breit angelegt, lässt der Sammelband die Komplexität Gesellschaftlicher Mensch-Tier-Verhältnisse erahnen.

Gemeinsam ist den Beiträgen des Buches nicht nur ihre Auseinandersetzung mit ‚dem Tier‘ bzw. den Verhältnissen zwischen Menschen und ‚Tieren’, sondern auch ihre anthropozentrismus-kritische Einstellung, die Wahrnehmung nichtmenschlicher Tiere als berücksichtigenswerte Individuen sowie eine Kritik an der Objektifizierung nichtmenschlicher Tiere in hegemonialen Diskursen. Die Autor_innen wollen zudem in ihren Beiträgen den Begriff Gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnisse prägen und weisen damit explizit auf die Gesellschaftlichkeit dieser Verhältnisse hin.

Sowohl diejenigen Leser_innen, die sich in wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit anderen Themen befinden und nun die ‚Tierfrage‘ mit einbringen möchten, als auch jene, die sich schon länger intensiv mit Mensch-Tier-Verhältnissen auseinandersetzen, werden in den Beiträgen dieses Bandes Neues und Interessantes finden: So werden neben der transdisziplinären Einführung in verschiedene Themen des Forschungsfeldes verschiedene theoretische Herangehensweisen aufgezeigt, mit denen sich der ‚Tierfrage‘ von den Human-Animal Studies aus genähert werden kann. Zudem werden auch bislang wenig bearbeitete und erforschte Thematiken in den Beiträgen erörtert.

Mit dem Band wurden folglich erste theoretische und empirische Arbeiten in noch kaum erforschten Feldern geliefert und damit ein Schritt zur Etablierung der Human-Animal Studies im deutschsprachigen Raum unternommen..

Denise Kästner u.a.


TIERBEFREIUNG 72



Das Buch

Chimaira AK für Human-Animal Studies (Hg.)
Human-Animal Studies – Über die gesellschaftliche Natur von Mensch-Tier-Verhältnissen
transcript Verlag
Oktober 2011
24,80 €

Interviews
Erste Schritte in der Etablierung deutschsprachiger Human-Animal-Studies?
· Interviews mit Sonja Buschka (Group for Society and Animals Studies Hamburg) und Sven Wirth (Chimaira AK für Human-Animal Studies Berlin)
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