Rezension
„Occupy Wall Street“ und Tierbefreiung
Seit dem 17. September 2011 wird der Zuccotti Park im Wall Street Finanzviertel von New York als Basiscamp für Demonstrationen gegen die US-amerikanische Wirtschaftsmacht genutzt. Nach dem Motto „We are the 99%“ protestieren Aktivist_innen aus unterschiedlichsten sozialen Bewegungen gegen die Tatsache, dass nur ein Prozent der Bevölkerung, nämlich die Reichsten der Finanzelite und deren Lobbyist_innen, die restlichen 99 % der Menschen beherrscht. Die „Occupy Wall Street“ Bewegung hat sich nicht nur auf andere amerikanische Städte ausgebreitet, sondern ist zu einer internationalen Protestbewegung angewachsen.
Hieß es bislang gegen Banken und Finanzen und für mehr politische Mitbestimmung zu protestieren, gibt uns der kritische Journalist Will Porter fünf taktische Gründe an die Hand, warum auch für Tierrechts- und Tierbefreiungsaktivist_innen die „Occupy Wall Street“ Bewegung interessant sein könnte die bislang unter der Deutungshoheit eines Kampfes für mehr soziale Gerechtigkeit stand.
1. Die gegenwärtig von wenigen kontrollierte, kapitalistische Gesellschaft zerstört den Planeten. Der Reichtum weniger wird durch die Ausbeutung von nicht-menschlichen Lebewesen befördert. Durch die Kontrolle von Konsum und durch Konsumvorgaben wird eine Wahrnehmung gesteuert, die weder natürlich noch notwendig ist, sondern zu Umweltzerstörung und zu millionenfachem tierlichen Leid führt.
2. Die „Green Scare“ - die staatlich verordnete Umdeutung von Aktivist_innen zu „Öko-Terroristen“ - zeigt einen wichtigen Aspekt der Wirtschaftsmächte auf, den es aufzugreifen lohnt: die Entfesselung von Macht zum Zwecke des Machterhalts.
3. Die repressionserprobte Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung kann ihr Wissen über Taktik und Strategie auf Demonstrationen, bei Aktionen zivilen Ungehorsams usw. (mit-)teilen und mit diesem Wissenstransfer gemeinsame Ziele effektiver erreichen.
4. Die Begegnung mit Aktivist_innen aus anderen, „tierfernen“ sozialen Bewegungen kann zu einer neuen Solidarität untereinander führen, um sich auszutauschen und zu unterstützen.
5. Das verhilft letztlich dazu, Werbung für die Tierrechts- bzw. Tierbefreiungsbewegung zu machen und das Image vom „single-issue“-Verfechter, vom „Hauptsache für die Tiere“-Aktivisten, das sich in vielen Köpfen breit gemacht hat, aufzulockern und zu zeigen, dass auch in größeren Zusammenhängen gedacht wird.
Diese Gründe, so Will Porter, sprechen dafür, sich an der „Occupy Bewegung“ zu beteiligen und darin eine Chance zu sehen, um auf die Tiere aufmerksam zu machen und neue Beziehungen und Vernetzungen zu anderen Aktivist_innen einzugehen.
In TIERBEFREIUNG 71 besprachen wir Will Porters Buch „Green is the New Red“.