Diskussion
It*s not a fucking lifestyle!
Eine Replik auf „Who killed Bambi?“
(Vortrag von Jan Gerber und Michael Bauer)
Ein Gespenst geht um in der „linksalternativen Szene“ - das Gespenst des Veganismus. Die Avantgarde der Aufklärung (1) hat sich zum Zwecke vernichtender Kritik gegen dies Gespenst verbündet. Das dynamische Exorzistenduo Gerber/Bauer tritt wiederholt an, um Gutmenschen, Möchtegernweltverbesserern und sonstigen Irrläufern die diabolisch-faschistoide Empathie gegenüber Tieren mit dem Beelzebub des
pauschalen Ressentiments auszutreiben. Was ist das für eine groteske Angst vor dem Begriff des Veganismus? Die Referenten möchte man, wirkten sie nur nicht so bissig, tröstend in die Arme nehmen, um ihnen mit einem Augenzwinkern sanft zu säuseln, dass es keine Gespenster gibt, dass Veganer(innen) keine Tiere quälen oder töten wollen, auch keine menschlichen (2).
Die Tristesse des „Gegners“ [sic] bestätige die ewigen Wiederkäuer des Gleichen in der beharrlichen Geltung ihrer krampfhaft verlesenen „Ideologiekritik“. Die vorliegende Replik soll zumindest eines leisten, dass die Referenten sich nur mehr mit Müßiggang herausreden können, wenn sie ihre Konservenkost mal wieder zum Fraß feilbieten. Die Kritik am sogenannten Holocaust-Vergleich, an jenen die ihn bemühen3, an antisemitischen Ressentiments (4), am Primitivismus des „back to the nature“ und dergleichen mehr, ja selbst noch an den Begriffen „Tierrecht“ (5) und „Antispeziesismus“ (6) ist notwendig und überfällig. Wer aber aus diesem gesammelten Unwesen das Wesen des Veganismus ableiten möchte, gleicht jenem Trottel, der, weil er stets nur aufs Gesäß fixiert ist, wähnen muss, es gäbe nichts als Ärsche. Und als wäre dies nicht schon genug, wird der begrenzte Horizont auch noch als Ideologiekritik verhökert.
Jan Gerber beginnt seinen Vortrag mit Adornos beiläufiger Äußerung über seine Vorliebe für ungarische Schnulzen (7). Sie sei Privatsache. Nun sollen Veganer(innen) wissen, wenn sie auch sonst nichts wissen, dass den Referenten der Lifestyle8 ihrer „Gegner“ herzlich egal ist, solange sich die persönliche Schrulle keine gesellschaftliche Relevanz anmaßt. Gerber ahnt die Haltlosigkeit seiner Analogie, weshalb er die antizipierte Kritik des „Gegners“, das Private sei das Politische, diskursiv mitliefert, um sie als linkes Geschwätz zu denunzieren. Indes liegt der Unterschied zwischen Adornos Vorliebe für ungarische Schnulzen und Gerbers Vorliebe für „exzessive Grillfeste“ (9,10) darin, dass Adornos musikalische Vorlieben niemandem weh tun. Jazz oder ungarische Schnulzen? Schönberg oder Strawinski? Das ist tatsächlich eine Frage des Geschmacks. Gerbers Geschmackssache geht indes über (nicht-menschliche) Leichen. Die gesellschaftliche Vermittlung, der Gerber mit bürgerlichem Subjektivismus entfliehen will, produziert nicht Musik, sondern Leid und Tod von Tieren. Seine Geschmackssache ist bloße Geschmacklosigkeit. Diese meinen die Referenten jedoch im „graugrünen Pamps“ und in „fade[n] Sojaprodukte[n]“ der veganen Kochkunst zu entdecken, von der sie scheinbar unheimlich viel verstehen. Was der Bauer (oder der Gerber) nicht kennt, das frisst er nicht.
„Im Zentrum der Aufklärung steht der Mensch“. Gerbers bahnbrechende Erkenntnis hätte nur noch mit der überraschenden Feststellung, dass der Kreis rund ist, an Originalität übertroffen werden können. Auch der Begriff des Veganismus ist notwendig die Wendung aufs Subjekt in der Form der Kritik. Er schwadroniert nicht über Eigenschaften von Tieren, welche dem menschlichen Subjekt zur Rechtfertigung seiner Gewalt in den Kram passen. Vielmehr geht es dem Veganismus um die Erkenntnis und Abschaffung dessen, was die Menschen zu solcher Gewalt fähig werden lässt. Im Zentrum des Veganismus steht notwendig der Mensch.
„Die Idee des Menschen in der europäischen Geschichte drückt sich in der Unterscheidung vom Tier aus,“ (11) Um der Gehässigkeit inne zu werden, mit der Gerber den Satz affirmativ verstanden wissen will, empfiehlt es sich die Passage weiter zu lesen: „Mit seiner Unvernunft beweisen sie die Menschenwürde. Mit solcher Beharrlichkeit und Einstimmigkeit ist der Gegensatz [...] hergebetet worden, dass er wie wenige Ideen zum Grundbestand der westlichen Anthropologie gehört. [...] Er [der Mensch, Anm. d. Verf.] bekundet, indem er sich am Tier vergeht, dass er, und nur er in der ganzen Schöpfung, freiwillig so mechanisch, blind und automatisch funktioniert, wie die Zuckungen der gefesselten Opfer [...]. [...] Dem Menschen gehört die Vernunft, die unbarmherzig abläuft; das Tier, aus dem er den blutigen Schluss zieht, hat nur das unvernünftige Entsetzen, den Trieb zur Flucht, die ihm abgeschnitten ist. [...] In Krieg und Frieden, Arena und Schlachthaus, vom langsamen Tod des Elefanten, den primitive Menschenhorden auf Grund der ersten Planung überwältigten, bis zur lückenlosen Ausbeutung der Tierwelt heute, haben die unvernünftigen Geschöpfe stets Vernunft erfahren.“ (12) Der Begriff des Menschen ist ohne Selbstbesinnung, indem er sich in der Differenz zum Tier projiziert. Unter der latenten Ahnung animalischen Ursprungs zu sein, d.h. nicht prinzipiell, sondern nur graduell verschieden zu sein, überhöht sich der krampfhafte Distinktionszwang des Menschen. Auf die Frage was der Mensch sei, folgt von Lieschen Müller bis zur honorigen Philosophie immer nur die Antwort, der Mensch unterscheide sich vom Tier in diesem oder jenem. Keine Selbstreflexion, kein Innewerden, kein Ausdruck des Inkommensurablen (13)! Von der Singularität des Menschen wird in einer Form geschwätzt, die sich selbst relativiert, um letztlich noch die Bestie in ihrer Bestialität zu übertreffen. Der Mensch rühmt sich der Fähigkeit zur Empathie, zum Mitleid, zur Moral, dazu, besser als die Tiere zu sein, weil er sie moralisch berücksichtigen kann, also berücksichtigt er sie nicht. Der Mensch rühmt sich seiner Fähigkeit zur Vernunft und lässt den Tieren, indem er sich an ihnen vergeht, qualvoll seine Vernunft erfahren, die zum bloßen Instrument der Gewalt und (im Falle Gerbers) ihrer Legitimation verkommen ist. Solange Menschen keinen Begriff von ihrer Menschlichkeit haben, solange sie nicht wahrhaft menschlich werden, solange sie sich im Moment ihrer Verantwortung den Tieren gleichmachen, um sich aus selbiger zu stehlen, bleibt Gerbers Plädoyer für eine Nobilitierung des Menschen bloße Farce. „Noblesse oblige“ möchte man ihm zurufen. Später wird Bauer von der Doppelmoral der Veganer(innen) schwadronieren, davon, dass „der Fuchs weiter ungestraft am Hasen nagen“ darf, während der Mensch den Groll der Veganer(innen) auf sich zöge, wenn er am „Kaninchenbraten“ naschte. Doppelmoral, so muss man Bauer belehren, das ist, wenn man so ganz anders als Tiere sein will und es dabei den Tieren gleichmacht. Im Rekurs auf Natur, darauf dass der Fuchs „die Ungleichbehandlung aufgrund der Art“ am Hasen exerziert, kann nicht folgen, dass der „Speziesismus“ (wenn man diese fragwürdige Phrase verwenden will), weil er natürlich ist, zur Maßgabe für die Menschen werden muss. Das ist der naturalistische Fehlschluss, den der Veganismus kritisiert. Der Fuchs kennt Freiheit nur als Notwendigkeit, der Mensch kennt sie als Möglichkeit, er hat die Wahl. In diesem Sinne ist Veganismus auch ein Wohlstandsphänomen. Wer das kritisiert, argumentiert indes nicht hedonistisch im Sinne eines emanzipatorischen Begriffs des Glücks, sondern in jener Form die dem Veganismus fälschlich unterstellt wird, in der Form der Askese, „Selbstgeißelung und Entsagung“. Veganismus ist indes hedonistische Genügsamkeit. Moral ist jenen suspekt, die sie stets nur als Sendungsbewusstsein missverstanden haben. Sinnhaft ist Moral aber überhaupt nur, wenn sowohl die Freiheit von Handlungsperspektiven als auch ein universaler Anspruch geltend gemacht werden kann. Insofern erübrigt sich eine Anklage gegen das Wohlstandsprivileg. Wer Menschen, die am Hungertuch nagen, moralisierend zur Einhaltung moralischer Standards anhalten möchte, dem ist nicht zu helfen. (14) An der Vermittlung der Bedingungen der Möglichkeit von Moral scheitert diese zumeist, denn universelle Geltung kann sich nur freiwillig ausformen. Das ist ihr unauflösbarer Widerspruch und zugleich ihre emanzipatorische Perspektive. Die rechtsförmige Denkform der selbsternannten Tierrechtler versucht jedoch diese moralische Reibungsfläche aufzulösen, indem sie als Recht setzt, was sein soll, d.h. indem sie die Frage der Freiwilligkeit autoritär verbietet und die Frage der Geltung jener souveränen Gewalt des Staates überantwortet, die von jeher die Grundlage des Rechts war. Es kann und soll aber kein Mensch dazu gezwungen werden, vegan zu leben. Gleichwohl versteht sich Veganismus als eine Ideologiekritik und damit als Kritik an notwendig falschem Bewusstsein, das aus gesellschaftlichen Verhältnissen erwächst und nicht aus persönlichen Vorlieben, die sich irgendwo im luftleeren Raum selbst generieren. Dementsprechend wirkt sie gesellschaftlich, auch und gerade wenn das die Referenten von „Who killed Bambi?“ missbilligen.
Gerber und Bauer beziehen sich ferner auf den sogenannten „Homo-mensura-Satz“ des Sophisten Protagoras: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der Seienden, wie sie sind, der nicht Seienden, wie sie nicht sind.“ (15) In bewährter Manier wird der Sinn eines Satz aus seinem Kontext gerissen und instrumentell verwertet. Im Gegensatz zur programmatischen (und damit nicht weniger falschen) Lesart Gerbers liegt dem Satz ein erkenntnistheoretisches Problem zugrunde, nämlich die Frage, inwieweit das Wissen der Menschen durch ihre subjektive Wahrnehmung fundiert wird. Dem Satz unterliegt eine Bescheidenheit, die Gerber und Bauer fremd ist. Protagoras postuliert damit, dass der Mensch keine göttliche, d.h. objektive Sichtweise einnehmen kann, die über seine subjektive Verfasstheit hinauswiese. Das ist damit gemeint, allein über menschliche Maßstäbe verfügen zu können. Platon legt Sokrates in seinem Theaitetos dazu folgende Kritik in den Mund: „Denn wenn einem jeden wahr sein soll, was er mittelst der Wahrnehmung vorstellt, und weder einer den Zustand des andern besser beurteilen kann, noch auch die Vorstellung des einen der andere besser imstande ist in Erwägung zu ziehen, ob sie wahr oder falsch ist, sondern, wie schon oft gesagt ist, jeder nur seine eignen Vorstellungen hat und diese alle richtig und wahr sind: wie soll denn wohl, o Freund, nur Protagoras weise sein, so dass er mit Recht auch von andern zum Lehrer angenommen wird, und das um großen Lohn, wir dagegen unwissender, so dass wir bei ihm in die Schule gehn müssen, da doch jeder Mensch das Maß seiner eignen Weisheit ist?“ (16) Protagoras relativiert menschliche Erkenntnis aus einem sensualistischen Subjektivismus heraus. Ungeachtet dieser Kritik können Menschen gar nicht anders als durch die menschliche Brille zu schauen. Der Freiheit der Erkenntnis wird durch die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis Grenzen gesetzt. Selbst wer Gerber und Bauer zugestehen möchte der Sentenz einen anderen Sinn zu geben, einen, der objektive Geltung beansprucht, stolpert über den relativistischen Gehalt des Satzes: Wo der Mensch sich im Verhältnis zum Tier bestimmt, muss er sich zunächst gleichsetzen, um darin das Maß seiner Verschiedenheit zu quantifizieren: „Im Reiche der Zwecke hat alles entweder einen Preis, oder eine Würde. Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes als Äquivalent gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde.“ (17) In diesem Sinne verstehen Gerber und Bauer den Menschen als Höchstpreis oder Leitwährung, nicht aber als jenes Wesen, das über allen Preis erhaben ist. Die Wertform schleicht sich selbst noch in der naturrechtlichen Herrenmoral der Referenten ein.
Der Vorleser Bauer geifert, bezugnehmend auf einen Absatz in der o.g. Passage der „Dialektik der Aufklärung“, wie schrecklich debil und begriffslos Tiere doch seien. Keinen Begriff von etwas zu haben ist ihm gleichbedeutend mit Empfindungslosigkeit oder zumindest mit Empfindsamkeit auf einem nichtswürdigen Niveau. Letztlich ist er der Blinde, der von der Fadheit der Farben schwadroniert. Die vermeintliche Dummheit der Tiere, dient ihm als Legitimation für die eigene Gleichgültigkeit. Man kann nur froh sein, dass es Bauer durchgehend an Stringenz fehlt, andernfalls müsste man schon darüber erschaudern, wie ihm der Umstand, dass ein Wesen irgendwie debil sei, als Rechtfertigung der Gewalt genügt. Diese Denkform ist nämlich zumindest in ihrer Konsequenz jene Aufforderung zum Pogrom, die Menschen mit erheblichen kognitiven Einschränkungen oder vermeintlich begriffsstutzige „Gegner“ als legitime Opfer zum Abschuss oder gar als kulinarischen Rohstoff für „exzessive Grillfeste“ freigibt.
Die effektivste Form der Denunziation, darin sind sich Bauer und Gerber einig, ist die Identifikation des Veganismus mit dem Faschismus. Wenn die Argumentation dem „rien ne va plus“ anheimfällt, hat man schließlich noch den Joker in der Tasche: Hitler war Vegetarier! Damit ist der „Gegner“ diskreditiert. Die merkwürdige Affinität von einigen Protagonisten des Nationalsozialismus zur Tätschelei von Tieren oder seltsamen Kostformen mit noch seltsameren Motiven wird zum Indikator für die faschistische Verruchtheit der Veganer(innen). Dass die Idee des Vegetarismus bis in die griechische Antike zurückreicht, will man elegant ignorieren, damit nur keine Zweifel an der haltlosen Geschichtsklitterung aufkommen. Vielmehr verlangt man vom „Gegner“ in der Diskussion auch noch Spielarten der Irrationalität des Nationalsozialismus rationalisierend zu erklären und theoretisierbar zu machen. Als ließe sich der deutsche Nationalsozialismus samt seiner Mucken auf ein vernünftiges Fundament stellen, das sich rational herleiten ließe. Die einfältige Argumentation einer pseudohistorischen Ableitung des Veganismus aus dem deutschen Faschismus ist nicht weniger dumm, als die gegenteilige Behauptung, dass „Fleischesser“ Nazis seien, weil die erdrückende Mehrheit des deutschtümelnden Mordkollektivs „Fleischesser“ waren. Im Hinblick auf den Widerstand gegen den Nationalsozialismus ließe sich auch der vegetarisch geprägte „Internationale Sozialistische Kampfbund“ anführen. Daraus jedoch allgemeine Tendenzen abzuleiten, wie es Gerber und Bauer für ihre Argumentation bevorzugen, verbietet sich indes für diejenigen, die Ideologiekritik beim Wort nehmen wollen.
Bauer behauptet ferner, der Veganismus strebe eine Nivellierung des Unterschieds zwischen Menschen und Tieren an. Das ist falsch. Es geht im Gegenteil darum, dass Tiere unterschiedlich sind. Es geht um die Kritik an jener Ideologie, die von der Hausstaubmilbe bis zum Bonobo alles als indifferent bzw. identisch unter der Kategorie Tier subsumiert, während im Reich der Primaten, der sogenannten Herrentiere, zwischen Bonobos und dem identischen Kollektiv der Menschen ein tiefer Graben der Differenz über die noble Einzigartigkeit wacht. Von einem Gleichheitszeichen zwischen Mensch und Tier kann keine Rede sein. Das wäre vielmehr der Kategorienfehler, den der Begriff des Veganismus kritisiert. Zwischen einem Gleichheitszeichen sind beide Ausdrücke beliebig vertauschbar und genau das wäre offensichtlicher Unsinn.
Bauer und Gerber missverstehen das Mensch-Tier-Verhältnis als eine moralische Gesamtsumme, unter der die Berücksichtigung von Tieren mit Notwendigkeit eine Vernachlässigung von Menschen heraufbeschwörte. Nicht genug, nach einer Studie von Wolfgang Pohrt bestünde ein empirischer Zusammenhang zwischen der Liebe zu Tieren und dem Hass gegen Menschen. Mit Empirie lässt sich vieles beweisen, wenn es gewünscht ist auch das Gegenteil. Schwerer wiegt aber, dass die statistische Auswertung alle Differenzen nivelliert und allgemeine Tendenzen ableitet. Aus Individuen werden Stichprobengesamtheiten, aus Einzelnen wird zugleich das Allgemeine oder wie heißt es so schön: Der Statistiker ist ein Mensch, der mit den Füßen im Backofen und dem Kopf im Gefrierschrank beteuert, dass seine Durchschnittstemperatur eigentlich optimal sei.
Wenn Menschen nicht wie Tiere behandelt werden sollen, dann vor allem, weil impliziert wird, dass Tiere behandelt werden könnten, wie man sie eben behandelt. Bauers Befund, menschliches Leben erschöpfe sich nicht in Schmerz und Leid ist so wahr wie seine Implikation falsch ist, nämlich dass das tierliche Leben sich darin erschöpfen würde. Eines eint jedoch die Differenzen der quälbaren Kreaturen. Schmerz und Leid reduzieren Menschen und andere Tiere auf reine Körperlichkeit. Im Moment des unerträglichen Schmerzes (dessen angstvolle Erwartung aber auch dessen erlösendes Ende die meisten Menschen noch antizipieren können) geht noch dem geistreichsten Menschen herzlich am Arsch vorbei, dass es zuvor noch etwas außer Schmerz in seinem Leben gab, vielmehr zählt nur eines: Es soll aufhören. „Weh spricht, vergeh.“18 Mitleid und Empathie können dabei Wesentliches leisten. Problematisch an ihnen ist nicht der gefühlsduselige Impuls eines „Bambi-Effekts“, „sondern das Beschränkende am Mitleid macht es fragwürdig, es ist immer zu wenig.“19
Veganismus hat nicht den positivistischen Anspruch, richtiges Leben im Falschen zu sein. Er ist vielmehr bloße Negation, es geht darum etwas nicht zu tun, d.h. Tiere nicht zu nutzen, nicht zu quälen, nicht zu töten. Es kann nicht bedeuten, Widersprüche, nämlich dass die Abschaffung von Leid keine bloß subjektivistische Aufgabe sein kann, durch falsche Unmittelbarkeit des selektiven Konsumverzichts aufzulösen. Vielmehr bedeutet es, nicht einer Gleichgültigkeit zu erliegen, die tönt, wenn wir schon in der Not der Widersprüche leben, machen wir eben wie Bauer und Gerber eine Tugend daraus. Der Veganismus ist weder frei von Widersprüchen noch die Lösung für alle Übel der Welt. Aber seine Widersprüche stehen in keinem Verhältnis zu jenen die das Mensch-Tier-Verhältnis zeitigt.
Während das Essen von Hunden oder Katzen hierzulande barbarisch anmutet, gilt selbiges anderswo für Rinder und Schweine. Wo der Verzehr der jeweiligen Spezies zum guten kulinarischen Ton zivilisierter Kost ideologisch perpetuiert wird, ist der moralische Zeigefinger nicht weit, der klagend auf die „fremde“ Kultur zeigt, um von jener Identität menschlicher Kultur schlechthin abzulenken, welche allerorts von einem schizophrenen Verhältnis zu Tieren zeugt. Die Nutzbarkeit der Tiere für den Menschen hat indes nichts mit dem tierlichen Sein, sondern vielmehr mit dem Bewusstsein von Menschen zu tun, materialistisch gewendet, mit jenen Verhältnissen, die sich in die Denkform der Menschen einschreiben. In diesem Sinne steht weder der Begriff der Aufklärung noch der kategorische Imperativ von Marx, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ im Gegensatz zu seiner Erweiterung auf alle leidensfähigen Individuen.
von Tim Kröger
(1) Jan Gerber und Michael Bauer engagieren sich bei „Materialien zur Aufklärung und Kritik“ (Halle) (http://www.materialien-kritik.de/).
(2) Die vertrackte Terminologie des human animals oder non-human animals, mit der hier kokettiert wird, ist nicht, wie die Referenten wähnen, ein von Veganer(innen) erdachter Neologismus. Diese schwätzen nur nach, wovon Naturwissenschaftler(innen) bzw. Vivisektor(innen) seit Darwin sprechen, zuweilen auch in der Diktion der human bzw. non-human vertebrates, mammals oder primates. Das ist die historische Ironie dieser sprachlichen Wendung, dessen Kritik man unwissend versäumte.
(3) Z.B. PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) mit ihrer Kampagne „holocaust on your plate“ oder der nicht minder einfältige Arbeitskreis Tierrechte und Ethik (A.K.T.E.).
(4) Insbesondere wird das deutlich, wenn die Empörung über das Schächten laut wird. Man denke aber auch an die martialischen Drohgebärden von Aktivist(inn)en der Tierrechtsaktion Nord (TAN) bei der Verhinderung der Vorführung des Lanzmann-Filmes „Pourquois Israel“ am 25.10.2009 in Hamburg.
(5) Unabhängig davon, dass die Berufung auf die Rechtsform eines emanzipatorischen Gehaltes entbehrt, sind Tierrechte eine Farce, weil sie notwendig Tiere als Subjekte von Rechten und Pflichten missverstehen müssen oder auf den Paternalismus der Schutzbefohlenen verweisen, wie etwa bei sogenannten „Unmündigen“.
(6) Der Begriff des Antispeziesismus verweist notwendig auf den Biozentrismus, der alle Lebewesen unabhängig von ihrer Leidensfähigkeit gleichermaßen berücksichtigen und deshalb (als Unmöglichkeit zu leben) scheitern muss.
(7) „Dass mir ungarische Schnulzen dann immer noch lieber sind [als Jazz, Anm. d. Verf.], ist meine Privatsache.“ Originalton von Theodor W. Adorno in der Dokumentation „Der Bürger als Revolutionär“ ab 42:38 min
(8) It‘s not a fucking lifestyle!
(9) Bzw. „für Bockwurst, Steak und Schweinskopfsülze“.
(10) Im übrigen kann man sich auch mit veganem Grillgut exzessiver Grillfeste erfreuen.
(11) Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. 13. Aufl., 2001, S. 262f. bzw. Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften, Bd. 3, 1. Aufl., 2003, 283f. [Beginn des Abschnitts „Mensch und Tier“ der Aufzeichnungen und Entwürfe]
(12) Ebd.
(13) das nicht Messbare, nicht Vergleichbare
(14) Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Veganismus schweigen.
(15) Protagoras Schriften sind nicht erhalten, der Homo-mensura-Satz ist u.a. in Platons Theaitetos überliefert und kritisiert worden.
(16) Platon: Sämtliche Werke. Bd. 2, Berlin, 1940, S. 590-591.
(17) Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Stuttgart, 2000, S.87.
(18) Friedrich Nietzsches: Also sprach Zarathustra, Leipzig , 1. Aufl., 2000, S. 341.
(19) Horkheimer, Adorno: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt a. M., 13. Aufl., 2001, S. 110.