TIERBEFREIUNG 80 | Rückblick

Tiere im Zirkus

Weiterhin Stillstand oder Grund zur Zuversicht?

von Peter Höffken

Die wohl größte Herausforderung der letzten 20 Jahre war für die Zirkusbetriebe die massenhafte Verbreitung von Digital- und Handykameras. So entstanden erschütternde Zeugnisse einer beispiellosen und system-immanenten Kultur von Gewalt und Misshandlungen an den im Zirkus mitgeführten Tieren, die zuvor allenfalls aus Büchern und Beschreibungen bekannt waren und von der kaum sensibilisierten Öffentlichkeit gerne als Einzelfälle abgetan wurden.

Die Zirkusunternehmen haben mit Entschlossenheit auf diese Herausforderung reagiert: Das Erstellen von Video- und Fotoaufnahmen wird meist unter Androhung beziehungsweise Anwendung von körperlicher Gewalt oder rechtlichen Konsequenzen untersagt. Am Gastspielort werden Zirkuswagen und Gehege in der Regel so angeordnet, dass die Tiere von außen nicht zu sehen sind. Pressetermine fallen nicht selten mit der Fütterungszeit zusammen, um den oftmals mit Freikartenaktionen oder Anzeigenaufträgen positiv gestimmten Pressevertretern ein Bild von zufriedenen, wohlgenährten Tieren zu suggerieren. Viele Zirkusbetriebe gehen, häufig unter Bemühung von Anwälten, konsequent gegen kritische Medien, Organisationen und Einzelpersonen vor. Circus Krone klagte sogar durch drei Instanzen gegen die Tierrechtsorganisation PeTA, um die mit teils versteckter Kamera gedrehten Aufnahmen über die Tierhaltung in diesem Zirkus untersagen zu lassen, scheiterte 2011 letztlich aber vor dem Bundesgerichthof.

Für die Tiere im Zirkus hat sich über die Jahrzehnte hinweg dagegen nichts geändert. Giraffen, Nashörner, Pferde, Kamele, Bären, Elefanten, Raubkatzen und viele andere Tierarten werden wie zu den Anfängen des Zirkus zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf Transportwagen durch ganz Europa gekarrt, am Gastspielort in winzige Käfige und Gehege gepfercht und mittels einer von Gewalt und Zwang geprägten Dressur zum Gehorsam gezwungen. In der Manege schließlich müssen die Tiere unter Anwendung oder Androhung von Peitsche, Stock oder Elefantenhaken vor einem empathiearmen Publikum unnatürliche und ihrer Gesundheit oftmals abträgliche Verhaltensweisen aufführen. Auch der Vorzeigezirkus der Branche, Charles Knie, belässt Elefanten und andere Tiere während der zahlreichen Ortswechsel regelmäßig bis zu 16 Stunden auf dem LKW, wofür sich das Unternehmen 2012 Strafanzeigen zweier Organisationen einhandelte.

Auch Politik, Justiz und Behörden haben der Tierquälerei im Zirkus bisher nichts entgegen gebracht. Amtsveterinäre setzen häufig nicht einmal die Zirkusleitlinien („Leitlinien für die Haltung, Ausbildung und Nutzung von Tieren in Zirkusbetrieben oder ähnlichen Einrichtungen“) durch, die das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMELV) zuletzt im Jahr 2000 aktualisierte und für die im Wesentlichen die damaligen Tierhaltungsbedingungen in den Zirkusbetrieben als Vorlage dienten. Müssen sie auch nicht, denn die Zirkusleitlinien haben weder den Status eines Gesetzes noch den einer Verordnung, sondern sie sollen Amtstierärzten lediglich als Orientierungsgröße dienen. Die Leitlinien sind ohnehin eine verschriftlichte Legitimierung tierquälerischer Handlungsweisen, erlauben sie es Zirkusbetrieben beispielsweise doch, Elefanten jede Nacht ihres Lebens an zwei Beinen anzuketten, Peitsche und Elefantenhaken einzusetzen und Pferde für die Dauer ihres gesamten Lebens in Boxen einzusperren. Und so werden weiterhin selbst sichtlich schwer kranke Tiere, wie beispielsweise die Elefantin Mausi aus dem Circus Voyage, bis zum qualvollen Tod ihrem Zirkusschicksal überlassen. Mausi starb Anfang 2012 nach jahrelanger Krankheit und trotz jahrelanger Kampagnenarbeit verschiedener Organisationen kurz nach einem letzten zwölfstündigen LKW-Transport. Todesursache: Zirkus. Eine der wenigen engagierten Amtstierärztinnen in Deutschland erklärte in diesem Zusammenhang, die Beschlagnahmung eines Tieres aus einem Zirkus würde in vielen Veterinärbehörden aufgrund des Prozessrisikos sowie des Kosten- und Zeitaufwandes möglichst vermieden. Auch die nach dem §11 des Tierschutzgesetzes erforderliche Zuverlässigkeit und Sachkunde eines Zirkusdompteurs spielt in der Praxis keine Rolle: Trotz achtfacher rechtskräftiger Verurteilungen wegen Delikten wie Körperverletzung, versuchter Nötigung und Vergehen gegen das Sozialgesetzbuch sowie unzähliger amtlich festgestellter Verstöße gegen Tierschutzbestimmungen darf Daniel Renz, Chef des Zirkus Universal Renz, weiterhin unbehelligt Elefanten und andere Tiere durchs Land prügeln.

2003 forderte der Bundesrat die Regierung in einer Entschließung auf, Wildtiere im Zirkus zu verbieten. Doch auch die damalige rot-grüne Bundesregierung mit der grünen Landwirtschaftsministerin Renate Künast versäumte es, wenigstens einige Tierarten wie Elefanten oder Bären aus dem Zirkusjoch zu befreien. Mit den darauffolgenden CSU-Landwirtschaftsministern war bis heute, trotz einer erneuten Bundesratsentschließung 2011, naturgemäß keinerlei Verbesserung für Tiere im Zirkus zu erwarten.

Verbot absehbar

Doch die seit Jahrzehnten andauernden Protestaktionen der Tierrechtsbewegung sowie zahlreiche skandalträchtige Undercover-Recherchen, wie beispielsweise das Video von Animal Defenders International von der brutalen Misshandlung von Anne, der letzten Elefantin in einem britischen Zirkus, haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Laut drei repräsentativen Umfragen von 2010 und 2011 sind mittlerweile zwei Drittel der Deutschen zu der Auffassung gelangt, dass Wildtiere nicht in den Zirkus gehören. Diesen Standpunkt vertreten jetzt auch alle im Bundestag vertretenden Oppositionsparteien, ebenso wie die Bundestierärztekammer. Angesichts der anhaltenden Blockadehaltung von Regierung und Behörden wächst nicht nur die Frustration, sondern auch die Front gegen Tierzirkusse. Die seit Jahrzehnten andauernden Protestaktionen nehmen, trotz des weiterhin hohen Gewaltpotenzials der Zirkusmitarbeiter, in den letzten Jahren an Intensität und Häufigkeit deutlich zu. Im September 2012 organisierte ein Hamburger Tierrechts- und Tierbefreiungsbündnis zur Premiere des Zirkus Charles Knie eine Demo mit 120 Teilnehmern. Im gleichen Monat protestierten 140 Menschen im bayerischen Neuburg vor Circus Krone. Aufgerufen hatte der örtliche Tierschutzverein. 25 deutsche Städte haben in den letzten Jahren in oftmals fraktionsübergreifenden Beschlüssen die Platzüberlassung für Zirkusse ausgesetzt, die bestimmte Tierarten mitführen. Obwohl politisch und gesellschaftlich unerwünscht, klagte sich Circus Krone Anfang 2013 vor einem Verwaltungsgericht, welches Tierquälerei offensichtlich noch immer als eine nach dem Grundgesetz geschützte Berufsausübung ansieht, erfolgreich für ein Gastspiel in Darmstadt ein – und musste dafür fast täglich Protestaktionen sowie geringes Besucherinteresse hinnehmen. 16 europäische Länder haben bereits bestimmte oder gleich alle Tierarten aus Zirkusbetrieben verbannt. Belgien und die Niederlande stehen kurz vor einem solchen Parlamentsbeschluss.

Ein Verbot von Wildtieren im Zirkus ist auch in Deutschland – anhaltende Kampagnenarbeit vorausgesetzt – nicht mehr abzuwenden, wäre aber nur ein Teilerfolg. Denn auch die Haltung von so genannten domestizierten Tierarten wie Pferde, Ziegen oder Kamele ist in Wanderzirkusbetrieben systembedingt nicht unter tiergerechten Bedingungen zu realisieren. Sie leiden ebenso unter Peitschenhieben, winzigen Gehegen und den stunden- und teils auch tagelangen Standzeiten auf LKW-Anhängern. In Bolivien, Griechenland und Bosnien und Herzegowina ist bereits sämtliche Tierhaltung im Zirkus verboten. Dies ist auch für Deutschland und alle anderen Länder anzustreben.


Über den Autor:

Peter Höffken
hat seine ersten Zirkuserfahrungen Anfang der 90er-Jahre bei Aktionen der Organisation Animal Peace gesammelt. Nach einem Zoologie- und Agrarwissenschaftsstudium und einigen Jahren Engagement bei der Tierrechtsinitiative Köln arbeitet er heute bei der Tierrechtsorganisation PETA Deutschland e.V. als Kampagnenleiter für den Bereich Zoo und Zirkus.


TIERBEFREIUNG 80


INFO
Läden, Gruppen, Onlineshops ...
Hier gibt es die TIERBEFREIUNG


Download
Titelbild Ausgabe 80




www.tierbefreier.de | www.Tierrechtsmagazin.de | info@tierbefreier.de